Regenflut Mein geliebtes, krankes LandSeite 2/2
Der erste Aspekt der pakistanischen Krise ist schnell beschrieben: Die staatlichen Steuereinnahmen betragen nur klägliche zehn Prozent des Bruttosozialprodukts. Pakistans Eliten sind seit Langem unwillig, einen fairen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. In diesem Land gibt es hervorragende Privatschulen – und zugleich Gebiete, in denen so gut wie gar keine Schulen existieren. Aber der Zwang, den Erwartungen der Wähler gerecht zu werden, schafft Handlungsdruck. Wäre der pakistanische Staat in der Lage, Steuereinnahmen in Höhe von 15 bis 17 Prozent des Bruttosozialprodukts zu generieren (wie Sri Lanka oder Indien), dann würden bereits die zusätzlichen Erträge die gesamten Entwicklungshilfezahlungen bei Weitem überschreiten, die Pakistan gegenwärtig erhält. Ein besserer Sozialstaat und mehr Verteilungsgerechtigkeit würden dazu beitragen, die zweite Dimension der pakistanischen Krise zu entschärfen: die Versuche radikaler Kräfte, die Regierung zu stürzen und die ebenso pluralistische wie heterogene Gesellschaft des Landes ihrer intoleranten Tyrannenherrschaft zu unterwerfen. Aber wirtschaftliche Entwicklung ist nur ein Bestandteil der Lösung. Die radikalen Kräfte müssen auch aktiv bekämpft werden. Einiges deutet darauf hin, dass Pakistans Armee diese Aufgabe besser erfüllt, wenn sie mit jener Legitimität operiert, die ihr eine demokratische Regierung verleiht.
Doch die Armee hat sich noch immer nicht voll auf diesen Kampf eingelassen, weil sie auf Indien fixiert ist. Ich halte das für einen tragischen Fehler. Aber ich glaube zugleich, es wäre unfair zu sagen, Pakistan solle sich von seinem großen Nachbarn nicht mehr bedroht fühlen. Ich lebe 30 Kilometer von einer Grenze entfernt, hinter der unlängst eine Million indische Soldaten zusammengezogen wurden – aus Zorn über einen Anschlag, den in Pakistan ansässige Terroristen in Indien verübt hatten. Ich habe Kampfhubschrauber gesehen, die über meinen Kopf hinwegflogen, und Artilleriebatterien, die sich in Vorgärten eingruben. Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan existiert wirklich, er beruht auf Gegenseitigkeit – und beide Seiten verfügen über Atomwaffen.
Deshalb muss dringend eine Lösung gefunden werden. Pakistans demokratische Regierungsparteien scheinen daran interessiert zu sein. Das Problem sind die »Falken« des sicherheitspolitischen Establishments auf beiden Seiten. Die Welt muss den beiden Konfliktparteien Hilfe anbieten und von der Fiktion ablassen, um Kaschmir gebe es gar keinen Konflikt – oder dessen Auswirkungen seien gering. In Wahrheit ist Kaschmir ein Problem, das eine Region mit 1,5 Milliarden Einwohnern destabilisiert und die Sicherheit der gesamten Welt gefährdet.
Jüngst traf ich eine in Hongkong lebende Pakistanerin, die in Lahore zu Besuch war. Ihre Freunde im Ausland hatten sie gefragt, weshalb sie überhaupt in ein so sorgenbeladenes Land wie Pakistan reisen wolle. Sie antwortete, es sei genauso wie bei einem geliebten Menschen. Den besuche man schließlich auch gerade dann, wenn er krank sei. Niemand setzt sich gerne Krankheiten aus, aber wenn es den eigenen Eltern oder Geschwistern nicht gut geht, gebietet einem der menschliche Instinkt, so lange an ihrer Seite zu sein, bis sie sich erholt haben. Pakistan liegt in diesen Tagen im Fieber. Aber zugleich bewundere ich vieles an diesem Land, und deshalb bleibe ich hier. Um der Generation meiner Tochter willen hoffe ich, dass das Fieber eines nicht allzu fernen Tages nachlässt.
Aus dem Englischen von Tobias Dürr
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- Der Spendenappell
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Zahlreiche Hilfsorganisationen rufen zu Spenden für die Opfer der Flut in Pakistan auf. Wer Geld geben möchte, kann seine Spende mit dem Stichwort "Pakistan" oder "Fluthilfe Pakistan" versehen. Dann ist die Spende zweckgebunden, darf also nur in Pakistan oder, im zweiten Fall, für die Flutopfer verwendet werden. Hilfsorganisationen bevorzugen jedoch häufig zweckungebundene Spenden, um die Gelder flexibler einsetzen zu können.
