Medien Bodos Tierleben
Wie ködert man die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft? Eine Angeltour mit dem Strippenzieher und ehemaligen Kanzleramtschef Bodo Hombach im kanadischen Pazifik.
Als Bodo Hombach in seinem schwarzen Cherokee-Jeep sitzt und an seiner Zigarre zieht, weiß er schon von seinem Glück, das ist das Seltsame. Er kann sein Glück riechen, er kann ihm entgegenfahren, normal ist das nicht. Die Wanduhr im Blockhaus zeigte halb fünf, als er seine Frau Ingrid fragte, wie die Kaffeemaschine funktioniere, das war die letzte Unwägbarkeit an diesem Morgen. Hombach hat sich seine rote Angeljacke angezogen, jetzt gehört die Küste ihm. Er fährt immer geradeaus, er sieht keine Stadt, keinen Hafen, nur die Straße und den Wald. In der Ferne bohren sich die Gipfel der Rocky Mountains durch den Dunst. Die Wege in Kanada sind weit, aber sie werden kürzer, wenn Hombach sie sich vornimmt.
Einen Freund bat er, Captain Jack aufzutreiben, einen 98-jährigen Fischer mit einem Holzboot, der so viel über den Pazifik weiß, dass ihm die anderen Schiffe sklavisch folgen. Als Hombach erfuhr, dass Captain Jack ins Altenheim gebracht worden war, klingelte das Telefon bei Captain Jacks Sohn. Er nannte einen erstklassigen Kapitän, einen Spezialisten.
Der Kapitän wartet schon, als Hombach den Wagen im Hafen abstellt. Aus dem Auto schiebt sich ein großer, schwerer Mann. Watschelnd bewegt er sich vorwärts. »Mal gucken, ob wir was erwischen«, sagt Hombach mit seiner grollenden Stimme, die sich so anhört, als müsse er gleich in eines dieser Studios zurück, in denen sie amerikanische Kriegsfilme synchronisieren.
Hombach hat dem Kapitän einen guten Preis gemacht, 500 Dollar, Hombach macht immer gute Preise. Der Kapitän führt ihn an Bord eines Motorbootes, auf dem die Angelruten schon in Halterungen stecken, neben faustgroßen Haken zum Aufspießen der Beute. Der Kapitän hat auch ein Echolot. Am Ende wird es so aussehen, als hätte Hombach Glück gehabt, aber das glauben nur Amateure, die von der Organisation des Glücks nichts verstehen.
Bodo Hombach ist ein rätselhafter Mann. Er ist 58 Jahre alt und Geschäftsführer der Mediengruppe Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) in Essen. Das klingt nach einem grauen Posten in einer grauen Stadt. Aber der Konzern, den er lenkt, hat allein vier Tageszeitungen in Nordrhein-Westfalen, eine einmalige Medienmacht an der Ruhr. Vor ihr muss sich jede Regierung in Nordrhein-Westfalen in Acht nehmen. 183 Zeitschriften besitzt der Konzern in Europa, Radiosender, Druckereien, Anteile von Fernsehanstalten.
SPD-Chef Sigmar Gabriel schickt ihm Kurznachrichten
Bodo Hombach, Sohn eines Dekorateurs und einer Apothekenangestellten, ist heute ein vermögender Geschäftsmann. Er war auch schon Chef des Kanzleramtes unter Gerhard Schröder. Hombachs Leben ist wie ein Reißverschluss. Mal zog ihn die Politik nach oben, mal die Wirtschaft, anschließend die Politik und so weiter. In den neunziger Jahren saß er für die SPD im Landtag von Nordrhein-Westfalen, gleichzeitig war er Geschäftsführer der Stahlfirma Preussag. 1998 wurde er Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen, gleichzeitig beriet er seinen Freund Gerhard Schröder auf dem Weg zur Kanzlerschaft. Hombach hatte schon für Johannes Rau, der ihn sein »Alter Ego« nannte, eindrucksvolle Wahlkämpfe organisiert. Hombach war ein Kraftwerk voller Ideen, das gefiel Schröder. Nach knapp einem Jahr im Kanzleramt schickte er Hombach zur Europäischen Union nach Brüssel, er wurde Sonderbeauftragter für den von Kriegen verwüsteten Balkan. Als der Zeitungskonzern WAZ im Jahr 2002 einen Manager brauchte, der sich durchsetzen kann, wurde Hombach wieder Geschäftsmann.
Man weiß nicht viel über ihn. Er ist einer dieser Männer, die ihren Platz im Schatten der Suchscheinwerfer gefunden haben. Hombach ist noch heute in der SPD, und man wundert sich, dass der Christdemokrat Jürgen Rüttgers bei ihm Trost suchte, nachdem er als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen abgewählt worden war. Hombach war es auch, der damals das Papier für Kanzler Schröder schrieb, das der SPD einen »dritten Weg« empfahl, mit wirtschaftsfreundlichen Ideen, die später auch in der Agenda 2010 auftauchten und bei Hartz IV, der großen deutschen Zäsur. Geht man der Frage nach, wo die vielen Kurznachrichten landen, die der SPD-Chef Sigmar Gabriel an aufregenden Tagen schreibt, dann ist die Antwort: mindestens fünf bei Hombach.
Jetzt sitzt er da in einem Boot. Er wirkt so arglos, als würde ihm nie etwas Besonderes einfallen. Es gibt Leute, die ihn gar nicht persönlich kennen und sich nichts dabei denken, wenn sie ihn auf Konferenzen »Bodo« rufen, wie einen Saalordner. Hombach sieht immer aus wie jemand, der von den Ereignissen überrascht wird.
Der Heilbutt imponiert Hombach, weil er zurückschlagen kann
»Was wollen Sie von mir?«, fragte er am Telefon, ein paar Wochen vor seiner Urlaubsreise nach Kanada. Da saß er noch an seinem Schreibtisch im Büro, im Zeitungshaus in Essen. »Worüber wollen Sie mit mir reden?«
»Über Macht. Wie funktioniert Macht?«
»Ich habe keine Macht«, erwiderte Hombach, »ich denke nicht, dass Sie bei mir an der richtigen Adresse sind.«
Wenige Tage vor seiner Abreise hat er dann gesagt: »Sie brauchen Google Earth, wenn Sie mich finden wollen.« Der Ort stehe auf keiner Straßenkarte. Der Name des Ortes dürfe in der Zeitung keine Rolle spielen.
