AnimationsfilmIm Reich des närrischen Kaisers

Hayao Miyazaki ist der Übervater des Animationsfilms, für den Klassiker "Chihiros Reise" bekam er den Oscar. Auch seine neueste Schöpfung "Ponyo" steckt wieder voll verrückter Ideen. Wie macht er das bloß? Ein Besuch beim Meister in Tokio. Von Katja Nicodemus von 

Es ist wie eine Audienz beim japanischen Kaiser. Wer Hayao Miyazaki, den Herrgott des japanischen Zeichentrickfilms, treffen will, der muss mit dem Vorortzug in den Westen von Tokio fahren. Hier, in einem weitläufigen Studio, in dem 140 Mitarbeiter gerade an der Endfertigung eines neuen Films arbeiten, wird man von beflissenen Damen in einer Art Warteraum empfangen. An der Wand stehen Ordner mit den Titeln von Miyazakis Filmen: Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland, Das wandelnde Schloß, Mein Nachbar Totoro. Es ist eine Galerie der verrückt-verwunschenen Bildwelten, liebevoll von Hand gezeichnet von der ersten Skizze bis zu den gemäldehaften Hintergründen. Und eine Galerie des Triumphs.

Miyazakis Filme laufen in den Wettbewerben der großen Festivals, Chihiros Reise gewann den Goldenen Bären und einen Oscar als bester Animationsfilm. In Japan sind seine Werke, die regelmäßig alle Kassenrekorde sprengen, sozusagen nationales Erbe. Jeder Japaner zwischen fünf und fünfundachtzig Jahren kennt die Zeichentrickfigur Totoro, die zum Wahrzeichen von Miyazakis Produktionsfirma, den Ghibli-Studios, wurde. Aber wer oder was ist Totoro? Eine große Kugel mit kleinen Ohren. Eine Mischung aus Eule, Katze und einem mit Fell bewachsenen Riesenflummi. Ein Wesen, das im Wald wohnt, meistens schläft, sich vor Erwachsenen fürchtet und Kinder beschützt. Kurz: eine typische Miyazaki-Figur, die sich allen Einordnungen entzieht. Wie wird es sein, dem Schöpfer von Totoro zu begegnen? Dem Mann, der für den Toy Story- Erfinder John Lasseter der größte Zeichentrickkünstler aller Zeiten ist?

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Es gibt Tee und Häppchen, dann ist die Wartezeit endlich vorbei. Eine Assistentin führt zu dem lichten Betonbau, in dem Miyazaki-san residiert. Er gebe nicht viele Interviews, weil er so viel zu tun habe, sagt sie. Vor seiner Bürotür flüstert sie, er sei heute recht gut aufgelegt.

Und da sitzt Hayao Miyazaki in der Mitte eines kathedralenhaften Raums. Links am Tisch eine Mitarbeiterin, rechts die Übersetzerin. Der Meister sieht Ehrfurcht gebietend aus. Seine Hände sind gefaltet, das Gesicht ist unbewegt. Mit seinem perfekt gestutzten grauen Bart wirkt er wie ein alter General in einem Akira-Kurosawa-Film. Zur Begrüßung verbeugt er sich leicht. Für einen winzigen Moment fragt man sich, ob man ins Verlies geworfen wird oder die Haut abgezogen bekommt, wenn man hier die falschen Fragen stellt.

Hayao Miyazaki
Hayao Miyazaki

wird 1941 in Tokyo geboren, sein Vater ist Direktor einer Fabrik für Flugzeugteile. Nach dem Studium (Politik und Ökonomie) arbeitet er als Zeichner, 1985 gründet er die Ghibli-Studios. Hier erschafft er, bis heute fast ohne Einsatz von Computertechnologie, seine so poetischen wie abgründigen Meisterwerke: Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland (ausgezeichnet mit Oscar und Goldenem Bären), Das wandelnde Schloß. Miyazakis neuer Film Ponyo – das große Abenteuer am Meer spielt in einer kuriosen Meereswelt mit seltsamen Herrschern und erzählt von einem Fischkind, das sich in einen Menschen verwandelt.

Hayao Miyazaki, wie kommt es, dass Sie sich selbst in Skizzen und Büchern immer wieder als Schwein zeichnen?

Miyazaki lacht. Erst über die Frage, dann über seine Antwort. Er lacht über die Übersetzung, die er nicht versteht. Er lacht über sich, über uns und irgendwie über alles. Im Laufe des Gesprächs wird fast jede seiner Antworten von diesem aus tiefster Brust aufsteigenden Lachen begleitet sein. Denn Hayao Miyazaki ist nicht nur der Kaiser. Er ist auch der Narr, der voller Schalk auf den Kaiser blickt.

