Gleichberechtigung in der Schule Löten Mädchen anders?
Jungs können Mathe, Mädchen Deutsch: Wie alte Vorurteile den Schulalltag prägen.
Eigentlich dachte die Lehrerin immer, dass sie schon viel richtig machen würde. Claudia Gehe-Becker unterrichtet Naturwissenschaften an einer Realschule in Berlin-Charlottenburg – und sie will dabei auch die Mädchen fördern: Sie besucht mit ihnen einen Technik-Parcours, damit sie einen Tag lang – ohne ihre männlichen Schulkollegen – löten, basteln und schweißen können, sie unterrichtet an manchen Tagen geschlechtergetrennt, und sie unterstützt den Girls’ Day, der den Mädchen spannende Berufe in den Naturwissenschaften schmackhaft machen soll. Dann aber ließ sie einen ihrer Schüler während des Unterrichts notieren, welche Schüler sie aufrief, wer sich meldete und wer nicht. Damit wollte sie zeigen, dass sie alle gleichmäßig drannehmen würde. Die Strichliste zeigte: Meldete sich ein Junge achtmal und ein Mädchen zehnmal, kam der männliche Schüler häufiger zu Wort. »Wie kann das sein? Ausgerechnet du als Frau bevorzugst die Jungen?«, fragte sie sich. Heute glaubt sie, die Gründe zu kennen: Die männlichen Schüler seien dominanter und deshalb auch präsenter im Unterricht. Schon um die Klasse ruhig zu halten, hat sie manchmal den Impuls, eher Jungen aufzurufen als Mädchen.
Manche Lehrer bevorzugen Jungen und merken es noch nicht einmal
Es wird wieder einmal viel diskutiert über das Verhalten der Mädchen und Jungen im Unterricht: Wer ist präsenter? Wer wird von den Lehrkräften benachteiligt, wer bevorzugt? Brauchen Mädchen einen anderen Unterricht als Jungen? Wie kann man das jeweilige Geschlecht am besten fördern? Je tiefer man in die Materie eindringt, desto heftiger wird auch innerhalb der Forschung gestritten. Es sind die immergleichen Fragen, über die sich die Gemüter zu erhitzen scheinen: Warum soll die Pädagogik sich spezielle Förderkonzepte für Jungen in der Schule überlegen, wenn sie später doch eh einen Großteil der Führungskräfte in den Chefetagen stellen? Aber auch: Warum soll man Mädchen fördern, wenn sie doch schon jetzt gut im Schulsystem funktionieren?
Fragt man die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland nach der Gleichberechtigung zwischen Mädchen und Jungen im Unterricht, ist ihre Antwort eindeutig: Eine echte Gleichberechtigung, also eine wirklich gleiche Behandlung von Jungen und Mädchen, ist selten in deutschen Klassenzimmern. Der Grund hierfür liegt ihrer Meinung nach in erster Linie bei den Lehrkräften: »Lehrer haben bestimmte Rollenbilder im Kopf, die sie ganz unbewusst transportieren.« Sprich: Ein Lehrer, der davon überzeugt ist, vielleicht auch nur unbewusst, dass Mädchen das Lösen von Mathematikaufgaben grundsätzlich schwerer fällt als deren männlichen Mitschülern, behandelt sie automatisch anders als ihre männlichen Schulkameraden. Gerade in diesem »unreflektierten Reproduzieren von Stereotypen« sieht Faulstich-Wieland die Gefahr, dass sich herkömmliche Rollenbilder verfestigen: »Viele Lehrer denken immer noch, dass es biologisch begründbar ist, dass sich Jungen eher für Mathe interessieren und Mädchen für Deutsch.« Die Folge dieser Ungleichbehandlung fasst sie im folgenden Szenario zusammen: Die Schülerinnen spüren, dass der Lehrer oder auch die Lehrerin ihnen nicht viel zutraut, das wiederum verunsichert die Mädchen noch mehr. »Bei Mädchen wirkt sich ein Mangel an Selbstbewusstsein auf die Leistung aus«, sagt Faulstich Wieland.