Als der Kapitän Kurs nimmt auf die fischreiche Zone, in der Ebbe und Flut sich treffen, erzählt Bodo Hombach seine Geschichte. Er atmet tief ein und ruft: »Irre!« Er liebt dieses Wort. Es kann verrückt heißen oder großartig, es kann eine fassungslose Frage verkleiden oder eine Huldigung tarnen. Das Leben ist irre. Beinahe hätte es in einer Straßenbahn in Mülheim an der Ruhr begonnen. Eine Notgeburt war er, zwei Monate zu früh, keine 2000 Gramm. Bodo Hombachs Geschichte ist die Geschichte vom dürren Kind, das schnell zunehmen musste, damit es ins Leben finden konnte. Das klingt nach einer sozialdemokratischen Geschichte.
Der Kapitän hat das Boot gestoppt und zieht kleine Tintenfische aus Gummi auf die Haken. Als er die Angeln auswirft, ist Hombach noch bei einem Jungen, dem ein Buchstabe fehlte. Die anderen Kinder in Mülheim fuhren auf einem Roller, Bodo Hombach sagte »Oller«. »Bodo, wir reparieren das«, habe seine Mutter ihm damals gesagt und sei mit ihm zu einem Logopäden gelaufen, der ihm das R beibrachte. Das gerollte Zungen-R beherrschte er danach mühelos, aber das unauffällige R der anderen Kinder lernte er nie. »Stammen Sie eigentlich aus dem Siegerland?«, haben ihn schon Leute gefragt, oder »Haben Sie lange in Amerika gelebt?« Erwähnt man beiläufig, dass sein R dem R seines früheren SPD-Rivalen Franz Müntefering ähnelt, dann guckt Hombach einen an, als hätte das Boot gerade einen Felsen gerammt, und sagt nach langem Schweigen: »Mein Gott. Müntefering. Das hat mir noch keiner gesagt.« Danach wendet er sich dem Heilbutt zu.
Der Heilbutt ist ein Wesen, das Hombach imponiert. Heilbutt, das hört sich nach einem Abendessen an der deutschen Nordseeküste an, einem Fisch so mickrig wie eine Scholle, aber da täuscht man sich. Der Pazifische Heilbutt ist ein gigantischer Fisch, groß und flach wie ein Teppich. Seine Figur verrät nichts von seiner Gefährlichkeit. Es gibt Heilbuttarten, die so kräftig werden, dass sie Hombach mit ihrem Schwanz umhauen könnten.
Einige Profis unter den Fischern, sagt Hombach, hätten ein Gewehr an Bord, eine Waffe wie in alten Westernfilmen, eine Winchester, mit der sie den Heilbutt kurz vor der Landung erschießen. In Bodo Hombachs Geschichten darf nie etwas lautlos zu Ende gehen, immer muss etwas platzen, knallen, in letzter Not knapp entwischen, das Mindeste ist ein interessantes Zischen.
»Da hinten ist nichts mehr«, sagt Hombach und schaut zum Horizont, »nur der Ozean, sonst nichts.« Manchmal stellt er sich vor, wie sich die Luft, die das Wasser gegen die Klippen drückt, aus dem meeresblauen Nichts erhebt. Wenn Hombach davon erzählt, klingt es, als würde jedes Mal die Erde neu geboren. Das nächste Land, das man irgendwann erreichen würde, wenn das Boot endlos hinaustriebe, wäre Japan. Danach China. Shanghai ist von hier aus kaum weiter entfernt als Mülheim an der Ruhr. Zehn Stunden ist er mit seiner Frau nach Westen geflogen, im äußersten Zipfel des Westens sind sie gelandet, im kanadischen Vancouver. Anschließend sind sie so lange die Küstenstraße hochgefahren, bis kein Handynetz sie mehr fangen konnte.
Weil der Fisch sich Zeit lässt, spricht Hombach über seine anderen Begegnungen, und man fragt sich, ob es bei ihm noch einen Unterschied gibt zwischen einem Pazifischen Heilbutt und Michael Naumann. Der Sozialdemokrat Naumann war Staatsminister für Kultur unter dem Kanzler Schröder, als Hombach Chef des Kanzleramtes war. Naumann wurde danach Chefredakteur und Herausgeber der ZEIT, heute leitet er die Redaktion des anspruchsvollen Politikmagazins Cicero. Die Blätter in Hombachs Konzern heißen Westfalenpost oder Borbecker Nachrichten, Das goldene Blatt oder Eisenbahn Journal, viel bedrucktes Papier, wenig Glanz. Hombach hat auch ein paar Rätselhefte im Angebot. Will er sich mit Naumann messen, muss er mit einer Niederlage rechnen, wie bei einem Heilbutt.
Wo denn das tolle Feuilleton in Hombachs Zeitungen sei, stichelte Naumann in einem Interview. »Bei uns heißt diese Rubrik Kultur«, antwortete Hombach in einem Brief und stellte bei Naumann einen »intellektuellen Engpass« fest. Helfen könne ihm vielleicht ein Bypass. Der Köder wirkte. Nun schrieb Naumann einen Brief, schloss mit freundlichen Grüßen, und Hombach wünschte ihm »gute Gesundheit«.
Besonders die Abschiedsformel hat Hombach gefallen. Endlich hatte er das Spiel mit dem Spott nicht verloren: Naumann war in den Augen seiner Beobachter immer der feingliedrige Intellektuelle mit der Zigarette, Hombach der dicke Holzkopf mit der Zigarre. Naumann hörte man reden und konnte ihn für seine Rhetorik bewundern. Hombach sah man essen und konnte seinen Appetit bestaunen. »Brecher«, »Bulldozer« schrieben die Zeitungen. »Am Anfang«, sagt Hombach, »habe ich mich nicht erkannt, und das hat mich gestört. Aber ich habe dann den Versuch aufgegeben, dass mein Image mir ähnlich wird. Wer eine Figur hat wie ich, der geht nicht als Intellektueller durch.« Wollte der frühere Kanzler Schröder etwas von Hombach, rief er: »Ey Dicker, komm, iss mit mir.«
Später, als der Medienmanager Hombach mit Helmut Kohl in einem Restaurant saß, sagte Kohl: »Sie haben dasselbe Gewicht wie ich. Das sehe ich.«
»Sie«, antwortete Hombach, »haben mindestens 20 Kilo mehr.«
»Dasselbe Gewicht«, beharrte Kohl.
