Einsame Buchten und Strände erwarten den Wanderer rund um den Baikalsee © Baikalplan e.V.

Am zweiten Tag erwischt es Gerd. Ausgerechnet Gerd, einen ehemaligen DDR-Leistungsruderer, 67 Jahre alt, Chemiker war er, noch nie geraucht, kaum getrunken, ein Sozialist mit Selbstironie, ein Mann mit einem Kinn, das sich kompromisslos nach vorne reckt wie jene der Arbeiterhelden-Statuen.

Der Mann, der zwei Sieben-Euro-Weltempfänger von Aldi mit an den Baikalsee brachte, »als Geschenke«, sie aber im Hostel vergessen hat. Eine Bohrmaschine wollte er auch noch mitnehmen, »man weiß ja nie«, aber die hat er in Deutschland liegen lassen. Gerd, der für das Packen seines Rucksacks so lange braucht wie eine Schlafwagenschaffnerin der Transsibirischen Eisenbahn, bis sie einmal lächelt. Hat eine Nierenkolik, vermutlich, beißt auf die Zähne, dass es knirscht, sagt, es gehe schon. Es gibt bessere Orte für eine Nierenkolik als die ostsibirische Wildnis.

Ausgerechnet jetzt. Gerade schien alles, was vor den ersten Schritten auf dem 100 Kilometer langen Baikal-Trail war, wie ertrunken im »heiligen Meer Sibiriens«. Diesem größten, tiefsten, ältesten Süßwassersee der Welt, der fünfhundertmal so viel Wasser wie der Bodensee führt. Gerade war die Gegenwart am Ufer ein fragloses Hier und Jetzt geworden. Ein Tag, eine Nacht und vier Stunden Wandern auf dem Trail liegen hinter einem, entlang menschenleerer, schöpfungsbelassener Strände zunächst; und außer dem Rauschen der Wellen und Taiga ohne Ende waren da nur leere Wodkaflaschen. In Ostsibirien beginnt Wildnis dort, wo keine Wodkaflaschen mehr liegen.

Später ging der Weg angenehm durch Birken, Kiefern, Lärchen (und durch kleinere Mückenschwärme), vorbei an einer verlassenen Jagdhütte, an deren Tür ein gerahmtes Bild von Lenin die Stellung hielt, und führte auf einem gewundenen Pfad zu dieser Flussmündung, für die es keine Worte gibt, weil es die schönste Flussmündung der Welt ist. Da waren Libellen, ein Feuer und Fisch aus dem See, Omul heißt er. Getrunken wurde Wasser aus dem Fluss, ungefiltert. Kesha, der die Zelte und Vorräte von Camp zu Camp schippert, hatte die Fische aus Netzen geklaut. Kein Problem, meinte er, die Netze seien sowieso illegal gewesen.

In der Jagdhütte stehen Bettgestelle aus den Anfangsjahren des Kalten Kriegs

Ertrunken in der Schönheit des Baikalsees ist mittlerweile auch der einst geplante erste Satz für diese Geschichte. Zusammengebastelt auf den ersten zehn Kilometern, in der Euphorie des Anfangs: »55° Nord 46' 22.9 und 109° 38' 27.7 Ost sind ganz weit weg.« Ein guter Satz, fand man damals, einer, der beflügelt und beruhigt. Einer, der während des Laufens wie selbstverständlich zu einem kam und einen darin bestätigte, dass Nomadentum der Weg zum Glück ist und Sesshaftigkeit wenig bringt außer einer Wampe und Schlaganfällen.

Nun ist dieser Satz ungefähr 20.000 Schritte entfernt. 20.000 Schritte in einer der abgelegensten Ecken im abgelegenen Sibirien, die mongolische Grenze ist nur 300 Kilometer weit weg, der Pazifische Ozean 2000, und die Bewohner Burjatiens, wie die Gegend heißt, fahren rechtsgesteuerte japanische Autos, so weit weg ist es. Weit weg auch schon diese schlaflose Nacht in Irkutsk, wo man nach sieben Zeitzonensprüngen ein wenig zerstört ankam, was das ohnehin hässliche Irkutsk nicht schöner erscheinen lässt.

Fast so weit weg Sewerobaikalsk, das letzte Bett vor der Wildnis, wo Jewgeni war, der Mann, der ein Segen ist für jeden Reisenden, weil es kaum etwas gibt, was er nicht organisieren kann, außer vielleicht Alkohol, weil er nicht trinkt, aus Überzeugung. Er ist Umweltschützer, und dazu gehört bei sibirischen Umweltschützern, dass sie auch sich selbst schützen.

Das mit Gerd passierte von einem Moment auf den anderen. Mit einem tiefen Lächeln im Gesicht setzte er sich an die Flussmündung, die schönste der Welt, zog nach verhältnismäßig kurzem Suchen sein Tagebuch aus dem Rucksack und fing an zu schreiben. Als er nach ein paar Seiten wieder aufstand, war seine Welt eine andere. Er versuchte zuerst noch, so zu tun, als ob nichts wäre, doch die Schmerzen waren zu stark. Jetzt will er unbedingt die Etappe zu Ende laufen.

Der Mann hat, außer in der Ehe und nach dem Mauerfall, noch nie wirklich kapituliert, und der achttägige Trail durch das größte und schönste noch erhaltene Kleinod der Welt ist, wie alles Wandern, auch ein bisschen Therapie. Mit etwas Glück löst sich das Problem im Gehen, solvitur ambulando.

Die Sonne scheint inzwischen, als ob man auf Malle wäre, 30 Grad sinds wohl, und der Weg führt nur noch an Steinstränden entlang, mühsames Geröllwandern ist es, endlose acht Kilometer bis hin zur Frolikha-Bucht, wo man einen 70 Meter breiten Fluss überqueren muss. Wer keinen Skipper dabeihat, baut sich hier ein Floß, wartet auf einen Fischer, aber das kann dauern. Oder er war so klug, ein kleines Gummiboot mitzuschleppen. Gerd sieht schlimm aus, er hat nicht mal einen roten Kopf von der Sonne.