Wieder sind sie alle gekommen, wieder treffen sich die Architekten und Planer dieser Welt auf der Biennale in Venedig und feiern sich selbst. Doch interessiert sich überhaupt noch jemand für Architektur? Wer durch die Städte und Dörfer reist, wer sich das lieblose Nebeneinander von Industriehallen, Discountmärkten, Tankstellen und Wohnhäuschen ansieht, kommt nicht unbedingt auf die Idee, dass den Menschen besonders viel an ihrer gebauten Umwelt läge. Und doch ist den meisten die Architektur alles andere als gleichgültig. Sie weckt heftige Emotionen, Zorn, Kampfeslust und Liebe. Sie ist unzweifelhaft das Streitmedium Nummer eins der Deutschen.

Viele Zehntausend Bürger treibt es derzeit in Stuttgart selbst bei strömendem Regen auf die Straße, um für den Erhalt ihres Hauptbahnhofs zu demonstrieren. Viele Hunderttausend Menschen empören sich darüber, dass im Internet künftig ein Bild ihres Wohnhauses zu sehen sein soll. Und als in Hamburg voriges Jahr das Gängeviertel abgerissen werden sollte, eine eher bescheidene Zeile alter Klinkerbauten, da diskutierte darüber die halbe Stadt.

Ob nun der Landtag in Hannover, eine Konzerthalle in Bonn, Hochhäuser in München oder das Elbtal in Dresden – wenn es um Fragen der Architektur und Stadtplanung geht, erweisen sich die Bürger, denen so oft apolitische Lethargie attestiert wird, als überaus debattierfreudig. Meist sind sie dagegen: gegen Abriss und neue Großprojekte. Doch anders als der Spiegel in dieser Woche meint, ist es nur selten ein Protest aus Eigennutz und Blockadelust. Oft geht es den Menschen um etwas Grundsätzliches. Oft ist für sie die Architektur nur der äußere Anlass für weit größere Debatten: darüber, was eine demokratische Gesellschaft eigentlich ausmacht und wie sich das, was wir Öffentlichkeit nennen, bewahren lässt.

So ist auch der aktuelle Streit um den Internetservice Street View , der es erlauben wird, ganze Straßenzüge am Computerbildschirm zu betrachten, nur vordergründig von irrationalen Abwehrängsten geprägt. Viele Menschen scheinen wie afrikanische Eingeborene zu reagieren, die nicht fotografiert werden wollen, weil sie fürchten, dass mit ihrem Bild auch etwas von ihrer Person in fremde Hände gerät. Dabei zeigt Street View nichts anderes als das, was jeder beliebige Passant einer Straße auch zu sehen bekommt: den öffentlichen Raum mit angrenzenden Zäunen, Auffahrten, Fassaden. Dennoch gibt es einen gravierenden Unterschied. Während nämlich in der Realwelt der Bewohner den neugierigen Blicken des Passanten begegnen kann, bleibt ihm in der digitalen Welt diese Möglichkeit des Zurückschauens verwehrt. Dort sieht er ja nicht, wer sieht. Und damit wird der öffentliche Raum in gewisser Weise privatisiert. Ein Grundprinzip dieses Raums war es bislang, dass sich in ihm die Menschen als Subjekte auf Augenhöhe begegnen können. Hingegen macht das privilegierte Auge von Googles Street View aus allen und allem ein Objekt. Doch erst als die Architektur ins Spiel kam, erhielt die diffuse Google-Skepsis eine sehr konkrete Form. Der Kontrollverlust wurde greifbar, die Ohnmacht bekam eine Adresse.

Eine ähnliche Art von Ohnmachtsgefühl prägt auch den Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21. Und auch dort wächst die Wut schon seit Längerem, vor allem auf jene Politiker, die sich von Sachzwängen beherrschen lassen und ihrer Vernunft weniger trauen als den Gutachtern. Doch erst als es an den Abriss ging, hatte die Empörung ein handfestes Ziel. Was zuvor abstrakt erschien, ein wirres Knäuel aus Interessen, Optionen, Eventualitäten, hat nun eine klare, rustikale Gestalt. Der Konflikt ist Architektur geworden – und die Architektur Konflikt.

Etwas Besseres hätte der Baukultur wohl kaum passieren können. Je kurzlebiger, unübersichtlicher, virtueller die Wirklichkeit erscheint, desto stärker wird das Bedürfnis nach Festkörpern und Realräumen. Interessanterweise sind es aber nicht nur die Bürger, die Sinn und Bedeutung der Architektur neu entdecken; es sind auch die Architekten selbst. Besonders eindringlich ist das derzeit in Venedig zu erleben, auf der Architekturbiennale, die in diesem Jahr erstmals von einer Frau geleitet wird, von der Japanerin Kazuyo Sejima. Während viele ihrer Vorgänger eine Ausstellung voller Novitäten und Extravaganzen präsentierten, verordnet sich Sejima eine ungewöhnliche Form von Bescheidenheit, die man fast schon Zweifel nennen könnte. Die Biennale, so schreibt sie in ihrem Katalogbeitrag gleich im ersten Absatz, wolle Architektur nicht zeigen, nicht feiern, sondern erst noch finden. Und sie findet sie überall dort, wo Menschen sich begegnen.

Dieses Motto ihrer Biennale – People Meet in Architecture – könnte schlichter kaum sein. Doch entspricht es ziemlich genau jenem Interesse an der Architektur, das in den Bürgerbewegungen der jüngsten Zeit aufscheint. Dieses Interesse gilt nur am Rande den aufregenden Formen, hochfliegenden Utopien und den alten Bekehrungshoffnungen der Moderne, es gilt vielmehr dem kollektiven Moment der Architektur. Obwohl es beim Bauen immer um Materialien geht, liegt für Sejima der eigentlich Wert eines Bauwerks im Immateriellen. In den Erfahrungen, die sich in ihm machen lassen, in den geteilten Erinnerungen, die sich darin einnisten.