»Oder 30 Kilo mehr«, erwiderte Hombach.
Man könnte die Geschichte der Macht ganz sicher auch als Geschichte der Mahlzeiten erzählen, aber das wäre bei Hombach zu einfach. Wer ihm einen Gefallen tun will, der schaut ihm auf den Bauch und unterschätzt seine Intelligenz. Hombach hat sich nicht satt gegessen an der Macht, er ist hungrig geblieben. Er könnte einfach sagen, dass die Schlacht entschieden ist, weil der Chefredakteur Naumann bloß ein paar Journalisten unter sich hat und Hombach 17000 Menschen. Aber das sagt Hombach nicht. Ihm gefällt es, wenn das Spiel weitergeht.
Vor einiger Zeit stand Hombach mit dem Kulturwissenschaftler Claus Leggewie gemeinsam auf einem Podium. Der Anblick der beiden konnte nur komisch wirken, das war klar. Der rotwangige, massige Hombach neben dem blassen, schmalen Intellektuellen. Hombach muss die Gefahr geahnt haben. Bevor sich ein lächerliches Bild in den Köpfen der Zuschauer festsetzen konnte, zog er Leggewie an seine Brust wie einen lieben, kleinen Bruder. Leggewie verschwand in Hombachs Armen, schaute bewundernd zu ihm empor, und Hombach fragte: »Na, Claus, was ist deine nächste These?«
Einmal, in Kanada, setzte sich Hombach im Boot auf die Holzkiste, in der ein gefangener Heilbutt lag, als der Fisch die Kiste mit einem letzten, wütenden Schlag zerbrach. Da thronte Hombach plötzlich auf dem Heilbutt. Es sah so aus, als habe er versucht, seinen Widersacher totzusitzen.
Hombach ist ein sonderbarer Fischer. Jeder Angler auf der Welt spricht mit Respekt über Lachse, die schnell sind und schön und auch ein bisschen geheimnisvoll. Man weiß nicht genau, wie man sie kriegen kann, wenn sie sich aus dem Meer aufmachen zu den Laichplätzen in den Flüssen, sie nehmen dann fast keine Nahrung mehr auf. Wer einen Lachs mit einer Angelrute überlistet, bildet sich darauf etwas ein. Einige Angler sind von sich so überwältigt, dass sie ihren Lachs küssen. Hombach aber sagt: »Lachse sind ein bisschen bescheuert.« Man müsse nur einmal sehen, auf was sie hier in der Bucht hereinfallen – einen alten Heringsfetzen an einem Angelhaken.
Hombach hat die Achtung vor den Lachsen verloren, weil sie ihm ihre enttäuschende Schlichtheit offenbarten, ihre billige Verführbarkeit, die es dem Verführer unmöglich macht, sich großartig zu finden und sich in diesem berauschenden Gefühl zu verlieren. Jeder Angler auf der Welt erzählt sich beim Fischen die Geschichte seiner selbst, eine märchenhafte Geschichte, ohne Brüche und ohne Lügen, eine Geschichte, die über dem Wasser steht wie ein Wetterleuchten. Zu einer solchen Geschichte passt kein Lachs, der sich auf dem Weg zum heiligen Ort der Fortpflanzung in einen kaputten Hering verbeißt.
Vor vielen Jahren, als Hombach noch SPD-Abgeordneter im nordrhein-westfälischen Landtag war, rief ihn ein junger Mann an, der ihm erzählte, er wolle unbedingt sein Assistent werden. Da war Hombach auch schon ein Handelsreisender, der in Malaysia ein Spiralrohrwerk hinterließ, den Chinesen Baustahl abkaufte und ihnen Leggins andrehte, hohe Provisionen verdiente, einer, der in Flugzeugen nachts Schlaftabletten schluckte und danach Rotwein trank, weil er glaubte, dass er am Morgen danach wieder ausgeruht im Landtag sitzen könne. Hombach fand die Idee mit dem Assistenten nicht schlecht, endlich konnte ihm jemand Arbeit abnehmen. Er schleppte zwei Pilotenkoffer mit Unterlagen aus dem Büro, da war die Arbeit drin, und fuhr zu einer Parteiversammlung. »Kommen Sie dahin«, hatte er dem Anrufer gesagt. Als Hombach während seiner Rede vor den Genossen einen jungen Zuhörer im Publikum entdeckte, der aufgeregt applaudierte und ihm zujubelte, dachte er: »Was für ein kleines Arschloch, den stelle ich niemals ein.«
Man kann über Hombach nicht sagen, dass er sich verleugnet hat auf dem Weg nach oben. Er winselt nicht, er fordert eine Meinung heraus. »Wir sollten jetzt keinen falschen Konsens herstellen«, das ist sein Satz. Aber man kann über ihn sagen, dass er die Mächtigen suchte, dass er sich in ihren Häusern aufhielt, dass er sie zu sich einlud, um eingeladen zu werden, dass die Einladung ein doppeldeutiges Prinzip wurde, seine Fangmethode.
Noch heute sagt er zu Schröder freundschaftlich »du Arsch«, zum Beispiel, wenn Schröder einfach das Ende einer Zigarre abbricht, statt die Zigarre zu schneiden. Hombach teilte sich mit dem SPD-Politiker Friedhelm Farthmann, dessen Unterarme gezeichnet waren von den Schnitten einer Baumsäge, eine Nacht lang ein Doppelbett in einer Waldhütte. Er pflegte sein gutes Verhältnis zum Palästinenserführer Jassir Arafat und bekam von ihm in Gaza-Stadt eine Christuskrippe geschenkt. Er war stellvertretender Vorsitzender der deutsch-tunesischen Handelskammer und zugleich im Kuratorium der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung. Er fuhr im Dienstwagen des stellvertretenden Staatspräsidenten durch Syrien. Die südafrikanische Regierungspartei ANC machte ihn zum Ehrenmitglied. Die japanische Stadt Nagasaki ernannte ihn zum Ehrenbürger. Er ließ einen Container mit Feuerwerksraketen durch den Suezkanal schleusen, bevor er mit 22 Freunden und den Söhnen des Königs von Abu Dhabi Silvester feierte. Er saß am Sterbebett des früheren Bundespräsidenten Rau. Er hat dem ehemaligen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement kurz vor der Abreise nach Kanada ein Geburtstagsständchen ins Telefon geflötet.
