Medien Bodos TierlebenSeite 5/5
Als Hombach vor neun Jahren zum zweiten Mal heiratete, machte er den serbischen Regierungschef Zoran Djindjić, der später ermordet wurde, zu seinem Trauzeugen. Auf dem Hochzeitsfest erschienen auch Hombachs Friseur, Wolfgang Clement und die Kosmetikerin der Braut. Hombach hat einen Winzer drüben im US-Bundesstaat Washington entdeckt, dessen Rotweine jetzt auch Mathias Döpfner gefallen, dem Chef des Medienkonzerns Axel Springer AG. Döpfner finde sie »aufregend«. Abends, wenn Hombach vom Ledersessel aus Deutschland umkreist, lässt er beim Erzählen viele Zeitzeugen am Fenster vorbeilaufen. Jürgen Habermas, Daniel Cohn-Bendit, Heinrich von Pierer, Udo Lindenberg, Lord Dahrendorf, Fritz Pleitgen – wer gerade so gebraucht wird. Am nächsten Morgen diktiert er seiner Sekretärin in Essen einen Brief an Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank. Die Sekretärin muss genau hinhören, damit ihr nichts entgeht. Hombach spricht am Telefon sehr leise. Hinterher sagt er, Ackermann werde da sein, wenn er im Unternehmerverband Initiativkreis Ruhr die Hilfe des Bankiers brauche. Hombach ist gegen das Ausschließen, weil er ein Einschließer ist.
Seit drei Jahrzehnten trägt er die immer gleichen Anzüge, anthrazit oder dunkelblau, kauft sie immer im selben Laden. Seit drei Jahrzehnten zieht er die immer gleichen Hemden an, gestreift oder weiß, mit den eingestickten Initialen BH. Er greift im Schrank nach immer denselben Krawatten, denen mit den Elefantenmotiven. Seit drei Jahrzehnten hat er dieselbe Sekretärin. Mittags isst er im Büro immer seine Schwarzbrotstullen. Frühmorgens trifft er sich mit den immer gleichen Freunden vom sogenannten Sportclub. Dann sitzen sie auf ihren Heimtrainern und erzählen sich was. Das ist der unverrückbare Rahmen seines Lebens.
Bodo Hombach stellt sich ans Fenster des Blockhauses und beobachtet die Nüsse. Eine Tüte Erdnüsse hat er im Kramladen an der Durchgangsstraße gekauft, das macht er oft. 16 Nüsse hat er draußen auf dem Balkongeländer verteilt. »Sie werden gleich kommen«, sagt er über die Blue Jays, die Krähenvögel mit den blau schimmernden Federn. Hombach wartet. Eine Krähe nähert sich und wartet auch. Eine zweite Krähe landet und mustert die Konkurrentin. »Gleich gibt’s trouble«, sagt Hombach. Manchmal kacken sie beim Wegfliegen auf den Kopf der Buddhastatue, die Hombach vor den Balkon gestellt hat. Das hat er nicht so gern, aber es gehört zum Experiment.
Bei den Blue Jays hat er beobachtet, dass sich die Cleveren zwei Nüsse schnell hintereinander schnappen, dass sie hohle Nüsse sofort erkennen und dass sie sich auf ihren Clan verlassen. Die Krähe mit den meisten Verbündeten setze sich durch, jedes Mal. »Macht«, flüstert Hombach, »das ist Macht.« Hört Hombach einen Manager damit prahlen, er sei ein Alphatier, lacht er sich krank. Ein Alphatier, das von sich sagen muss, es sei ein Alphatier, hat sich schon widerlegt.
Hombach hat gelesen, dass sich Blue Jays 260 verschiedene Verstecke merken können. »Irre«, sagt er, »ist das nicht irre?« Treten Kinder, die jeden Erwachsenen in dem Gedächtnisspiel Memory mühelos schlagen, gegen Bodo Hombach an, muss hinterher einer kommen und die Kinder trösten. Hombach sagt: »Ich vergesse fast nichts.« Das kann auch eine Drohung sein. Gewerkschaftsleute, die etwas von ihm wollen, erinnert er gerne daran, wie abschätzig sie über ihn vor Jahren auf ihren Versammlungen sprachen. Fragen sie ihn, woher er das wisse, hören sie ihn sagen: »Ich habe meine Informanten.«
Im Zeitungskonzern hat Hombach die Befugnisse der Nummer eins, aber davon merkt draußen fast niemand etwas. In der Politik hatte er beobachtet, wie flüchtig die Macht sein kann, wie demütigend unfrei, wie kontrolliert. Vor Kurzem hat Hombach in einer Laudatio auf einen Geschäftsmann über den Kern der Macht gesprochen. Er sagte natürlich nicht Macht, das wäre ihm zu plump. Er sprach von der Weitsicht. Wer in der zweiten Reihe sitze, der sehe mehr. Hombach sagt: »Ich war der mit den Drehbüchern.«
Als sich herumsprach, dass der Christdemokrat Rüttgers Hombachs Nähe suchte, ließ jemand eine Zusammenstellung von 200 Seiten in Hombachs Büro abgeben, aus der hervorging, dass Rüttgers früher versucht hatte, Hombach politisch zu erledigen. Aber so genau wollte es Hombach gar nicht mehr wissen.
