Zum Tod von Christoph SchlingensiefSeid getröstet: Ich bin gut

Leben und Werk waren völlig untrennbar. Zum Tod des Künstlers Christoph Schlingensief. von 

Schlingensief im Januar 2010

Schlingensief im Januar 2010  |  © Johannes Simon/Getty Images for Hubert Burda Media

Als Christoph Schlingensief noch ein gesunder Mann war, betrachtete die Öffentlichkeit ihn als einen zwanghaften Provokateur. Schlingensief zeigte Pornoszenen im Wiener Burgtheater (Bambiland) , holte Schwerstkranke ins Licht der Bühne, ließ die geografische Lage ausgesuchter KZs im Quiz erraten (Quiz 3000) , immer so, als wollte er Gott herausfordern und ihm sagen: Siehe, es ist nicht gut; Deine Schöpfung taugt nichts.

Dieses Verdikt richtete er aber auch gegen das meiste, was in der Kunst stattfand: Es taugt nichts. Es ist tot.

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Schlingensief wollte eine Kunst, die lebte. Aber wie war die zu haben? Der Mann rasselte mit seinen Ketten, zornig über sein blindes Allesdürfen und seine reale Ohnmacht. Er forderte die Köpfe berühmter Politiker (Kohl! Möllemann!), und die Leute lachten. Er entblößte und prügelte sich im Fernsehen (Talk 2000), und die Kritiker sagten: Ey, subversiv. Er zeigte im Film, wie die Westdeutschen die Ostdeutschen fraßen (Das deutsche Kettensägenmassaker), und die Westdeutschen sagten: Genau so ist es. Er störte die Ruhe der Toten und wurde gefeiert. Er inszenierte Akte der Selbstfesselung und Selbsterlösung. Er rüttelte an der »Kunstfreiheit«, als wollte er diese dämliche, alles beschattende Leibwächterin los sein und endlich zur Verantwortung gezogen werden.

2004, als er in Bayreuth an seiner Parsifal- Inszenierung saß, sagte er, er werde bei dieser Arbeit wahrscheinlich Krebs bekommen. Seine Zuschauer beschimpfte er als »Durchimmunisierte«, denen die rettende Erfahrung des Schmerzes fehle. Er war von der Idee der Krankheit besessen, sie bedeutete ihm Entgrenzung, eine Art des Rausches, und manchmal hatte man den Eindruck, er wollte sie im Sprechen herbeirufen.

Im Januar 2008 wurde seine Krebserkrankung erkannt, ein Lungenflügel musste sofort entfernt werden, und der Kampf gegen die Krankheit, manchmal auch: der Dialog mit ihr, wurde zum zentralen Thema seines Werkes. »Mich brennt der Tod«, schrieb der Schriftsteller Elias Canetti in seinem Tagebuch, und Schlingensief beschloss, unter diesem Schmerz aufzuschreien wie ein gebranntes Kind. Das Stück, das so entstand, hieß Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir (September 2008), und es war die Totenfeier für einen Lebenden, von ihm selbst inszeniert. Der Theatersaal war als Kirche möbliert, es gab Chöre, es gab Prozessionen, und eine Monstranz zeigte ein Röntgenbild von Schlingensiefs geplünderter Brust.

Hundert Milliarden Menschen sind, so wird geschätzt, auf diesem Planeten schon gestorben, die Mortalitätsrate beträgt hundert Prozent, Überlebende kennt die Geschichte nicht – durfte da ein Einzelner, der sterben musste, derart öffentlich aufheulen?

Es war, in Schlingensiefs Logik, folgerichtig, das zu tun. Er hatte sich stets geweigert, zwischen Kunst und Leben zu unterscheiden, er war dazu gar nicht fähig. Er war der besessenste Selbstbeobachter des Kunstbetriebs, und er hatte immer die eigene Haut, das eigene Fleisch auf die Bühne gebracht, ein Midas der Kunst, dem alles »Werk« und nichts »privat« war. Und wieso sollte man das Dringendste verbergen? Warum sollte ausgerechnet er Privatsache sein, der Tod?

Die Maxime, der zufolge Kunst das große Als-ob, das Instrument des Handelns auf Probe sei – Schlingensief fühlte sich an sie nie gebunden. Für ihn gab es kein Handeln auf Probe, was er tat, schrie danach, Konsequenzen zu haben. Ein Werk war sein ganzes Leben, er regierte darin als Regisseur und Hauptfigur. Oper, Kunst, Film, Theater, Literatur – es floss alles zusammen. Gattungsgrenzen kannte er nicht; er war Autor, Baumeister, Entertainer, Theoretiker, Schamane. Er musste sich zeigen. Es war ihm völlig unmöglich, unerkannt, verborgen, verhüllt zu leben.

