Sibiriens Fernwanderweg Hier steppt der BärSeite 3/3

Drei Workcamps, etwa 40 Leute, Deutsche, Amerikaner, Schweizer, Franzosen und Russen, schufen letztes Jahr den Weg in zwei Wochen, creatio ex nihilo, mit Kettensäge, Spitzhacke und Spaten. Die Trailbauer zahlten den Flug selbst und zusätzlich 250 Euro dafür, dass sie bauen und sich abends am Lagerfeuer näherkommen durften. Als die Anwohner erfuhren, dass da ein paar Idealisten für sie arbeiten und dafür auch noch bezahlen würden, nahmen sie das Ding mit dem Ökotourismus erstmals ernst.

Am anderen Ufer trifft Frank einen reichen Russen, der eine Viertelmillion Euro in diverse Ökotourismusprojekte stecken will, einen Safaripark, Apartments für Reiche mitten in der Wildnis, Hausboote für die wohlhabende Mittelschicht. »Das ist zwar nicht meine Vorstellung von der Zukunft des Sees«, sagt Frank. »Eigentlich dürfte der Mensch hier gar nichts tun, aber es ist immer noch das kleinere Übel.« Das größere Übel wäre, wenn der Landrat, sozusagen der Chef der nördlichen Baikalseeregion, das an Blei und Zink reiche Land etwa an Chinesen verpachten würde. Frank düst hin und her, diskutiert, beschwichtigt und trinkt mit dem einen und dem anderen, um den Baikalsee vor zu viel Nutzung zu retten, »damit hier nicht alles den Bach runtergeht«. Das Ganze macht er ehrenamtlich, der Mann ist ein moderner Held.

Anzeige

Gerd nimmt das Versorgungsboot für die nächste Etappe. Es ist kalt, Nieselregen immer wieder, der Weg führt nur kurz am See entlang, geht dann durch die Wälder, stummes Laufen mit sich selbst, Fragen trekken durchs Hirn, warum man ein wenig beziehungsunfähig ist etwa und dass man ein besserer Mensch werden möchte und dass man es schaffen kann. Ist anstrengender als das Auf und Ab in den Wäldern, als die Moskitos, die sich auf der schweißnassen Haut festsaugen, und als das Überqueren von Flüssen auf Baumstämmen. Die Sonne kommt wieder, es wird Abend, ein Bad im See, danach Essen, ein weiterer Sonnenuntergang, der einem schon wieder die Sprache raubt. Sitzen am Lagerfeuer, ein paar Notizen mit Stirnlampe, Gerd führt Tagebuch, kommt langsam zurück ins Reich der mehr oder weniger Schmerzfreien, erzählt von sich. Haften bleibt dieser Satz: »Ich hatte das Glück, nie zwei Meinungen zu haben.« Dann ins Zelt, alles anziehen, was man dabeihat, weil sibirische Sommernächte saukalt sind. Aufstehen, alles abbrechen und weiterlaufen, weiterdenken, weiterträumen, sich weiter in den Baikalsee verlieben.

Flussüberquerung wie im Film: Schuhe aus, Hose runter und halb nackig rüber

Tag vier in der Ayaya-Bucht. Man ist mit sich so weit im Reinen, ist in zähen Kilometern zur Einsicht gekommen, dass man souveräner in allem werden muss, Souveränität als Lebensprinzip. Dass man sich nicht für eine Absicht schon belohnen darf, sondern erst für eine Tat, solche Sachen, und dass man es schaffen kann, weil man es heute morgen ja auch geschafft hat, bei Nieselregen und feuchtem Holz ein Feuer in Gang zu bringen. Es gibt Menschen an der Bucht, einige, sie haben sich breitgemacht, das stört nach der Einsamkeit der Wildnis.

Einige laufen hoch zum Frolikha-See, einer wirklichen Naturschönheit, wie man hört. Der Trail führt als Tagesetappe dorthin, aber man selbst wird nicht mit von der Partie sein, man muss zurück nach Nishneangarsk, von da nach Sewerobaikalsk, dann mit dem Zug in 32 Stunden nach Irkutsk und von dort mit dem Flieger über Moskau zurück in deutsche Wirklichkeiten. Eine Ochsentour, verglichen mit dem Trail, der nur Kondition braucht, Trittsicherheit und die Fähigkeit, sich selbst ein wenig zu mögen, weil die Einsamkeit sonst schmerzhaft wird. Die letzte Etappe ist eine doppelte, acht Stunden vielleicht, man läuft sie zusammen mit Frank. Auch mit dem ganzen Gepäck, bis nach Chakusy, wo es heiße Quellen gibt, ein paar Holzhäuser, einen Hafen und eine Bar. Kurz vor Chakusy noch die letzte Flussüberquerung, wie im Film, Schuhe aus, Hosen runter und halb nackig rüber, das Wasser hat vielleicht zehn Grad. Das letzte Abenteuer.

Danach ein Bad in den heißen Quellen, Bier aus Plastikbechern in der Bar ohne Namen, Sinead O'Connor dringt aus den Lautsprechern, Nothing compares to you. Ja, man ist glücklich, ganz kurz, aber der Abschied ist da wie ein unsichtbarer Bär. Mit einer 0,5-Liter-Wodkaflasche schließlich an den Strand, der Himmel ist klar, der See, der ein Meer ist, schlägt Wellen, drei Worte fallen einem ein: do swidanija, auf Wiedersehen, und spasiba, Danke, und na sdorowije, Prost.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Also, ich freue mich wirklich sehr etwas über den Baikalsee zu lesen. Aber es ist ein bisschen peinlich, wenn das Titelfoto unterschrieben ist mit "Einsame Buchten und Strände liegen entlang des Frohlika Adventure Coastline Tracks", es aber etwas ganz anderes zeigt. Nämlich einen Felsen in der Stadt Khuzhir auf der Insel Olkhon, der größten Insel im Baikalsee. Woher ich das weiß? Ich war selbst schonmal da und habe diesen wunderschönen See mit Felsen bei Sonnenuntergang gesehen. Ein unvergesslicher Augenblick. Dass der Felsen dort ist und nicht auf dem Frohlika Adventure Coastline Track, steht übrigens auch auf der verlinkten Flickr-Seite. Ziemlicher Schnitzer würde ich sagen oder Faulheit vom Autor? Überhaupt selbst dort gewesen? Vermutlich nicht, sonst könnte man den Artikel ja auch mit eigenen Bildern schmücken, der Text ist auch eher lahm. Ich hoffe wirklich, dass die Zeit-Redaktion nur bei Reise-Themen so schlampig arbeitet...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service