Selbstfindung Lieblingsfach Matte
Wie findet man das Glück? Beim Yoga, sagt Elizabeth Gilbert. Ihr Bestseller "Eat, Pray, Love" über eine Frau auf der Sinnsuche, kommt demnächst in die Kinos.
© Bryan Bedder/Getty Images

Die Autorin Elizabeth Gilbert bei der Premiere der Verfilmung ihres Buchs "Eat Pray Love" in New York City
An einem kalten Winterabend vor 15 Jahren in New York City ging ich zu meiner ersten Yoga-Stunde; dazu hatte ich mich in enge Jeans, Cowboystiefel und einen gefilzten Rollkragenpullover geworfen. Ich war auf Empfehlung einer Freundin losgezogen, die sich ernsthafte Sorgen um meinen ständig schmerzenden Rücken machte. Aber weder hatte sie erwähnt, dass ich etwas Sportliches anziehen solle, noch war ich selbst auf den Gedanken gekommen. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, dass es bei Yoga-Übungen um den Körper ging. Bitte meine Unkenntnis zu entschuldigen, aber irgendwie hatte ich etwas anderes erwartet; eine Art Vortrag? Infozettel und eine Literaturliste? Wie auch immer – ich wusste, was heute Abend auch auf mich zukam, ich würde Energie brauchen, um es durchzustehen. Also legte ich einen Zwischenstopp bei einer Pizzabude ein und genehmigte mir eine Hähnchen-Calzone und eine Cola light.
Muss ich noch erwähnen, dass ich damals so ohne Kontakt zu meinem Körper war, wie es schlimmer nicht sein kann? Vielleicht sollte ich besser sagen: Bis zu diesem Punkt meines Lebens hatte ich meinen Körper wie einen Mietwagen behandelt – nur geliehen, eine Schrottkarre, ein untaugliches Gefährt, das nur aus dem einen Grund existierte, um meinen Kopf von hier nach da zu bringen, um Dinge zu sehen, sich darüber Sorgen zu machen, darüber nachzudenken und Probleme zu lösen. Und mein Körper sorgte dafür, dass diese Jobs erledigt wurden, obwohl ich mich nie um diesen Körper gekümmert hatte. Zumindest erledigte mein Körper den Job so lange, bis meine chronischen Rückenschmerzen übermächtig wurden, ich nicht mehr schlafen und auch nicht mehr zur Arbeit gehen konnte, weil die Muskeln um meine Wirbelsäule so verkrampft waren, dass ich nicht mehr vom Teppich hochkam.
Aber das passierte mir ja nur ein paar Mal im Jahr! Das war schließlich völlig normal! Oder normal bei meiner Familie. Ich kann mich erinnern, dass ich an der Highschool in Musicals auftrat und beim Feldhockey mitmachte, und immer tat mir der Rücken weh. Ich arbeitete als Kellnerin und unternahm Ausritte auf Pferden, verliebte mich und tanzte auf Hochzeiten – und immer hatte ich Rückenschmerzen. Die ganze Familie der Gilberts hatte Rückenschmerzen. Ich kam nie auf die Idee, einmal keine Rückenschmerzen zu haben. Aber dann fing eine Freundin an, sich wegen meiner immer häufiger auftretenden Rückenschmerzen Sorgen zu machen und schlug mir vor, es doch mit Yoga zu versuchen; und ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden – was soll’s! –, ging ich einfach hin.
- Elizabeth Gilbert
Elizabeth Gilbert, 41, wuchs in Connecticut auf. Bevor sie Schriftstellerin wurde, war sie Kolumnistin bei Spin und Gentlemen’s Quarterly. Ihr bekanntestes Werk ist der autobiografische Roman Eat, Pray, Love – Eine Frau auf der Suche nach allem quer durch Italien, Indien und Indonesien. Er verkaufte sich sieben Millionen Mal und wurde in 30 Sprachen übersetzt. In Deutschland ist er bei BVT erschienen. Im September kommt die Verfilmung ins Kino. Die Hauptrolle spielt Julia Roberts.