Man weiß nie, wem Hombach welche Rolle gibt
Man konnte Hombachs Macht immer leicht verwechseln mit seinem Auftritt. Man sah ihn damals mit Schröder und glaubte, das Donnern an der Seite des Kanzlers sage etwas über das Zentrum des Gewitters. Als es Schröder zu viel wurde, schickte er Hombach weg, das war 1999. Hombach verließ Schröder, aber er ließ ihn nicht los.
Man kann bei Hombach nie genau sagen, wem er welche Rolle gibt. Man weiß nicht, ob Schröder inzwischen ein Freund ist, ein Genosse oder ein Berater. Möglich, dass Schröder sich plötzlich in einen Vermittler verwandelt, der den serbischen Präsidenten Boris Tadić bestens kennt und bei Hombachs Zeitungsgeschäften auf dem Balkan für einen Gefallen gut sein kann. Dann wäre Schröder ein nützlicher Agent. Man kann nicht sagen, wo die Grenzen verschwimmen. Man kann nur sagen, dass sie verschwimmen. Das Revier des Nachbarn kann morgen Hombachs Revier sein. Man sollte sich nicht einbilden, man habe ihn durchschaut. Vergnügt sitzt er im Boot und fragt: »Wussten Sie, dass wir auch Europas größter Verleger von Tierzeitschriften sind?«
Dann beißt einer zu. Die Angelrute biegt sich, und es dauert eine Weile, bis der Fisch so müde ist, dass er sich an Bord hieven lässt. »Kein Riese«, sagt Hombach, ein halbstarker Heilbutt, vielleicht 50 Pfund. Der Kapitän erschlägt ihn und legt ihn in eine Plastikwanne. Von dem Fleisch könnte eine Fußballmannschaft satt werden, aber Hombach fragt: »Ob der wohl groß genug ist?«
Das Boot schaukelt willenlos im Wind, Hombach geht es prächtig. Unbedingt will er einen zweiten Heilbutt. Zwei Stunden vergehen, aber noch immer kein weiterer Heilbutt. »Fahren wir zurück«, sagt Hombach. Der Kapitän zieht dem Fisch ein Seil durch die Kiemen, damit man ihn leichter tragen kann, und gibt ihn Hombach, als das Boot im Hafen ankommt. Der Kapitän schneidet den Fisch auf und wirft die Innereien ins Wasser. Das Beste holen sich die Fischotter. Hombach trägt den Heilbutt zum Auto und fährt los. Das Ferienhaus, vor dem er parkt, teilt er sich mit einem befreundeten Bauunternehmer aus Abu Dhabi. Der Freund ist fast nie da, trotzdem ist das Haus oft voll, Hombach hat viel Besuch. Es gibt immer jemanden, der etwas von ihm will, meist einen kleinen Auftrag. Das kann eine neue Lampe sein, oder die Weisung, sich nach den Terminen des deutschen Außenministers zu erkundigen.
Hombach lädt den Fisch in der Küche ab. Der Koch soll ihn zubereiten, Hombach muss sich ausruhen. Während seines Urlaubs arbeitet er fast jeden Morgen, meist zwischen sieben und neun. Sein bester Freund ist dann das Faxgerät. Es steht im Arbeitszimmer des Hauses und verwandelt Menschen, die vorhatten, ihn zu behelligen, in Papier. Sein Pressesprecher hat ihm schon wieder einen Haufen Zeitungsartikel gefaxt. »Meine Balkankriege«, sagt Hombach. Es läuft nicht gut. Er wollte es in Serbien wie im Ruhrgebiet machen, verschiedene Zeitungen unter einem Dach. Kosten drücken, Profite steigern. Aber den Investoren aus Essen stellten sich Oligarchen aus Belgrad entgegen, die um ihre Macht über die Presse kämpfen, und es kamen Gestalten, die behaupteten, die Oligarchen milde stimmen zu können, von Anzahlungen war die Rede. Aber Hombach zahlte nicht. In Serbien hatte er keine Hausmacht. In Serbien ist er gescheitert.
Der Koch ruft zum Essen, sechs Leute laden sich Fischstücke auf Teller, aber sie schaffen nicht einmal die Hälfte. Danach zieht sich Hombach in die Ecke mit dem Ledersessel zurück, von dem er einen fantastischen Blick auf den Pazifik hat. Uferloses Blau. Wenn er durch sein Fernrohr guckt, sieht er nur diese eine Farbe.
Draußen, auf dem Balkon, hat schon der deutsche Schauspieler und Autor Burkhard Driest gesessen, den Hombach eingeladen hatte. Driest hatte 1965 die Sparkasse in Burgdorf bei Hannover überfallen, das war ein wichtiger Punkt. Hombach organisierte ein Essen und ließ Driest auf den kanadischen Schriftsteller Stephen Reid treffen, der nach und nach 47 Banken ausgeraubt hatte. Der Deutsche hatte gut drei Jahre im Gefängnis gesessen, der Kanadier 30 Jahre, in vielen Gefängnissen. Als der Kanadier zu dem Deutschen sagte: »Du bist doch nur ein kleiner Fisch«, freute sich Hombach diebisch. Die beiden Autoren, die sich mühelos in ein Gespräch über das Schreiben hätten vertiefen können, fingen an, sich in ihren früheren Verbrechen zu vergleichen. Hombach hatte die Dichter in Kriminelle zurückverwandelt. Unschuldig saß er daneben und beobachtete die Metamorphose.
Ginge es nach Hombach, hätten Kanadas Indianer eine Agenda 2010
Hier kam er auch auf die Theorie mit den Indianern. Die kanadischen Indianer, sagt Hombach, wurden nicht mit Waffengewalt, sondern durch übertriebene Fürsorge niedergemacht. Der Staat habe die Politik der Zwangsassimilierung dadurch gutmachen wollen, dass er den Indianern großzügig Sozialhilfe anbot, statt sie in Jobs zu drängen. Viele Indianer hängen herum oder kaufen sich von dem geschenkten Geld Drogen. So hat Hombach schon immer auf die Welt geblickt, deswegen mögen ihn die Linken nicht. Er verkündete Sachen, die nach Verrat klangen, zum Beispiel: »Willy Brandt hat nicht gesagt: Wir wollen mehr Sozialhilfe wagen.« Von Brandt sind viele Sozialdemokraten fasziniert, aber Hombach sah in ihm »die Alternative zum Kommunismus«, erst später kam die Bewunderung für Brandts Ostpolitik hinzu. Einige Linke verachten Hombach, seit er vor 20 Jahren in einem Aufsatz schrieb: »Der Sozialismus ist tot.« Wäre es nach Hombach gegangen, hätten Kanadas Indianer längst eine Agenda 2010.