Auch die Schulforscherin Bettina Hannover von der Berliner Freien Universität kommt zu einem ähnlichen Schluss, auch sie vermisst in der Schule das, was sie »Genderkompetenz« nennt: die Fähigkeit der Lehrer und Lehrerinnen, die eigenen Rollenbilder kritisch zu hinterfragen und zu korrigieren, aber auch das Bewusstsein darüber, dass Mädchen und Jungen schon vor der Schule unterschiedlich sozialisiert wurden, dass sie andere Erfahrungen gemacht haben. »Genderkompetenz spielt in der Lehrerausbildung kaum eine Rolle«, beklagt Hannover.
Worauf sich die Forscher in Sachen Geschlechterförderung einigen können, ist nicht allzu viel: Mädchen und Jungen sind unterschiedlich, sie denken und verhalten sich unterschiedlich, sie werden unterschiedlich sozialisiert. Darauf, so der Konsens der Wissenschaftler, müssten die Schule, der Unterricht und die Lehrer reagieren. Umstritten bleibt, auf welche Weise das geschehen soll.
»Kompensatorisch«, sagen Forscherinnen wie Hannover: Lehrer und Schulen sollten auf diese unterschiedlichen Vorerfahrungen eingehen. Das könnte sogar im Extremfall dazu führen, dass Mädchen und Jungen wieder auf unterschiedliche Schulen aufgeteilt würden, wie es einigen Wissenschaftlern vorschwebt. Die Alternative zu dieser Extremvariante wäre eine abgespeckte Version: Mädchen und Jungen könnten in bestimmten Altersstufen und in bestimmten Fächern, die als »typisch weiblich oder typisch männlich« angesehen werden, in Mädchen- und Jungenklassen aufgeteilt werden.
Die Berliner Lehrerin Gehe-Becker ist für die abgespeckte Version, sie plädiert für einen getrennten Unterricht in einigen Fächern, den Naturwissenschaften etwa, und auch hier nur in einer bestimmten Altersstufe. Mit dem geschlechtergetrennten Unterricht in der Klasse 9 und 10 hat sie gute Erfahrungen gemacht: »Sowohl Mädchen als auch Jungen sind viel gelöster und freier, sich zu melden.«
Hannover und Faulstich-Wieland sind anderer Meinung. Sie lehnen den geschlechtergetrennten Unterricht insgesamt ab, sprechen von einer »Überdramatisierung des Geschlechtes«. »Das wäre eher kontraproduktiv für die Gleichberechtigung«, sagt Hannover.
Mädchen sind eher bereit, bei ihren Berufswünschen zurückzustecken
Unverzichtbar hingegen seien Lehrer und Lehrerinnen, die eine größere Sensibilität dafür entwickeln, dass Mädchen häufig eine andere Herangehensweise an Problemstellungen haben als ihre männlichen Mitschüler. Was die Schülerinnen brauchten, seien daher Denkanstöße, auch wenn es darum geht, sich von den traditionellen Berufsvorstellungen zu lösen. Gehe-Becker erlebt in ihrem Schulalltag, dass Mädchen genau in diesen gewohnten Berufskategorien denken: »Schülerinnen, die sehr gut in Naturwissenschaften sind, entscheiden sich dann trotzdem häufig für einen sozialen Beruf.« Warum sich Mädchen eher für die angeblich weicheren Berufsfelder interessieren, ob es an der Reproduktion bestimmter Rollenbilder liegt oder an biologisch erklärbaren Veranlagungen, auch darüber ist sich die Forschung uneinig. Eine Studie von Hannover ergab, dass es bei Mädchen einen Zusammenhang zwischen dem Wunsch nach Familie und der Planung der eigenen Karriere gibt: War der Familienwunsch sehr hoch, steckten die Mädchen ihre beruflichen Ziele eher niedriger, bei Jungen war hingegen kein Zusammenhang zwischen diesen beiden Faktoren zu beobachten. Wie kann also eine Mädchenförderung in den Klassenzimmern aussehen? »Wir müssen die Mädchen in ihrem Selbstbewusstsein stärken«, sagt Faulstich-Wieland. Damit sie am Ende unabhängig und selbstbewusst ihre Entscheidungen fällen, sei es für den Physikleistungskurs oder für das Germanistikstudium.