In der Kirche der Angst heißt es, als Verneigung vor Beuys: »Ja, zeig mal deine Wunde. Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt. Wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.« Das Verbergen ist auch unter Künstlern das Übliche. Einer stirbt, und die anderen halten still. Berichte kursieren über den bedauernswerten Zustand von diesem oder jenem, aber wenn der Tod umgeht, herrscht auch in der Kunstszene das Vorort- und Stadtrand-Schweigen. Die meisten Künstler verfahren mit der eigenen Krankheit wie alle anderen auch: Sie lassen es geschehen, dass man sie abschiebt aus der Öffentlichkeit.

Dass das mit Schlingensief nicht zu machen sein würde, war klar. Dass Krankheit mit Schande und Kapitulation gleichzusetzen sei, akzeptierte er nicht. Er hielt sich wieder mal nicht an die gesellschaftlichen Vereinbarungen, und im Grunde musste man ihn dafür lieben. Er baute sich seine eigene Kirche und funkte von dort aus Gott an. »Denn der Organismus«, so sagte er, »besteht auch aus Stammhirn, und das Stammhirn arbeitet auch dann noch weiter, wenn der andere bereits geschossen hat. Halleluja!«

Der andere aber, der geschossen und die Krankheit auf ihn losgelassen hatte, ist Gott. Was Schlingensief da formulierte, war der Plan zu einem Gegenschlag der Sterblichen gegen den Schöpfer (man konnte sich bei Schlingensief aber nie sicher sein, ob er an Gott innig glaubte oder ihn nur als Wurfziel und zentrale Leerstelle in seinem Kunstsystem brauchte). Und je länger man ihm bei seiner Arbeit zusah, desto weniger beurteilte man sie als den Akt eines Narzissten, der in unseren Blicken baden wollte. Man kam dahin, sie als Akt der Großzügigkeit zu begreifen: Ein Mann vergesellschaftete seine Angst; er stellte sie uns wie einen Überschuss an Wärme zur Verfügung.

Der Mann, den viele als einen bloßen Clown verkannten, war, das zeigte sich in der Zeit seiner Krankheit, von geradezu Schillerschem Pathos erfüllt. Tatsächlich wird in Friedrich Schillers philosophischen Briefen ein Gedankenspiel gewagt, welches sich wie ein idealistischer Vorentwurf zu den Selbstvergeudungsspielen Christoph Schlingensiefs lesen lässt.

Leserkommentare
  1. "Ein Mann vergesellschaftete seine Angst; er stellte sie uns wie einen Überschuss an Wärme zur Verfügung." Wie wahr, wie wahr. Diese Großzügigkeit mit Narzissmus zu verwechseln finde ich so unfair.
    Warum Lungenkrebs? Warum er? Suche nach einer Antwort - meine Möglichkeit: die Lunge ist ein großes Abwehrorgan des Menschen, alles, was nicht hinein soll in den Menschen, was nicht guttut, wird hinauskatapultiert. Aber Christoph Schlingensief hat Zeit seines Lebens alles irgendwie in sich hineingelassen und alles gegeben. Die Grenzen zwischen Künstler und Mensch waren aufgehoben. Er war immer beides gleichzeitig. Wo war die Grenze? Durch ihr Nichtvorhandensein war der Privatmensch offen, verletzlich. Der Künstler ist allmächtig, ein Siegfried ohne Lindenblatt. Und so kratzte Schlingensief selbst und vieles ihn umgebende an seiner Schutzhülle, am Isolierkabel, das um die Solllinie seines Lebens gelegt war. "Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt." ...auch wenn er vielleicht dafür sterben muss. In stiller Demut: Danke, Christoph.

  2. helmut qualtinger hat gesagt:
    „In Wien musst' erst sterben, bevor sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst' lang.“ - es dreht sich zwar nicht um wien, eher um die "ex-brd" - aber es wäre schlingensief, nachdem er doch jahrelang medial entweder in irgendwelche "sparten" gezwängt oder gleich gänzlich ignoriert worden war, doch zu wünschen, daß man sich noch sehr sehr lange an ihn und sein "oevre" erinnere... und nicht nur, wie es leider anderen genies widerfährt, exakt einmal pro jahr, für fünf minuten "ard-tagesschau", zum geburts- bzw. todestag..

