Ein Gutachten, zwei Meinungen: Gerade haben mehrere Forschungsinstitute ihre sehnlichst erwartete Expertise über Deutschlands mögliche Energiezukunft bei der Regierung abgeliefert, schon streiten sich die Auftraggeber über die Ergebnisse. Rainer Brüderle, der Bundeswirtschaftsminister, glaubt nun endlich den wissenschaftlichen Beweis dafür zu haben, dass Deutschlands Atommeiler noch viele Jahre Strom produzieren sollten – während Umweltminister Norbert Röttgen allenfalls Anlass sieht, Deutschlands Kernkraftwerke wenige Jährchen länger als geplant am Netz zu lassen. Wie ein derart umstrittenes Werk zur Grundlage eines langfristigen Energiekonzepts werden soll, ist zwar rätselhaft. Dennoch soll es in einem Monat so weit sein. Dann soll das Energiekonzept der Regierung stehen, einschließlich der Entscheidung über längere Meilerlaufzeiten.

Nähmen Angela Merkel & Co allerdings ernst, was ihnen die Gutachter aufgeschrieben haben, dann gäben sie dieses Vorhaben schleunigst auf. Denn gleichgültig, ob sie sich für fünf, zehn oder fünfzehn zusätzliche Meilerjahre entscheiden, vergrößern sie sehenden Auges vorerst nur das Chaos. Warum? Weil auch danach kein potenzieller Investor weiß, wohin die energiepolitische Reise geht. Er weiß es schon seit der Bundestagswahl im vergangenen Jahr nicht, und er wird es auch Ende September nach der Kabinettsentscheidung über die Laufzeitverlängerung nicht wissen.

Schließlich haben SPD und Grüne glaubhaft angekündigt, jede am Bundesrat vorbei beschlossene Laufzeitverlängerung beim Bundesverfassungsgericht anzufechten. Vermutlich wird das höchste Gericht höchste Sorgfalt bei einer so wichtigen Entscheidung walten lassen. Monate, wenn nicht gar Jahre werden also ins Land gehen, bis Planungssicherheit herrscht – die das Ergebnis der nächsten, dann nicht mehr fernen Bundestagswahl wieder zerstören könnte.

Was sagen die von der Regierung bestellten Gutachter zu solchen Aussichten? Ohne Planungssicherheit bestehe die Gefahr, "dass Investitionen aufgeschoben werden mit negativen Konsequenzen für die Versorgungssicherheit". Mit anderen Worten: Es ist das schwarz-gelbe Projekt namens Laufzeitverlängerung selbst, das Deutschlands Energieversorgung gefährden kann!

Vielleicht lohnte es sich trotzdem, das Risiko einzugehen – nach den Gesetzen der Logik aber wohl nur, wenn das Festhalten am Status quo, also am einst zwischen Rot-Grün und den AKW-Betreibern vereinbarten schrittweisen Atomausstieg, mindestens vergleichbar verheerende Konsequenzen hätte. Hat es aber nicht, obwohl sich die Gutachter auftragsgemäß alle Mühe gaben, genau das nachzuweisen. Deshalb unterstellten sie in ihren Szenarien, dass zukünftige Regierungen ambitionierte Klimaschutz- und Effizienzpolitik nur dann unternehmen, wenn die Reaktoren länger am Netz bleiben. Ist das nicht der Fall, soll dagegen sämtlicher Ehrgeiz erschlaffen.

Das ist eine ungeheure Unterstellung, die aber erhebliche Folgen für die Ergebnisse hat. Denn ob Gebäude saniert oder Autos sparsamer werden oder ob Biosprit getankt wird, hat mehr Einfluss auf die Energiezukunft als einige Jahre mehr oder weniger für die Meiler. Diese steuern schließlich nur elf Prozent zur Deckung des deutschen Energieverbrauchs bei. Laut Gutachten werden Gebäude und Autos aber nur deutlich genügsamer, wenn die Meiler länger laufen. Dann soll beispielsweise der Heizenergieverbrauch von Neubauten im Jahr 2050 auf jährlich vier Kilowattstunden pro Quadratmeter sinken; werden die Meiler laut geltendem Recht abgestellt, verbrauchen Neubauten dreimal so viel. Nur bei längeren Laufzeiten sollen 85 Prozent aller im Straßenverkehr verbrauchten Kraftstoffe biologischen Ursprungs sein; beim planmäßigen Ausstieg sind es 24 Prozent. Die Liste ließe sich verlängern, und jedes weitere Beispiel offenbarte nur, welch verquere Logik in dem Gutachten steckt.

Es gibt nur eine Möglichkeit, den Effekt einer Laufzeitverlängerung analytisch von dem aller anderen Maßnahmen zu trennen: das Szenario mit den geringsten zusätzlichen Meilerjahren (plus 4) dem mit den meisten gegenüberzustellen (plus 28). Das Ergebnis mag überraschen: Weil der Effekt längerer Laufzeiten in den viel größeren Effekten konsequenter Klimaschutz- und Energieeffizienzpolitik quasi untergeht, sind die Differenzen nicht groß. Wenn aber Deutschland seine langfristigen Klimaschutzziele dank ambitionierter Politik schon bei einer nur vierjährigen Laufzeitverlängerung erreichen kann, müssen die Meiler dann überhaupt länger am Netz bleiben? Müssen sie es, wenn laut Gutachten schon vier Jahre mehr Atomstrom ausreichen, um Deutschlands Energieimporte in Form von Kohle, Öl und Gas bis 2030 um fast die Hälfte schrumpfen zu lassen? Und lohnt es sich tatsächlich, den inneren Frieden auf die Probe zu stellen für ein paar Zehntelcent mehr oder weniger pro Kilowattstunde?

Das Gutachten, das die Regierung sich bestellt hat, beantwortet trotz aller Mängel eine ganze Reihe von Fragen. Allerdings nicht die Grundsatzfrage. Auf die hatten die Regierungsparteien ja schon geantwortet, bevor sie sich nun schlaumachen können: Die Laufzeiten werden verlängert.

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