Als Bodo Hombach in seinem schwarzen Cherokee-Jeep sitzt und an seiner Zigarre zieht, weiß er schon von seinem Glück, das ist das Seltsame. Er kann sein Glück riechen, er kann ihm entgegenfahren, normal ist das nicht. Die Wanduhr im Blockhaus zeigte halb fünf, als er seine Frau Ingrid fragte, wie die Kaffeemaschine funktioniere, das war die letzte Unwägbarkeit an diesem Morgen. Hombach hat sich seine rote Angeljacke angezogen, jetzt gehört die Küste ihm. Er fährt immer geradeaus, er sieht keine Stadt, keinen Hafen, nur die Straße und den Wald. In der Ferne bohren sich die Gipfel der Rocky Mountains durch den Dunst. Die Wege in Kanada sind weit, aber sie werden kürzer, wenn Hombach sie sich vornimmt.

Einen Freund bat er, Captain Jack aufzutreiben, einen 98-jährigen Fischer mit einem Holzboot, der so viel über den Pazifik weiß, dass ihm die anderen Schiffe sklavisch folgen. Als Hombach erfuhr, dass Captain Jack ins Altenheim gebracht worden war, klingelte das Telefon bei Captain Jacks Sohn. Er nannte einen erstklassigen Kapitän, einen Spezialisten.

Der Kapitän wartet schon, als Hombach den Wagen im Hafen abstellt. Aus dem Auto schiebt sich ein großer, schwerer Mann. Watschelnd bewegt er sich vorwärts. »Mal gucken, ob wir was erwischen«, sagt Hombach mit seiner grollenden Stimme, die sich so anhört, als müsse er gleich in eines dieser Studios zurück, in denen sie amerikanische Kriegsfilme synchronisieren.

Hombach hat dem Kapitän einen guten Preis gemacht, 500 Dollar, Hombach macht immer gute Preise. Der Kapitän führt ihn an Bord eines Motorbootes, auf dem die Angelruten schon in Halterungen stecken, neben faustgroßen Haken zum Aufspießen der Beute. Der Kapitän hat auch ein Echolot. Am Ende wird es so aussehen, als hätte Hombach Glück gehabt, aber das glauben nur Amateure, die von der Organisation des Glücks nichts verstehen.

Bodo Hombach ist ein rätselhafter Mann. Er ist 58 Jahre alt und Geschäftsführer der Mediengruppe Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) in Essen. Das klingt nach einem grauen Posten in einer grauen Stadt. Aber der Konzern, den er lenkt, hat allein vier Tageszeitungen in Nordrhein-Westfalen, eine einmalige Medienmacht an der Ruhr. Vor ihr muss sich jede Regierung in Nordrhein-Westfalen in Acht nehmen. 183 Zeitschriften besitzt der Konzern in Europa, Radiosender, Druckereien, Anteile von Fernsehanstalten.

SPD-Chef Sigmar Gabriel schickt ihm Kurznachrichten

Bodo Hombach, Sohn eines Dekorateurs und einer Apothekenangestellten, ist heute ein vermögender Geschäftsmann. Er war auch schon Chef des Kanzleramtes unter Gerhard Schröder. Hombachs Leben ist wie ein Reißverschluss. Mal zog ihn die Politik nach oben, mal die Wirtschaft, anschließend die Politik und so weiter. In den neunziger Jahren saß er für die SPD im Landtag von Nordrhein-Westfalen, gleichzeitig war er Geschäftsführer der Stahlfirma Preussag. 1998 wurde er Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen, gleichzeitig beriet er seinen Freund Gerhard Schröder auf dem Weg zur Kanzlerschaft. Hombach hatte schon für Johannes Rau, der ihn sein »Alter Ego« nannte, eindrucksvolle Wahlkämpfe organisiert. Hombach war ein Kraftwerk voller Ideen, das gefiel Schröder. Nach knapp einem Jahr im Kanzleramt schickte er Hombach zur Europäischen Union nach Brüssel, er wurde Sonderbeauftragter für den von Kriegen verwüsteten Balkan. Als der Zeitungskonzern WAZ im Jahr 2002 einen Manager brauchte, der sich durchsetzen kann, wurde Hombach wieder Geschäftsmann.