  3. schlingensief wird gnadenlos überschätzt.es geht nicht um seinen tragischen todes:traurig und zu früh.diese selbst- und fremd-überhöhung,pseudo-religiösierung und idealisierung von cs und damit einhergehende abwertung der lebensprozesse anderer ist ein echter fundmentalistischer rückfall.so geht man nicht mit den überledenden um. s. hatte teilweise interessante projekte(treffendst war a.m.s. die container in wien).es ist ihm vor allem gelungen,persönliche probleme für viele menschen für interessant zu machen.die idealiserung seiner unfähigkeit er könne kunst und leben nicht trennen,gehört zum neoreligiösen pathos.dieser kommt vielfach von selbsternannten intellektuellen.wehe jedoch,wenn sich jemand von sich aus für seine probleme interessiert hatte,dann hat cs. schonmal physisch/juristisch die keule benutzt.s. war ein anthropofag im besten sinne,er hat sich das einverleibt was er nur kriegen konnte, es benutzt und ausgeschieden,was sich nicht einverleiben liess.seine letzten jahre sind vergleichbar mit der frage,die sich jemand stellt,wenn er noch drei wochen hat:viele machen dann die weltreise.christoph hat dies auch getan und seine schicksalsentblösung auf die spitze getrieben.ich fand dies nicht großzügig und nicht künstlerisch, sondern vor allem laut.es hat so viel anderes mental,akkustisch und visuell übertönt,was vielleicht auch einen aufmerksamkeitsraum benötigt.bei einem unfall schaut man zunächst auf die stillen,weil man weis, die lauten haben noch kraft.

  4. Bei meinem Mann wurde auch 2008 Krebs diagnostiziert und er starb im Sommer 2009 mit 48 Jahren.
    Wir haben aber in den verbleibenden 18 Monaten eine erfüllte Zeit erlebt, im Wissen darum, dass es keine dauerhafte Heilung gibt.
    Öffentlich aufzuheulen wie Schlingensief ist meinem Mann nie in den Sinn gekommen. Er hat auch nicht resigniert oder sich „abschieben“ lassen. Wir haben Freunde und Kollegen informiert und die Wunden gezeigt.
    Anders als S. hat mein Mann versucht sich mit dem Unvermeidbaren abzufinden. Statt neue Projekte zu starten und davon zu träumen noch ein Kind zu zeugen, hat er über ein Jahr lang Abschied genommen, besonders intensiv in seinen letzten Lebenswochen.
    Was ihn bewegte, war die Sorge um diejenigen, die zurückbleiben und nicht die Angst nicht genug Spuren zu hinterlassen.
    Schlingensiefs Weg der Auseinandersetzung mit dem Sterben mag für ihn der richtige gewesen sein und seinem Naturell entsprochen haben, Bewunderung empfinde ich aber nicht dafür. Zu narzisstisch und selbstmitleidig erscheinen mir seine Aussagen. Ich habe auch Mitleid mit einem Menschen, der wohl lange nicht loslassen konnte.
    Mein Mann stand dem Glauben an einen Himmel ähnlich skeptisch gegenüber wie Schlingensief und wünschte sich doch für seine Beerdigung Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.
    Ich kann Schlingensiefs Kunst nicht beurteilen, aber die in manchen Artikeln anklingende Heldenverehrung für sein öffentliches Sterben kann ich nicht nachvollziehen.

  5. 5. Anders

    Nein, ich denke er wollte nicht anders sein.
    Er war anders.
    Das muß mit Heldenverehrung nicht`s zu tun haben.

    Wir werden Ihn vermissen und sind traurig.

    Wetering

  6. Mir scheint, Schlingensief spiegelt in seiner Ich-Welt-Auseinandersetzungung die tragisch-komische Situation des christlichen Kulturkreises, vielleicht auch generell der monotheistischen Kulturen, narzistisch wieder, ein Kulturkreis, welcher darauf aufbaut, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Es ist keine größere Überhöhung des menschlichen Individuums denkbar.

    Das Leben biologisch weiterzugeben, ein Lebensimpuls, den Schlingensief im Bewustsein des nahenden Endes verspürte, ist die Folgerichtigkeit als Teil des Phänomens "Leben". Was den Menschen ausmacht ist die Kultur, in die er geboren wurde, aufzunehmen, zu verdauen und an die nächste Generation verdaut weiterzugeben. Herausragend sind diejenigen, welche hierbei etwas hinzufügen, was den Lauf der Kulturen einen Bruchteil weiterbringen.

    Es wird sich zeigen, ob Schlingensief zu diesen gehört.
    www.walter-w-schuler.com

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