Nahost-Konflikt Neunter Versuch

Obama zwingt Israelis und Palästinenser an den Tisch. Noch aber sind beiden die Kosten des Friedens zu hoch.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (l.), US-Präsidenten Barack Obama und der israelische Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu (m.)

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (l.), US-Präsidenten Barack Obama und der israelische Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu (m.)

Szene neun in der endlosen Tragödie um die Parzelle zwischen Mittelmeer und Jordan. Acht Mal haben sich Israelis und Palästinenser seit 1979 getroffen. Vier US-Präsidenten haben resigniert. Jetzt will es der fünfte, Barack Obama, wissen. Für Donnerstag hat er Israelis und Palästinenser, Ägypter und Jordanier an den Washingtoner Tisch beordert. Schmal ist die Chance, dass Szene neun zum Happy End führen wird. 

Zuerst die guten Nachrichten. Der Terror sinkt gen null; anders als der ewige Zündler Arafat sind Präsident Abbas und Premier Fayad an einem halbwegs haltbaren Deal interessiert. Auch Netanjahu hat sich zur Zweistaatlichkeit durchgequält. Die Anrainer in Amman und Kairo werden das Geschäft zumindest nicht sabotieren wollen – anders als Iran oder Syrien.

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Die schlechten Nachrichten? So bizarr es auch klingt, haben weder die Israelis noch die Palästinenser einen überwältigenden Grund zum Positionswechsel. Ja, die Palästinenser leiden unter Besatzung und Besiedelung; sie wollen endlich den eigenen Staat. Nur sind die Kosten enorm. Sie müssten sich mit einem Drittel des Landes begnügen, wo ihnen doch das ganze gebühre. Sie müssten das Rückkehrrecht opfern, denn das wäre das demografische Ende des Staates Israel. Und sie müssten die militärische Oberaufsicht akzeptieren, weil schon weitreichende Artillerie Israels Herz treffen könnte.

Die Israelis hätten es nicht leichter: das halbe statt des ganzen Jerusalem; nie mehr »Judäa und Samaria«; Verlust des strategischen Puffers im Osten, die Zwangsumsiedlung aus dem Westjordanland, die den Bürgerkrieg heraufbeschwört. Im Inneren stünden beide Regierungen mit jeder Konzession als »Verräter« vor dem politischen Selbstmord. Netanjahu könnte schon morgen stürzen; zu labil sind alle israelischen Koalitionen. Abbas und Fayad dräut Schlimmeres: die Kugel oder Autobombe.

Deshalb wird auch beim neunten Mal kein großer Wurf gelingen, nicht einmal ein mittlerer. Trotzdem wieder bessere Nachrichten. Noch nie sind Palästinenser und Israelis so geschäftsmäßig miteinander umgegangen wie heute. Vor der Weltöffentlichkeit geben sie die mürrischen Buben; hinter den Kameras praktizieren sie nie da gewesene Koexistenz – mit aufsteigender Tendenz.

Die Palästinenser unter Fayad bauen zum ersten Mal ein Gerüst staatlicher Institutionen. Der Premier hat es offenbar geschafft, das Gewaltmonopol zu sichern. Die Korruption – Arafats Herrschaftsprinzip – sinkt, die Wirtschaft wächst dreimal so schnell wie die deutsche. Im Westjordanland werden keine neuen Häuser gebaut, meldet Israels Statistik-Amt jedenfalls für das erste Quartal. Die Armee räumt Straßensperren ab. Und sie stellt die Lebensversicherung für Abbas und Kollegen aus. Auf dieser Bühne läuft das Erbauliche hinter den Kulissen ab.

Auf der Washingtoner Bühne aber wird jeder versuchen, dem anderen die Schuld am Scheitern aufzudrücken. Also steht auch der Wutanfall Obamas auf dem Programm. Er hat zu viel Prestige investiert – als ob das Wohl und Wehe seiner gesamten Nahostpolitik von Jerusalem und Ramallah abhinge, zwei Städten, die bequem Platz in Hannover fänden.

