Regenflut Mein geliebtes, krankes Land

Pakistan steht unter Wasser – doch langsam und unter Schmerzen wird es wieder aufblühen.

Ein Nothilfe-Camp der pakistanischen Armee in Muzaffargarh im Punjab

Ein Nothilfe-Camp der pakistanischen Armee in Muzaffargarh im Punjab

Im vergangenen Monat begann es hier in Lahore zu regnen. Für meine kleine Tochter war es der erste Monsun überhaupt. Ich nahm sie mit auf den Balkon und hielt sie so, dass sie in den dunklen Himmel blicken konnte. Sie lachte und strampelte und griff nach den Tropfen, die auf ihre nackten Arme prasselten. Der pakistanische Monsun ist wunderschön.

Der Regen hörte nicht mehr auf. Nach besonders starken Schauern verwandelten sich die Straßen der Stadt zeitweilig in Kanäle. Die Autos blieben entweder ganz liegen, oder ihre Fahrer trieben sie hochtourig im kleinsten Gang durchs Wasser voran. Aber Lahore trocknet schnell wieder. Aus anderen Landesteilen jedoch wurde von vernichteten Ernten und über die Ufer getretenen Flüssen berichtet. Die Gemüsepreise stiegen, und der Regen fiel weiter. Deiche, die über Jahrzehnte standgehalten hatten, gaben nach. Millionen von Menschen wurden obdachlos.

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Mohsin Hamid

Der Schriftsteller ist in Lahore geboren. 1991 zog er nach New York,  danach nach London. 2008 kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Sein letzter Roman trägt den Titel: Der Fundamentalist, der keiner sein wollte.

In Pakistan zu leben bedeutet für mich, die Extreme von Hoffnung und Verzweiflung zu kennen. Hoffnung existiert hier in vielen kleinen Varianten. Eine davon heißt Coke Studio. Das ist eine Fernsehshow, die Musiker der verschiedensten Stilrichtungen zu Jamsessions zusammenbringt. So entstehen ganz unwahrscheinliche musikalische Verbindungen, etwa wenn ein ehemaliges Fotomodell mit mächtiger Stimme einen traditionellen Volksmusiksänger begleitet. Das Sendeformat ist Bestandteil einer riesigen Musikszene, die über das Internet miteinander verbunden ist. So umgehen die Menschen mithilfe der Medien und der 100 Millionen Funktelefone im Land das Problem, dass die Sicherheitslage im Land keine Livekonzerte zulässt.

Ebenfalls hoffnungsvoll stimmen zahllose individuelle Reaktionen auf das Hochwasser. Lahore erlebt enorme Spendenaktionen. Buchstäblich jeder, den ich kenne, unterstützt die Hilfskampagnen mit Geld, Zeit oder Sachmitteln – oder sogar mit allem zusammen. Die Mikrosozialsysteme der Familien und Freundeskreise, mit denen die Pakistaner das Fehlen eines starken und handlungsfähigen Staates wettmachen, funktionieren. Hoffnung machen auch der Aufstieg unabhängiger Medien sowie die Erfolge einer Richterschaft, die sich Freiheiten erkämpft hat. In den Radiosendern und auf den Titelseiten der Zeitungen, in Blogs und in Cafés – überall werden die Debatten einer ungestümen Vielparteiendemokratie ausgetragen, einer der ganz wenigen in der Region zwischen Europa und Indien.

Dennoch ist der Kampf gegen die Verzweiflung allgegenwärtig. Sie überkommt mich nach jedem tödlichen Terroranschlag. Davon gab es in Lahore in diesem Jahr bereits ein halbes Dutzend mit insgesamt rund 200 Toten. Ich versuche, meine schriftstellerische Vorstellungskraft auszuschalten, wenn ich zum Friseur gehe. Täte ich das nicht, fiele mir ein, dass das Glas seiner Fensterscheiben sehr brauchbares Schrapnell abgeben würde. Ich gebe mir auch Mühe, nicht an die Scharfschützen auf den Dächern der Grundschulen zu denken. Schließlich wird meine Tochter ja erst in ein paar Jahren eingeschult, rede ich mir ein.

