Fragen an den Altkanzler Verstehen Sie das, Herr Schmidt?
Amerikanische Milliardäre wollen einen Großteil ihres Vermögens hergeben und ernten dafür Kritik. In Deutschland wird die Reichensteuer gefordert, aber wer freiwillig geben will, bekommt kaum Anerkennung
ZEITmagazin: Lieber Herr Schmidt, amerikanische Milliardäre haben angekündigt, mindestens die Hälfte ihres Vermögens spenden zu wollen. Verstehen Sie das?
Helmut Schmidt: Die amerikanische Tradition gemeinnütziger Stiftungen hat mindestens seit einem Jahrhundert Bestand, insofern ist diese Initiative nichts Neues. Jeder von uns kennt die Ford-Stiftung, die Rockefeller-Stiftung und ähnliche Einrichtungen. Die großen privaten Universitäten Harvard, Yale, Princeton und Stanford beruhen alle auf privaten Stiftungen, alle sind mit Vermögen in Höhe von zweistelligen Milliardenbeträgen ausgestattet.
ZEITmagazin: Für das Land ist das ein Segen.
Schmidt: Ja, es ist ein großer Segen. Man muss nur dazu wissen, dass in den USA jeder, der eine gemeinnützige Stiftung errichtet, entweder den ganzen Stiftungsbetrag oder einen Teil von seiner Einkommensteuerschuld absetzen kann. Das ist ganz ähnlich wie in Deutschland. Wenn ich es zuspitzen darf, würde ich sagen: Wenn jemand stiftet, dann hat er sich dafür entschieden, lieber zu stiften, als Steuern zu zahlen. Ganz so altruistisch, wie die Sache auf den ersten Blick aussieht, ist sie also nicht. Aber sie ist auch altruistisch, und das ist in Ordnung.
ZEITmagazin: Brauchen wir heute mehr gemeinnützige Stiftungen, weil der Sozialstaat an seine finanziellen Grenzen stößt?
Schmidt: Ich glaube nicht, dass die Herren Gates und Buffett diese Initiative ins Leben gerufen haben, weil der amerikanische Fiskus in finanzielle Bedrängnis geraten ist. Es geht ihnen vielmehr darum, der schlechten öffentlichen Reputation der Banker und der Spitzenmanager entgegenzuwirken. Das kann ich gut verstehen, und ich kann es auch durchaus billigen; es nimmt der Initiative nichts von ihrem Wert. Aber man muss dieses Motiv erkennen.
ZEITmagazin: Wie erklären Sie sich das überwiegend negative Echo auf die Initiative in den deutschen Medien?
Schmidt: Mir ist nicht aufgefallen, dass das Echo so negativ war. Aber es gibt in Deutschland immer die Tendenz, etwas Neues, das in Amerika beginnt, entweder in den Himmel zu heben oder aber in Grund und Boden zu kritisieren. Und die USA geben uns ja vielerlei Grund zur Kritik. Die weltweite Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 ist zum Beispiel zweifellos amerikanischen Ursprungs.
ZEITmagazin: Aber haben viele Deutsche nicht auch so etwas wie einen Grundvorbehalt gegen jeden, der reich ist?
Schmidt: Das geht mir jetzt ein bisschen zu weit. Der Neid ist eine natürliche menschliche Eigenschaft. Wenn aber jemand reich ist, ohne seinen Reichtum öffentlich zur Schau zu stellen – so wie der jüngst gestorbene Gründer von Aldi –, dann wird er auch nicht beneidet.
ZEITmagazin: Gibt es hierzulande etwas, das mit der amerikanischen Spendenkultur vergleichbar wäre?
Schmidt: Aber ja! Sie reden mit einem Hamburger, der stolz darauf ist, dass seine Heimatstadt eine ähnliche Tradition gemeinnütziger Stiftungen hat, wenn auch in sehr viel kleinerem Maßstab als die USA. Die Hamburger sind ja vor allem Einzelkaufleute oder Einzelreeder gewesen, aber sie haben Krankenhäuser gestiftet, sie haben das Rauhe Haus gestiftet, um verwaisten Kindern zu helfen, sie haben Altersheime gestiftet. In meiner Kinderzeit sagte man noch von einer alten Dame, die in so ein Heim ging: Sie ist ins Stift gegangen.
ZEITmagazin: Sie haben Eigentümer von Unternehmen immer höher geschätzt als angestellte Manager. Warum?
Schmidt: Weil die Eigentümerunternehmer nach meiner Lebenserfahrung im Durchschnitt sehr viel mehr Fingerspitzengefühl für das Wohl ihrer Angestellten und ihrer Arbeiter haben. Sie haben auch immer mehr Mitgefühl mit Leuten in Bedrängnis, und sie haben in viel höherem Maße als sogenannte Manager einen Teil ihres Vermögens in gemeinnützige Stiftungen eingebracht, ganz besonders in Hamburg.
ZEITmagazin: Dagegen kommen die sogenannten Ruhrbarone bei Ihnen sehr schlecht weg.
Schmidt: Das stimmt. Sie haben sich in den sechziger Jahren, als wir eine Kohlebergbaukrise hatten, zum Teil sehr schlecht benommen. Damals wurden viele Pütts dichtgemacht, viele Zechen stillgelegt, weil die Ruhrbarone den Bundesverband der deutschen Industrie beherrschten und ihn im Interesse der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie politisch beeinflussten. Hinzu kam, dass einige von ihnen in der Öffentlichkeit unbescheiden auftraten. Sie produzierten sich zum Beispiel als Besucher bei den Bayreuther Festspielen und behängten dazu ihre Ehefrauen mit teurem Schmuck.
ZEITmagazin: Was in Hamburg ja absolut verpönt ist.
Schmidt: Sie sagen es.
- Datum 26.08.2010 - 14:20 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 26.08.2010 Nr. 35
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Wieder mal ein frischer Wind in der heutigen Flaute!
Wir bitten um Entschuldigung, der Kommentar wurde wieder hergestellt - die Redaktion/fk.
diese wird es aber überall geben. Ich erinnere mich da an einen Herrn Kadenbach, Privatbankier und Konsul. Damals wohnte ich in der Nachbarschaft seiner Bank. Bei einer Situation wurde ich ihm vorgestellt. Wenn ich ihn grüsste,
grüsste er mich mit Namen zurück und lüftete den Hut - ein
Herr der alten Schule. Er protzte auch nicht herum. Nach ihm gibt es heute die Kadenbachstiftung. Leider lebt er nicht mehr. Es war nicht in Hamburg, sondern in Aachen.
Auf einer Bank stand geschrieben, "da sind mir ja die Hamburger noch lieber als die Salzburger".Nun sind die Hanseaten an der Elbe nicht gerade Kumpeltypen wie,ganz gerne,die Rheinland-Pfälzer ala Helmut Khol,aber sie haben,vorzugsweise,standfeste Ideale mit Blick für die Notwendigkeit des Gemeinwohls und dafür gebührt Ihnen und Ihresgleichen Dank und Anerkennung.
...sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen"(Artikel 14, Abs.2 GG). Gerade diesem Anspruch werden Stiftungen in Deutschland nicht gerecht, verfolgen sie doch häufig eigennützige (gesellschafts-) politische statt karitative oder soziale Ziele. Daß man ihnen dann dafür die Anerkennung verweigert verwundert mich nicht.
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