Wer setzt sich durch? Die Zahl der Führungspositionen ist begrenzt – für Männer und für Frauen © Justin Sullivan/Getty Images

DIE ZEIT:In den Führungsetagen der Wirtschaft sitzen fast keine Frauen . Sie existieren also noch – die Vorstände, in denen die Meinung vorherrscht, Frauen können nicht führen?

Tiemo Kracht: In der Tat gibt es männerdominierte Wirtschaftszweige, in denen Frauen in Fach- und Führungspositionen nach wie vor ungewohnt sind – im Maschinen- und Anlagenbau, in der Automobilindustrie sowie in der Breite des produktionsintensiven Mittelstandes. Und sicher wird es immer auch einzelne Entscheidungsträger geben, die Frauen im Erwerbsleben oder gar in Führungspositionen kritisch sehen.

DIE ZEIT: Weshalb?

Kracht: Je höher Sie in der Privatwirtschaft aufsteigen, desto höher ist das Reiseaufkommen, im Inland und im Ausland. Karriere bedeutet in Großunternehmen und internationalen Konzernen ein ständiges Wechselspiel zwischen nationalen und internationalen Einsätzen. Da stellen sich zahlreiche Fragen, etwa: Ist es für viele Frauen wirklich möglich, für zwei Jahre nach Rio zu gehen, um den Produktionsstandort zu übernehmen, um dann im nächsten Schritt Vertriebsverantwortung in Asien zu übernehmen und nach weiteren drei Jahren wieder in die Zentrale nach Deutschland zu wechseln? Wollen Frauen einen vom Partner getrennten Arbeitsort und über lange Wegstrecken Fernbeziehungen führen? Machen wir uns nichts vor: Es ist kein Zufall, dass viele »Karrierefrauen« unverheiratet sind oder keine Kinder haben . Führungskräfte sind die tragenden Säulen der Firmenentwicklung. Damit ist, was die Arbeitszeit und die Einsatzorte angeht, der Raum für Zugeständnisse auf Unternehmensseite begrenzt; das wissen die Frauen und sind realistisch in der Einschätzung ihrer Möglichkeiten. Top-Führungskräfte in Teilzeit werden aus nachvollziehbaren Gründen von den Unternehmen nicht zugelassen.

DIE ZEIT: Ganz oben herrscht keine Flexibilität?

Kracht: Es gibt einfach keine überzeugenden Modelle. Möglicherweise ließen sich alternative Arbeitsmodelle im Backoffice, also in manchen Zentralfunktionen der Industrie, einrichten. Aber schon im Vertrieb sind Teilzeitarbeit und »Arbeit auf Abruf« undenkbar. Eine Führungskraft muss Orientierung geben, Brücken bauen, treiben, Ziele setzen und die Organisation entsprechend ausrichten. All dies setzt Präsenz voraus. Sie müssen für Mitarbeiter ansprechbar sein, Personalgespräche führen und auch Ihre eigentliche Aufgabe verrichten. Eingeschränkte Arbeitszeiten gingen zulasten des Ergebnisses.

DIE ZEIT:Kinder sind das Karrierehindernis ?

Kracht: Kinder als solche nicht, eher das Mutterdasein – die Betonung liegt hier auf »-dasein«. Kinder sind zunächst einmal eine Bereicherung. Die Karrierehindernisse sind unternehmensintern und gesellschaftlich begründet. Dass Frauen, die für eine Zeit aus dem Marathonlauf der Führungskarriere aussteigen, vom Radarschirm der Führungskräfteentwicklung verschwinden und ihre Familienarbeit beruflich kaum angerechnet wird, ist auf innovationsschwache, behäbige, triste Unternehmensrealitäten zurückzuführen. Natürlich ist es ein Problem, dass Unternehmen Frauen bei der Beförderungsplanung gar nicht berücksichtigen, wenn sie im Mutterschutz sind. In der Phase nehmen männliche Konkurrenten die nächste Stufe, und der Karriereweg der Rückkehrerinnen ist begrenzt oder gar versperrt.

DIE ZEIT: Meinen die Unternehmen es mit der Frauenförderung überhaupt ernst?

Kracht: Der Wille ist da, es besteht auch ein Druck, sich dem Markt zu öffnen und die Führungskräfteentwicklung mit Frauenfokus zu verstärken. Die öffentliche Debatte hat die Erfolge in anderen Ländern – etwa in Skandinavien oder den Niederlanden – transparent gemacht. Im Finanzsektor sind die Tore bereits weit offen.