Er sagt, er wolle sich aus der Parteipolitik heraushalten, er sei ja inzwischen ein Wirtschaftsmensch, aber dann sagt er es doch: »Der Fisch stinkt nicht vom Kopf her, sondern vom Körper.« Der Fisch, das ist die SPD.
Was seien das für hochintelligente Leute, der Gabriel, der Steinbrück, der Steinmeier. Wie offen hat er sie im kleinen Kreis sprechen hören, aber sobald sie vor Fernsehkameras stehen, beginnt das Herunterregeln der Wahrheiten, aus Angst vor einer ängstlichen Partei.
Hombach sagt: »Die SPD ist hinter ihrem Fortschritt zurückgeblieben.« Die Ortsvereine müssten doch voll sein von Menschen wie ihm, wohlhabenden Leuten, die profitierten von der Bildung, die ihre Partei in den siebziger Jahren unters Volk gebracht hatte. Aber an der Basis herrschten Alte, Nörgler und Gebeutelte. Wo sind die Genossen geblieben, fragt Hombach, die in die Mitte der Gesellschaft geführt wurden und noch weiter hinauf? Die Partei, die wie keine andere für den sozialen Aufstieg gekämpft hat, stoße ihre Aufsteiger ab.
Hombach käme nicht auf die Idee, sein Parteibuch zurückzugeben. Aber er will sich auch nicht mehr in der SPD engagieren. Das ist ein harter Satz für einen, der seiner Partei so viel zu verdanken hat.
Bodo Hombachs Geschichte ist die Geschichte einer Entfremdung. Erzählt man sie aus Sicht der Parteibasis, dann ist da ein Mann, der sich von ihr absetzte und nicht mehr zurückblicken wollte. Erzählt man sie aus Hombachs Sicht, dann ist da eine Basis, die ihm mit jedem Karriereschritt stärker misstraut hat.
Bodo Hombach begann 1967 als Lehrling im Fernmeldeamt Duisburg II. Er rief einen Streik aus für die Erlaubnis, lange Haare ohne Haarnetz tragen zu dürfen – und für die Einführung von Currywurst mit Pommes in der Kantine. Hombach versuchte, in Essen die Auslieferung der Bild- Zeitung zu verhindern, und geriet mit Polizisten aneinander, eine Narbe auf der Schädeldecke blieb. Schulabschluss, zweiter Bildungsweg, Studium der Sozialarbeit, Karriere in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Er war 24, als er im Jahr 1976 Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft wurde. Ein »Abwehr-Offizier« gegen Kommunisten wurde gesucht, und Hombach bot sich an. Im Konzern Preussag arbeitete er sich vom Außenhändler bis an die Spitze der Firma empor.
Er verdiente schon damals viel mehr Geld als die meisten seiner Genossen, und so begleitete ihn eine Frage: Bodo, ist dein Leben noch sozialdemokratisch? »Bei welchem Gehalt hört denn die Sozialdemokratie auf?« Das war Hombachs Versuch zu antworten. Eine Antwort war es nicht. Eine Antwort hätte aus einer Aufzählung der politischen Errungenschaften bestanden, die er an der SPD schätzt. Aber von Jahr zu Jahr fällt ihm da weniger ein.
Als er vor acht Jahren aus der Politik in die Wirtschaft wechselte, blieb er vielen Politikern verbunden, weil er die entstandene Nähe zu ihnen konservierte. Als er noch in der Politik war, wollte er trotzdem nie ein richtiger Politiker sein, keiner für die zähe Arbeit in Gremien. Er blieb ein Kampagnenführer, einer, der Spitzenkandidaten verkaufte und den Erfolg in Prozentzahlen ausdrückte.
Hombach hat nie verstanden, dass seine Partei bereit war, den Störenfried Wolfgang Clement auszuschließen. Jeder Ausschluss verenge die Partei, statt sie zu öffnen. Oft wurde Johannes Rau für das Motto belächelt: »Versöhnen statt spalten«. Hombach hat ihn dafür bewundert. Hombach glaubt, dass sich wahre Größe darin beweise, Widersprüche auszuhalten, bei einem Menschen wie in einer Partei.
Die Partei habe ein Problem mit Eliten, sagt Hombach. Je schneller er wuchs, desto mehr verlangte er auch von der SPD eine Verbreiterung. Je mehr er zulegte, desto mehr erwartete die SPD von ihm eine Verknappung. Das konnte nicht gutgehen.
Ein Meter und 93 Zentimeter. Hombach konnte sich nie verstecken, seine Anwesenheit musste etwas zu bedeuten haben. »Bodo, halt die Klappe«, blaffte einer der Lehrer früher in der Schule, sobald die Klasse lärmte, die Quelle der Unruhe aber nicht auszumachen war. Der fast gleich große Nelson Mandela, den Hombach 1993 in dessen Wahlkampf in Südafrika beriet, bat ihn beim ersten Treffen, sich sofort zu setzen. Die Größenverhältnisse durften nicht durcheinandergeraten, wenn die Fotografen ihre Bilder machten. Hombach, der durch die Gewerkschaft der Bergarbeiter nach Südafrika vermittelt worden war, empfahl sich Mandela durch vorsichtige Sätze. Es sei für den Erfolg der Schwarzen wichtig, die Zweifler zu erreichen. Und plötzlich, während einer Wahlkampfrede in Soweto, hörte Hombach, wie Mandela für einen Moment ins Afrikaans wechselte, die Sprache der weißen Unterdrücker.
Hombach machte andere Männer größer, indem er sich duckte, das war seine natürliche Rolle. Er hat sich immer dafür interessiert, wie man eine Figur öffentlich aufbaut – und dafür, wie man sie öffentlich zerstört. Als Oskar Lafontaine, damals noch Finanzminister an der Seite des Kanzlers Schröder, sehr schnell nach sehr viel Macht griff und einen wirtschaftsfeindlichen Kurs einschlug, brachte sich Hombach in Stellung und streute Nachrichten über den unfähigen Lafontaine. Am Ende warf Lafontaine alles hin.
