Auch in dieser Woche befasst sich die ZEIT wieder mit den Thesen aus Thilo Sarrazins Streitschrift Deutschland schafft sich ab. Verbreiten wir nicht dadurch erst jene Gedanken, die fast alle Journalisten und Politiker in diesen Tagen so verurteilen? Ja, wir tun Thilo Sarrazin und seinem Buch damit einen Gefallen. Und doch ist es notwendig, sich mit seinem Pamphlet auseinanderzusetzen.

Thilo Sarrazin ist auf dem Weg, ein Volksheld zu werden; ein Rausschmiss aus dem Vorstand der Bundesbank oder aus der SPD würden ihm sogar noch Märtyrerweihen verleihen. Allein das Gespräch, das meine Kollegen Özlem Topçu und Bernd Ulrich in der vergangenen Woche mit ihm geführt haben (ZEIT Nr. 35/10), provozierte innerhalb von wenigen Tagen 1100 Kommentare auf ZEIT ONLINE – und damit den höchsten je gemessenen Erregungspegel. Zwei Drittel der Kommentatoren äußerten zumindest Verständnis für Thilo Sarrazin.

Gegen die Macht der Vorurteile und Ängste helfen nur gute Argumente. Im Ressort Wissen haben ZEIT -Redakteure deshalb den neuesten Stand der internationalen Intelligenzforschung zusammengetragen. Ausgerechnet Elsbeth Stern, eine Wissenschaftlerin, auf die sich Thilo Sarrazin beruft, widerlegt dessen These der angeblichen Vererbbarkeit von Dummheit. In der Politik analysiert Bernd Ulrich, warum in Deutschland Debatten über Migranten immer aus dem Ruder laufen. Und Hilal Sezgin, Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters, beschreibt im Feuilleton, wie eine Gesellschaft, die sie oft als islamfeindlich empfindet, sie erst zu dem gemacht hat, was sie nie werden wollte: eine überzeugte Muslimin

Es gibt allerdings auch ein Thema, bei dem Thilo Sarrazin schwer zu widerlegen ist: Der Anteil von Türken und Arabern unter Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, unter Jugendlichen ohne Ausbildung und Schulabschluss sowie unter jungen Gewalttätern ist überproportional hoch. Hier hat die liberale Öffentlichkeit lange weggeschaut. Und obwohl die Fakten seit Jahren bekannt sind, reagieren viele Wohlmeinende immer noch mit den alten Reflexen. So schlagen Kirsten Heisig posthum Kritiken entgegen, die mit Zahlenbesserwisserei jene Realität zu vernebeln versuchen, die sie als Jugendrichterin in Berlin erlebt und so eindrucksvoll beschrieben hat.

Überhaupt sind Kirsten Heisig und Thilo Sarrazin Antipoden in einer Debatte, die beide mit angestoßen haben: Die Richterin hat aus der Beobachtung der Missstände praktische Konsequenzen gezogen und ein strengeres Strafmodell etabliert, das Nachahmung findet. Sarrazin hingegen brandmarkt und stößt vor den Kopf, um die Folgen kümmert er sich nicht. Dabei wäre das jetzt die Aufgabe: die Defizite der Integration zu bekämpfen – ohne Schönfärberei und ohne Übertreibung.