Pure Begeisterung: Sobald Musik erklingt, sucht das Gehirn in dem akustischen Signal nach emotionaler Bedeutung ©  Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Musik kann in uns hineinfahren wie ein Blitz. Sie kann zu Tränen rühren, zum ausgelassenen Tanzen verführen, uns an Orte und in vergangene Zeiten zurückführen. Wie kann das sein? Sprache, die mit der Musik sehr verwandt ist, erreicht uns immer über das Bewusstsein. Doch Musik trifft uns ganz unmittelbar, ohne dass wir ihren Inhalt analysieren müssen. Wie macht Musik das, was sie macht?

Von der Beantwortung dieser Frage ist die Wissenschaft noch weit entfernt. Den Signalweg, den der Schall durchs Ohr und Innenohr nimmt, kann sie gut bis zum Hörnerv verfolgen, der die in elektrische Signale verwandelten Töne ins Gehirn weiterleitet. Dann verliert sich die Spur. Beziehungsweise taucht überall wieder auf: Es gibt kaum einen Teil des Gehirns, der an der Verarbeitung von Musik nicht beteiligt ist.

Musik ist ein globales Phänomen des Gehirns, haben Hirnforscher und Psychologen in den letzten Jahren erkannt, und das macht sie besonders interessant. Forschungszentren, die sich traditionell mit Sprache beschäftigen, etwa das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, haben Programme zum Thema Musikkognition aufgelegt, und da interessiert vor allem die emotionale Wirkung der Töne. »Musik ist die Sprache der Gefühle«, das ist nicht mehr nur ein romantisches Klischee, sondern ein wörtlich zu nehmender Forschungsansatz.

Sobald Musik erklingt, sucht das Gehirn in dem akustischen Signal nach emotionaler Bedeutung. Dazu braucht es nicht viel: Der französische Hirnforscher Emmanuel Bigand von der Université de Bourgogne hat Musik in ultrakurze Schnipsel von manchmal nur einer Zehntelsekunde Länge zerlegt – seine Probanden waren immer noch in der Lage, Stücke und Stimmungen zu erkennen. Auch wenn Bigand das winzige Klangkonfetti zufällig durcheinanderwürfelte, erkannten die Testpersonen die Bestandteile, obwohl in dieser Kakophonie weder Melodie noch Rhythmus oder Harmonie erhalten waren. »Jedes Musikstück scheint eine Art ›Wasserzeichen‹ zu haben, das auch bei solchen radikalen Operationen erhalten bleibt«, sagt Bigand.

Solche Ergebnisse deuten nicht nur auf eine hoch spezialisierte, jedem Menschen angeborene Fähigkeit, aus wenigen akustischen Schwingungen weitgehende Schlüsse zu ziehen – es wirft auch die Frage auf: Wozu ist das gut? Wieso gerät unser Gefühlsleben durch ein paar Töne in Wallung? Emotionen haben zunächst einen ganz praktischen biologischen Zweck: Jeder Mensch hat Ziele, teils von der Biologie vorgegeben, teils von der Kultur oder seiner individuellen Lebensplanung geprägt. Ein Ereignis, das eines dieser Ziele entweder befördert oder ihm entgegensteht, erzeugt eine positive oder negative Emotion. Gefühle sind ein Mittel, unseren Körper sozusagen »auf den richtigen Weg« zu bringen. Verliebtheit fördert die Fortpflanzung, Angst mobilisiert den Fluchtreflex, Ekel verhindert, dass wir uns vergiften.

Aber was hat Musik damit zu tun? Ob wir eine CD hören oder nicht, hat schließlich wenig Auswirkung auf den Lauf der Welt. Wenn Musik Gefühle hervorruft, dann nur, weil wir sie mit »richtigen« Ereignissen assoziieren.