Es ist ein bisschen wie im Karneval, nur ohne Helau. Wildfremde Menschen fallen einander in die Arme und rufen »Herzlichen Glückwunsch!«. Wer Geburtstag hat? Wir alle. Die Besetzung des Hamburger Gängeviertels bestand am vergangenen Wochenende seit einem Jahr, und das wurde gefeiert. Und außer ein paar vergnatzten Nachbarn, die das »Wunder von Hamburg« vor allem als störenden Partylärm begreifen, scheinen in der Stadt so ziemlich alle ein wenig verknallt zu sein in die zwölf halb verfallenen Häuser und in die freundliche Truppe, die sie entdeckt und geöffnet hat. Selbst das Hamburger Abendblatt aus dem Springer-Verlag um die Ecke spricht jetzt von einer »freundlichen Übernahme«. Die grüne Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk, die in den ersten Monaten eisern geschwiegen hatte, gab der Zeitung zu Protokoll, sie habe sich von dem Protest »gern anstecken« lassen: »Gerade weil diese Initiative beides vereinen konnte: Kritik formulieren und einen Plan haben, was man inhaltlich will, und darin kommunikationsbereit sein.«

Was ist da bloß geschehen? Eine Stadt, die ihren Haushalt stolz als »Konzernbilanz« präsentiert, deren Stadtplanung durch die Finanzbehörde dirigiert wird und die mit der HafenCity programmatisch eine Retortenstadt für Besserverdienende baut: Ausgerechnet diese neoliberale Lehrbuch-Großstadt lässt sich von einem Haufen Künstler und Aktivisten bezirzen und verzichtet auf Immobilienverwertung in der Premium-1A-Lage eines zentralen Business- und Shopping-Distrikts?

Tatsächlich haben Hamburgs Politiker angesichts der breiten Unterstützung der Besetzer die Not zur Tugend gemacht. Haben sich zum Rückkauf des Areals bewegen lassen, weil sie keine andere Wahl hatten. Ein paramilitärisches Polizeikommando, das den bunten Haufen aus den Häusern zerrt? Das hätte all dem widersprochen, dessen sich die Hansestadt heute rühmt: Eine »boomende Kreativ-Metropole« mit »pulsierenden Szenen« möchte man sein, so verkünden es die Imagebroschüren und -filmchen.

Die Besetzer des Gängeviertels wussten das – und sie haben damit von Anfang an clever gearbeitet. Vor der Besetzung hatten sie monatelang recherchiert, Sympathisanten und Mitstreiter gewonnen, bei Ämtern und Presse vorsichtig die Stimmung abgeklopft. Sie kannten die Journalisten, die Denkmalschützer und Stadthistoriker, die hilflos zusahen, wie die Stadt ein letztes Überbleibsel der Arbeiterghettos dem Profit opfern wollte. Cholera und Hafenarbeiterstreiks, KPD-Dominanz und jüdisches Leben: Vom Deutschen Reich über die Nazis bis zur Adenauer-Ära hatte die Stadt immer wieder Gründe gefunden, noch eine schwierige Ecke abzureißen. Als die 200 Aktivisten der Komm-in-die-Gänge-Initiative am 22. August 2009 ihr »permanentes Hoffest« ausriefen, hatten sie manchen Behördenmitarbeiter und Lokalreporter auf ihrer Seite. Zumal da die Geldnot des holländischen Investors inzwischen bekannt war und der Weiterverkauf an den nächsten Spekulanten nur eine Frage der Zeit zu sein schien.

Tausende trieben sich jetzt Sonntag in den Gassen und Hinterhöfen, auf den steilen Stiegen und in den winzigen Buden herum. Nahmen tagsüber an Führungen teil, streunten durch die Ausstellungsräume und ließen ihre Kinder schminken. Abends verwandelte sich das Viertel in ein urbanes Camp mit Lesungen, Diskussionen, Konzerten und Filmen – im Laufe der Nacht wurde eine Diskurs-Partymeile daraus. Dicht gedrängt stand man in den Hinterhöfen, um sich bei Bier und Wodka bis zum Sonnenaufgang die Köpfe heiß zu reden. »Wo kommen die alle her?«, rief mir eine der Besetzerinnen mit Freudentränen in den Augen zu. »Hier ist doch eigentlich gar nichts los!«

So zeigte der Jahrestag einmal mehr, wie viele Identitäten in dem Projekt stecken. Da sind die Denkmalschützer, die sich um die Erinnerung an die widerständige, proletarische Vergangenheit sorgen. Da sind die Maler, Performer, Fotografen, Straßenkünstler und sonstigen Projektemacher, die die Gemäuer zu Ateliers, Werkstätten und Ausstellungsräumen umbauen. Da sind die linken Initiativen, die über das Recht auf Stadt debattieren und den Besetzungsstatus betonen. Und nicht zuletzt sind die Gänge eben auch ein Magnet für Kleinkunst und Nippes, für Teufelsgeigerinnen in Walla-Walla-Gewändern, deklamierende Poeten mit Zylinder oder Kunstschmiede, die in Feuertonnen die Basilika Sacré Coeur stanzen.

Von diesem Durcheinander ausgehend, will Komm in die Gänge ein Pilotprojekt für eine neue Art von Urbanismus sein. Man sieht sich als »Ausdruck eines anderen Verständnisses von Stadtentwicklung« und als »Modell für das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen«.

Die Hamburger Stadtentwicklungsbehörde dringt darauf, den Wildwuchs bald in geordnete Verhältnisse zu überführen: Sie will das Viertel zum Sanierungsgebiet erklären und es durch den privaten Träger STEG treuhänderisch verwalten und sanieren lassen. Ein Konzept, das bei den Besetzern nicht nur auf Gegenliebe stößt. Zum einen wollen sich die Aktivisten nicht abhängig machen von den Kostenberechnungen einer Stadtentwicklungsgesellschaft, die eigene Wirtschaftsinteressen hat. Zum anderen pochen sie auf Selbstverwaltung in allen Bereichen. »Wohnen, Arbeiten und öffentliche Veranstaltungen sind auf so engem Raum nicht möglich, wenn man uns von außen irgendwelche Leute reinsetzt«, sagt Christine Ebeling, eine der Sprecherinnen. »Alle, die das Viertel nutzen, müssen es auch gemeinsam tragen.« Und nicht zuletzt befürchten viele im Viertel, dass eine formelle Sanierung das Ende der experimentellen Euphorie sein könnte. In der Tat: Es wäre dem Gängeviertel zu wünschen, dass es nicht vor der Zeit zur Atelier-Mietergemeinschaft mit soziokulturellem Appendix altert. Und dass die Verhältnisse hier noch lange flüssig bleiben.