Clubbing im Harry Klein Bis die Wände wackeln
Lärmschutz, der in den Bauch geht: Der Münchner Club Harry Klein vermittelt einzigartige Gefühle.
© Philipp Stengelin

Verschwinden in einem nächtlichen schwarzen Loch namens Harry Klein
Das ist einer der Momente, in dem Assoziationen nicht weiterhelfen. Warum heißt der Laden Harry Klein? Was haben 300 schwitzende Tänzer um vier Uhr morgens in Münchens heißestem, frisch in die Innenstadt gezogenem Technoclub mit dem nüchtern seinen Dienst versehenden Assistenten eines längst pensionierten TV-Kommissars zu tun? Und wie sähe es dann im Derrick-Club aus? Es ist wohl wie beim Surrealisten Max Ernst, der seinen Bildern Titel gab, die bewusst in die Irre führten, damit das Publikum etwas zum Grübeln hatte. Klein und eng ist es hier, das ja. Ich blicke über die Tanzfläche, sehe die Visuals an der Wand, die im Takt flackernden Videoprojektionen. Aber Schauen ist Nebensache, das Harry Klein ist ein Ort zum Hören und Fühlen. Jetzt schlägt er wieder, der Bass, trifft mich in den Bauch. Ich lehne mich zurück und spüre, wie die 24 Zentimeter dicke Stahlbetonwand in meinem Rücken vibriert, wie der ganze Raum wackelt, dieser Raum, der auf Federn steht.
Ein paar Stunden zuvor wurde ich am Eingang durchgecheckt wie vor einem Interkontinentalflug, Taschen ausleeren, penibles Abtasten, fehlten nur noch der Nacktscanner und der Visumstempel. Was suchen sie? Waffen? Wohl eher Drogen, so genau wie sie hinschauen. Sonst drehe ich lieber um und verzichte auf solche Kontrollrituale. Hier aber lasse ich es über mich ergehen, weil ich in diesen Raum hineinwill. Denn ich vermute, dass mich hinter den beiden Metalltüren tatsächlich ein unbekannter Kontinent erwartet. Vielleicht liegt es an den Zeichen, die nicht hierher passen, ans Ende einer unscheinbaren Geschäftspassage in der verkehrsberauschten Sonnenstraße. »Harald Klein, Tonträger & Musikalienhandlung« steht in goldenen Buchstaben über dem Eingang, daneben die Fresken von Hasen, die extralange Ohren haben und in Trompeten blasen.
Dann passieren wir die Grenze und die Schallschleuse und betreten eine Welt, in der eine andere Physik gilt: Wir verschwinden in einem nächtlichen schwarzen Loch. Das Zentrum des Harry Klein ist ein sechs Meter hoher Betonwürfel mit einer Grundfläche von 100 Quadratmetern und 350 Tonnen schwer, der im entkernten Gebäude auf elf Federn steht, eine Architektur wie im Science-Fiction-Film. Mit diesen aufwendigen Umbauarbeiten wurde vor allem einem einzigen besonders lärmsensiblen Nachbarn Genüge getan. Es handelt sich um eine rücksichtsvolle Maßnahme, die dazu dient, anschließend umso rücksichtsloser zu Werke zu gehen. Denn man hat einen Ort erschaffen, an dem sich niemand beschwert, wenn man so laut ist, wie man will. Dieser Traum ist der Jugendkultur ab den Teenagerjahren eingeschrieben. Halbstarke nutzen ihr Auto als Schalllabor und kutschieren mit glücklichen Gesichtern das wummernde Blech durch die Stadt.
Auch das Harry Klein hat getunte Stoßdämpfer, die Federn wandeln die Schallenergie auf eine Wellenlänge von fünf Hertz um und leiten sie unhörbar ins Fundament. Ähnlich ist auch die Hamburger Elbphilharmonie konstruiert, dort soll der Lärm nicht drinnen, sondern draußen gehalten werden. Das lärmsensible Publikum im Harry Klein weiß besonders die Megabässe zu schätzen. Mit ohrenfreundlichen 103 Dezibel treiben sie uns durch die Nacht, durch den kompakten Spaßknast auf zwei Etagen, in dem sich alles auf die Bewegung durch die Beats konzentriert. Wer nicht tanzen will, der wird getanzt, weil ihn der Schall durchrüttelt wie das neue Wunder-Trainingsgerät Power Plate. Es herrschen Dampfbad-Temperaturen, als würden auch die Luftmoleküle in den Basswellen gegrillt. Wie schafft es der Barmann bei dieser Hitze und diesem Lärm zu arbeiten? Das muss ein Würfelbewohner mit angepasstem Organismus sein.
Als unbeabsichtigter Nebeneffekt des Umbaus lässt sich der gefederte Raum in Eigenschwingung versetzen. Das ist nun seine größte Attraktion. Die DJs genießen ihre neue Macht, sie spielen mit dem Basssound und brummen ganz tief knarzend und ganz langsam wie Tubaspieler beim Blasmusiksolo. Alles vibriert, die Köpfe, die Körper, der Raum. Als der Beat wieder schneller und die Bässe wieder klarer werden, jubeln die Tänzer und werfen ihre Arme in die Höhe, bis die Erde bebt. Der Barmann geht durch die Menge und verteilt kühlendes Wassereis. Gut, dass ich mir die strenge Grenzkontrolle zugemutet habe, diesen Kontinent kannte ich noch nicht. Dank Soundtechnik und Architektur wird in diesem Zauberwürfel eine neue körperliche Erfahrung möglich. Das Harry Klein ist keine Diskothek mehr, sondern ein Fahrgeschäft, das vier Zentimeter über dem Boden schwebt.
