Es ist Sonntag, der 22. August, als Lars Knuchel frühmorgens zum Bäcker geht, um Gipfeli zu holen. Auf dem Tresen liegen die neuen Zeitungen, darunter die Sonntagszeitung aus dem Zürcher Verlagshaus Tamedia. Als Knuchel, Informationschef des Schweizer Außenministeriums, deren Hauptschlagzeile liest, stockt ihm der Atem: Calmy-Rey: Fünf Frauen im Bundesrat sind ein Problem. Knuchel weiß: Einmal mehr wird bald die Hölle los sein. Einmal mehr ist der Sonntag im Eimer.

Was war passiert? In einem Gespräch mit der Sonntagszeitung hatte Bundesrätin Micheline Calmy-Rey auf die Suggestivfrage »Also lieber fünf Frauen als zwei Berner?« geantwortet: »Das sagen Sie. Auf jeden Fall höchstens sieben!« Die Journalisten fügten an: »Männer könnten sich nicht mehr vertreten fühlen.« Was die Bundesrätin, die in ihrem Departement immerhin die Frauenquote eingeführt hat, so kommentierte: »Tatsächlich gilt es, auch das zu bedenken. Identifikation läuft auch über das Geschlecht. Zudem: Damit ein Gremium funktioniert, braucht es eine gute Durchmischung, was Mentalitäten und die berufliche Herkunft angeht.«

Darf man aus dieser Antwort eine Schlagzeile machen, die verkündet: Calmy-Rey: Fünf Frauen im Bundesrat sind ein Problem?

Offenbar. In der internen Blattkritik, die der ZEIT vorliegt, schreibt der neue Sonntagszeitung- Chefredaktor Martin Spieler: »Sehr gute Front mit Calmy. Story wurde sehr gut gequotet. Mit dieser Story haben wir sehr viel bewegt, was die Geschichten in den elektronischen Medien und den Zeitungen zeigen. Genau so muss es sein: Wir sorgen mit unseren Primeurs nicht nur am Sonntag, sondern auch während der Woche für Debatten und Gesprächsstoff.«

Gesprächsstoff schuf das Blatt, indem es Calmy-Reys Sätze einer Methode unterzog, die in Sonntagsblättern besonders beliebt ist: Man reduziere eine Aussage auf ihren emotionalen Kern, dann knete man so stark daran herum, bis sie eine provokative Schlagzeile hergibt. Und zwar eine Schlagzeile, die von anderen Medien aufgegriffen und zitiert wird. »Zuspitzen« nennt man das im Jargon.

Zugespitzt wurde, als der Sonntagsblick vor wenigen Wochen auf der Frontseite ausrief: Berna und Urs droht Todesspritze! Die süßen Jungpetze im Berner Bärenpark müssten eingeschläfert werden, verkündeten auch die Titel auf den folgenden zwei Seiten. Wer den Artikel dann aber las, der erfuhr, dass für das Bärenduo in spätestens eineinhalb Jahren ein neuer Betreuungsplatz gefunden werden muss; sonst, so der Tierparkdirektor, könne er »nicht ausschließen«, dass man zur Ultima Ratio greifen müsse.

Zugespitzt wurde – noch ein Beispiel –, als die Zeitung Sonntag im Februar 2008 den nahenden Rücktritt des UBS-Präsidenten Marcel Ospel verkündete: Also doch: Ospel tritt zurück. In einer Phase, in der jede Zeitung scharf auf diese Schlagzeile war, schaffte der Sonntag den Dreh, indem er ein Zitat des UBS-Sprechers Christoph G. Meier zuspitzte: »Marcel Ospel hat sich bereit erklärt, sich nochmals für ein Jahr wählen zu lassen«, hatte Meier gemeldet. »Darüber hinaus hat er keine Pläne.« Daraus drechselte der Sonntag: »Für die Zeit danach habe er definitiv ›keine Pläne mehr‹« – womit der Weg frei war für den Rücktrittsknaller. Das Blatt wurde wegen dieses Tricks vom Presserat gerügt. Patrik Müller, Chefredaktor des Sonntags, will nichts Schlimmes getan haben: »Wir würden nie solche Tricks anstellen. Uns unterlief bei der Bereinigung der Zitate schlicht und einfach ein Fehler, im ausführlicheren Artikel im Wirtschaftsbund stand es korrekt. Der Titel war aber zulässig, da wir zusätzliche Insiderinformationen hatten. Und Ospel trat ja kurz darauf tatsächlich zurück.«