Die Sekretärin verwaltet Hombachs Telefonnummern: 1668 Namen
Aber es schien nur so, als hätte ihn die Macht verschlungen, er hielt sie nicht dauerhaft aus. »Ich war ein Brutkastenbaby«, sagt er, »zu viel Nähe schadet mir.« Ein Jahr Bundespolitik, zwei Jahre Balkanpolitik, danach desertierte er von der Macht und näherte sich ihr wieder auf Umwegen, als oberster Manager im Medienkonzern. Hombachs Kurs ist der Schlingerkurs zwischen der Nähe, die ihm dienlich ist, ihn aber auf Dauer fesseln würde, und der Entfernung, die seine Unabhängigkeit garantieren könnte, ihn aber in die Ohnmacht entließe. Im Rückblick sieht es so aus, als hätte Hombach einen Karriereplan verfolgt. In Wahrheit hat er eine Sammlung angelegt. Seine Sekretärin verwaltet für ihn eine Computerdatei mit den wichtigsten Telefonnummern: 1668 sogenannte Hauptkontakte, untergliedert in zahllose Unterkontakte, Ehepartner, Manager, Berater, Anwälte. Hat der SPD-Chef Gabriel im Ruhrgebiet zu tun, dauert es nie lange, und er sitzt mit Hombach zusammen. Sie reden dann über die Rente mit 67 – und was sonst noch politisch anliegt.
Bis zum Jahr 2002 war Hombach für Europa auf dem Balkan, seitdem ist er es für den Zeitungskonzern WAZ. Nichts ist wertlose Vergangenheit, alles ist immer für alles zu gebrauchen. »Wir passen perfekt zusammen, die WAZ und ich«, sagt er, »wie eine Hand, die in einen Handschuh schlüpft.« Auch die WAZ versteckt ihr Gesicht, in verschachtelten Zweckbauten am Rande der Essener Innenstadt.
Fast 300 Redakteursstellen wurden im vorigen Jahr im Zeitungskonzern gestrichen, Hombach hatte alles durchgesetzt. In einem Essener Kino versammelten sich die Journalisten zu einer großen Aussprache, aber erst Hombach füllte den Saal. Kaum jemand wagte etwas zu sagen, nachdem er fertig war mit seiner Rede. Er hatte argumentiert und gesäuselt, er wollte kein Ende finden. Lauter erschöpfte Menschen blickten ihn an, mundtot hatte er sie geredet. Als ein Kritiker doch noch aufstand und zum Mikrofon wollte, brüllte Hombach: »Mann, hör doch auf!« Einige Redakteure wunderten sich, dass einer der hartnäckigsten Betriebsräte so still geblieben war. Tage später erfuhren sie, dass Hombach ihn zum Chefredakteur der Westfälischen Rundschau berufen hatte.
In Soest brachten die Journalisten, die um ihre Jobs fürchteten, mehr Mut auf und ließen eine Hombach-Figur auf einer Dampfwalze durch die Straßen fahren. Die Zeitungen des WAZ-Konzerns durften darüber nicht berichten, und Hombach sah sich das Spektakel abends im Fernsehen an. Er fragte seine Frau: »War ich heute in Soest? Der ist ja täuschend echt.« Er amüsierte sich. Hombach hatte sich so weit von den Menschen auf der Straße entfernt, dass ihre Sorgen ihn nicht mehr erreichten. Die Wut, mit der sie ihn karikierten, kam bei ihm wie der Ehrgeiz an, ihn nachzuahmen.
Als Hombach vor neun Jahren zum zweiten Mal heiratete, machte er den serbischen Regierungschef Zoran Djindjić, der später ermordet wurde, zu seinem Trauzeugen. Auf dem Hochzeitsfest erschienen auch Hombachs Friseur, Wolfgang Clement und die Kosmetikerin der Braut. Hombach hat einen Winzer drüben im US-Bundesstaat Washington entdeckt, dessen Rotweine jetzt auch Mathias Döpfner gefallen, dem Chef des Medienkonzerns Axel Springer AG. Döpfner finde sie »aufregend«. Abends, wenn Hombach vom Ledersessel aus Deutschland umkreist, lässt er beim Erzählen viele Zeitzeugen am Fenster vorbeilaufen. Jürgen Habermas, Daniel Cohn-Bendit, Heinrich von Pierer, Udo Lindenberg, Lord Dahrendorf, Fritz Pleitgen – wer gerade so gebraucht wird. Am nächsten Morgen diktiert er seiner Sekretärin in Essen einen Brief an Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank. Die Sekretärin muss genau hinhören, damit ihr nichts entgeht. Hombach spricht am Telefon sehr leise. Hinterher sagt er, Ackermann werde da sein, wenn er im Unternehmerverband Initiativkreis Ruhr die Hilfe des Bankiers brauche. Hombach ist gegen das Ausschließen, weil er ein Einschließer ist.
Seit drei Jahrzehnten trägt er die immer gleichen Anzüge, anthrazit oder dunkelblau, kauft sie immer im selben Laden. Seit drei Jahrzehnten zieht er die immer gleichen Hemden an, gestreift oder weiß, mit den eingestickten Initialen BH. Er greift im Schrank nach immer denselben Krawatten, denen mit den Elefantenmotiven. Seit drei Jahrzehnten hat er dieselbe Sekretärin. Mittags isst er im Büro immer seine Schwarzbrotstullen. Frühmorgens trifft er sich mit den immer gleichen Freunden vom sogenannten Sportclub. Dann sitzen sie auf ihren Heimtrainern und erzählen sich was. Das ist der unverrückbare Rahmen seines Lebens.
Bodo Hombach stellt sich ans Fenster des Blockhauses und beobachtet die Nüsse. Eine Tüte Erdnüsse hat er im Kramladen an der Durchgangsstraße gekauft, das macht er oft. 16 Nüsse hat er draußen auf dem Balkongeländer verteilt. »Sie werden gleich kommen«, sagt er über die Blue Jays, die Krähenvögel mit den blau schimmernden Federn. Hombach wartet. Eine Krähe nähert sich und wartet auch. Eine zweite Krähe landet und mustert die Konkurrentin. »Gleich gibt’s trouble«, sagt Hombach. Manchmal kacken sie beim Wegfliegen auf den Kopf der Buddhastatue, die Hombach vor den Balkon gestellt hat. Das hat er nicht so gern, aber es gehört zum Experiment.
