Zum Tod von Christoph Schlingensief Seid getröstet: Ich bin gutSeite 2/2
Angenommen, so Schiller, ein Mensch hätte die Möglichkeit, der Menschheit auf Jahrhunderte hin Glück zu bringen – unter der Bedingung, dass er sein Leben opferte. Wie müsste sich dieser Mensch entscheiden? Völlig klar, sagt Schiller, dass jeder Mensch ein solches Angebot hochgestimmt annehmen müsste. Er würde belohnt werden. Die Empfindungen aller, deren Glück er gestiftet hat, würden mit seinem Ich »in eins zusammenfließen«.
Diesen größtmöglichen Horizont, das maximale Format eines sinnvollen Einzellebens riss auf seine Weise auch Schlingensief vor seinen Zuschauern auf; er wirkte, als wäre ein ähnliches Angebot ihm unterbreitet worden. Er brachte zumindest das Opfer der größten Offenheit, Selbstentblößung, Furchtlosigkeit. Er vernichtete sich nicht für uns, aber er ging uns voraus.
Als er im Dezember 2009 in Zürich sein Stück Sterben lernen! (Untertitel: Herr Andersen stirbt in 60 Minuten) uraufführte, inszenierte er das Ende eines Lebens als Countdown und übermütigen Slapstick (»Möchtest du Tee trinken? Mach dir keine Sorgen, du hast ja noch 57 Minuten…«).
Von 60 auf null – Sterben lernen! war ein kurzes, lustiges Stück über den Aufschub, und insgeheim dachten wohl viele im Publikum darüber nach, wie groß der Zeitvorrat war, der ihnen selbst noch blieb.
Zeit, sagt William Faulkner, sei »die Summe der Intelligenzen aller in diesem Augenblick atmenden Menschen«. Bei Schlingensief lautet die Formel anders: Zeit ist die Summe aller unserer Fristen.
Als heller Führer, der das Gelände kennt, vor dem sein Publikum sich so sehr fürchtet, ging er uns voran, er geleitete sein Publikum aus dem Neumarkttheater in die Zürcher Winternacht, und fast war es, als wäre er bereit, der stellvertretende Sterbende für uns alle zu sein – uns die Angst abzunehmen, wenn wir nur bei ihm blieben und mit ihm diesen Moment feierten.
»Ich muss euch sagen: Gott ist nicht gut. Aber lasst euch trösten: Ich bin gut«, lautete einer der Sätze dieses Abends. Ein anderer: »Ich könnte mir jetzt auch die Kugel geben. Warum tue ich es nicht? Weil ich unglaublich gerne hier bin.«
So zeigte er sich als ein höchst lebendiger Künstler und zugleich als fast literarische Gestalt: ein Wesen zwischen Tragödie und absurdem Theater, einerseits besessen vom Selbstauflösungsfuror der antiken Helden (erst im tödlichen Sprung erkennen wir die Welt), andererseits begabt mit dem Witz der absurden Aufschubhelden (warum springen? Am Abgrund lässt es sich gut leben).
Am Ende setzte er das System seiner Kunst gegen das System der Krankheit; ein Geschwür gegen das andere. Der menschenfreundliche Zerstörer, er wollte nur noch bauen, Zusammenhänge herstellen, Spuren hinterlassen; er gründete ein Opernhaus in Afrika, er schrieb an seiner Autobiografie, er war wie der Mann der Menge von Poe, der nicht einschlafen konnte und sich ins Leben warf.
Was er tue, so sagte er einmal, sei bloße Abwehr des Bösen, selbst wenn es sich als das Böse tarne. So funktioniere sein Voodoo-Glaube. Was den Voodoo-Gläubigen vom Christen unterscheide, haben wir damals gefragt. »Der Christ«, so Schlingensief, »geht in die Kirche, um Gott zu treffen. Der Voodoo-Mann will selbst Gott werden.«
Alle Lebenden sind dazu angehalten, die Schachzüge der Vorsehung von nun an mit gesteigerter Aufmerksamkeit zu verfolgen.
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- Datum 25.08.2010 - 15:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.08.2010 Nr. 35
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"Ein Mann vergesellschaftete seine Angst; er stellte sie uns wie einen Überschuss an Wärme zur Verfügung." Wie wahr, wie wahr. Diese Großzügigkeit mit Narzissmus zu verwechseln finde ich so unfair.
Warum Lungenkrebs? Warum er? Suche nach einer Antwort - meine Möglichkeit: die Lunge ist ein großes Abwehrorgan des Menschen, alles, was nicht hinein soll in den Menschen, was nicht guttut, wird hinauskatapultiert. Aber Christoph Schlingensief hat Zeit seines Lebens alles irgendwie in sich hineingelassen und alles gegeben. Die Grenzen zwischen Künstler und Mensch waren aufgehoben. Er war immer beides gleichzeitig. Wo war die Grenze? Durch ihr Nichtvorhandensein war der Privatmensch offen, verletzlich. Der Künstler ist allmächtig, ein Siegfried ohne Lindenblatt. Und so kratzte Schlingensief selbst und vieles ihn umgebende an seiner Schutzhülle, am Isolierkabel, das um die Solllinie seines Lebens gelegt war. "Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt." ...auch wenn er vielleicht dafür sterben muss. In stiller Demut: Danke, Christoph.