Schwierig ist es jedoch, den Umstand auszublenden, dass der Strom in meinem Haus täglich acht Stunden lang abgeschaltet wird. Ebenso schwer fällt es, über die Atmosphäre allgemeiner Malaise hinwegzusehen, die sich im Land ausbreitet, ablesbar etwa an den sinkenden Standards der öffentlichen Dienstleistungen. Erst kürzlich ereigneten sich innerhalb einer einzigen Woche ein tragisches Flugzeugunglück und etliche Beinahe-Flugunfälle. Und jetzt ist auch noch das Hochwasser gekommen, die schlimmste Naturkatastrophe seit Menschengedenken. Die Fluten haben das Leben von rund 20 Millionen Pakistanern zerstört. Pakistan steht in der Weltrangliste der Hersteller von Baumwolle und Milch auf dem vierten Platz, bei der Weizenproduktion auf dem zehnten. In diesem schrecklichen Jahr wird daraus nichts.

Dennoch: Langsam und unter Schmerzen dürfte sich Pakistan wieder erholen. Die Zukunft des Landes muss nicht notwendigerweise trostlos sein. Schließlich sind Pakistans Ressourcen riesig. Das Land hat die sechstgrößte Einwohnerschaft der Welt; hier leben mehr Kinder unter 14 Jahren als in den Vereinigten Staaten. Und obgleich Pakistan arm ist, werden hier bei Kindern deutlich weniger Hunger und Unterernährung verzeichnet als in Indien. Entscheidend ist, dass sich Pakistan darangemacht hat, demokratische Institutionen aufzubauen. Das ist deswegen so bedeutsam, weil Pakistan in seinem Innersten an zwei miteinander verbundenen Krankheiten leidet: an einem Staat, der zu wenig für seine Bürger leistet; und an Herausforderern, die den Anspruch erheben, an die Stelle des Staates zu treten. Pakistans noch zerbrechliche Demokratie ist der Schlüssel dafür, beide Krankheiten in den Griff zu bekommen.

Der erste Aspekt der pakistanischen Krise ist schnell beschrieben: Die staatlichen Steuereinnahmen betragen nur klägliche zehn Prozent des Bruttosozialprodukts. Pakistans Eliten sind seit Langem unwillig, einen fairen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. In diesem Land gibt es hervorragende Privatschulen – und zugleich Gebiete, in denen so gut wie gar keine Schulen existieren. Aber der Zwang, den Erwartungen der Wähler gerecht zu werden, schafft Handlungsdruck. Wäre der pakistanische Staat in der Lage, Steuereinnahmen in Höhe von 15 bis 17 Prozent des Bruttosozialprodukts zu generieren (wie Sri Lanka oder Indien), dann würden bereits die zusätzlichen Erträge die gesamten Entwicklungshilfezahlungen bei Weitem überschreiten, die Pakistan gegenwärtig erhält. Ein besserer Sozialstaat und mehr Verteilungsgerechtigkeit würden dazu beitragen, die zweite Dimension der pakistanischen Krise zu entschärfen: die Versuche radikaler Kräfte, die Regierung zu stürzen und die ebenso pluralistische wie heterogene Gesellschaft des Landes ihrer intoleranten Tyrannenherrschaft zu unterwerfen. Aber wirtschaftliche Entwicklung ist nur ein Bestandteil der Lösung. Die radikalen Kräfte müssen auch aktiv bekämpft werden. Einiges deutet darauf hin, dass Pakistans Armee diese Aufgabe besser erfüllt, wenn sie mit jener Legitimität operiert, die ihr eine demokratische Regierung verleiht.

