Hirnforschung »Fühlt sich an wie Glück«
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»Das sind hymnische Momente, total suggestiv!«

Für ihn ist schon die Vorfreude reines Glück. Das hat auch mit dem Krawattenknoten zu tun. »Gut angezogen sein«, das ist für Hans Edgar Reis wichtig. Warum? Weil die Feierlichkeit, die er aus den Fluten der Töne aufsteigen spürt, in ihm einen angemessenen Hörer finden soll. Und nimmt der Hörer Reis Platz im Konzertsaal, sind der Nucleus accumbens und seine Nachbarn im mesolimbischen System stark angespannt. Sie haben noch keinen Ton gehört, doch schallt es aus dem Hirn wie im Chor: Wie angenehm, wie angenehm!

Häufig ist Hans Edgar Reis Zeuge virtuoser Solokonzerte. Musikausübung als archaische Disziplin, als Kampf, der Saal als römische Arena. Jeder fiebert mit dem Solisten, dass ihm alle Kunststücke gelingen mögen, doch gibt es tief in jedem Hörer die Lust an der Grausamkeit. Allein deshalb ist live aufregender als Konserve: Es könnte ja mal schiefgehen. Wenn dann der letzte Takt glücklich absolviert ist, hört man nicht nur den Jubel, sondern auch ein kollektives Aufatmen.

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Wenn Dana Morisse ins Konzert geht, ist der Nervenkitzel ein anderer. Außerhalb der Disco hat sie klare Vorlieben: die Toten Hosen, die nun schon bald 30 Jahre Punkrock spielen. »Die haben für alle Lebenslagen etwas, für die Ungerechtigkeit in der Welt, die gute Laune und für den Liebeskummer«, sagt sie. Sie begegnete ihnen erstmals, als sie »im Auto auf dem Weg zur Oma saß und Radio hörte«. Sogleich habe sie der Schlag getroffen. Seitdem ist sie zu vielen Konzerten gefahren.

»Das sind hymnische Momente, total suggestiv!«

Am liebsten hätte sie schon damals jedes Lied aus vollem Herzen mitgesungen, »das ging aber nicht, weil ich ja klassischen Gesangsunterricht hatte«. Mittlerweile ist das anders, der Druck muss ohnehin raus, Danas Stimme will grölen beim Rock am Ring, wo 30000 Leute am Nürburgring die Toten Hosen auf Händen und in Kehlen tragen. »Das sind hymnische Momente, total suggestiv«, erinnert sich die Studentin. Alle Liedtexte kennt Dana Morisse auswendig, das sei eine Selbstverständlichkeit. Aber wehe, die Toten Hosen werden in der Disco gespielt, »dann verlasse ich die Tanzfläche«.

Weit über 40 Konzerte von Roy Black hat Gabriele Schröter besucht, dafür war ihr kaum eine Reise zu weit. Irgendwann erkannte der Star seine Jüngerin am Autogrammtisch wieder und rief salopp, ihre Gefolgschaft ahnend: »Bis morgen in Köln!« Gabriele Schröters Ehemann war stets dabei und machte Fotos. Aus dieser Zeit stammen zahllose Devotionalien, vor allem eine Titelseite der Bravo. Mit zunehmendem Alter hat sich die Schwärmerei beruhigt, trotzdem war da eine »magische Verbindung«. Einmal sei sie in Urlaub gefahren und habe zuvor geunkt: »Hoffentlich passiert nichts daheim!« Mitten in den Ferien riefen Freunde sie an: Roy Black sei gestorben. Bekenntnis des hinterbliebenen Fans: »Ich glaube nicht an Telepathie, aber da wurde mir eiskalt.«

Dass sie immer verstand, was das Idol sang und meinte, war bei der Empathie behilflich. »Englische Songs verstand doch sowieso keiner, und wenn man sie übersetzte, war es der gleiche Schwachsinn!« Dann lieber deutsch und gefühlsecht. Als Gabriele Schröters Zuneigung längst in etwas ruhigere Bahnen geraten war, wurde Roy Black zu einem zuverlässigen alten Bekannten, dem man gelegentlich auf NDR 1 oder WDR 4 begegnete. Die Treue blieb, »beim Bügeln, Lesen oder Relaxen«.

