"Filmmusiker sind die wahren empirischen Emotionsforscher"
Eckart Altenmüller, Musikforscher und Neurologe von der Universität Hannover , glaubte trotzdem: Es muss doch Musik geben, die jedem Menschen einen Schauer den Rücken hinunterlaufen lässt. »Unser Traum war: Wir finden die ultimative Gänsehautmusik, die in Neuguinea und in Thule den gleichen Effekt hat«, erzählt Altenmüller.
Eine musikalische Passage wie der »Barrabas«-Ruf in Bachs Matthäuspassion war für ihn ein Kandidat. Es geht um die Szene im Prozess gegen Jesus, in der Pontius Pilatus die Menge fragt, ob er ebendiesen Jesus freilassen soll oder den Barrabas. Und das Volk ruft: »Barrabam!« – »Das ist ein musikalischer Schlag ins Gesicht«, sagt Altenmüller. »Ich kann Ihnen auf Anhieb in meiner direkten Bezugsgruppe 40 Leute nennen, die beim Barrabas-Ruf sofort eine Gänsehaut kriegen.«
Leider lässt das allenfalls Schlüsse über Altenmüllers Bekanntenkreis zu. Denn im Labor konnte er die Annahme nicht bestätigen, dass es eine global wirksame Methode zur Erzeugung von chill gebe, wie der Gänsehauteffekt auf Englisch heißt. Bei den Probanden ließ er sich nur mit Musik auslösen, die sie mit einem emotional aufwühlenden Erlebnis verbanden. Beim Versuch, gemeinsame musikalische Charakteristika all dieser Lieder zu finden, stießen die Forscher nur auf ein paar sehr allgemeine Attribute: laute Stellen, aufsteigende Melodien, Schockeffekte – just die Elemente, auf die der Hirnstamm anspringt. Ansonsten sind die chill- Faktoren von Individuum zu Individuum verschieden.
Wenn es um die Frage geht, wie man konkret mit Musik bei einer großen Zahl von Menschen eine bestimmte Emotion auslöst, müssen die Musikforscher passen. »Fragen Sie einen Filmmusik-Komponisten«, sagt Eckart Altenmüller. »Die Filmmusiker sind die wahren empirischen Emotionsforscher.«
Als Forscher möchte sich der Filmkomponist Andreas Weidinger nicht bezeichnen. Eher als Ingenieur: »Ich bin so etwas wie der Architekt der Emotionen«, sagt er von sich. Weidinger komponiert vor allem Musiken für die oft belächelten, aber äußerst erfolgreichen Melodramen, die das ZDF am Sonntagabend sendet. Er schöpft dabei mit vollen Händen aus dem emotionalen Repertoire, das uns vor allem die klassische Musik des 19. Jahrhunderts hinterlassen hat. »Da fliegt der Helikopter über die Küste Irlands, es knallt im Bild, und da kann ich auch mal die Posaunen einsetzen und eine richtige Melodie spielen!«
Filmmusik wird von vielen Zuschauern nicht bewusst wahrgenommen, sie entfaltet ihre Wirkung im Unbewussten. Kann uns der Filmkomponist erklären, wie das funktioniert? »Natürlich gibt es eine gewisse Routine, und ich weiß, dass es funktioniert, wenn die Cutterin im Schneideraum schon anfängt, bei einer Szene das Hauptthema zu summen«, sagt Andreas Weidinger. Emotionen gezielt steuern kann der Komponist jedoch nicht. »Weil ich einfach zu wenig über den Hintergrund der Leute weiß, die den Film sehen.«
Damit bestätigt Weidinger, was die Forschungen der Musikwissenschaftler ergeben haben: Es gibt einige einfache musikalische Parameter, die bei jedem Menschen wirken. Wenn der Komponist nach einem Rosamunde-Pilcher-Film begeisterte E-Mails bekommt, dann mag er das der schönen Melodie zuschreiben, die er zu dem Hubschrauberflug über Irland komponiert hat. Aber die emotionale Aufwallung könnte auch ganz andere Gründe haben: »Vielleicht waren die ja gerade da in Urlaub.«
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- Datum 29.08.2010 - 09:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.08.2010 Nr. 35
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... wie Peter Maffay.
Chill wurde im Artikel behandelt. Für Thrill-Musik sind eindeutig die russischen Messer Cups zuständig (kostenloser Download).
"Wird allerdings jede Erwartung erfüllt, dann ist das, wie wenn man sich allein von Süßigkeiten ernährt. Manchen mag das genug sein, Musikkenner bevorzugen eine ausgewogenere Diät aus Erwartbarem und Überraschendem."
Wenn ein Song oder ein Orchestersatz beim ersten Mal hören allzu gefällig ist, dann wird er mir beim dritten Mal die Ohren raushängen.
Deshalb ist es so schwer, spannende Musik zu entdecken, weil man die Gewöhnphase überstehen muss.
Drösser erklärt hier einen Teil des Komplexes "Musik und Emotion". Er begründet es vor allem mit unserer Fähigkeit, zu lernen und Reize mit anderen Reizen zu assoziieren: mit einer eher beliebigen und musik-unspezifischen Eigenschaft also.
Was fehlt, ist der Grundgedanke: Der Mensch ist "musikalisch", kann also etwas machen und verstehen, was wir in Europa "Musik" nennen. Er verfügt über ein zweites strukturiertes Kommunikationssystem neben der Sprache! Das hat er in seiner Evolution herausgebildet - vor Hunderttausenden von Jahren, nicht erst seit Mozart.