Doch die Armee hat sich noch immer nicht voll auf diesen Kampf eingelassen, weil sie auf Indien fixiert ist. Ich halte das für einen tragischen Fehler. Aber ich glaube zugleich, es wäre unfair zu sagen, Pakistan solle sich von seinem großen Nachbarn nicht mehr bedroht fühlen. Ich lebe 30 Kilometer von einer Grenze entfernt, hinter der unlängst eine Million indische Soldaten zusammengezogen wurden – aus Zorn über einen Anschlag, den in Pakistan ansässige Terroristen in Indien verübt hatten. Ich habe Kampfhubschrauber gesehen, die über meinen Kopf hinwegflogen, und Artilleriebatterien, die sich in Vorgärten eingruben. Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan existiert wirklich, er beruht auf Gegenseitigkeit – und beide Seiten verfügen über Atomwaffen.

Deshalb muss dringend eine Lösung gefunden werden. Pakistans demokratische Regierungsparteien scheinen daran interessiert zu sein. Das Problem sind die »Falken« des sicherheitspolitischen Establishments auf beiden Seiten. Die Welt muss den beiden Konfliktparteien Hilfe anbieten und von der Fiktion ablassen, um Kaschmir gebe es gar keinen Konflikt – oder dessen Auswirkungen seien gering. In Wahrheit ist Kaschmir ein Problem, das eine Region mit 1,5 Milliarden Einwohnern destabilisiert und die Sicherheit der gesamten Welt gefährdet.

Jüngst traf ich eine in Hongkong lebende Pakistanerin, die in Lahore zu Besuch war. Ihre Freunde im Ausland hatten sie gefragt, weshalb sie überhaupt in ein so sorgenbeladenes Land wie Pakistan reisen wolle. Sie antwortete, es sei genauso wie bei einem geliebten Menschen. Den besuche man schließlich auch gerade dann, wenn er krank sei. Niemand setzt sich gerne Krankheiten aus, aber wenn es den eigenen Eltern oder Geschwistern nicht gut geht, gebietet einem der menschliche Instinkt, so lange an ihrer Seite zu sein, bis sie sich erholt haben. Pakistan liegt in diesen Tagen im Fieber. Aber zugleich bewundere ich vieles an diesem Land, und deshalb bleibe ich hier. Um der Generation meiner Tochter willen hoffe ich, dass das Fieber eines nicht allzu fernen Tages nachlässt.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Der Spendenappell

Zahlreiche Hilfsorganisationen rufen zu Spenden für die Opfer der Flut in Pakistan auf. Wer Geld geben möchte, kann seine Spende mit dem Stichwort "Pakistan" oder "Fluthilfe Pakistan" versehen. Dann ist die Spende zweckgebunden, darf also nur in Pakistan oder, im zweiten Fall, für die Flutopfer verwendet werden. Hilfsorganisationen bevorzugen jedoch häufig zweckungebundene Spenden, um die Gelder flexibler einsetzen zu können.

Hier können Sie spenden: 

Aktion Deutschland hilft: Spendenkonto 102030; Bank für Sozialwirtschaft; BLZ 37020500; 
Kennwort: Flut Pakistan. Online-Spenden nimmt das Bündnis mehrerer Hilfsorganisationen hier entgegen.

Ärzte ohne Grenzen: Spendenkonto 97097; Bank für Sozialwirtschaft; BLZ 37020500. Online-Spenden nimmt die Organisation hier entgegen.

Caritas international Freiburg: Spendenkonto 202; Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe; BLZ 66020500; Online-Spenden hier

Deutsches Rotes Kreuz: Spendenkonto 414141; Bank für Sozialwirtschaft; BLZ 37020500; Online-Spenden hier

Deutsche Welthungerhilfe e.V.: Kontonummer 1115; Sparkasse Köln-Bonn; BLZ 37050198; Online-Spenden hier

Diakonie Katastrophenhilfe: Kontonummer 502707; Postbank Stuttgart; BLZ 60010070; Online-Spenden hier.