Was gern als »Kern« des Nahostkonflikts tituliert wird, ist an den Rand der Bühne gerückt, die von Ankara bis Afghanistan reicht. Ob Palästina gelingt oder nicht, wird Obamas eigene Albträume nicht verjagen. Iran greift nicht zur Bombe, um die Juden vom Tempelberg zu vertreiben. Teherans Feind ist der »Große Satan«, sein Ziel die regionale Vorherrschaft. Geht Afghanistan verloren, dann nicht wegen der verkeilten Fronten zwischen Hebron und Haifa. Stürzt der Irak von der Besatzung in den Bürgerkrieg, wäre der verfrühte Abzug daran schuld, nicht die Verbohrtheit der Nebendarsteller am Bühnenrand.

Der Staat der Palästinenser wird in Washington nicht entstehen

Wie Bush versucht auch Obama verzweifelt, die Saudis in ein Bündnis gegen Teheran zu locken. Zaunkönig Abdullah verweigert den Sprung aber nicht, weil zuerst die grüne Flagge des Propheten über Jerusalem wehen möge. Er wagt es nicht, die Mächtigen von Teheran zu provozieren – erst recht nicht angesichts der amerikanischen Abzugspläne für den Irak und Afghanistan. Wer ein Bündnis mit dem Großen Bruder will, weist nicht dessen Truppen außer Landes, wie es Riad getan hat. Al-Qaida hat Palästina erst im Nachklapp entdeckt; »9/11« galt den Ungläubigen, die heiligen islamischen Boden entweiht hatten. 

Damaskus betrachtet den Libanon nicht als Teil von Groß-Syrien, weil Israels Justizminister an der Saladinstraße von Ost-Jerusalem residiert. Der Anspruch besteht, seitdem Paris und London 1920 Nahost unter sich aufteilten, nicht erst seit dem Sechstagekrieg. Richtig ist, dass Arabiens Herrscher gern auf den »Kern« des Nahostkonflikts zeigen, um allerlei Unterdrückung zu rechtfertigen. Daraus folgt leider nicht, dass sie freie Wahlen nach der Proklamation eines Palästinenser-Staates ausrufen würden.

Die Palästinenser verdienen ihren Staat, aber er wird nicht in Washington entstehen. Seine Paten werden die Erschöpfung und das tägliche Geben und Nehmen sein. Sicherheit wird Vertrauen bilden und umgekehrt. Zu unseren Lebzeiten? Wir müssen es beiden wünschen. Erst aber müssen sie den 26. September schaffen. Dann endet Netanjahus Baustopp für Ost-Jerusalem; wird er aufgehoben, will Abbas zu Beginn der neunten Szene den Vorhang fallen lassen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • chamsi
    • 02.09.2010 um 9:27 Uhr

    sind immer die Hinweise darauf, dass Israel mit der
    Zwangsräumung der Westbank einen "Bürgerkrieg"
    riskieren würde.
    (Was sicherlich zutrifft, wenn man an die religösen
    Siedler denkt und an etliche Rabiner, die permanent zum Hass gegen die Feinde Israels aufrufen,womit sie nicht nur die Araber meinen, sondern auch liberale Israelis)
    Aber genau dieses Problem hat Israel sich selbst doch bewußt mit der staatlich geförderten Siedlungspolitik auf okkupiertem Gebiet geschaffen!
    Sollte es zu einer 2Staatenlösung und einer "Umsiedlung nach Israel"kommen, bin ich sehr gespannt, wer dann für die "finanziellen Ausgleichszahlungen" an religiöse Siedler zur Kasse gebeten wird.

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    "[...] liberale Israelis"

    Diesen Terminus verwenden Sie sehr häufig, meinen damit aber Leute von Uri A. bis Mosche Z.. Diese sind aber nicht liberal, sondern irgendwo zwischen links und linksradikal. Wissen Sie eigentlich, was Liberalismus ist?

    "Aber genau dieses Problem hat Israel sich selbst doch bewußt mit der staatlich geförderten Siedlungspolitik auf okkupiertem Gebiet geschaffen!"

    Das Problem hat Israel geschaffen, aber sicher nicht bewußt. Außerdem schafft das die Tatsache, daß das Problem existiert und eine Lösung dafür gefunden werden muß, ja nicht aus der Welt. Einmal mehr scheint es Ihnen wichtiger zu sein, Schuld zuzuweisen, anstatt über pragmatische und konkrete Lösungen für existierende Probleme nachzudenken.

    "[...] liberale Israelis"

    Diesen Terminus verwenden Sie sehr häufig, meinen damit aber Leute von Uri A. bis Mosche Z.. Diese sind aber nicht liberal, sondern irgendwo zwischen links und linksradikal. Wissen Sie eigentlich, was Liberalismus ist?