Fast wäre es passiert. Als man ihm 1998 unterstellte, er sei durch Vergünstigungen des Veba-Konzerns skandalös preiswert an sein privates Haus in Mülheim gekommen, taumelte Hombach bedenklich. Die Vorwürfe waren am Ende nicht zu belegen, aber die Affäre zog sich hin. Der stern schickte Fotografen in einem Hubschrauber bis in die Bucht der Heilbuttfischer, die Reporter vom Spiegel legten ihm Fragenkataloge vor. Wie viel hatte welches Fenster gekostet? Hombach war plötzlich ein nervöser Buchhalter, der Journalisten seine Rechnungen über Designerklinken vorlegte.
Hombach hatte es zur Meisterschaft gebracht beim Verwischen von Grenzen. Ihm traute man zu, eine weitere Grenze zu überschreiten, die des Erlaubten. Die Korruptionsvorwürfe waren zu naheliegend, um sie einfach zu vergessen. Beinahe hätte ihn der Verdacht umgerissen.
»Bin ich Hollywood von gestern? Ich schließe das nicht aus«
Morgen früh könnte alles vorbei sein, der Gedanke kam ihm öfter. Eines Tages machte sein Arzt ihm keine Hoffnung mehr, nachdem Hombach Blut gespuckt hatte. Eine böse Fehldiagnose. Aber auch davon hat sich Hombach erholt.
Vor ein paar Monaten bekam Hombach Besuch vom CDU-Politiker Ronald Pofalla, zu Hause in Mülheim, und Hombach kam sich alt vor. Pofalla ist jetzt das, was Hombach früher war, Chef des Kanzleramtes. Hombach hörte Pofalla sagen, dass heute alles ganz anders laufe. »Asymmetrischer Wahlkampf«, sagte Pofalla, und Hombach fragte sich: »Bin ich Hollywood von gestern? Ich schließe das nicht aus.«
Hombach sagt, er vermisse inzwischen die gemütlichen Raubtiere, Leute wie Schröder, die lange dösen, plötzlich aber hellwach sind, weil sie etwas haben wollen. Er vermisse nicht die Gewalt und nicht die Wildheit, aber den Mut. Manchmal redet Hombach wie einer, der alles hinter sich hat, manchmal wie einer, der morgen früh anfängt. Dann erzählt er von der vietnamesischen Staatspartei, die bald die Mediengesetze lockern wolle, da müsse er hin.
In zehn Jahren wird es Männer wie Hombach nicht mehr geben. Das heißt, es wird sie noch geben, aber in Büros werden sie nicht mehr sein. Sie werden in Gärten und Golfclubs sitzen. Darüber kann man sich freuen, weil es ein Sieg über die Eigenmächtigkeit sein wird, über das Hemmungslose und Selbstvergessene. Aber man wird diesen Sieg auch bedauern, weil ihm die Niederlage der Eigenwilligkeit vorausgehen wird, der Courage, der Vorstellungskraft, der Euphorie, der Pointe. Man möchte sich nicht ausmalen, jemals mit Ronald Pofalla fischen zu gehen.
Am letzten Abend lädt Hombach einen Operntenor aus Vancouver ins Blockhaus, einen jungen Indianer, der Gesang studiert. Ein paar Leute aus der Umgebung sitzen im Esszimmer zusammen, die Frauen haben sich Röcke und Kostüme angezogen und bieten selbst gemachte Sangria an. Vielleicht, sagt Hombach, tauche vor dem Fenster gleich noch ein Orcawal auf. Lauter Geschenke werden verteilt, aber keiner würde sie so nennen. Musik wird verschenkt, freundschaftliche Stimmung, ein Balkonblick auf die Unendlichkeit, Teilhabe an einer geliehenen Grandiosität. Bodo Hombach liegt zufrieden in seinem Sessel, und der Indianer mit dem Stammesnamen »Der das Gesicht eines Häuptlings trägt« singt »Halleluja«. Hombach hat die oberen Knöpfe seines Hemdes geöffnet und ruft: »Great!«
Der Indianer hört auf zu singen, und einer von Hombachs Nachbarn erzählt, dass er etwas Merkwürdiges beobachtet habe: Mit einem Mal verschwinden die Blue Jays, von einem Tag auf den anderen. »Kein einziger Vogel ist mehr da. Ist das nicht seltsam?«, fragt der Nachbar. Es müsse doch eine Erklärung geben. Die einzige Erklärung sei Hombach. Reist er ab, verziehen sich auch die Krähen.
Hombach sagt, es könne an der blauen Farbe seines Morgenmantels liegen. Vielleicht hätten sich die Blue Jays schon so sehr an ihren Ernährer gewöhnt, dass sie glauben, er sei jetzt einer von ihnen.
- Datum 06.09.2010 - 18:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.09.2010 Nr. 36
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Am Anfang des Artikels denkt man sich noch "aha, dieser Mann ist also ein mächtiger Mann, er hat Einfluss, ist interessanterweise nicht so bekannt wie er sein könnte, eine graue Eminenz"
...