Kindernothilfe: Kontonummer 454540; KD-Bank eG; BLZ 35060190

medico international: Kontonummer 1800; Frankfurter Sparkasse; BLZ 50050201; Online-Spenden hier

Misereor: Kontonummer 101010; Pax-Bank Aachen; BLZ 37060193; Online-Spenden hier

Oxfam: Spendenkonto 131313; Bank für Sozialwirtschaft Köln; BLZ 37020500; Online-Spenden hier

Unicef: Kontonummer 300.000; Bank für Sozialwirtschaft Köln; BLZ 37020500

Save the Children: Spendenkonto 929; Bank für Sozialwirtschaft Berlin; BLZ 10020500; Online-Spenden hier

Shelter Now Germany: Konto 25 23 058; Norddeutsche Landesbank Hannover; BLZ 250 500 00

UNO-Flüchtlingshilfe: Konto 2000 8850; Sparkasse Köln-Bonn; BLZ 37050198

Das World Food Programme der Vereinten Nationen erbittet Spenden per Online-Formular hier.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein ausgezeichneter Bericht zur Lage in Pakistan. Jeden Aspekt haben Sie hervorragend behandelt. Bravo.

  2. Indien nennt sich die größte Demokratie der Erde und was haben die Menschen davon?
    In Indien gibt es noch immer das Kastensystem und ihre Unberührbaren.
    In Indien gibt es noch immer die absolute Armut und die Steinbruchsklaverei.
    Frauen werden von Männern durch Säureangriffe verstümmelt wenn sie nicht spuren, oder sich verweigern.
    Soviel zum Nachbarland Indien und dem Begriff Demokratie.

    Pakistan braucht mehr.
    Pakistan braucht in sich die Menschlichkeit und es muß endlich Schluss sein mit dieser absoluten Unterdrückung der Frauen

    In Pakistan muß ein Umdenken in den Köpfen stattfinden und der Boden muß den muslimischen Radikalen entzogen werden.
    Und das wird schwqierig, denn genau das müssen die Menschen alleine vollbringen.

    Demokratie ist gut, aber sie wird auf unserer Erde all zu oft mißbraucht.

    Pakistan braucht erst die Erkenntnis, dass es so nicht weiter gehen kann.

    Orpheus

  3. Pakistan braucht mehr Aufklärung und weniger religiöser Fanatismus.

    • Kite
    • 27.08.2010 um 9:31 Uhr

    Bei all dem Respekt vor den Opfern der Flutkatastrophe und den armen Menschen, vermisse Ich in dem Bericht die fehlende Bereitschaft der Intellektuellen wie Mohsin Hamid gegen die von Angst geprägte Außenpolitik - Afghanistan, Indien - ihrer Regierungen einen demokratischen Aufstand zu leisten. Es waren nicht Afghanistan oder Indien, die seit der Entstehung dieses Staates für politische Unruhe in Pakistan gesorgt haben, sondern umgekehrt. Wie viel Geld hat Pakistan bis jetzt in der Einmischung in Afghanistan oder die provozierende Politik in Kaschmir ausgegeben? Wozu braucht ein armes Land eine Atombombe?

  4. der die Lage in Pakistan sehr authentisch schildert. Als Weltgemeinschaft sollten wir uns der Kaschmir-Problematik annehmen. Die Feindschaft zwischen den Ländern Indien und Pakistan ist nicht natürlich gewachsen, sondern wurde künstlich geschaffen von der beleidigt abziehenden Kolonialmacht England. "Divide and rule" sagen die Leute in Indien zu diesem Vorgang, die geschichtsbewussten Pakistaner dürften es wohl kaum anders sehen. Wir müssen diesen beiden Ländern helfen den Giftstachel der Engländer aus ihrem Fleisch zu ziehen.

    Danke Herr Hamid! Und alles Gute für Sie und Ihre Familie.

    • BerndL
    • 01.09.2010 um 12:40 Uhr

    Ein sehr informativer und ausgezeichneter Artikel, der uns hilft, die Probleme von Pakistan und dieses Land zu verstehen. Danke!

  5. Die bräuchten wir hier auch.

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