Architekturbiennale Räume zum AtmenSeite 2/2

Den Bürgern wie der Biennale sind gebaute Allmachtsfantasien suspekt

Das mag eine Selbstverständlichkeit sein, und doch impliziert dieses Programm, das Sejima nun auf der weltweit wichtigsten Architekturausstellung ausgebreitet hat, einen radikalen Machtverzicht. Es bedeutet: Egal wie sorgfältig und einfallsreich wir Architekten planen und bauen, wir werden kein lebendiges Gebäude errichten können. Denn lebendig wird es erst, wenn sich Menschen der Architektur bemächtigen.

Damit bricht Sejima mit dem Omnipotenzgehabe, das über viele Jahrzehnte die Architektur bestimmte. Es ist jenes nackte Funktions- und Zweckdenken, in der Menschen allenfalls als Fluchtwegkoeffizienten und Energieverbrauchseinheiten vorkommen. Eine Architektur der Effizienz, auf Rendite getrimmt. Auch das hat diese Biennale also mit den Bürgerbewegungen der jüngsten Zeit gemein: Beiden ist jede Form von Allmachtsfantasie suspekt, gigantische Tunnelprojekte ebenso wie erdumspannende Foto-Erfassungsvorhaben. Beide mögen nicht daran glauben, dass sich eine Stadt programmieren lässt wie ein Computer. Nicht zuletzt deshalb sind die Proteste in Stuttgart so gewaltig, weil viele Bürger an die großen Verheißungen nicht mehr glauben wollen. Sie misstrauen den alten Fortschrittsversprechen – Schneller! Größer! Reicher! – und misstrauen auch der Aussicht darauf, dass sich ihre Stadt mit dem Projekt Stuttgart 21 neu erfinden könnte. Vor zwanzig, dreißig Jahren wäre das noch anders gewesen. Damals hätten sich viele darüber gefreut, dass die riesigen Gleisanlagen verschwinden und an ihrer Stelle eine neue Innenstadt wachsen kann. Heute überwiegt die Furcht vor sterilen Shoppingcentern und einer Architektur, die allein dem Geld huldigt.

Der deutsche Pavillon will Sehnsüchte zeigen. Heraus kommt nur Dürftiges

Vielleicht wären viele weniger skeptisch, wenn sie einige von Sejimas Bauten besuchen würden, zum Beispiel die Bibliothek in Lausanne , die in diesem Frühjahr eröffnet wurde. Sie bietet eine offene Architektur für alle Sinne, hier kann man sich lustvoll ergehen, bergauf, bergab, über viele sanfte Bauhügel. Ein realer Raum, der allemal aufregender ist als der virtuelle. Der Regisseur Wim Wenders hat eigens einen Film über dieses Gebäude gedreht, eine schwer gefühlsduselige Eloge. Ein Motiv prägt sich besonders ein: Die Menschen in diesem Film sehen die Architektur, indem sie die Augen schließen. Sie legen den Kopf in den Nacken und atmen tief ein.

Dass sich ein gutes Bauwerk dadurch auszeichnet, dass man es atmen kann – eine solche Idee erscheint vielen Architekten natürlich indiskutabel. Auch wenn der Begriff der Atmosphäre (früher hätte man es wohl Poesie genannt) schon seit etlichen Jahren durch die Diskurse geistert, ist das Kerngeschäft des Bauens doch von Dämmwerten, Brandschutzauflagen und Abstandsverordnungen bestimmt. Von all jenen Dingen also, die sich bis hinters Komma berechnen lassen.

Wohl auch deshalb musste die Ausstellung im deutschen Pavillon scheitern. Ganz im Sinne Sejimas entschieden sich dort die Kuratoren für eine innerliche Annäherung an das Bauen und Planen. Sie baten einige Hundert Architekten, ihre Vorstellung von Sehnsucht aufzuzeichnen. Heraus kamen viele Dürftigkeiten. Vom Sehnen erzählen die meisten Zeichnungen nur in dem Sinne, dass man sich bei ihrem Anblick nach Sehnsucht sehnt.

Auch Sejima selbst hatte für ihre Hauptausstellung offenbar Schwierigkeiten, geeignete Projekte zu finden. Denn wer Architektur als etwas Ungefähres begreift, kann ja schlecht nur Modelle und Grundrisse zeigen. Sejima behalf sich mit Künstlern, sie lud bekannte Größen wie Olafur Eliasson oder Janet Cardiff ein, die offenbar weit besser das zu zeigen vermögen, was einst das Metier der Architekten war: die Kunst des Raumes. Selbst eine der verblüffendsten Inszenierungen, eine Wolke, die sich hineinlegt in eine der alten stolzen Hallen und die der Besucher auf einem schleifenförmigen Pfad durchqueren kann, selbst sie hat kein Architekt, sondern ein Energietechniker ersonnen.

Doch was Schwäche sein könnte, wird bei Sejima zur Stärke. Sie muss sich nicht abgrenzen, sie ist neugierig, was sie von den Künstlern lernen kann. Ob das allerdings am Ende der Architektur einen neuen Weg ebnen wird? Oder auf einer anderen Ebene gefragt: Ob die Proteste in Stuttgart das Bahnprojekt noch stoppen können?

