Anfänge eines Genies: Orson Welles (Christian McKay) und Sonja Jones (Claire Danes) © farbfilm-verleih.de

Orson Welles hat einmal gesagt, er lege keinen Wert auf die korrekte Darstellung seiner Person – er bevorzuge eine schmeichelhafte. Mit Richard Linklaters Ich & Orson Welles könnte der Meister, 25 Jahre nach seinem Tod, unterm Strich durchaus zufrieden sein. Er kommt in diesem liebevoll produzierten Film prächtig über die Rampe – wenn nicht als Privatmann, so jedenfalls als Intellektueller, der einen wesentlichen Beitrag zur Kultur des 20. Jahrhunderts geleistet hat.

Dabei ist Ich & Orson Welles durchaus nicht darauf aus, dem umfassend analysierten Bilderfinder Welles, dem Schöpfer von Citizen Kane, ein weiteres Denkmal zu setzen. Richard Linklater ist ein meisterlicher Dialog-Regisseur, in dessen Filmen – von Dazed and Confused bis Before Sunrise – die Kamera immer auf die natürlichste Weise mit dem gesprochenen Wort verkuppelt zu sein scheint. Und hier katapultiert er uns in eine Zeit zurück, die sehr viel literarischer gewesen sein muss als unsere, eine Zeit, in der man eine Romanze mit einem Keats-Zitat einleiten konnte und für ein schönes Aperçu seine Seele verkaufte.

Manhattan im Jahre 1937. Hollywood spukt zwar schon in der Kulisse herum – der Filmproduzent David O. Selznick, heißt es, sei in der Stadt, auf der Suche nach Personal für Vom Winde verweht –, aber wer hier etwas werden will, träumt noch davon, eine Kurzgeschichte beim New Yorker unterzubringen oder am Broadway zu landen. Der 17-jährige Schüler Richard – das "Ich" des Titels, gespielt von Zac Efron – hat Glück. Nach einer Spontan-Performance auf der Straße wird er von Orson Welles für eine Nebenrolle in einer Julius Cäsar- Inszenierung verpflichtet. Das Antikenstück ist die erste Aufführung des Mercury-Theaters, eines etwas abgerockten Hauses, das Welles mit seinem Produzenten John Houseman übernommen hat.

Als Shakespeare-Spezialist und beim Rundfunk hat der erst 22-jährige Welles sich bereits einen Namen erworben. Aber im Mercury sieht es momentan, eine Woche vor der Eröffnung, eher aus, als ob da ein historischer Flop in der Mache wäre. Mit dem Text nimmt es der Regisseur, der bereits Macbeth in einer "Voodoo-Version" gezeigt hat, offenbar nicht so genau; er lässt den radikal gekürzten Cäsar auf einer nackten Bühne spielen, in zeitgenössischen Kostümen, die Roms Weg in die Autokratie zum Aufmarsch der Faschisten in Europa, vor allem Mussolinis, in Beziehung setzen sollen. Welles verkörpert selbst den Tyrannenmörder Brutus, führt sich aber auf wie ein kleiner Diktator. Wenn er nicht gerade die Portia-Darstellerin beflirtet, lässt er sich in einer gemieteten Ambulanz durchs städtische Verkehrschaos zu einem seiner Nebenjobs beim Funk chauffieren. Und auf ein sonores "Mitbürger, Freunde, Römer!" von der Bühne echot aus dem Produktionsbüro der verzweifelte Ruf: "Orson, wo ist Orson?"

Eine kleine Geschichte über erste Liebe, frühes Leid, enttäuschte Hoffnungen

Richard lässt sich vom vitalen Chaos dieses Betriebs infizieren, aktiviert den Bohémien, der schon lange in ihm steckte, schlägt sich die Nächte um die Ohren und konkurriert mit Welles’ späterem Co-Star Joseph Cotten (James Tupper) um die aparte Produktionsassistentin Sonja (Claire Danes). Parallel zum großen Drama entfaltet sich eine alltägliche kleine Geschichte über erste Liebe, frühes Leid, enttäuschte Hoffnungen. Treffen werden sich die Storylines, natürlich, bei der Premiere. Und ob es mit den Frauen und der Karriere nun klappt oder nicht: Richard hat erlebt, wie aus individuellem Gemurkel, Literatur, Politik und einem flash of genius Kunst entsteht. Das kann ihm keiner mehr nehmen. Sagt auch der anspielungsreiche, swingende Soundtrack – mit einem George-Gershwin-Song.

Das Schöne an Linklaters Film sind die Großzügigkeit und Vitalität, mit der er Richards ästhetische Erfahrung an den Zuschauer weitergibt. Ich & Orson Welles ist ein klassischer Backstage-Film, solide im Milieu verankert (das Fundament lieferte ein Roman von Robert Kaplow), reich an belegten historischen Details – und so smart gemacht, dass man gar nicht viel über den frühen Welles wissen muss, um der Handlung zu folgen. Linklaters elegante Inszenierung folgt den Gesetzen des Theaters und lässt die Auftritte wirken. Der an Musikfilmen geschulte Teenager-Star Zac Efron (Highschool Musical , Hairspray) gibt ein sympathisches Medium ab – man sitzt ganz gern neben ihm im Halbdunkel des Zuschauerraums. Das Kraftzentrum der Produktion bildet indes der Theaterschauspieler Christian McKay, der Welles bereits in einer Off-Broadway-Show verkörpert hat. McKay hat eine enorme physische Präsenz, vor allem aber erfüllt er den Raum mit einer beweglichen, charismatischen Stimme, mit einem rollenden, klingenden, murmelnden Medley von Literaturzitaten und allgemeinen Betrachtungen, Bonmots und Anmachsprüchen. 

Bei aller Leichtigkeit, allem Witz und aller Verliebtheit in eine versunkene Kultur macht Linklaters Film irgendwann aber doch ernst. Die Cäsar- Aufführung, die legendär geworden ist, wirft er schließlich als finstere Offenbarung in wenigen drastischen, ruppigen Bildern auf die Leinwand: Schergen in schwarzen Uniformen, ein widerlicher Mord an einem gänzlich Unschuldigen, Marc Antons Rede über dem Leichnam Cäsars als Reichsparteitag mit Lichtdom – Welles hat damals sehr genau hingesehen. Und es wird klar, wie modern seine Literaturauffassung war, wie er seine Kunst als soziale Intervention, als Herausforderung ans Publikum betrieb: Der Schock, den das ausgelöst haben muss, teilt sich noch heute mit. Am Ende fragt sich der junge Visionär, wie es jetzt weitergehen werde, ob er diesen Erfolg jemals werde überbieten können. Ein Jahr später ging dann seine Radioproduktion Krieg der Welten über den Äther. Aber die Geschichte kennen Sie wahrscheinlich.