Bewerberinnen bei einer Recruitingveranstaltung: Mehr Frauen sollen Führungspositionen übernehmen. Ob eine Frauenquote dafür das richtige Instrument ist, bleibt strittig © China Photos/Getty Images

So viel gleich vorweg: Man muss eine gesetzliche Quotenregelung nicht bejubeln. Wie viel eleganter wäre es, kämen wir ohne sie aus! Aber wie die Vergangenheit unerfreulich eindringlich bewiesen hat, wird es sonst nie etwas. Immer noch, immer wieder lässt man hoch qualifizierte Frauen abblitzen , wenn sie sich um eine Führungsposition bewerben. Nach wie vor gelingt diesen Bewerberinnen der Schritt aus dem mittleren Management in die Leitungsebene viel zu selten. 21 der 833 Vorstände in den größten deutschen Firmen tragen einen weiblichen Vornamen . Verschwindend wenige. Die Zahl ist ein Skandal.

Appelle der Politik? Haben nichts genützt. Selbstverpflichtung der Unternehmen ? Die Umsetzung blieb in zaghaften Anfängen stecken. Und hat es vielleicht beispielhaft gewirkt, dass im öffentlichen Dienst ehrgeizige Frauen, zum Beispiel in der Justiz, konsequent befördert werden? Ach was. In der Privatwirtschaft wurde das lediglich als »nicht übertragbare Maßnahme« abgetan.

Stellen wir also fest: Aktive Diskriminierung findet statt. Das darf nicht so bleiben, denn es ist einer fortschrittlichen Gesellschaft unwürdig – und zudem volkswirtschaftlicher Unsinn, wie kaum jemand ernsthaft bestreiten kann. Weil ein generelles Interesse daran besteht, dass teuer ausgebildeten Akademikerinnen eine Karriere ermöglicht wird, die ihrem Potenzial entspricht. Weil Unternehmen mit weiblichen Vorständen bessere Zahlen schreiben. Weil wir es uns gar nicht länger leisten können, angesichts der demografischen Entwicklung und des Mangels an Führungskräften, der daraus resultiert, auf weibliche Bosse zu verzichten. Und schließlich, weil Deutschland mit seinen manifesten Herrenklub-Strukturen schon jetzt als hoffnungslos rückständig gilt im Vergleich zu zahlreichen EU-Ländern, die längst die Vorzüge der Quote erkannt und sie ohne viel ideologisches Kampfgeschrei eingeführt haben. Dass dort die Volkswirtschaft abgestürzt sei aufgrund von Missmanagement, war bislang noch nicht zu hören.

Selbst die immer wieder vorgebrachte Begründung, es gebe – zu dumm! – nicht genügend geeignete Bewerberinnen , ist eine Legende. Frauen machen mehr Examina als ihre männlichen Kommilitonen, und wer nun die besseren macht, ist kaum zu entscheiden. Neue Produkte entwickeln, Projekte durchziehen, Strategien entwickeln, Marktpositionen definieren, Personal führen und Bilanzen lesen: Das könnten Frauen ziemlich gut – wenn man sie ließe. Personalberater machen immer wieder die Erfahrung, dass ihre Kunden in den Unternehmen geeignete Kandidatinnen ablehnen mit dem Hinweis: Könnte ja schwanger werden . Unfug. Das Reservoir an Frauen, die Familien- und Erwerbsarbeit parallel gerecht werden wollen, wird eher größer als kleiner.

Interessant: Frauen, die es geschafft haben, führen als entscheidendes Karrierehemmnis nicht etwa die Probleme dabei an, Familie und Beruf zu vereinen. Nein, es ist die offene Benachteiligung, die ihnen immer wieder zu schaffen gemacht hat. Wie eine Studie der Frankfurter Personalberatung Odgers Berndtson zeigt, fühlte sich knapp die Hälfte der befragten Frauen bei ihrem Aufstieg in die oberste Managementebene vor allem von Vorurteilen und von mangelnder Chancengleichheit gebremst. Dass es ihnen gelang, diese Hindernisse zu überwinden, haben sie einzig und allein einer gewissen Hartnäckigkeit zu verdanken. Soll diese Eigenschaft tatsächlich eine Conditio sine qua non zeitgemäßer Personalentwicklung sein?

Ehe Dax-Chefs freiwillig zur Seite rücken, um bunte Reihe mit den Frauen zu machen – ja, was müsste da wohl noch passieren? Führungsposten waren doch immer ihr Privileg. Es ergab sich so. Viel zu lange haben Frauen die Quote, dieses in der Tat peinliche Hilfsmittel, abgelehnt – aus Stolz. Sie glaubten, es aus eigener Kraft schaffen zu können. Nachdem sie tausendfach erfahren mussten, wie fest geknüpft das Old Boys Network sein kann, denken sie anders darüber. Rührend, wenn im eben überarbeiteten Deutschen Corporate Governance Kodex einer Regierungskommission noch einmal nachdrücklich »angemessene Beteiligung« von Frauen in Aufsichtsräten, Vorständen und Führungspositionen gefordert wird und die Justizministerin dazu wieder einmal Bitte, Bitte sagt – Ergebnis: gleich null.

Ohne Quote bleiben Frauen an der Spitze Solitäre. Das ist nicht nur für sie selbst bedauerlich, sondern schlecht für uns alle.