»Man darf sich nicht allzu ernst nehmen«, sagt er. »Als ich in den sechziger Jahren auf Wunsch meines Vaters zunächst Politikwissenschaften und Ökonomie studierte, hielt ein berühmter Wissenschaftler an der Uni einen Vortrag. Er sagte: ›Werdet keine fetten Schweine!‹ Damals war ich dicker als heute und empfand mich wirklich als fettes Schwein. Seitdem zeichne ich mich so. Und da ich inzwischen älter geworden bin, stelle ich mich als altes Schwein dar. Als Hängebauchschwein.« 

Dieser lachende Grandseigneur ist also der Mann, der auf der Leinwand ein unvergleichliches, so zartes wie verstörendes, von abgründigen Zauberwesen bevölkertes Universum erschaffen hat, eine Welt der subversiven Poesie. »Wenn meine Figuren leicht mit anderen Wesen zu vergleichen wären, hätte ich sie nicht zu erfinden brauchen,« sagt Miyazaki. Damit wären wir auch schon beim Wesenskern seines Universums. Unvergleichlich im wahrsten Sinne des Wortes sind die Märchengestalten und seltsamen Kreaturen, die in seinen Filmen mit durchaus widersprüchlichen Charaktereigenschaften ausgestattet sind. In Miyazakis dialektischer Welt lassen sich Figuren nie auf Gut oder Böse reduzieren. Sie schillern in allen Nuancen, so wie die großnasige Hexe Yubaba, die in Chihiros Reise als eisenharte Arbeitgeberin einen Vergnügungspark regiert – aber auch Mitgefühl zeigt. Im gleichen Film begegnet die kleine Titelheldin einer Armee der Rußmännchen, spinnenhaften Wesen mit unzähligen Beinchen und weißen Glubschaugen, die einzelne Holzkohlestücke zu den Öfen des Parks tragen. Es bleibt offen, ob die Rußmännchen unterwürfige Arbeitssoldaten sind oder vielleicht doch ein anarchistisches Eigenleben haben.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für diesen Artikel!

    Ich sehe mir mindestens zweimal im Jahr mit meiner Tochter zusammen "Mein Nachnar Totoro" an. Auch Chihiro's Reise ist ein toller Film. "Prinzessin Mononoke" ist meiner Meinung nach nichts weniger als ein Meisterwerk des Anime.

    Ich verbinde mit den Werken von Miyazaki wunderbare Erinnerungen, deswegen danke für die Erinnerung an seinen neuen Film.

    Wer mal für 90 Minuten den Alltag vergessen und abwechselnd Lachen, eine Träne wegdrücken, mitfiebern oder einfach nur träumen möchte, dem seien seine Werke ans Herz gelegt. (Und wer ein Kind hat, hat sogar eine Ausrede um einen Kinderfilm zu schauen :D )

    • Ambi
    • 17. September 2010 0:59 Uhr

    Ich finde Ashitaka eigentlich zu perfekt als Prinz und zu wenig ausgeprägt als Charakter, um sympathisch zu sein. Nach dem Kampf zu Beginn ist er schon todgeweiht, und er führt fast nur die Anweisungen der Seherin aus. Wenig eigenes bleibt ihm. Am Ende kehrt er weder zu seiner Jugendliebe zurück, noch lebt er bei San/Mononoke. Stattdessen bleibt er bei der Eisenhütte. Das mag ja ein Kommentar zur Flüchtigkeit der "großen Liebe" sein, gefällt mir aber trotzdem nicht. Dagegen hat Marco Pagot (alias Porco Rosso) durchaus seine Fehler, aber meines Erachtens auch mehr Charakter.

    Ganz anderes Thema: Ich denke, Miyazaki ist auf dem Holzweg, wenn er denkt, "dieser Jugend von heute" einen Gegenentwurf präsentieren zu müssen. Das fällt zum Glück kaum auf, weil die Hauptfiguren entweder noch Kinder (Chihiro) oder schon Erwachsene sind (Pazu und Sheeta sind teils Kind, teils erwachsen).

    Da bleibt nur Kiki als einzige Jugendliche. Da rechnete Kiki schon am Anfang des Films damit, "bald einen süßen Freund zu finden" und fand ihn später auch. Die gut angezogenen Freundinnen spekulierten darauf, dass es in Kiki's neuer Stadt bestimmt eine Disco gäbe. Später gab es Dates für die Mädchen im Fliegerclub, und Kiki wird enorm eifersüchtig, wenn sie Tombo auch nur in der Nähe der anderen Mädchen sieht...

    Nur bei "Kiki" spielt "diese Jugend von heute" irgendwie mit. Das war vor 21 Jahren. Es werden bei Ghibli wohl neue Regisseure kommen müssen, um da weiterzumachen.

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