Bewerberinnen bei einer Recruitingveranstaltung: Nur wenige Frauen kommen in die Top-Jobs. Ob eine Quote daran etwas ändern kann, ist strittig © China Photos/Getty Images

Der weibliche Erfolg ist keine Erfindung von Feministinnen mit Doppelnamen, und der Gedanke von der Ebenbürtigkeit der Geschlechter stammt nicht aus einem skandinavischen Familienministerium. Nein. Es handelt sich hier weder um etwas Neues noch um eine Frauensache. Das Ideal der klugen, starken, vielleicht sogar schönen und trotzdem erfolgreichen Frau ist mindestens so alt wie die Amazonen. Es ist ein Mythos. Es ist ein Menschheitstraum.

Daran muss man noch einmal erinnern, um zu verstehen, dass die Frauenquote etwas Demütigendes an sich hat. Wie die Amazonenkönigin Penthesilea durch eine Quotenregelung zur Heerführerin hätte aufsteigen sollen, ist unvorstellbar. Mag sein, dass der Vergleich hinkt, weil wir uns momentan nicht im großen Krieg befinden und weil auch für Männer die Chancen auf eine Karriere als klassischer Held heutzutage begrenzt sind. Aber da klafft ein Abgrund zwischen unserer Sehnsucht nach Freiheit – wofür die Amazone ja bloß eine Metapher ist – und der Abhängigkeit von einer Quote. Warum muss man Frauen überhaupt wie eine bedrohte Minderheit schützen?

Nehmen wir doch für einen Moment an, dass Frauen nicht dümmer sind als Männer. Nur mal hypothetisch. Dann ist sehr seltsam, dass so wenige von ihnen Chef und so viele Assistentin sind. Entweder haben sie keinen Ehrgeiz, oder sie werden – nun ja, sprechen wir das böse feministische Wort entschlossen aus: diskriminiert. Wenn Diskriminierung aber das zugrunde liegende Übel ist, müssen wir die abschaffen, anstatt an den Symptomen herumzudoktern. Viele fähige Frauen werden beim Berufseinstieg von freundlichen Patriarchen gefördert und scheitern später am tradierten männlichen Machtanspruch. Wie bricht man eine Macht? Jedenfalls nicht durch Gnadenerlässe. Genau das ist die Quote. Sie unterminiert weibliche Autorität, weil sie aus jeder Frau eine Quotenfrau macht – das arme Hascherl, das Opfer der Verhältnisse.

Thematisiere dich niemals als Opfer! So lautet Regel Nummer eins auf der Insel der Amazonen (nach der Marco Polo ebenso wie Christoph Kolumbus suchte) und im postfeministischen Diskurs. Denn der Opferstatus ist das Gegenteil von Emanzipation. Es macht einen Unterschied, ob man die Gleichberechtigung geschenkt bekommt oder ob man sie erkämpft. Womit? Zum Beispiel mit mehr Aggressivität, Machtgehabe und Intrigenkompetenz. Die Unternehmensberatung McKinsey sagt, dass erfolgreiche Männer in alledem besser seien. Die Devise könnte also lauten: Schlagt die Bosse mit ihren eigenen Waffen! Seid böser!

Manche Feministinnen der siebziger Jahre fanden, dass Frauen das nicht dürften, sondern die Welt durch ihre naturgegebene Sanftheit befrieden sollten. Mal davon abgesehen, dass schon in Homers Epos vom Trojanischen Krieg, als die Amazonen Troja unterstützten, das Schicksal der Kämpferinnen erstrebenswerter war als das der vergewaltigten oder kampflos hingemetzelten Frauen: Wieso sollte die weibliche Hälfte der Menschheit von Natur aus netter sein? Vielleicht würde es helfen, den reaktionären Naturalismus abzulegen, der in der Debatte über die Frauenquote steckt. Wir tun so, als seien Männer und Frauen zwei verschiedene menschliche Spezies. Nur weil sie anatomisch anders gestaltet sind, erscheinen sie beinah als unterschiedliche Entwicklungsstadien des Humanen. Wie im Rassismus. Ein biologistisches Denken, das die Kultur und also unsere Entscheidungsfreiheit außer Acht lässt, ist aber Humbug. – Zumal die Physis in der modernen Arbeitswelt kaum noch eine Rolle spielt.

Was also tun? Scharf nachfragen, warum wir eine Quote brauchen, und dann die Ursachen beseitigen. Die Frauenfrage betrifft ja nicht nur Frauen, sondern rührt an den machtgeschützten Zustand unserer Gesellschaft. Alte Machtstrukturen zerschlagen und lernen, solidarisch zu sein – das wäre eine Aufgabe für alle, anstatt einem Teil der Bevölkerung die Karriere gesetzlich zu garantieren. Jeder, der mal unter Kollegen den Spruch gehört hat, dass die hübsche Praktikantin nur wegen ihrer Hübschheit eingestellt wurde, der weiß das Gift der Verachtung zu fürchten: dass Mädchen allein (ohne Vatis Hilfe, ohne einen Gönner) keine Chance hätten im Spiel um die Macht. Haben sie aber, gerade dort, wo die Bälle hart geschlagen werden. Siehe Margaret Thatcher, Angela Merkel, Hillary Clinton. Unterdessen behaupten die Statistiker, dass über 50 Prozent der Hochschulabsolventen Frauen sind. Wenn das stimmt und wenn Leistung im Kapitalismus wirklich zählt, dann werden die Führungsetagen bald von Frauen dominiert sein. Dann ist die Quote jetzt nur ein Versuch, die harten Mädels von morgen an ihrem absehbaren Sieg zu hindern.