Jeden Morgen, wenn Elisabeth von Szczepanski ins Büro geht, steigt sie eine Treppe hinauf, vorbei an düsteren Bildern in Rot und Braun. Arbeiter sind darauf zu sehen, die vor großen Öfen mit Schaufeln hantieren, die Gluthitze in ihrer Fabrik scheint noch in den kühlen Gängen des Gerichts spürbar. Es ist, als hätte sich der Wandel der Arbeitswelt in diesem Gebäude sein eigenes Denkmal errichtet: Wo sich vor einhundert Jahren der Zusammenschluss der deutschen und luxemburgischen Eisen- und Stahlindustrie seinen Sitz erschuf, ist heute das Düsseldorfer Verwaltungsgericht untergebracht. Hier geht es nicht mehr um heiße Körperarbeit, sondern um kühle Analyse. 38 Richterinnen arbeiten hier, davon sechs als Vorsitzende einer Kammer.

Von Szczepanski ist 45, sie führt den Vorsitz der 22. Kammer des Düsseldorfer Verwaltungsgerichts, unter anderem zuständig für Waffen- und Ausländerrecht; der Fall eines Sprengmeisters steht zur Verhandlung an, bei dem nicht klar ist, ob er möglicherweise einer extremistischen Vereinigung angehört. Sie terminiert die Verhandlung, als Richterin ist sie unabhängig – und das Erstaunliche an dieser Tatsache wird erst klar, wenn man einen kurzen Blick zurückwirft, in die Geschichte. Gut 39 Prozent der Richter sind laut Statistischem Bundesamt heute weiblich, 1991 waren es gerade einmal 20 Prozent.

Die Honoratioren der Gesellschaft tragen längst nicht mehr alle Bart und sprechen nicht mehr nur mit tiefer Stimme, längst sind es auch Frauen, die richten, lehren und Menschen heilen. Richtig spannend aber wird es beim Blick auf die Details: Was unterscheidet diese Berufe, in denen Frauen schon heute in der ersten Reihe stehen, von anderen, in denen sie sich noch immer hinten anstellen müssen? Welche Bedingungen müssen in einem Beruf herrschen , damit mehr Frauen sich für ihn entscheiden? Und wie verändert sich im Gegenzug die Arbeitswelt, wo Frauen sie erobern? Denn so wie sich die Wirtschaft wandelt, Dienstleistungsberufe wichtiger werden und Unternehmen die Frauen öffentlichkeitswirksam für sich entdecken , lässt sich auch etwas lernen aus diesen Berufen, die die Frauen anziehen. Darüber, wie die Arbeitswelt in Zukunft aussehen wird : Ein Prozess ist in Gang gekommen, von dem noch nicht ganz klar ist, wohin er führen wird. Aber in welche Richtung es geht, dafür gibt es Anhaltspunkte, Muster, die sich wiederholen.

Einige finden sich im Leben von Elisabeth von Szczepanski. Eine Ausbildung sah ihr Vater für seine Tochter vor, "etwas Internationales, Kaufmännisches". Sie setzte sich durch, verzichtete auf einen Teil der Unterhaltsansprüche, die Kindern geschiedener Eltern zustehen – und studierte Jura. Von Szczepanski wollte sich viele Wege offenhalten, am Verwaltungsgericht gefiel ihr, dass es relativ leicht ist, sich abordnen zu lassen, also etwa einmal einen Ausflug in die Verwaltung zu machen. Ihr zweites Kind bekam sie während der Erprobung für die Beförderung. Ohne zu wissen, dass sie schwanger war, hatte sie sich um die Stelle im Justizministerium bemüht, die ihr am Ende den Vorsitz ihrer Kammer einbringen sollte. Direkt nach der Geburt arbeitete sie weiter, in Teilzeit. " Jedes Kind war mit einem beruflichen Kürzertreten verbunden , entweder von mir oder von meinem Mann", sagt sie. Was von Szczepanski immer machte: Sie bestand darauf, dass das zwischenzeitliche reduzierte Arbeiten mitnichten bedeutete, dass sie nun beruflich weniger Ambitionen hätte. Und so sitzt sie heute in Vollzeit in ihrem Büro hinter Kommentaren zum Asylrecht und unter einem Bild mit einem Pferd darauf. Das hat ihre Tochter gemalt, "für Mama". Vor allem zwei Gründe scheinen dafürzusprechen, dass an Gerichten und vor allem an Amtsgerichten heute viele Richterinnen arbeiten: Die Sicherheit der konjunkturunabhängigen Arbeitsplätze und die Souveränität, selbst über seine Zeit entscheiden zu können. Es sind Güter, die schwieriger zu messen sind als etwa der Lohn – und dennoch wertvoll.

Im Altonaer Kinderkrankenhaus wurde Janneke Ohlhoff 2005 mit einer Teilzeitstelle Assistenzärztin. Inzwischen ist sie Fachärztin und nicht die einzige, die mit Familie und reduzierter Stelle beruflich vorwärtsgekommen ist. In der Kinderheilkunde in Hamburg-Altona arbeiten zwei Assistenzärzte und 23 Ärztinnen, davon neun in Teilzeit.

Es ist lange her, da war der Arzt noch der stets einsatzbereite Helfer, Einzelkämpfer, ob in der Praxis als Unternehmer oder während der Nachtschicht im Krankenhaus. Heute gehen Krankenhausärzte für angemessene Bezahlung und geregelte Dienstzeiten auf die Straße – bei gleichzeitigem Ärztemangel. Es ist eine Marktsituation entstanden, in der angehende Mediziner sich die Stellen aussuchen können. Und unter ihnen sind eben immer häufiger junge Frauen. 2008 haben sie rund 61 Prozent der bestandenen Staatsprüfungen in Medizin abgelegt. Die Medizin zieht Frauen an , das war schon immer so in den helfenden und heilenden Berufen – das Neue ist, dass sie Bedingungen fordern können, die ihnen entgegenkommen. Fortbildung in Teilzeit ist eines der Stichworte, eigene Kindertagesstätten mit besonderen, dem Krankenhausalltag angepassten Öffnungszeiten sind ein zweites. Wie dabei die Sphären von Arbeit, Familie und Freizeit zu kombinieren sind, ist aber in jedem einzelnen Fall ein Experiment.