Als ich den Yoga-Raum betrat, wurde mir ziemlich schnell klar, dass dieser Yoga-Kram nichts für mich war. Es roch sehr feierlich nach Räucherstäbchen, was auf jemanden, der eher an den Geruch von Zigaretten und Bier gewöhnt war, fürchterlich ernst und übertrieben wirkte. Und dann diese Musik! (Tibetische Chants, Himmel, hilf!) An der vorderen Wand des Raums stand etwas, das sich tatsächlich als Altar entpuppte, und auch das war offensichtlich kein Witz. Und dann fing die Lehrerin – eine ernsthafte, in die Jahre gekommene Hippietante in einem ernsthaften, in die Jahre gekommenen Gymnastiktrikot – an, über om als den Urlaut des Universums daherzuplappern und so weiter.
Ehrlich gesagt, war das alles ein bisschen viel für mich. Schließlich war ich eine junge Frau, die keinen Schritt vor die Wohnungstür setzte, ohne vorher in ihre eng anliegende Schutzweste aus Sarkasmus geschlüpft zu sein. Und da wir gerade bei eng anliegend sind: der wollene Rollkragenpullover erwies sich kleidungstechnisch als grobe Fehlentscheidung, denn im Unterrichtsraum war es inzwischen drückend heiß. Außerdem schnitten die Jeans jedes Mal in meinen Bauch, wenn ich mich nach vorn beugte, um nach meinen Zehen zu greifen – und die Lehrerin hielt uns wieder und wieder dazu an, uns nach vorn zu beugen und nach unseren Zehen zu greifen, was mir für die erste Unterrichtsstunde doch ein wenig rücksichtslos erschien, um ehrlich zu sein.
Am schlimmsten aber war, dass es die Calzone wieder zurück ans Tageslicht zu drängen schien. Eigentlich fühlte ich mich die ganze Zeit selbst wie eine Pizza Calzone – vollgestopft und gebacken und inmitten von etwas sehr, sehr Merkwürdigem.
Und dann.
Und dann kam der Augenblick. Es war etwa eine Stunde vergangen, und der Schweiß brannte in den Augen (meine Augen, die ich die ganze Zeit über in hämischem Ich-glaub’s-ja-wohl-nicht verdreht hatte). Die Lehrerin ließ uns dieses Dingsda machen – dieses merkwürdige, gekrümmte, Sich-hinlegen-Dingsda. Wir sollten uns flach auf den Rücken legen und dann die Knie hoch an die Brust ziehen, woraufhin sie uns aufforderte, die Knie (und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sagte »liebevoll«) langsam nach rechts zu neigen, gleichzeitig die Arme auszustrecken und den Kopf nach links zu drehen.
Aha! Das war nun etwas ganz anderes. Es war, genau genommen, eine Offenbarung, das war mir sofort klar. Ich wusste unmittelbar, dass meine Wirbelsäule noch nie eine so einfache und doch höchst präzise Form angenommen hatte – diese Drehung, dieses Ausgreifen, diese tief gehende Dehnung. Irgendetwas verschob sich. Irgendetwas hob sich. Und trotz der engen Jeans, des kratzigen Pullovers und der undurchdringlichen Sarkasmus-Schutzweste – von irgendwo ganz tief unter alldem begann meine Wirbelsäule mit mir zu reden, ja geradezu aufzuschreien. Es hörte sich an wie: »Ach du lieber Himmel, bei allen Engeln des Paradieses – bitte hör nicht auf, genau das habe ich immer gebraucht, und genau das brauche ich jetzt jeden Tag bis an mein Lebensende, na endlich, endlich, endlich…«
Und dann kam diese trottelige, alte Hippietante in ihrem trotteligen, alten Trikot und drückte mit der einen Hand sanft gegen meine Hüfte, und mit der anderen drückte sie gegen die Schulter, um die Dehnung noch ein klein wenig zu verstärken — und ich brach in Tränen aus.
Bitte verstehen Sie mich richtig – ich meine nicht, dass ich ein bisschen schniefte oder eine Träne verdrückte; nein, ich heulte unüberhörbar los. Und als ich da heulend lag und mich beim Drehen öffnete, voller Sehnsucht, betend, zweifelnd, ganz vom Wunsch erfüllt, ein besserer Mensch zu sein, und mich bei dem verwegenen Gedanken erwischte, die Erste in meiner Familie zu werden, die nicht jeden Tag Rückenschmerzen hat, war ich ganz erfüllt von der plötzlichen und schockierenden Erkenntnis, dass es in diesem Leben noch andere Formen von Einsicht gibt, die wir aber nur über den Körper erfahren können.
