Mittlerweile weiß Bilal, was "Motivation" heißt. Der 12-jährige Junge mit den schwarzen Locken und der hellbraunen Haut rutscht auf seinem Holzstuhl ein Stückchen weiter an den Tisch heran. "Motivation ist, wenn man etwas sehr doll machen will", sagt er. Seine Schulkameraden Derya, Medine, Ahmed, Marwa, Nebe, Isa und Angie nicken anerkennend und auch ein bisschen neidisch. Schließlich befinden sich die Kinder im Wettbewerb, bei dem es darum geht, wer das Wort "Motivation" kennt, wie die Vergangenheitsform von "ist" lautet und wie das Adjektiv zu "Glück". Jeder will der Beste sein.

Die Kinder holen in einer Förderklasse an der Jens-Nydahl-Grundschule in Berlin-Kreuzberg auf, was sie zu Hause nicht gelernt haben: Sie üben Deutsch und erfahren außerdem, dass Lernen Spaß machen kann und sie mit Fleiß etwas erreichen können. Ihre Mütter und Väter sind zugewandert, aus der Türkei etwa oder aus Algerien. Rund 80 Prozent von ihnen beziehen Sozialhilfe, die meisten sind erwerbslos oder arbeiten als Taxifahrer oder Reinigungskräfte. Förderunterricht können oder wollen sie nicht bezahlen, deshalb wird er von dem Berliner Stadtmöblierer Wall AG finanziert. Der Hersteller von Bushäuschen und öffentlichen Toiletten übernimmt seit rund fünf Jahren die zusätzlichen Lehrstunden von 60 Kindern der Jens-Nydahl-Schule. Hier haben 395 von 400 Schülern einen Migrationshintergrund.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass viele dieser Kinder in ein paar Jahren zu jenem "vorhandenen Potenzial" gehören, von dem der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, kürzlich sprach. Es ging ihm um den drohenden Fachkräftemangel in der Republik. Weise sprach von Menschen, deren Talente verkümmern, weil niemand sie fördert. Dabei brauchen die Unternehmen dringend mehr gut ausgebildete Leute. Wenn die Konjunktur weiter so anzieht, befürchten Experten, wird der aktuelle Aufschwung schon bald durch den Mangel an qualifizierten Mitarbeitern gebremst.

Bereits in fünf Jahren, so eine Prognos-Studie, sollen drei Millionen Arbeitskräfte fehlen – und das nicht nur in den hochqualifizierten Bereichen. Die wachsende Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund könnte den demografisch bedingten Fachkräftemangel eigentlich abfedern – doch diese Bevölkerungsgruppe wurde lange vernachlässigt. Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sagt: "Die Fachkräfte-Problematik ist der Wirtschaft bewusster als manchem Politiker. Sie hat erkannt, dass sehr viel ungenutztes Potenzial in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund steckt."

Und so ist die Wall AG längst nicht mehr das einzige Unternehmen, das Migranten unterstützt. Auch die Stiftung des Personaldienstleisters Randstad fördert Hauptschulklassen, insbesondere jene mit hohem Migrantenanteil. Seit vier Jahren bezahlt die Vodafone-Stiftung begabten Migranten ein Studium an einer privaten Hochschule. Die Robert-Bosch-Stiftung greift Schülern mit Migrationshintergrund finanziell unter die Arme. Und der START-Stiftung, die derzeit 640 Schülern mit Migrationshintergrund hilft, haben sich allein in den vergangenen fünf Jahren rund 20 Unternehmen und unternehmensnahe Stiftungen neu angeschlossen. Unter ihnen sind die Stiftung der Deutschen Telekom und die Stiftung der Deutschen Bank. "Das Interesse der Unternehmen für diesen Bereich hat stark zugenommen, weil ein Fachkräftemangel droht und der Anteil der Migranten unter den Erwerbstätigen wächst", hat auch der Leiter der OECD-Division Arbeitsmarkt und Integration, Thomas Liebig, beobachtet. "Die Arbeitgeber kommen um das Thema Migrantenförderung nicht mehr herum."

Dem Staat gelingt es nicht, gleiche Chancen für Migranten herzustellen

Es gilt, viel aufzuholen, denn das jahrzehntelange Vernachlässigen der Migranten hat messbare Folgen: Statistisch gesehen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Bilal und Ahmed die Schule abbrechen, siebenmal so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass Anna und Paul keinen Abschluss machen. Migrantenkinder gehen selten auf höhere Schulen: Während in den Haupt- und Förderschulen 19 beziehungsweise 16 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben, gibt es in den Gymnasien unter hundert Schülern gerade einmal vier, deren Eltern nicht aus Deutschland stammen. Die Bemühungen der Unternehmen in der Migrantenförderung seien daher lediglich "erste kleine Schritte", sagt Marianne Demmer von der GEW.