Hans Edgar Reis hat Beethovens Fünfte, mit den Berliner Philharmonikern, im CD-Regal, doch das Live-Konzert mit den Niederrheinischen Sinfonikern, die nicht ganz so gut sind, ist ihm tausendmal lieber. Und wenn die Toten Hosen ihr Heimspiel in der Düsseldorfer Arena geben, dann ist auch Dana Morisse voll von Musik, abgefüllt bis oben hin. Was passiert da mit ihr? Sie zuckt mit den Schultern: »Weiß ich nicht. Fühlt sich wie Glück an. Das sind die Endorphine, stimmt’s?«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. ...fehlt hier jede Anmerkung zu einer interessanten Musikrichtung, welche wissenschaftlich als elektronische Musik oder salopp als Techno bekannt ist. Bevor jetzt alle Steppjackenträger zurückschrecken: Es geht hier nicht um das Phänomen der "Techno-Kiddies" mit seltsamen Frisuren, Zelthosen und einem Leuchtlolly im Mund. Viel eher geht es um eine Menschengruppe, die seit nunmehr über 20 Jahren nicht auf Oboe, Klarinette & Pauke oder Bass- und E-Gitarre schwört, sondern sich einzig vom 4/4-Takt und dazu nur ganz wenig musikalisches Ornament mitreißen lässt. Jetzt sagen wohl die meisten: "So ein akustisches Ungetüm als Erscheinung der späten Postmoderne!" "Falsch!", sage ich. Das, was in einem Club passiert, ist zwar formell modern, die Methode reicht jedoch weit zurück noch vor Robert, Ludwig oder Amadeus. Sie reicht in eine Zeit, in der unsere Vorfahren in Lederumhängen versuchten, sich in Trance zu tanzen. Damals griffen sie nicht zur Oboe oder 12-saitigen Gitarre. Sie schlugen bloß mit einem Knochen auf einen hohlen Stamm und erzeugten das, was ein Jeff Mills oder Paul van Dyk heute als Beat bezeichnen. Das semantische Priming ist auch hier aktiv. Das Warten auf das Wiedereinsetzen des Beats während einer immer höher werdenden Snare-Drum-Phase ist Extase pur durch kognitive Vorausplanung. Der DJ, der die Rolle des Schamanen übernimmt, steuert elektronisch die Gefühle im Club; und das länger & tiefgehender als bei jedem Rock- oder Klassikkonzert und jeder Hiphop-Nacht.

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    Gebe Ihnen völlig recht, nicht ohne anzumerken, dass ich seit einer Ewigkeit sowohl Techno, als auch Klassik als vorrangige Musik höre. Chris Liebing, aber auch Fasch, Superflu, aber auch Albinoni.

    Für diesen zusätzlichen Kommentar. Wenn eine Musikrichtung dieses ekstatische in der Musik "Aufgehen" am besten repräsentiert dann ist das weder ein 3 Minuten-rocksong noch eine Symphonie sondern ein ständiges Spannung aufbauen und Loslassen für mehrere Stunden wie bei einer ritualisierten Clubnacht in einem Techno- oder House-schuppen. Die Faszination in dieser Sparte der Musik ist ja gerade dass ein stoischer Beat eigentlich alles ist was es zusammenhält, ansonsten hat man kreativen Freiraum en masse (aber natürlich gibt es mittlerweile bestimmte Formeln wie32 Takte Aufbau, Build-ups usw). Ich gehe mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen mit Seth Troxler im Hintergrund :)

    Gebe Ihnen völlig recht, nicht ohne anzumerken, dass ich seit einer Ewigkeit sowohl Techno, als auch Klassik als vorrangige Musik höre. Chris Liebing, aber auch Fasch, Superflu, aber auch Albinoni.

    Für diesen zusätzlichen Kommentar. Wenn eine Musikrichtung dieses ekstatische in der Musik "Aufgehen" am besten repräsentiert dann ist das weder ein 3 Minuten-rocksong noch eine Symphonie sondern ein ständiges Spannung aufbauen und Loslassen für mehrere Stunden wie bei einer ritualisierten Clubnacht in einem Techno- oder House-schuppen. Die Faszination in dieser Sparte der Musik ist ja gerade dass ein stoischer Beat eigentlich alles ist was es zusammenhält, ansonsten hat man kreativen Freiraum en masse (aber natürlich gibt es mittlerweile bestimmte Formeln wie32 Takte Aufbau, Build-ups usw). Ich gehe mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen mit Seth Troxler im Hintergrund :)

  2. Gebe Ihnen völlig recht, nicht ohne anzumerken, dass ich seit einer Ewigkeit sowohl Techno, als auch Klassik als vorrangige Musik höre. Chris Liebing, aber auch Fasch, Superflu, aber auch Albinoni.

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    ...so etwas hier zu lesen. Ich dachte schon, dass ich ungehört bleibe. Daher: Vielen Dank!
    Die Kombinationen sind da in der Tat vielfältig! Ich z. B. bevorzuge in entspannter Atmosphäre Jazz oder alten, guten Rock.
    Aber hey, bin ich wirklich mal richtig aus, so darf beispielsweise Chris natürlich ganz tief in seinen Plattenkoffer greifen...