Damals jedenfalls fehlten mir für all das die Worte, aber inzwischen habe ich gelernt, dass ich dabei war, meine Lungen und mein Herz mit etwas zu füllen, das die Yoga-Lehre Shakti nennt.
Diese Yoga-Sache war nicht nur eine Möglichkeit, die absehbar lebenslangen Rückenschmerzen loszuwerden, sie war ein wirklicher Augenöffner. Eine Art Heimkehr. Ich fühlte mich eins mit den energetischen Subschwingungen des Universums. Toll!
Ich schlurfte hinkend nach Hause, wie betäubt.
Davon brauche ich mehr, sagte ich mir immer wieder. Davon brauche ich viel, viel mehr.
Seit dieser Nacht vor fünfzehn Jahren habe ich genau das getan: Ich habe mir mehr davon gegönnt. Viel, viel mehr. Im Grunde habe ich mir Jahre voller Yoga gegönnt. Ich habe in der ganzen Welt Yoga gemacht, wo immer ich auch gerade war – von Mumbai über Nashville bis Santiago und überall zwischendrin.
Ich bin dem Yoga treu geblieben auf eine Art, wie ich nie einem »Hobby« treu geblieben bin; was nur zeigt, dass Yoga kein Hobby für mich ist, sondern das Paradies. Wenn ich in einer mir fremden Stadt einen guten Yoga-Kurs finde, dann ist das ein ähnliches Gefühl, wie es vielleicht die Katholiken des Altertums hatten, wenn sie in irgendeiner Stadt im Irgendwo unerwartet in eine lateinische Messe stolperten; bei den ersten vertrauten Silben des Ritus waren sie »zu Hause«.
Und wissen Sie was? Es muss noch nicht mal ein guter Yoga-Kurs sein. Garrison Keilor hat einmal gesagt, dass der schlechteste Kürbiskuchen, den er je gegessen hat, auch nicht so viel schlechter geschmeckt hat als der beste Kürbiskuchen, den er je gegessen hat – und genau so geht es mir in Bezug auf einen Yoga-Kurs. Selbst in den schluffigsten und primitivsten Studios habe ich immer alle Möglichkeiten gehabt, mich zu verwandeln. Ich habe durchaus eine ganze Reihe hervorragender Lehrer erlebt, aber ich fürchte auch ein paar echte Trottel (darunter eine Frau, die die Teilnehmer ihres Kurses immer wieder antrieb: »Macht schon! Schaut euch eure Nachbarin an, und versucht genau das, was sie macht!«). Es macht so oder so keinen gewaltigen Unterschied.
Als ich erst mal die Grundlagen meines eigenen Yoga erkannt hatte – erkannt hatte, wo die Grenzen meines Körpers liegen und was er braucht –, wusste ich, dass ich jederzeit auch unter Anleitung eines anderen mein eigenes Yoga perfekt praktizieren konnte, egal, wie fehlerbehaftet der andere (oder ich) auch sein mochte.
Immer wieder im Laufe meiner nun fünfzehnjährigen Yoga-Praxis bin ich müde und bedrückt und ausgebrannt zu meinem Kurs gegangen, aber jedes Mal passiert irgendetwas, meiner Müdigkeit und meinem Widerstand gleichsam zum Trotz. Als ich an jenem Abend nach meiner ersten Yoga-Stunde in den engen Jeans und dem Schwitzpullover nach Hause ging, habe ich mir gesagt: Du bist nicht die, die du immer zu sein geglaubt hast – und diese Lektion habe ich über die Jahre hinweg wieder und wieder neu gelernt.
Jedes Mal kommt der heilige Augenblick (meistens zur Mitte der Stunde hin), in dem ich plötzlich spüre, dass ich meine Schmerzen und Schwächen, dass ich meinen schwerfälligen menschlichen Geist abgestreift und mich einen Wimpernschlag lang in etwas anderes verwandelt habe: einen Adler, eine Katze, einen Kranich, einen Delfin, ein Kind.