In Hamburg zumindest wurde das Unwahrscheinliche wahr. Auch dort waren es Künstler, von denen die Stadt lernen konnte. Sie besetzten das Gängeviertel so lange, bis Hamburg die Gebäude, die verschwinden sollten, vom Großinvestor zurückkaufte. Aus dem Streitmedium Architektur wurde ein Glücksmedium.

 
Leser-Kommentare
  1. Inzwischen haben es einige Kommunen in Deutschland offenbar begriffen, dass man nicht unbedingt einen Libeskind, Meier, Piano, Gehry oder eine Hadid braucht, um ästhetisch herausragende und ökologisch nachhaltige Architektur zu installieren, die für alle Menschen da ist und angenommen wird. Musste es unbedingt Gehry sein, der das Herforder Museum entworfen hat, musste es Meier sein, der für das Arp Museum in Rolandseck verantwortlich zeichnet? Hat diese Sucht nach bedeutenden Namen nicht auch dazu geführt, dass die klammen Kommunen sich übernommen und die Bürger über Gebühr steuerlich belastet haben? Ist die Gigantomanie einer Elbphilharmonie oder eines Hyperbahnhofs in Stuttgart noch zeitgemäß und wie sieht es mit dem Kosten/Nutzen-Vergleich aus, wenn andere dräuende Probleme seit Jahren nicht gelöst werden? Basiert dieses rauschhafte Denken nach urbaner Einzigartigkeit nicht auf der Profilierungssucht einzelner Kommunalpolitiker oder Bürgereliten, die sich einzigartige Denkmäler errichten wollen? Und müssen es immer die hoch dotierten Baumeister aus aller Welt sein, die sich
    auf Kosten der Allgemeinheit scheinbar "innovativ und revolutionär" austoben dürfen? Die Bauten von Gottfried Böhm oder Axel Schultes zeigen, dass schönste Architektur auch von deutschen Baumeistern geschaffen werden kann.

    Hamburgs Senat muss sich fragen lassen, ob die Bewohner vom Osdorfer Born oder aus Billstedt jemals die Hyperkathedrale über der Elbe von innen zu Gesicht bekommen?

    W. Neisser

  2. Der Bonatzbau ist bald bekannter als die Weissenhofsiedlung.
    Der Bahnhofsgebäude ist zwar ohne Grund und Schienen unter Denkmalschutz, genauso wie manche Autobahnbrücke.
    Architektur hat eine eigene Sprache.
    Manche wollen in Stuttgart oben bleiben, obwohl es dem schwäbischen Understatement entsprechend würde, den neuen Bahnhof unsichtbar im Untergrund zu bauen. In Google Street View wird der Neubau nicht sichtbar sein, sondern nur das bestehende alte Bahnhofsgebäude. Die große Halle und der Turm mit Mercedesstern bleiben erhalten. Analog zu den großen Wagen bei dem der Schwabe aus Bescheidenheit das Schildchen mit der Motorisierung entfernt hat.
    Stuttgart wird das Weltkulturerbe weder aberkannt noch anerkannt.
    Welche Ehre wenn ein neues Objekt zu ähnlich große Reaktionen führt wie der Neubau des World Trade Centers, es gibt nichts schöneres als ein Tabubruch.
    Die hügelige Bildungslandschaft von Sejima in Lausanne erinnert tatsächlich ein wenig an ein Parkhaus, oder den neuen Bahnhof in Stuttgart.
    Wie wichtig die Architektur inzwischen ist, hat sogar die Grünen-Stadträtin Clarissa Seit in Stuttgart erkannt. Sie vergleicht den Abriss des Kopfbahnhofs mit der Sprengung der Buddhastatuen durch die Taliban.
    Hier zeigt sich dass die Architektur von Bahnhöfen nicht nur mechanische oder elektrische sondern sogar religiöse Züge trägt.

  3. Kein Wunder. Schauen Sie sich einfach mal die "schep Schachtel" neben dem Schloß in Darmstadt an.

  4. Ich denke, wir sollten uns klar werden, wofür Architektinnen und Architekten verantwortlich sind und wofür nicht. Architektur ist in aller Regel Ausdruck von Politik und Ökonomie.
    Und auch im Politischen - wo wir darauf hoffen, dass nicht ausschließlich wirtschaftliche Faktoren zählen - werden die Architekten bei Bauprojekten quasi erst in "letzter Sekunde" dazugerufen, um den ersonnenen Konzepten "Form zu verleihen".
    Es ist sehr bedauerlich, dass die Nutzer_innen und Planer_innen (die Expert_innen!) nicht schon von Beginn ernsthaft in die Prozesse integriert werden und ihre Standpunkte respektiert werden.
    An den Architekturschulen wird die gesellschaftliche Verantwortung der Planer_innen demnach auch nicht thematisiert. Partizipationsprozesse und Stadtpolitik spielen wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle. Das Bewusstsein für Menschen ("people meet in architecture") und Gesellschaft scheint hier völlig zu fehlen. Da diskutiert mensch lieber über rund vs. eckig und Beton vs. Ziegel.

    Die Politik und die Kammern müssen hier dringend neue Signale senden.
    "Baukultur" muss auch und vor allem Planer- und Partizipationskultur bedeuten!

  5. Wie alle, denen man die Futterschüssel madig macht. Sie knurren und beissen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service