Kunst Avantgarde im Schlachthof

Die Ostrale, Dresdens junge Ausstellung für zeitgenössische Kunst, wird immer größer – das schafft auch Konflikte

Heute riecht es wieder ein wenig nach Rind. Andrea Hilger lächelt entschuldigend. »An manchen Tagen ziehen die alten Gerüche durch die Gebäude«, sagt sie. »Es wird aber von Jahr zu Jahr weniger. Die Räume scheinen langsam durch die Kunst zu gesunden.« Die Tür zum Büro der Ostrale-Leiterin steht offen, wie so viele Türen im Sozialtrakt der alten Dresdner Schlachthöfe. Sie geben den Blick frei auf ungemachte Betten, Wäscheständer voller Handtücher oder die Klo-Ordnung in den Gemeinschaftstoiletten. Von Weitem hört man Sägen, Bohren, Hämmern. Die große Ausstellung für Gegenwartskunst wirkt so kurz vor ihrer Eröffnung an diesem Freitag wie eine Mischung aus Ferienlager und Großbaustelle.

Mehr als 200 Künstler aus der ganzen Welt beteiligen sich an der dreiwöchigen Ostrale. Viele von ihnen leben während dieser Zeit auf dem Gelände. Sie sind angereist, um ihre Arbeiten zu installieren, deren Präsentation zu überprüfen oder sie jeden Tag aufs Neue aufzuführen – weil sie selbst Teil des Kunstwerkes sind. Denn neben Gemälden und Skulpturen sind auch Licht- und Videoinstallationen, Tanzimprovisationen und Performances zu sehen.

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Rites of Passage, Übergangsrituale, lautet in diesem Jahr das Ausstellungsmotto, und die Werke befassen sich mit allerlei Arten von Transformation. Da wachsen aus einem alten Hallenboden tausend betende Gipshände, und die Scherben tausend weiterer hängen im Nachbarraum an Nylonfäden von der Decke. Nebenan entdeckt man Schweineskulpturen mit Hackfleischfüllungen, eine Anspielung auf ganz und gar organische Metamorphosen – und auf die Geschichte des Schlachthofgeländes. Wandel ist im Jahr 2010 ein treffendes Leitthema, befindet sich doch auch die Ostrale selbst an einem möglichen Wendepunkt.

Ostra bedeutet Insel. Nicht etwa der Osten gab der Ausstellung ihren Namen, sondern das einstige Dorf Ostra, welches sich das wachsende Dresden im 16. Jahrhundert einverleibte. Bei Hochwasser wurde das Areal immer wieder vom Rest der Stadt abgeschnitten. Anfang des 20. Jahrhunderts ließ Stadtbaurat Hans Erlwein hier eine künstliche Anhöhe aufschütten und die Schlachthöfe errichten. Wie ein kleines Venedig ruhen die Häuser unterirdisch auf massiven Stützträgern und wurden auch in der DDR als Fleischkombinat genutzt. Nach dessen Schließung verfielen sie, als architektonische Wendeverlierer.

Erst entdeckten Künstler das alte Fleischkombinat, dann Investoren

Andrea Hilger, Tänzerin und Choreografin, und Mike Salomon, ebenfalls Choreograf, entdeckten die Brachen. Begeistert vom morbiden Flair und der blutrünstigen Vergangenheit der Schlachthöfe beschlossen sie, die Gebäude für eine Ausstellung moderner Kunst zu nutzen – durchaus ein Wagnis. Im Jahr 2007 kamen 4000 Besucher zur ersten Ostrale. Wenige hundert Meter von der lieblichen Altstadtsilhouette entfernt, war in Dresden plötzlich der Ausnahmezustand: abgedrehte Avantgarde, experimentelle Happenings und nächtliche Partyexzesse in Abrissgebäuden. Derartiges hätte man eher in Berlin erwartet.

Der Zuspruch zur Premiere beflügelte Hilger und Salomon. Sie erkämpften eine jährliche Veranstaltung unter wechselndem Motto, akquirierten Fördermittel, bemühten sich um Genehmigungen. Die beiden rieben sich auf, wollten hinschmeißen, machten aber weiter. Bereits die zweite Ostrale erlangte überregionale Aufmerksamkeit. Zur dritten Ausstellung im Spätsommer 2009 kamen immerhin 11.000 Besucher.

Ob unter ihnen auch einige jener Investoren waren, die nun der Kunst ihr Eiland streitig machen? Es ist das alte Lied, das neuerdings auch im Ostra-Gelände gespielt wird: Die Ausstellung wertete das Areal auf und lenkte begehrliche Blicke auf die reizvollen historischen Gebäude – nun wollen andere daran verdienen. Die »Rinderhalle« darf bereits nicht mehr von der Ostrale genutzt werden. Ein Eventmanager lässt sie zur maritimen Erlebniswelt umbauen, die ihren Gästen bald das Flair der sieben Weltmeere ins alte Wurstkombinat bringen soll. Investoren erwägen noble Hotelzimmer in der alten Fettschmelze und ein Café im Schweinestall. Es wird enger auf der Insel. 

