Ausgepeitscht wurde Sakineh Mohammadi Ashtiani schon längst – jetzt soll sie auch noch, irgendwann, hingerichtet werden. Zu 99 Peitschenhieben war die Iranerin im Mai 2006 verurteilt worden, weil sie angeblich eine "unerlaubte Beziehung" zu zwei Männern unterhalten habe. Später wurde sie auch wegen "Ehebruchs" zum Tode verurteilt – durch Steinigung. Zwar hat die iranische Botschaft in London verkündet, Frau Ashtiani solle nun doch nicht zu Tode gesteinigt werden – aber wie sie sterben soll, blieb offen. Eine staatliche iranische Instanz, genannt Menschenrechtsbehörde, kündigte an, dieser Fall solle erneut überprüft werden, bestand aber gleichzeitig darauf, dass die Steinigung nach iranischem Recht legitim sei. Jedenfalls sitzt Frau Ashtiani seit Jahren im Gefängnis von Täbris und sieht einem so oder so grausamen Ende entgegen.

Was diesen Fall so grässlich macht, ist das Zusammentreffen von Elementen, die, jedes für sich, jedem minimalen menschlichen Gerechtigkeitsgefühl spotten. Da ist zum einen die Tatsache, dass Sakineh Ashtiani aufgrund eines erpressten und widerrufenen Geständnisses verurteilt wurde. Hinzu kommt, dass sogar zwei der fünf Richter beanstandet hatten, für den angeblichen "Ehebruch" fehle es an den nötigen Nachweisen. Aber die drei anderen Richter zogen eine Klausel des iranischen Prozessrechts heran, wonach ein Urteil nach ominösen "Erkenntnissen des Richters" selbst dann ergehen kann, wenn es keine triftigen Beweise gibt. Fatal wirkt zudem die theokratische Verknüpfung von religiösen Vorschriften und staatlichen Machtsprüchen.

Und schließlich bleibt da die archaisch grausame Hinrichtung durch die besonders qualvolle Steinigung. Bei ihr werden Männer bis zur Hüfte, Frauen bis zur Brust in die Erde eingegraben – die Größe der Steine, die auf die Häupter der Elenden prasseln, werden vom Gericht so bemessen, dass der Tod nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam oder gar nicht eintritt. Steinigungen wurden in den vergangenen Jahren registriert in Afghanistan, Nigeria, Iran, im Irak, im Jemen, in Pakistan, Saudi-Arabien, Somalia, im Sudan und in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die Kinder von Frau Ashtiani haben sich an die Weltöffentlichkeit gewandt und wurden dafür verwarnt. Amnesty International hat sich des Falles angenommen. Jetzt bleibt es den Pragmatikern in Öffentlichkeit und Politik überlassen, abzuwägen, ob (zu viel) öffentlicher Druck der Todeskandidatin mehr schadet als nützt – Henkersknechte und Diktatoren sind ja so empfindlich, wenn man ihr Vorgehen kritisiert.

Prinzipiell jedoch kann es keine Kompromisse geben. Weder mit einem solch grausamen Unrechtsregime noch mit solch fanatisierter Rechtsbeugung, mit der so getan wird, als werde ein ungerechtes Todesurteil dadurch erträglicher, dass es (vielleicht) anders als durch Steinigung vollstreckt wird. Noch kann man sich auf irgendeine kulturrelativistische Beschönigung einlassen, wonach andere Kulturen eben anders seien oder wonach die Scharia zwar einige hässliche Extreme zeige, sonst aber doch eine Form sozialer Regulierung bewirke, die man in Teilen gar in unseren Rechtssystemen akzeptieren solle. Nein, dieses "Rechtssystem" ist durch und durch kontaminiert durch den kritiklos hinzunehmenden religiösen Überbau, durch die fundamentale Ablehnung individueller Menschenrechte und durch die manifeste Frauenfeindlichkeit.

Von dieser unerschütterlichen Ablehnung können wir selbst dann keine Abstriche machen, wenn wir selbstkritisch einräumen müssen, dass auch die westliche Zivilisation weite Wege bis zu ihrer Humanisierung gehen musste. Dem Johannes-Evangelium zufolge sagte Jesus zum Fall der Ehebrecherin: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie." Daraus sieht man nur zu genau, woher wir kommen! Noch der große Reformator Calvin predigte 1545 in Genf für die Verbrennung von 34 angeblichen "Hexen", weil er im 2. Buch Mose gelesen hatte: "Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen." Aus alledem lernen wir: Es gibt die Möglichkeit eines historischen Fortschritts zur Humanität, es gibt eine Aufklärung der Religion, und es gibt ein Recht des Einzelnen, das stärker ist als alle kollektiven Machtansprüche. Dass wir lange zu dieser Einsicht gebraucht haben, ist kein Grund, sie anderen Regimen zu ersparen – und zwar zulasten der Opfer.

Aber wenn wir gegen die Hinrichtung von Sakineh Ashtiani streiten, geht es nicht nur um den Modus der ihr drohenden Steinigung. Es geht auch um die Todesstrafe als solche, auch und erst recht in unserem allerchristlichsten Kulturkreis, in god’s own country, also in den USA. Die Wahrheit ist unteilbar: Justizmord bleibt Justizmord.