    "Aber genau dieses Problem hat Israel sich selbst doch bewußt mit der staatlich geförderten Siedlungspolitik auf okkupiertem Gebiet geschaffen!"

    Das Problem hat Israel geschaffen, aber sicher nicht bewußt. Außerdem schafft das die Tatsache, daß das Problem existiert und eine Lösung dafür gefunden werden muß, ja nicht aus der Welt. Einmal mehr scheint es Ihnen wichtiger zu sein, Schuld zuzuweisen, anstatt über pragmatische und konkrete Lösungen für existierende Probleme nachzudenken.

    • chamsi
    • 02.09.2010 um 9:45 Uhr

    und zur Unterschätzung seiner bisherigen Leistungen
    und seines Rückhalts bei den Palästinensern der
    Westbank in der heutigen Ausgabe von HAARETZ

    http://www.haaretz.com/pr...

    • chamsi
    • 02.09.2010 um 10:11 Uhr

    die Araber, die jetzt in Israel leben, haben dort schon VORHER gelebt.
    Die Siedler (300.000) sind in die Westbank gezogen, es wurde
    dort palästinensisches Gebiet enteignet, palästinensische
    Siedlungen "entfernt", Olivenbaumplantagen plattgemacht...
    Das Land gehört ihnen nicht, es muß den rechtmäßigen
    Besitzern zurückgegeben werden.

    Antwort auf "Siedlungen"
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    • lepkeb
    • 02.09.2010 um 12:45 Uhr

    auf mit dem gebt den "Palästinensern" besser Arabern ihr Land zurück. Wenn sie so argumentieren, dann sollten sich die Israelis auf den Beschluss von San Remo 1922 beziehen, da wird dann richtig Freude aufkommen und die ganze Diskussion ist überflüssig und die "Palästinenser" können sich mit ihren Forderungen an die Engländer und Franzosen wenden.
    Wenn man noch weiter in die Vergangenheit geht dann sind wir bei 1211 v.Chr.. Da gibt es eine Schriftrolle (naja nicht ganz, ein Stein) im Museum von Kairo die erstmalig von Israel spricht.
    Und in Analogie zu ihrer Argumentaton müssten die Dt. auch Schlesien, Elsaß etc. zurückbekommen, die Dt. haben zwar wie die Araber den Krieg verloren und das Land wurde von den Gewinnern aufgeteilt und okkupiert (wie z.B. nach dem Sechs Tage Krieg), aber es ist ja jetzt vorbei 60 Jahre her und müsste lt. ihrer Argumentation zurückgegeben werden. Und das wird auch nicht passieren.

    "die Araber, die jetzt in Israel leben, haben dort schon VORHER gelebt."

    Nein, haben sie nicht. Ein kleiner Teil der in Israel lebenden Araber ist als Besatzer mit der islamischen Expansion gekommen, der weitaus größere Teil ist erst eingewandert, nachdem die ersten jüdischen Einwanderer für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Region gesorgt hatten. Egal, welche Perspektive Sie wählen: die Juden waren zuerst da, und wurden dann vertrieben.

    "Die Siedler (300.000) sind in die Westbank gezogen, es wurde dort palästinensisches Gebiet enteignet, [...]"

    Letztes Mal wußten Sie nicht einmal, daß über 800.000 nach 1948 Juden aus den arabischen Ländern vertrieben wurden. Dieses Mal wissen Sie nicht, daß im Westjordanland, in Gaza und in Ostjerusalem jahrtausendelang immer Juden gelebt haben, bis Jordanien diese Gebiete 1948 "judenrein" gemacht hat. Möchten Sie sich nicht bitte wirklich einmal seriös darüber informieren, worüber Sie sich auslassen?

    "Das Land gehört ihnen nicht, es muß den rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden."

    Nein, der Traum von Großisrael ist ausgeträumt. Heute geht es (hoffentlich) nur noch um pragmatische Lösungen.