Folglich gibt es Universalien des Musikverhaltens: Merkmale von Musik, die Menschen aller Kulturen teilen.
Strukturell sind das z.B. Tempo-, Rhythmus- und Melodiemerkmale, die in Grundzügen kulturUNanhängig "verstanden" werden können: Menschen erkennen Wiegen-, Kriegs- und Tanzlieder idR auch dann, wenn diese aus einer fremden Kultur stammen.
Das hängt wiederum mit kulturübergreifenden Funktionen musikalischer Mitteilung zu tun: Wiegenlied (auch Zerlina singt so zu Don Giovanni, um ihn wie ein Baby zu beruhigen) oder rhythmischem Gruppensingen und -trommeln, das die Gruppe (vom Marsch bis zur Loveparade) motorisch und emotional synchronisiert.
Biologisch erklärbar ist auch die Gänsehaut-Wirkung von Solo-Tutti-Kontrasten (Individuum vs. Gruppe) oder die starke Wirkung der menschlichen Stimme als (sexuelles) Signal - schließlich unterscheiden sich Frauen- und Männerstimmen überall auf der Welt im Schnitt um eine Oktave.
die frühen, klassischen surf-stücke von denen sind durchaus in der lage, chill bei mir zu verursachen.
Spannende Musik die unerwartbar ist und doch gefällt, habe ich zuletzt auf konzerten von Bonaparte, Synonym für Freundschaft und Der geheimnisvolle Zuckerschlecker gehört, kann ich nur empfehlen.
Wobei die beiden erstgenannten eine gelungene einheit aus musik und performance sind, die es schwer macht, die musik irgendwie einzuordnen/im Hirn abzuspeichern. Aber vllt macht ja auch das den Reiz an dieser experimentellen Form von Musik aus.
wie schön.
... Danke.
Zu erwähnen bliebe vielleicht, dass das Gefühl, wenn man selbst musiziert, noch viel intensiver ist und sich sehr ausgleichend auf die allgemeine Lebensstimmung auswirken kann. Ist zumindest immer mein persönlicher Eindruck gewesen.
...ist des weiteren, dass Musik die Emotionen ganz unabhängig von den technischen Fähigkeiten des Instrumentalisten anspricht.
Oft schaffen Anfänger und Dilettanten ganz wunderbar berührende Musik, während hochdekorierte Künstler und Virtuosen kalt und belanglos musizieren.
Spannend ist außerdem, wo Musik eigentlich anfängt.
Im Grunde ist alles Musik und Rhythmus, das Knarren der Tür, Schritte, Vögel, Autofahrer die Gas geben. Und alles reagiert aufeinander und fügt sich auf bestimmte, rhythmische Weise.
Die Welt ist Musik.
Wie richtig Sie doch mit dieser Bemerkung liegen:
"Oft schaffen Anfänger und Dilettanten ganz wunderbar berührende Musik, während hochdekorierte Künstler und Virtuosen kalt und belanglos musizieren."
Z.B. bei den 'Kinderszenen' von Schumann habe ich eben dieses schon des öfteren zu meiner Frustration (bzw. zu meiner Begeisterung) erlebt.
Wie richtig Sie doch mit dieser Bemerkung liegen:
"Oft schaffen Anfänger und Dilettanten ganz wunderbar berührende Musik, während hochdekorierte Künstler und Virtuosen kalt und belanglos musizieren."
Z.B. bei den 'Kinderszenen' von Schumann habe ich eben dieses schon des öfteren zu meiner Frustration (bzw. zu meiner Begeisterung) erlebt.
... schon bei Musiktipps sind. Ich höre gerade der "Barbier von Seville" von Rossini in einer deutschen Komplett-Aufnahme. Mit jedem mal anhören bin ich begeisterter. Für Klassikfans und ernste Musiker vermutlich ein 0815-Stück, für mich als kompletten Quereinsteiger eine neue Erfahrung, dass man (auch) an Opern sehr intensive Freude haben kann. Und für mich eine Bestätigung, dass sich das geschmackliche Spektrum mit zunehmenden Alter durchaus immer weiter auffächern kann und immer komplexer wird, wenn man aufgeschlossen bleibt.
Goethe schrieb einst,
Zitat: "Wer Musik nicht mag, verdient nicht, Mensch genannt zu werden, wer sie mag ist ein halber Mensch, wer sie aber selbst ausübt, der ist ein ganzer Mensch."
Das mag überzeichnet wirken, enthält aber auch einen gehörigen Kern an Wahrheit.
Unserer Gesellschaft fehlt es an der umfangreich nmusizierenden Jungend, und zwar in privater Hand. Allgemeine Schulen können das von ihrer Struktur her nicht leisten.
Ich durfte über die Jahre durch Einzelunterricht, Orchesterarbeit und Rundfunkaufnahmen die schönste Zeit meines Berufslebens durchleben. Wir bereisten im Sinne der Musik fast ganz Westeuropa. Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen auf dem Gebiet der Musik ist etwas wunderbares und echte Berufserfüllung. Die Kinder muss man nur gewinnen, bevor die Straße sie hat.
Hier hat unsere Gesellschaft unendliches versäumt und mindestens soviel nachzuholen.
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