Leider wird Hombach/Bodo Hombach so oft im Text verwendet das man bald darauf übersättigt ist. Es wirkt als ob der Autor versucht den am Anfang getätigten Eindruck weiter und weiter zu zementieren. Auf das der Leser danach nicht umhin kommt sich gegenüber Herrn Hombach einen einen fast Gott gleichen Respekt abzuringen.
Man könnte auch denken das der Autor versucht bei Google für das Suchwort Hombach auf Platz eins zu landen. Relevanz für das Wort hat der Artikel mehr als genug.
Eine Schreibweise die weniger oft den Namen nennt und dafür mehr und mit weniger Ehrfurcht aber ehrlich kritisch die Person skizziert wäre um Längen angenehmer zu lesen gewesen.
"Er kann sein Glück riechen, - ,normal ist das nicht"... für einen "Sozialdemokraten", wie er herrisch und menschenverachtend den WAZ-Konzern (bis zu seinem Aufschlagen ein sozialdemokratischer Vorzeigekonzern) "lenkt" - auf Kosten verdienter Mitarbeiter.
Ja, sein Glück kann er wohl riechen... aber er bekommt nicht einmal ansatzweise eine Nase an das Unglück, das er über Hunderte von lang gedienten Mitarbeitern bringt.
"Hombach macht immer gute Preise" wenn es um seinen privaten Benefit geht, mag das stimmen. Wenn es um Mitarbeiter der WAZ geht, wohl kaum. Letztes Angebot an Menschen im Alter von 55 Jahren: Wenn Sie nicht rausgeschmissen werden wollen (nach 30 oder mehr Jahren), können sie unter Verzicht auf eine Abfindung zu alten Bedingungen einen neuen Vertrag unterschreiben: kein Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld mehr, 2200 € brutto und mit der Option, dass diese Arbeitsplätze "geoutsourced" werden in den WAZ-Dialog... und sich dann niemand mehr an diese Verträge hält (noch mehr Lohndumping). Bisher gabs in Steuerkl. II als hier Beschäftigte/-r ca. 1650 - 1850 € (netto!).
"Aber der Konzern, den er lenkt,..."
Der Konzern, den er "verrenkt", wäre wohl angebrachter!
"Er wirkt so arglos, als würde ihm nie etwas Besonderes einfallen."
Etwas "Besonderes" nicht, jedenfalls nichts, was einem eingefleischten Sozialdemokraten zuzumuten wäre, wenn es um den menschlichen Umgang mit der Belegschaft, den Erhalt von Arbeitsplätzen und die unternehmerische, soziale Verantwortung geht.
Mein Mitgefühl gilt den Eltern, die solch einen armseligen und charakterlosen Wichtigtuer als Sohn haben.
Bitte an die Zeit: Diese neoliberalen Agenda-Sektenmitglieder der Schröder-Clique sind abgewählt worden, weil sie die SPD verkauft und zur 20%-Partei gemacht haben, ohne jede Glaubwürdigkeit. Sie sind deprimierende Vergangenheit, da helfen keine lebensverlängernden Massnahmen mit immer gleichem Geschwurbel.
Der Autor sollte mal beim Niggemeier nachschauen, welchen Bockmist Hombach bisher schon verzapft hat.
Den ärgerlichen Artikeln der ZEIT, die man in den letzten Wochen über sich ergehen lassen musste, setzt dieser Beitrag die Krone auf.
Hat die WAZ-Gruppe die Mehrheit am ZEIT-Verlag erworben oder hat die Chefredaktion einen Blackout der es ermöglichte, dass so eine peinliche Beweihräucherung den Weg in die Online - Ausgabe finden konnte?
Ich möchte Ihnen noch einmal Ihren Artikel vom 19.08.1999, DIE ZEIT, Christian Schmidt-Haeuer in Erinnerung rufen: http://www.zeit.de/1999/3... , in dem es um Unregelmäßigkeit bei Bau von Hombachs Haus in Mühlheim ging.
Dass Hombach darauf von Schröder als Balkanbeauftragter nach Brüssel weggelobt wurde, weil er als Dauer-Skandalnudel für die SPD katastrophale Umfrageergebnisse brachte, ist Ihrem Autor wohl entfallen ( Die Gnade der späten Geburt ?)
Dass er als Balkanbeauftragter sich wiederum die Taschen füllte, legt Ihr zitierter eigener Artikel nahe.
Als er dann von Brüssel genug hatte lancierte er seine Absicht, wieder in die deutsche Politik zurückzukehren, worauf die gesamte SPD-Spitze erst einmal in Ohnmacht fiel. Wieder bei Besinnung hatte sie nichts eiligeres zu tun als ihn bei der der SPD nahestehenden WAZ-Gruppe mit dem Job als Geschäftsführer unauffällig und politisch unschädlich zu entsorgen. Die Früchte dieses Vorgehens ernten jetzt die WAZ-Redakteure, wohl überwiegend ehemalige SPD-Wähler, wie in einem Kommentar weiter oben eindrucksvoll beschrieben wird.
"Ein Mann will nach oben" von Hans Fallada.
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