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- Datum 02.09.2010 - 18:39 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.09.2010 Nr. 36
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Schön, dass die Zeit sich endlich mal wieder meiner Stadt widmet. Nach durchtanzten, durchschwitzten Jahren von München bis Ibiza, ja bis über Goa, bin ich eigentlich froh, mich in der Ruhe und Stille des Yogas und der Meditation gefunden zu haben, dem Weg nach innen, den ruhigen Interviews wie z.B. http://www.memoro.org/de-... zu widmen, auf Helmut S. warte ich noch...
Aber vielleicht sollte ich mich doch noch ein einziges Mal ins Nachtleben stürzen? Mit Taschen- und Gesichtskontrolle ;-)
Doch fangen wir woanders an. Was in München entstand, ist - architektonisch betrachtet - ein Meilenstein in der Clublandschafts Deutschlands, bestimmt gar Europas. Endlich ein futuristisches System, was nicht durch Design, sondern vor allem Funktion überzeugt. Willkommen in der Zukunft.
Aber sonst? Wummernde Bässe? Schwitzende Menschen, die die Nacht (nur die Nacht? ...ach ja, ist ja MUC) durchtanzen? Das Hochreißen der Hände? Wassereis oder kaltes Wasser? Wir sprechen da von Phänomenen, die in den späten 80ern entstanden und seitdem die Gruppe von Menschen treu begleiten, die sich von der Art von Musik beflügeln lässt. Es ist also keineswegs typisch nur fürs Harry Klein und erst recht nicht nur für München, wo das Feiern zu elektronischem Sound so oder so längst zu einem Gesehen-und-Gesehenwerden-Zirkus wurde.
Vielleicht sollten sich Zeitredakteure öfters mal in Milieus wagen, die fernab von Bundespressekonferenz, Vorstandssitzungen großer Konzerne oder bestenfalls wichtigen (und leider meist gänzlich versnobten) klassischen Konzerten liegen. Die Welt da draußen hat kulturell viel mehr zu bieten als Bach-Kantaten oder die Wagner-Festspiele. Man driftet dann aber keineswegs automatisch in Richtung "Mega-Rave" oder Proll-Club à la Privileg. Es gibt da noch die etwas "undergroundige", aber höchst feier- und tanzwütige Technokultur. Lackschuhe und Kravatte aus, Turnschuhe und T-Shirt an und die Nacht (und meist auch der Tag danach) gehört Euch...
Falls ich mal irgendwann in München sein sollte werde ich vorbei schauen, mit ein wenig Glück ist gerade Karotte-Abend.
Der Autor scheint nie im "alten" Harry Klein gewesen zu sein, das sich am Ostbahnhof befand. Sonst würde er den jetzigen Club nicht so in den Himmel heben. Gewiss: Die Architektur des Raumes ist atemberaubend und der Sound genauso gut wie früher. Aber die Liberalität, die mit dem alten Harry verbunden war, ist seit dem Umzug Geschichte.
Damals war noch ein großer Garten mit Hollywood-Schaukeln, Bierbänken und einer Bar an den Club angeschlossen. Die Türsteher kontrollierten höchstens sporadisch, so dass die Rauchschwaden, die durch den Outdoor-Bereich waberten, oft nach Gras rochen. Aber: Hey, so muss es sein in einem abgeranzten Electro-Club wie dem Harry! Die jetzigen Kontrollen hingegen vermiesen einem den ganzen Clubbesuch. Da kann die Musik noch so gut sein, wenn ich am Eingang wie ein mutmaßliches Al-Quida-Mitglied behandelt werde, hab ich schon gar keine Lust mehr, reinzugehen.
... menschliche Ohren mit 103 Dezibel abzuschießen?
Es muss ja knallen in 'nem Club - da geht man ja nun wahrlich nicht hin, um sein Gehör zu schonen. Aber wahrscheinlich gibt's da auch bald nen Volksentscheid, "Für echten Lärmschutz in Technoclubs"!
(Hoffentlich aber erst, wenn ich schon tot bin ...)
Es muss ja knallen in 'nem Club - da geht man ja nun wahrlich nicht hin, um sein Gehör zu schonen. Aber wahrscheinlich gibt's da auch bald nen Volksentscheid, "Für echten Lärmschutz in Technoclubs"!
(Hoffentlich aber erst, wenn ich schon tot bin ...)
Es muss ja knallen in 'nem Club - da geht man ja nun wahrlich nicht hin, um sein Gehör zu schonen. Aber wahrscheinlich gibt's da auch bald nen Volksentscheid, "Für echten Lärmschutz in Technoclubs"!
(Hoffentlich aber erst, wenn ich schon tot bin ...)
Die Resonanzfrequenz eines Raumes zu finden ist ein alter Hut, in Räumen mit parallelen Wänden relativ leicht zu realisieren. Und das bei theoretisch beliebigen Raumgrößen. Man pitcht den Bass, idealerweise einen Sinuston, solange runter, bis die Strecke zwischen der einen und der anderen Wand der Wellenlänge des Tons oder einem seiner Vielfachen entspricht. Der Raum und alles in ihm fängt daraufhin an zu schwingen. Das kann zu extremer Platzangst führen, aber auch sehr berauschend sein. Ich habe das in den 90ern immer wieder bei Konzerten der "Förmchenbande" ("Bassgestützte Sterbehilfe") erlebt. Es ist in jedem Fall beeindruckend, aber nicht materialschonend. Schön, dass jetzt mal jemand dieses Phänomen auch architektonisch provoziert.
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