Bei den Blue Jays hat er beobachtet, dass sich die Cleveren zwei Nüsse schnell hintereinander schnappen, dass sie hohle Nüsse sofort erkennen und dass sie sich auf ihren Clan verlassen. Die Krähe mit den meisten Verbündeten setze sich durch, jedes Mal. »Macht«, flüstert Hombach, »das ist Macht.« Hört Hombach einen Manager damit prahlen, er sei ein Alphatier, lacht er sich krank. Ein Alphatier, das von sich sagen muss, es sei ein Alphatier, hat sich schon widerlegt.
Hombach hat gelesen, dass sich Blue Jays 260 verschiedene Verstecke merken können. »Irre«, sagt er, »ist das nicht irre?« Treten Kinder, die jeden Erwachsenen in dem Gedächtnisspiel Memory mühelos schlagen, gegen Bodo Hombach an, muss hinterher einer kommen und die Kinder trösten. Hombach sagt: »Ich vergesse fast nichts.« Das kann auch eine Drohung sein. Gewerkschaftsleute, die etwas von ihm wollen, erinnert er gerne daran, wie abschätzig sie über ihn vor Jahren auf ihren Versammlungen sprachen. Fragen sie ihn, woher er das wisse, hören sie ihn sagen: »Ich habe meine Informanten.«
Im Zeitungskonzern hat Hombach die Befugnisse der Nummer eins, aber davon merkt draußen fast niemand etwas. In der Politik hatte er beobachtet, wie flüchtig die Macht sein kann, wie demütigend unfrei, wie kontrolliert. Vor Kurzem hat Hombach in einer Laudatio auf einen Geschäftsmann über den Kern der Macht gesprochen. Er sagte natürlich nicht Macht, das wäre ihm zu plump. Er sprach von der Weitsicht. Wer in der zweiten Reihe sitze, der sehe mehr. Hombach sagt: »Ich war der mit den Drehbüchern.«
Als sich herumsprach, dass der Christdemokrat Rüttgers Hombachs Nähe suchte, ließ jemand eine Zusammenstellung von 200 Seiten in Hombachs Büro abgeben, aus der hervorging, dass Rüttgers früher versucht hatte, Hombach politisch zu erledigen. Aber so genau wollte es Hombach gar nicht mehr wissen.
Fast wäre es passiert. Als man ihm 1998 unterstellte, er sei durch Vergünstigungen des Veba-Konzerns skandalös preiswert an sein privates Haus in Mülheim gekommen, taumelte Hombach bedenklich. Die Vorwürfe waren am Ende nicht zu belegen, aber die Affäre zog sich hin. Der stern schickte Fotografen in einem Hubschrauber bis in die Bucht der Heilbuttfischer, die Reporter vom Spiegel legten ihm Fragenkataloge vor. Wie viel hatte welches Fenster gekostet? Hombach war plötzlich ein nervöser Buchhalter, der Journalisten seine Rechnungen über Designerklinken vorlegte.
Hombach hatte es zur Meisterschaft gebracht beim Verwischen von Grenzen. Ihm traute man zu, eine weitere Grenze zu überschreiten, die des Erlaubten. Die Korruptionsvorwürfe waren zu naheliegend, um sie einfach zu vergessen. Beinahe hätte ihn der Verdacht umgerissen.
»Bin ich Hollywood von gestern? Ich schließe das nicht aus«
Morgen früh könnte alles vorbei sein, der Gedanke kam ihm öfter. Eines Tages machte sein Arzt ihm keine Hoffnung mehr, nachdem Hombach Blut gespuckt hatte. Eine böse Fehldiagnose. Aber auch davon hat sich Hombach erholt.
Vor ein paar Monaten bekam Hombach Besuch vom CDU-Politiker Ronald Pofalla, zu Hause in Mülheim, und Hombach kam sich alt vor. Pofalla ist jetzt das, was Hombach früher war, Chef des Kanzleramtes. Hombach hörte Pofalla sagen, dass heute alles ganz anders laufe. »Asymmetrischer Wahlkampf«, sagte Pofalla, und Hombach fragte sich: »Bin ich Hollywood von gestern? Ich schließe das nicht aus.«
Hombach sagt, er vermisse inzwischen die gemütlichen Raubtiere, Leute wie Schröder, die lange dösen, plötzlich aber hellwach sind, weil sie etwas haben wollen. Er vermisse nicht die Gewalt und nicht die Wildheit, aber den Mut. Manchmal redet Hombach wie einer, der alles hinter sich hat, manchmal wie einer, der morgen früh anfängt. Dann erzählt er von der vietnamesischen Staatspartei, die bald die Mediengesetze lockern wolle, da müsse er hin.
In zehn Jahren wird es Männer wie Hombach nicht mehr geben. Das heißt, es wird sie noch geben, aber in Büros werden sie nicht mehr sein. Sie werden in Gärten und Golfclubs sitzen. Darüber kann man sich freuen, weil es ein Sieg über die Eigenmächtigkeit sein wird, über das Hemmungslose und Selbstvergessene. Aber man wird diesen Sieg auch bedauern, weil ihm die Niederlage der Eigenwilligkeit vorausgehen wird, der Courage, der Vorstellungskraft, der Euphorie, der Pointe. Man möchte sich nicht ausmalen, jemals mit Ronald Pofalla fischen zu gehen.