Hier können Sie spenden:
Aktion Deutschland hilft: Spendenkonto 102030; Bank für Sozialwirtschaft; BLZ 37020500;
Kennwort: Flut Pakistan. Online-Spenden nimmt das Bündnis mehrerer Hilfsorganisationen hier entgegen.Ärzte ohne Grenzen: Spendenkonto 97097; Bank für Sozialwirtschaft; BLZ 37020500. Online-Spenden nimmt die Organisation hier entgegen.
Caritas international Freiburg: Spendenkonto 202; Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe; BLZ 66020500; Online-Spenden hier
Deutsches Rotes Kreuz: Spendenkonto 414141; Bank für Sozialwirtschaft; BLZ 37020500; Online-Spenden hier
Deutsche Welthungerhilfe e.V.: Kontonummer 1115; Sparkasse Köln-Bonn; BLZ 37050198; Online-Spenden hier
Diakonie Katastrophenhilfe: Kontonummer 502707; Postbank Stuttgart; BLZ 60010070; Online-Spenden hier.
Kindernothilfe: Kontonummer 454540; KD-Bank eG; BLZ 35060190
medico international: Kontonummer 1800; Frankfurter Sparkasse; BLZ 50050201; Online-Spenden hier
Misereor: Kontonummer 101010; Pax-Bank Aachen; BLZ 37060193; Online-Spenden hier
Oxfam: Spendenkonto 131313; Bank für Sozialwirtschaft Köln; BLZ 37020500; Online-Spenden hier
Unicef: Kontonummer 300.000; Bank für Sozialwirtschaft Köln; BLZ 37020500
Save the Children: Spendenkonto 929; Bank für Sozialwirtschaft Berlin; BLZ 10020500; Online-Spenden hier
Shelter Now Germany: Konto 25 23 058; Norddeutsche Landesbank Hannover; BLZ 250 500 00
UNO-Flüchtlingshilfe: Konto 2000 8850; Sparkasse Köln-Bonn; BLZ 37050198
Das World Food Programme der Vereinten Nationen erbittet Spenden per Online-Formular hier.
- Datum 26.08.2010 - 17:25 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.08.2010 Nr. 35
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Ein ausgezeichneter Bericht zur Lage in Pakistan. Jeden Aspekt haben Sie hervorragend behandelt. Bravo.
Indien nennt sich die größte Demokratie der Erde und was haben die Menschen davon?
In Indien gibt es noch immer das Kastensystem und ihre Unberührbaren.
In Indien gibt es noch immer die absolute Armut und die Steinbruchsklaverei.
Frauen werden von Männern durch Säureangriffe verstümmelt wenn sie nicht spuren, oder sich verweigern.
Soviel zum Nachbarland Indien und dem Begriff Demokratie.
Pakistan braucht mehr.
Pakistan braucht in sich die Menschlichkeit und es muß endlich Schluss sein mit dieser absoluten Unterdrückung der Frauen
In Pakistan muß ein Umdenken in den Köpfen stattfinden und der Boden muß den muslimischen Radikalen entzogen werden.
Und das wird schwqierig, denn genau das müssen die Menschen alleine vollbringen.
Demokratie ist gut, aber sie wird auf unserer Erde all zu oft mißbraucht.
Pakistan braucht erst die Erkenntnis, dass es so nicht weiter gehen kann.
Orpheus
Pakistan braucht mehr Aufklärung und weniger religiöser Fanatismus.
Bei all dem Respekt vor den Opfern der Flutkatastrophe und den armen Menschen, vermisse Ich in dem Bericht die fehlende Bereitschaft der Intellektuellen wie Mohsin Hamid gegen die von Angst geprägte Außenpolitik - Afghanistan, Indien - ihrer Regierungen einen demokratischen Aufstand zu leisten. Es waren nicht Afghanistan oder Indien, die seit der Entstehung dieses Staates für politische Unruhe in Pakistan gesorgt haben, sondern umgekehrt. Wie viel Geld hat Pakistan bis jetzt in der Einmischung in Afghanistan oder die provozierende Politik in Kaschmir ausgegeben? Wozu braucht ein armes Land eine Atombombe?
der die Lage in Pakistan sehr authentisch schildert. Als Weltgemeinschaft sollten wir uns der Kaschmir-Problematik annehmen. Die Feindschaft zwischen den Ländern Indien und Pakistan ist nicht natürlich gewachsen, sondern wurde künstlich geschaffen von der beleidigt abziehenden Kolonialmacht England. "Divide and rule" sagen die Leute in Indien zu diesem Vorgang, die geschichtsbewussten Pakistaner dürften es wohl kaum anders sehen. Wir müssen diesen beiden Ländern helfen den Giftstachel der Engländer aus ihrem Fleisch zu ziehen.
Danke Herr Hamid! Und alles Gute für Sie und Ihre Familie.
Ein sehr informativer und ausgezeichneter Artikel, der uns hilft, die Probleme von Pakistan und dieses Land zu verstehen. Danke!
Die bräuchten wir hier auch.
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