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- Datum 03.09.2010 - 14:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.09.2010 Nr. 36
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Irgend wie wünscht man sich, es gäbe keine Unterschiede und unterschiedliche Verfahren wären nicht nötig. Obwohl man doch recht genau weiß, dass Frauen und Männer irgend wie unterschiedlich sind. Unterschiedlicher als etwa männliche Deutsche und männliche Türken. Oder christliche Frauen und muslimische.
Da habe ich mich immer gefragt, ob ich nur zu naiv an ein Ideal glaube. Ja, musste ich mir eingestehen, aber nicht dass von "alle sind gleich", sondern die Idee, dass jeder Mensch, gleich welchen Geschlechts, im Prinzip alles lernen kann. Manche brauchen dafür weniger Zeit, andere sogar eigene Wege.
Als Abiturient und Student habe ich rund 50 Schülern Nachhilfe in Mathematik gegeben. Nur einer von diesen war männlich (und der auch nur, weil er, als er aufgrund eines kleinen Missverständnisse von 2 auf 3 abrutschte, ich seiner großen Schwester schon Nachhilfe gab...). Auch bei Mitstudenten machte ich die Erfahrung, dass die Geschlechter anders denken - in Bezug auf Mathematik.
Aber ebenso wurde mir durch die Nachhilfe klar, dass viele Auswirkungen auf einer Nichtberücksichtigung dieses Unterschieds beruhen. Getrennte Klassen? Vielleicht. Aber vor allem Lehrbücher, die nicht von Männern für männliche Schüler geschrieben wurden!
Und diesen Ansatz vermisse ich seit Jahrzehnten in den Diskussionen.
Gott bewahre! Frauen sind natürlich die besseren Menschen. WIr sollten zur Optimierung unsere Wirtschaftsleistung anfangen, alle Männer auf den Bau zu schicken, damit sie die Frauen nicht vom Melden im Unterricht abhalten.
Soweit ich weiß machen jetzt schon mehr Frauen Abitur als Männer. Wenn sie sich nicht für Technik interessieren lasst sie halt. Männer jetzt wieder als "Dominanter" und was weiß ich darzustellen ist vollkommener Unsinn. Wir haben schon genug ungleichberechtigung in den Schulen!
*kopfschüttel*
Gott bewahre! Frauen sind natürlich die besseren Menschen. WIr sollten zur Optimierung unsere Wirtschaftsleistung anfangen, alle Männer auf den Bau zu schicken, damit sie die Frauen nicht vom Melden im Unterricht abhalten.
Soweit ich weiß machen jetzt schon mehr Frauen Abitur als Männer. Wenn sie sich nicht für Technik interessieren lasst sie halt. Männer jetzt wieder als "Dominanter" und was weiß ich darzustellen ist vollkommener Unsinn. Wir haben schon genug ungleichberechtigung in den Schulen!
*kopfschüttel*
Gott bewahre! Frauen sind natürlich die besseren Menschen. WIr sollten zur Optimierung unsere Wirtschaftsleistung anfangen, alle Männer auf den Bau zu schicken, damit sie die Frauen nicht vom Melden im Unterricht abhalten.
Soweit ich weiß machen jetzt schon mehr Frauen Abitur als Männer. Wenn sie sich nicht für Technik interessieren lasst sie halt. Männer jetzt wieder als "Dominanter" und was weiß ich darzustellen ist vollkommener Unsinn. Wir haben schon genug ungleichberechtigung in den Schulen!
*kopfschüttel*
Endlich mal ein Gender-Mainstreaming-Artikel in der ZEIT.
Schon richtig, doch - oh großes Staunen - es gibt sehr viele Jungen, die schlecht in Mathe sind. Die werden eben wie Schülter behandelt, die schlecht in Mathe sind.
Und was ich leider immer wieder hören musste ist folgende Ausrede:
"Ich bin nicht so gut in Mathe, bin ja auch ein Mädchen."
Es ist eine Ausrede, nicht mehr, das typische "Ach, bringt doch eh nichts", wenn man eigentlich einfach nur keinen Bock hat.
Wenn jemand etwas wirklich nicht kann, ist das eine Sache, dann bemerkt man ja dennoch das bemühen, aber wenn jemand von vornherein nicht will, kann es niemals zu etwas führen und es ist nicht eine Benachteiligung, sondern ein guter Vorwand, der geliefert wird, wobei es bei den Jungen ein Stück eher als das bezeichnet wird, was es halt mitunter auch oft ist: Faulheit. - Und daran geb ich auch dem Schulsystem mit schuld.