    ...so etwas hier zu lesen. Ich dachte schon, dass ich ungehört bleibe. Daher: Vielen Dank!
    Die Kombinationen sind da in der Tat vielfältig! Ich z. B. bevorzuge in entspannter Atmosphäre Jazz oder alten, guten Rock.
    Aber hey, bin ich wirklich mal richtig aus, so darf beispielsweise Chris natürlich ganz tief in seinen Plattenkoffer greifen...

  3. ...so etwas hier zu lesen. Ich dachte schon, dass ich ungehört bleibe. Daher: Vielen Dank!
    Die Kombinationen sind da in der Tat vielfältig! Ich z. B. bevorzuge in entspannter Atmosphäre Jazz oder alten, guten Rock.
    Aber hey, bin ich wirklich mal richtig aus, so darf beispielsweise Chris natürlich ganz tief in seinen Plattenkoffer greifen...

    Antwort auf "Stimmt!"
  4. Für diesen zusätzlichen Kommentar. Wenn eine Musikrichtung dieses ekstatische in der Musik "Aufgehen" am besten repräsentiert dann ist das weder ein 3 Minuten-rocksong noch eine Symphonie sondern ein ständiges Spannung aufbauen und Loslassen für mehrere Stunden wie bei einer ritualisierten Clubnacht in einem Techno- oder House-schuppen. Die Faszination in dieser Sparte der Musik ist ja gerade dass ein stoischer Beat eigentlich alles ist was es zusammenhält, ansonsten hat man kreativen Freiraum en masse (aber natürlich gibt es mittlerweile bestimmte Formeln wie32 Takte Aufbau, Build-ups usw). Ich gehe mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen mit Seth Troxler im Hintergrund :)

    • D.ela
    • 27.08.2010 um 15:00 Uhr

    Musik löst wie im Artikel beschrieben jede Menge Emotionen aus und ist zuallererst eine akustische Erfahrung, aber wie wird sie von Leuten empfunden, die nichts oder anders hören? Ich war verwundert über den gehörlosen Rapper Signmark zu lesen, der es mit Hilfe von Hip-Hop schafft die Sprachgrenze zwischen gehörlosen und hörenden zu überwinden.

  5. Nur eine kleine Anmerkung: Die ZEIT-Titelgeschichte bestand aus diesem Text, einem Udo-Jürgens-Interview sowie noch einem weiteren Stück, das ein bisschen auf den Stand der wissenschaftlichen Musik-Emotions-Forschung eingeht. Letzteres geht in den nächsten Tagen online!

  6. Drei lange Seiten und sehr wenig Substanz, Substanzielles ... dabei hätte das Thema so spannend sein können. Aber es kommt vielleicht noch mit dem von Ch. Drösser angekündigten Stück zur wissenschaftlichen Musik-Emotions-Forschung.

  7. Dieser Artikel spricht allen, die ihr Leben mit Musik durchmessen und dadurch eine Balance zu Stress, Leid, Trauer oder Depression herstellen, im wahrsten Sinne aus der Seele.

    Während und nach dem Betrachten des Dylanfilms "No Direction Home" von Scorsese begab ich mich auf eine subtil beglückende Zeitreise in mein innerstes Universum. Bei der Dokumentation über Rio Reiser brach Zorn und Trauer in mir aus, aber ich wurde auch von einer Kampfeslust erfüllt, die ich aus der Zeit meiner Nach68er Jahre in Berlin sehr genau kannte.

    Vor vielen Jahren hörte ich tagelang immer wieder nur das eine Lied "Blue Bayou" von Linda Ronstadt, warum weiß ich noch nicht einmal, aber damals war ich regelrecht süchtig nach dieser Meldodie. Wenn ich den Song heute höre, tauchen die Kulissen und Menschen in einer seltsamen Melancholie vollkommen klar in meinem Kopf wieder auf.

    Nach dem plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen konnte ich ein Streichkonzert von Beethoven jahrelang nicht mehr hören, ohne in tiefste Verzweiflung zu fallen - diese Klänge verband ich sehr intensiv mit dem Verlust dieses Menschen.

    Selbst die Blaskapellenmusik mit dem Choral "Meinem Heiland, meinem Lehrer" aus den Fronleichnamsprozessionen meiner Kindheit transportieren sofort diese mystisch archaischen Bilder der durch die goldenen Kornfelder pilgernden, schwarz gekleideten Bauern und das Aufblitzen der Monstranz im Sonnenlicht. Gänsehaut.

    Musik gewinnt das Wiedererleben einer verlorenen Zeit.

    W. Neisser

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