    • lepkeb
    • 02.09.2010 um 12:45 Uhr

    auf mit dem gebt den "Palästinensern" besser Arabern ihr Land zurück. Wenn sie so argumentieren, dann sollten sich die Israelis auf den Beschluss von San Remo 1922 beziehen, da wird dann richtig Freude aufkommen und die ganze Diskussion ist überflüssig und die "Palästinenser" können sich mit ihren Forderungen an die Engländer und Franzosen wenden.
    Wenn man noch weiter in die Vergangenheit geht dann sind wir bei 1211 v.Chr.. Da gibt es eine Schriftrolle (naja nicht ganz, ein Stein) im Museum von Kairo die erstmalig von Israel spricht.
    Und in Analogie zu ihrer Argumentaton müssten die Dt. auch Schlesien, Elsaß etc. zurückbekommen, die Dt. haben zwar wie die Araber den Krieg verloren und das Land wurde von den Gewinnern aufgeteilt und okkupiert (wie z.B. nach dem Sechs Tage Krieg), aber es ist ja jetzt vorbei 60 Jahre her und müsste lt. ihrer Argumentation zurückgegeben werden. Und das wird auch nicht passieren.

    "die Araber, die jetzt in Israel leben, haben dort schon VORHER gelebt."

    Nein, haben sie nicht. Ein kleiner Teil der in Israel lebenden Araber ist als Besatzer mit der islamischen Expansion gekommen, der weitaus größere Teil ist erst eingewandert, nachdem die ersten jüdischen Einwanderer für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Region gesorgt hatten. Egal, welche Perspektive Sie wählen: die Juden waren zuerst da, und wurden dann vertrieben.

    "Die Siedler (300.000) sind in die Westbank gezogen, es wurde dort palästinensisches Gebiet enteignet, [...]"

    Letztes Mal wußten Sie nicht einmal, daß über 800.000 nach 1948 Juden aus den arabischen Ländern vertrieben wurden. Dieses Mal wissen Sie nicht, daß im Westjordanland, in Gaza und in Ostjerusalem jahrtausendelang immer Juden gelebt haben, bis Jordanien diese Gebiete 1948 "judenrein" gemacht hat. Möchten Sie sich nicht bitte wirklich einmal seriös darüber informieren, worüber Sie sich auslassen?

    "Das Land gehört ihnen nicht, es muß den rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden."

    Nein, der Traum von Großisrael ist ausgeträumt. Heute geht es (hoffentlich) nur noch um pragmatische Lösungen.

  1. "Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Friede ist der Weg"

    M. Gandhi

    Solange wir keinen Frieden für Israel UND Palästina,
    Palästina UND Israel in Gedanken tragen können,

    solange tragen unsere Gedanken nichts zur Entstehung eines dauerhaften Friedens DORT bei.

    Das Gegenteil ist gewiss der Fall. Lagerdenken mischt Beton und verfestigt die Lager.

    Jeder Schmetterlingsflügelschlag hat Auswirkungen auf das Universum (Lao-Tse)

    "Seine Paten werden die Erschöpfung und das tägliche Geben und Nehmen sein. Sicherheit wird Vertrauen bilden und umgekehrt. Zu unseren Lebzeiten? Wir müssen es BEIDEN wünschen."

    Herr Joffe, diesen ihren Worten stimme ich ausnahmsweise mal uneingeschränkt zu !!!!

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    Ich hatte auf Ihr Posting schon 1200 Zeichen geschrieben, dann wollte ich kurz etwas recherchieren. Dabei bin ich auf folgendes Interview mit zwei jungen Leuten aus Israel und Palästina gestoßen, die respektvoll miteinander umgehen, aber auch ihre Positionen deutlich machen:

    http://www.j-zeit.de/arch...

    Ich hatte auf Ihr Posting schon 1200 Zeichen geschrieben, dann wollte ich kurz etwas recherchieren. Dabei bin ich auf folgendes Interview mit zwei jungen Leuten aus Israel und Palästina gestoßen, die respektvoll miteinander umgehen, aber auch ihre Positionen deutlich machen:

    http://www.j-zeit.de/arch...

    • StGem
    • 02.09.2010 um 11:25 Uhr

    Erstaunlich. Warum, frage auch ich, muss denn Palästina judenfrei werden? Warum sollten die Palästinenser nicht in der Lage sein, mit einer jüdischen Minderheit zu leben?

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    Dazu habe ich hier:
    http://www.zeit.de/politi...
    etwas geschrieben...

    Dazu habe ich hier:
    http://www.zeit.de/politi...
    etwas geschrieben...

    • Gafra
    • 02.09.2010 um 11:28 Uhr

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