helmut qualtinger hat gesagt:
„In Wien musst' erst sterben, bevor sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst' lang.“ - es dreht sich zwar nicht um wien, eher um die "ex-brd" - aber es wäre schlingensief, nachdem er doch jahrelang medial entweder in irgendwelche "sparten" gezwängt oder gleich gänzlich ignoriert worden war, doch zu wünschen, daß man sich noch sehr sehr lange an ihn und sein "oevre" erinnere... und nicht nur, wie es leider anderen genies widerfährt, exakt einmal pro jahr, für fünf minuten "ard-tagesschau", zum geburts- bzw. todestag..
schlingensief wird gnadenlos überschätzt.es geht nicht um seinen tragischen todes:traurig und zu früh.diese selbst- und fremd-überhöhung,pseudo-religiösierung und idealisierung von cs und damit einhergehende abwertung der lebensprozesse anderer ist ein echter fundmentalistischer rückfall.so geht man nicht mit den überledenden um. s. hatte teilweise interessante projekte(treffendst war a.m.s. die container in wien).es ist ihm vor allem gelungen,persönliche probleme für viele menschen für interessant zu machen.die idealiserung seiner unfähigkeit er könne kunst und leben nicht trennen,gehört zum neoreligiösen pathos.dieser kommt vielfach von selbsternannten intellektuellen.wehe jedoch,wenn sich jemand von sich aus für seine probleme interessiert hatte,dann hat cs. schonmal physisch/juristisch die keule benutzt.s. war ein anthropofag im besten sinne,er hat sich das einverleibt was er nur kriegen konnte, es benutzt und ausgeschieden,was sich nicht einverleiben liess.seine letzten jahre sind vergleichbar mit der frage,die sich jemand stellt,wenn er noch drei wochen hat:viele machen dann die weltreise.christoph hat dies auch getan und seine schicksalsentblösung auf die spitze getrieben.ich fand dies nicht großzügig und nicht künstlerisch, sondern vor allem laut.es hat so viel anderes mental,akkustisch und visuell übertönt,was vielleicht auch einen aufmerksamkeitsraum benötigt.bei einem unfall schaut man zunächst auf die stillen,weil man weis, die lauten haben noch kraft.
Bei meinem Mann wurde auch 2008 Krebs diagnostiziert und er starb im Sommer 2009 mit 48 Jahren.
Wir haben aber in den verbleibenden 18 Monaten eine erfüllte Zeit erlebt, im Wissen darum, dass es keine dauerhafte Heilung gibt.
Öffentlich aufzuheulen wie Schlingensief ist meinem Mann nie in den Sinn gekommen. Er hat auch nicht resigniert oder sich „abschieben“ lassen. Wir haben Freunde und Kollegen informiert und die Wunden gezeigt.
Anders als S. hat mein Mann versucht sich mit dem Unvermeidbaren abzufinden. Statt neue Projekte zu starten und davon zu träumen noch ein Kind zu zeugen, hat er über ein Jahr lang Abschied genommen, besonders intensiv in seinen letzten Lebenswochen.
Was ihn bewegte, war die Sorge um diejenigen, die zurückbleiben und nicht die Angst nicht genug Spuren zu hinterlassen.
Schlingensiefs Weg der Auseinandersetzung mit dem Sterben mag für ihn der richtige gewesen sein und seinem Naturell entsprochen haben, Bewunderung empfinde ich aber nicht dafür. Zu narzisstisch und selbstmitleidig erscheinen mir seine Aussagen. Ich habe auch Mitleid mit einem Menschen, der wohl lange nicht loslassen konnte.
Mein Mann stand dem Glauben an einen Himmel ähnlich skeptisch gegenüber wie Schlingensief und wünschte sich doch für seine Beerdigung Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.
Ich kann Schlingensiefs Kunst nicht beurteilen, aber die in manchen Artikeln anklingende Heldenverehrung für sein öffentliches Sterben kann ich nicht nachvollziehen.
Nein, ich denke er wollte nicht anders sein.
Er war anders.
Das muß mit Heldenverehrung nicht`s zu tun haben.
Wir werden Ihn vermissen und sind traurig.
Wetering
Mir scheint, Schlingensief spiegelt in seiner Ich-Welt-Auseinandersetzungung die tragisch-komische Situation des christlichen Kulturkreises, vielleicht auch generell der monotheistischen Kulturen, narzistisch wieder, ein Kulturkreis, welcher darauf aufbaut, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Es ist keine größere Überhöhung des menschlichen Individuums denkbar.
Das Leben biologisch weiterzugeben, ein Lebensimpuls, den Schlingensief im Bewustsein des nahenden Endes verspürte, ist die Folgerichtigkeit als Teil des Phänomens "Leben". Was den Menschen ausmacht ist die Kultur, in die er geboren wurde, aufzunehmen, zu verdauen und an die nächste Generation verdaut weiterzugeben. Herausragend sind diejenigen, welche hierbei etwas hinzufügen, was den Lauf der Kulturen einen Bruchteil weiterbringen.
Es wird sich zeigen, ob Schlingensief zu diesen gehört.
www.walter-w-schuler.com
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