Man weiß nicht viel über ihn. Er ist einer dieser Männer, die ihren Platz im Schatten der Suchscheinwerfer gefunden haben. Hombach ist noch heute in der SPD, und man wundert sich, dass der Christdemokrat Jürgen Rüttgers bei ihm Trost suchte, nachdem er als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen abgewählt worden war. Hombach war es auch, der damals das Papier für Kanzler Schröder schrieb, das der SPD einen »dritten Weg« empfahl, mit wirtschaftsfreundlichen Ideen, die später auch in der Agenda 2010 auftauchten und bei Hartz IV, der großen deutschen Zäsur. Geht man der Frage nach, wo die vielen Kurznachrichten landen, die der SPD-Chef Sigmar Gabriel an aufregenden Tagen schreibt, dann ist die Antwort: mindestens fünf bei Hombach.

Jetzt sitzt er da in einem Boot. Er wirkt so arglos, als würde ihm nie etwas Besonderes einfallen. Es gibt Leute, die ihn gar nicht persönlich kennen und sich nichts dabei denken, wenn sie ihn auf Konferenzen »Bodo« rufen, wie einen Saalordner. Hombach sieht immer aus wie jemand, der von den Ereignissen überrascht wird.

Der Heilbutt imponiert Hombach, weil er zurückschlagen kann

»Was wollen Sie von mir?«, fragte er am Telefon, ein paar Wochen vor seiner Urlaubsreise nach Kanada. Da saß er noch an seinem Schreibtisch im Büro, im Zeitungshaus in Essen. »Worüber wollen Sie mit mir reden?«

»Über Macht. Wie funktioniert Macht?«

»Ich habe keine Macht«, erwiderte Hombach, »ich denke nicht, dass Sie bei mir an der richtigen Adresse sind.«

Wenige Tage vor seiner Abreise hat er dann gesagt: »Sie brauchen Google Earth, wenn Sie mich finden wollen.« Der Ort stehe auf keiner Straßenkarte. Der Name des Ortes dürfe in der Zeitung keine Rolle spielen.

Als der Kapitän Kurs nimmt auf die fischreiche Zone, in der Ebbe und Flut sich treffen, erzählt Bodo Hombach seine Geschichte. Er atmet tief ein und ruft: »Irre!« Er liebt dieses Wort. Es kann verrückt heißen oder großartig, es kann eine fassungslose Frage verkleiden oder eine Huldigung tarnen. Das Leben ist irre. Beinahe hätte es in einer Straßenbahn in Mülheim an der Ruhr begonnen. Eine Notgeburt war er, zwei Monate zu früh, keine 2000 Gramm. Bodo Hombachs Geschichte ist die Geschichte vom dürren Kind, das schnell zunehmen musste, damit es ins Leben finden konnte. Das klingt nach einer sozialdemokratischen Geschichte.

Der Kapitän hat das Boot gestoppt und zieht kleine Tintenfische aus Gummi auf die Haken. Als er die Angeln auswirft, ist Hombach noch bei einem Jungen, dem ein Buchstabe fehlte. Die anderen Kinder in Mülheim fuhren auf einem Roller, Bodo Hombach sagte »Oller«. »Bodo, wir reparieren das«, habe seine Mutter ihm damals gesagt und sei mit ihm zu einem Logopäden gelaufen, der ihm das R beibrachte. Das gerollte Zungen-R beherrschte er danach mühelos, aber das unauffällige R der anderen Kinder lernte er nie. »Stammen Sie eigentlich aus dem Siegerland?«, haben ihn schon Leute gefragt, oder »Haben Sie lange in Amerika gelebt?« Erwähnt man beiläufig, dass sein R dem R seines früheren SPD-Rivalen Franz Müntefering ähnelt, dann guckt Hombach einen an, als hätte das Boot gerade einen Felsen gerammt, und sagt nach langem Schweigen: »Mein Gott. Müntefering. Das hat mir noch keiner gesagt.« Danach wendet er sich dem Heilbutt zu.