Und dann gehe ich wieder nach Hause, stecke wieder in meiner eigenen Haut und wage einen neuen Versuch in Sachen Leben, jedes Mal besser. Und alles ist besser, viel besser. Nebenbei, meine undurchdringliche Weste hat sich in Luft aufgelöst. Und mein Rücken? Nein, der tut nicht mehr weh.
- Datum 30.08.2010 - 11:35 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 26.08.2010 Nr. 35
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ist auf dem Foto nur dieses Verkäuferlächeln zu sehen. OberlehrerINNINNhaft - Ich-weiß-alles -- Komm`zu mir
Mit Komerz hat dies nichts zu tun - kann ich mir nicht vorstellen
lächelt diese frau nur in die kamera, mit stolzfunkelnden augen - was soll daran so schlimm sein? und der kommerz - sie vermarktet ja offensichtlich ein buch und den film dazu. doch müssen sie weder das buch lesen noch den film anschauen...werde ich auch nicht tun. doch manche menschen verdienen sich so ihr geld, und yoga tut tatsächlich niemanden weh. eifersüchtig? ;)
lächelt diese frau nur in die kamera, mit stolzfunkelnden augen - was soll daran so schlimm sein? und der kommerz - sie vermarktet ja offensichtlich ein buch und den film dazu. doch müssen sie weder das buch lesen noch den film anschauen...werde ich auch nicht tun. doch manche menschen verdienen sich so ihr geld, und yoga tut tatsächlich niemanden weh. eifersüchtig? ;)
und cha-cha-cha???
na ja - Yoga, ja ... eben:
http://www.youtube.com/wa...
Immerhin, Shakti wird ja schonmal erwähnt ...
lächelt diese frau nur in die kamera, mit stolzfunkelnden augen - was soll daran so schlimm sein? und der kommerz - sie vermarktet ja offensichtlich ein buch und den film dazu. doch müssen sie weder das buch lesen noch den film anschauen...werde ich auch nicht tun. doch manche menschen verdienen sich so ihr geld, und yoga tut tatsächlich niemanden weh. eifersüchtig? ;)
Wer über längere Zeit Yoga praktiziert hat, weiß wovon diese
Dame spricht. Mir und allen Freunden, die regelmäßig Yoga machen, hat es nicht nur eine bessere Gesundheit und Beweglichkeit gebracht, sondern auch immer wieder ein entspanntes Lächeln ins Gesicht gezaubert. Übrigens, jenseits
allen Kommerzes.
hier? geheime werbung für buch oder film, geschrieben von einer offensichtlich klassisch dümmlich, oberflächlichen amerikanerin?
allein die sätze zu lesen tut weh.
Was Elizabeth Gilbert über Yoga schreibt, wird jeder, der ihn ernsthaft und regelmässig praktiziert, bestätigen. Yoga ist nicht nur eine der ältesten, sondern vielleicht auch das wirksamste Selbstverbesserung-System, das der Mensch entwickelt hat, ein System welches in seiner Integrität (8 Stufen) zu einer Art Selbstfindung , Erleuchtung und Wahrnehmung einer universalen oder göttlichen Kraft führen kann. Es ist jedoch keine Glaubenslehre, sondern ein Erfahrungsweg. Es gibt in Stein gemeisselte Beweise dafür, dass die Geschichte des Yoga in Indien fünftausend Jahre zurückgeht und zu verschiedenen Systemen geführt hat. Erst Ende des 19./Anfang 20. Jahrhunderts wurde Yoga im Westen bekannt und gewann zunehmend an Popularität, vornehmlich die Körper- Atem- und Meditationsmethoden. Der klassische Hatha-Yoga wurde Ausgangspunkt für moderne Systeme wie die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Joseph Pilates entwickelte und nach ihm benannte weltweit praktizierte Heiltherapie. Feldenkrais, Bikram, Iyengar, Kripalu sind weitere neuzeitliche Yoga-Richtungen.
Mehr unter:
http://community.zeit.de/...
Da haette man mehr darsu machen koennen.
Yoga, das ist nicht nur begrenzt auf die Leibesuebungen,
sondern umfasst auch Moral, Ernaehrung, Atemtechniken uvm.
"Ich fühlte mich eins mit den energetischen Subschwingungen des Universums."
Das war zuviel des Guten...
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