Die Broschüren zur Ausstellung 2010 künden von »Kunst als Kapital« und ihrer »ökonomischen Innovationskraft«, die »nachhaltig nutzbar« gemacht werden solle. Die Subkultur ist unter Zugzwang geraten: Sie muss plötzlich ihren Marktwert beweisen und eine Existenzberechtigung erwirtschaften. »Die Leute verstehen mittlerweile, dass die Ostrale keine freakige Kunstausstellung von ein paar Bekloppten ist«, sagt Kuratorin Andrea Hilger. »Wir sind das zeitgenössische Element, das bisher in Dresdens Portfolio fehlte.« An diesem entscheidenden Punkt ihrer Entwicklung muss die Veranstaltung ohne ihren Mitgründer Mike Salomon auskommen. Sein Abgang im vergangenen Jahr sorgte für Verwunderung und sah nach einem Zerwürfnis aus. Den Ostrale-Mitbegründer zog es plötzlich in die sächsische Provinz, nach Kirschau bei Bautzen. 

Das Dorf hat etwa 2500 Einwohner. Seine Blütezeit erlebte es zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dank einer florierenden Textilindustrie. Die Welt verdankt Kirschau eine überhaupt nicht glamouröse, dafür aber elementare Erfindung – den Scheuerlappen. Seit 20 Jahren jedoch beuteln Arbeitslosigkeit und Abwanderung die Gemeinde.

In Kirschau kommt sich Mike Salomon wieder so vor, als sitze er auf einer Insel. Von seinem Büro in einer alten Fabrikantenvilla aus führt er einen Papierkrieg um Fördergelder für ein neu gegründetes Performancekunstprojekt namens »obart«. Was andere in die Resignation treiben würde, putscht den 40-Jährigen geradezu auf: »Der Anfang ist das Spannendste! Man erhofft sich ein großes, weites Tor und bekommt eine schmale Tür. Da quetscht man sich dann eben irgendwie durch.« Mit Obart will Salomon mehr Kunst aufs Land holen. Auch Performancekunst, eine schnell vergängliche und experimentelle Spielart, die selbst für manchen Szenekenner aus der Großstadt schwer verdaulich ist. Man könnte diesen Plan mutig nennen, vielleicht sogar verrückt.

Im Frühling präsentierte sich das Projekt erstmals mit einem Festival der Öffentlichkeit. Die Straßen Kirschaus und eine ehemalige Grobgarnspinnerei wurden zum Spielfeld für 50 internationale Künstler: Da erklangen Musikkompositionen für Milben, Hunderte von Papierflugzeugen füllten Räume, ein »Druckluftorchester« beschallte das Dorf. Theater- und Klangexperimente sollten Anstöße geben, den Ort einmal ganz anders wahrzunehmen als gewöhnlich.

»Wir lassen die Veranstaltung nicht vom Marketing umarmen«

Unter die überwiegend positive Resonanz mischten sich auch Zweifel und die berüchtigte Frage: »Soll das etwa Kunst sein?!« Der obart-Chef kennt das. Aus Dresden. Auch dort reizte ihn der schwierige Beginn, war die ungewisse Zukunft eine Herausforderung; doch Wachstum und Festigung ließen das Projekt für Salomon langsam an Anziehungskraft verlieren. »Die Dresdner brauchen immer Leuchttürme, die ihnen jemand hinstellt und die sie dann zu ihrem Eigentum machen können. Dieses Denken ist für mich auf Dauer uninteressant«, sagt er. »Ich bin einfach kein Kurator, der irgendwann nur noch überprüft, ob die Bilder richtig hängen.«

Andrea Hilger hat sich unterdessen den Künstler und Kommunikationsdesigner Martin Müller als neuen Mann ins Boot geholt. Zusammen mit dem 49-jährigen Berliner will sie den Platz auf der Insel für die Ostrale behaupten – ohne den alternativen Charakter der Ausstellung zu verwässern. »Wir lassen die Veranstaltung nicht vom Marketing umarmen oder uns irgendetwas überstülpen«, sagt Hilger. »Das Ganze soll kein zweites Festspielhaus Hellerau und auch kein Abklatsch der Leipziger Baumwollspinnerei werden.« Die Ostrale stelle junge Künstler ohne solvente Galeristen aus. Logos oder Firmennamen seien im Ausstellungsareal tabu. Es ist auch eine Frage des Images.

Von Sponsorengeldern ist Hilger dennoch abhängig. Und die Eröffnungsrede lässt sie in diesem Jahr wieder vom Leiter des städtischen Amts für Kultur und Denkmalschutz halten. Die Ostrale gehört jetzt dazu. Der alte Schlachthof liefert dem Dresdner Kulturbetrieb: Frischfleisch.

OSTRALE'010 läuft vom 27. August bis zum 19. September. Weitere Informationen unter www.ostrale.de

 
Leser-Kommentare
  1. Durch Zufall stieß ich auf den Artikel über junge Kunst in Dresden. Spannend! Als Tourist laufe ich, wie viele, immer wieder Gefahr, Dresden ausschließlich mit Zwinger und Frauenkirche gleichzusetzen. Als schleswig-holsteinische Zeit-Leserin würde ich mir diese Anregung zum Kulturbetrieb Dresden auch im überregionalen Teil wünschen!

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