Kinder haben nämlich durchaus Spaß am lernen, die Art und Weise ist jedoch entscheidend und schon seit Jahren ein Problem. Lehrer, die den Kindern Spaß am Fach vermitteln, bewirken eine Motivation von Innen heraus, das Kind WILL dan z.B. sogar Hausaufgaben machen, von ganz allein. Eine bessere Art zu Lehren gibt es kaum, weil mit Druck und Angst bewirkt man maximal (wenn überhaupt) eine kurzzeitigen Erfolg und nach der Schule wird sofort wieder alles vergessen.
Mit dem Geschlecht hat das rein gar nichts zu tun (wie das meiste, abseits der Fortpflanuzungsorgane), darin unterscheiden sich Menschen allgemein nur sehr wenig.
Eine noch größere Trennung von Jungen und Mädchen wäre meiner Meinung nach einfach nur noch fatal. Ganz im Gegenteil. Mehr miteinander machen. Die Starken sollen lernen, den Schwachen zu helfen, egal wer das im jeweiligen Fach gerade ist. Aber wir bauen ja nunmal alles auf dieser riesigen Energieverschwendung Namens "Konkurrenzverhalten" auf, allen voran die Medien mit ihren ständigen "Wer ist besser hier und wer ist besser da"-Sch***. Und natürlich nicht immer schön reißerisch aufgezogen.
Und woran das liegt, dass Männer meistens arbeiten gehen ist einfach zu beantworten: Sie wollen nicht allein alt und grau werden und das Rollenmodell ist nunmal immer noch so, dass der Mann wenig Chancen hat, wenn er den Haushalt schmeißen will. Manche wachsen in diesem Bewußtsein auf bzw hinein, ohne sich darüber klar zu werden, man(n) macht, was nunmal normal ist.
Ein Großteil der Männer will dabei durchaus gerne zuhause sein, viel Zeit mit den Kinder verbringen, aber wenn das Geld fehlt, funktioniert das natürlich nicht.
Bleibt der Mann auch mal zwangsweise zuhause (durch z.B. Arbeitlosigkeit) und schmeißt den Haushalt, merken dann auch diejenigen, die sich das zuvor nie vorstellen konnte, dass es in der Regel sogar angenehmer ist, als das tägliche Malochen in der Lohnarbeit, die für die wenigsten befriedigend ist.
So gesehn wundert es also eigentlich nicht, warum Menschen die Wahl treffen, wenn sie diese haben. Lohnarbeit ist einfach nicht so toll.
... des sogenannten "Gender-Mainstreamings"?
Diese Ideologie verdient es, mindestens so kritisch hinterfragt zu werden wie der "Multikulturalismus".
Übrigends sind die Gruppen der "VerfechterInnen" der beiden Ideologien annähernd deckungsgleich...
Gruß,
Joe
Es fällt auf, dass die beteiligten Wissenschaftlerinnen zwar Mängel aufzeigen können, wären sie selber dran, könnten sie es sicher nicht besser.
Übrigens ist Mathematik nicht das richtige Fach zur Unterscheidung, da muss frau schon Physik nehmen.
Die Diskussion ist schon sehr alt; was bildungspolitisch viel mehr auf den Nägeln brennt, ist die Diskussion, die Sarrazin, zum wiederholten Male, angestoßen hat: Was machen wir mit den Verlierern unserer Bildungspolitik, und da sind die Jungen zahlenmäßig inzwischen das größere Problem. In diesem Zusammenhang ist u. a. an den Volksentscheid in Hamburg zu denken und vieles, vieles mehr.
Ist der Artikel eigentlich schon in Arbeit, in dem die ZEIT endlich die Quote für Männer in Grundschulen und Kindergärten fordert?
Vielleicht liegt es ja an den Generationen von Männern, die schon als Kinder von Frauen zu Mädchen erzogen wurden, dass die Geburtenrate so niedrig sind?
Vielleicht entsteht die fehlende Gleichberechtigung vor allem durch fehlende Geschlechteridentität?
Fragen über Fragen...
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