Am letzten Abend lädt Hombach einen Operntenor aus Vancouver ins Blockhaus, einen jungen Indianer, der Gesang studiert. Ein paar Leute aus der Umgebung sitzen im Esszimmer zusammen, die Frauen haben sich Röcke und Kostüme angezogen und bieten selbst gemachte Sangria an. Vielleicht, sagt Hombach, tauche vor dem Fenster gleich noch ein Orcawal auf. Lauter Geschenke werden verteilt, aber keiner würde sie so nennen. Musik wird verschenkt, freundschaftliche Stimmung, ein Balkonblick auf die Unendlichkeit, Teilhabe an einer geliehenen Grandiosität. Bodo Hombach liegt zufrieden in seinem Sessel, und der Indianer mit dem Stammesnamen »Der das Gesicht eines Häuptlings trägt« singt »Halleluja«. Hombach hat die oberen Knöpfe seines Hemdes geöffnet und ruft: »Great!«
Der Indianer hört auf zu singen, und einer von Hombachs Nachbarn erzählt, dass er etwas Merkwürdiges beobachtet habe: Mit einem Mal verschwinden die Blue Jays, von einem Tag auf den anderen. »Kein einziger Vogel ist mehr da. Ist das nicht seltsam?«, fragt der Nachbar. Es müsse doch eine Erklärung geben. Die einzige Erklärung sei Hombach. Reist er ab, verziehen sich auch die Krähen.
Hombach sagt, es könne an der blauen Farbe seines Morgenmantels liegen. Vielleicht hätten sich die Blue Jays schon so sehr an ihren Ernährer gewöhnt, dass sie glauben, er sei jetzt einer von ihnen.
- Datum 06.09.2010 - 18:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.09.2010 Nr. 36
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Am Anfang des Artikels denkt man sich noch "aha, dieser Mann ist also ein mächtiger Mann, er hat Einfluss, ist interessanterweise nicht so bekannt wie er sein könnte, eine graue Eminenz"
...
Leider wird Hombach/Bodo Hombach so oft im Text verwendet das man bald darauf übersättigt ist. Es wirkt als ob der Autor versucht den am Anfang getätigten Eindruck weiter und weiter zu zementieren. Auf das der Leser danach nicht umhin kommt sich gegenüber Herrn Hombach einen einen fast Gott gleichen Respekt abzuringen.
Man könnte auch denken das der Autor versucht bei Google für das Suchwort Hombach auf Platz eins zu landen. Relevanz für das Wort hat der Artikel mehr als genug.
Eine Schreibweise die weniger oft den Namen nennt und dafür mehr und mit weniger Ehrfurcht aber ehrlich kritisch die Person skizziert wäre um Längen angenehmer zu lesen gewesen.
"Er kann sein Glück riechen, - ,normal ist das nicht"... für einen "Sozialdemokraten", wie er herrisch und menschenverachtend den WAZ-Konzern (bis zu seinem Aufschlagen ein sozialdemokratischer Vorzeigekonzern) "lenkt" - auf Kosten verdienter Mitarbeiter.
Ja, sein Glück kann er wohl riechen... aber er bekommt nicht einmal ansatzweise eine Nase an das Unglück, das er über Hunderte von lang gedienten Mitarbeitern bringt.
"Hombach macht immer gute Preise" wenn es um seinen privaten Benefit geht, mag das stimmen. Wenn es um Mitarbeiter der WAZ geht, wohl kaum. Letztes Angebot an Menschen im Alter von 55 Jahren: Wenn Sie nicht rausgeschmissen werden wollen (nach 30 oder mehr Jahren), können sie unter Verzicht auf eine Abfindung zu alten Bedingungen einen neuen Vertrag unterschreiben: kein Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld mehr, 2200 € brutto und mit der Option, dass diese Arbeitsplätze "geoutsourced" werden in den WAZ-Dialog... und sich dann niemand mehr an diese Verträge hält (noch mehr Lohndumping). Bisher gabs in Steuerkl. II als hier Beschäftigte/-r ca. 1650 - 1850 € (netto!).
"Aber der Konzern, den er lenkt,..."
Der Konzern, den er "verrenkt", wäre wohl angebrachter!
"Er wirkt so arglos, als würde ihm nie etwas Besonderes einfallen."
Etwas "Besonderes" nicht, jedenfalls nichts, was einem eingefleischten Sozialdemokraten zuzumuten wäre, wenn es um den menschlichen Umgang mit der Belegschaft, den Erhalt von Arbeitsplätzen und die unternehmerische, soziale Verantwortung geht.
Mein Mitgefühl gilt den Eltern, die solch einen armseligen und charakterlosen Wichtigtuer als Sohn haben.
Bitte an die Zeit: Diese neoliberalen Agenda-Sektenmitglieder der Schröder-Clique sind abgewählt worden, weil sie die SPD verkauft und zur 20%-Partei gemacht haben, ohne jede Glaubwürdigkeit. Sie sind deprimierende Vergangenheit, da helfen keine lebensverlängernden Massnahmen mit immer gleichem Geschwurbel.
Der Autor sollte mal beim Niggemeier nachschauen, welchen Bockmist Hombach bisher schon verzapft hat.
Den ärgerlichen Artikeln der ZEIT, die man in den letzten Wochen über sich ergehen lassen musste, setzt dieser Beitrag die Krone auf.
Hat die WAZ-Gruppe die Mehrheit am ZEIT-Verlag erworben oder hat die Chefredaktion einen Blackout der es ermöglichte, dass so eine peinliche Beweihräucherung den Weg in die Online - Ausgabe finden konnte?
Ich möchte Ihnen noch einmal Ihren Artikel vom 19.08.1999, DIE ZEIT, Christian Schmidt-Haeuer in Erinnerung rufen: http://www.zeit.de/1999/3... , in dem es um Unregelmäßigkeit bei Bau von Hombachs Haus in Mühlheim ging.
Dass Hombach darauf von Schröder als Balkanbeauftragter nach Brüssel weggelobt wurde, weil er als Dauer-Skandalnudel für die SPD katastrophale Umfrageergebnisse brachte, ist Ihrem Autor wohl entfallen ( Die Gnade der späten Geburt ?)
Dass er als Balkanbeauftragter sich wiederum die Taschen füllte, legt Ihr zitierter eigener Artikel nahe.
Als er dann von Brüssel genug hatte lancierte er seine Absicht, wieder in die deutsche Politik zurückzukehren, worauf die gesamte SPD-Spitze erst einmal in Ohnmacht fiel. Wieder bei Besinnung hatte sie nichts eiligeres zu tun als ihn bei der der SPD nahestehenden WAZ-Gruppe mit dem Job als Geschäftsführer unauffällig und politisch unschädlich zu entsorgen. Die Früchte dieses Vorgehens ernten jetzt die WAZ-Redakteure, wohl überwiegend ehemalige SPD-Wähler, wie in einem Kommentar weiter oben eindrucksvoll beschrieben wird.
"Ein Mann will nach oben" von Hans Fallada.
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