RamadanKatze als Ersatz

Wen bringe ich im Ramadan zum Lächeln?, fragt sich Hilal Sezgin von Hilal Sezgin

Die Überlieferung sagt, im Ramadan seien die Tore des Paradieses weit offen, die der Hölle geschlossen. Ein heiliger Monat, doch ich finde, dass er bei Tagesbeginn recht profan aussehen kann. Ich stelle den Wecker aus, mache Frühstück. Was ich nun esse und trinke, muss bis Sonnenuntergang reichen. Es beginnt ein halb banges, halb hoffnungsvolles Warten – auf den Hunger und auf ein bisschen Einsicht. Doch wieso soll sie gerade auf diesem Wege kommen, die Einsicht? Wie dem Raucher, der aufhören will, flüstert mir eine Stimme Zweifel ein…

Ein Bekannter hat eine Ramadan-Checklist herumgemailt. Diese Liste ist so lang, sie macht mir Komplexe. Manche Dinge sind unklar, andere unmöglich und manche beides. Zum Beispiel: Jeden Tag soll man einen Muslim zum Lächeln bringen. Wieso einen Muslim? Hat der Rest der Welt es nicht genauso nötig? Und wo ist überhaupt der nächste Muslim? Ich lebe auf dem Land, unter norddeutschen Protestanten. Ich grüße ersatzweise meine Katze. Nach islamischem Verständnis sind ja alle Tiere Muslime, Gott ergeben. Dieses hier denkt nicht daran, meinen Gruß lächelnd zu erwidern, sondern putzt sich lieber die Pfote.

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So schleppen sich manche Fastentage im Nebel von Hunger, Durst und Konzentrationsmangel dahin. Doch es gibt auch andere Tage: In einem Gebet, einem Korankommentar, einem Gespräch findet man einen neuen Gedanken; ein Knoten löst sich. Die Seele bekommt, wonach sie hungert, und der Körper hält sich zurück bei dem, was er verlangt. Ob Gott solch semiheiliges Fasten »annimmt«, wie wir Muslime sagen? Eine Freundin spricht mir Mut zu. »Vielleicht amüsiert Er sich ein bisschen. Doch immer wenn ich mich bemühe, spüre ich von oben gespitzte Ohren.« Gespitzte Ohren?! Klingt salopp, kommt aber von Herzen. Ist wohl die norddeutsche Metapher für die Heiligkeit des Ramadan.

Hilal Sezgin , geboren 1970 in Frankfurt/Main, arbeitet u. a. für die Feuilletons von taz und ZEIT. Sie schrieb Sachbücher über moderne Lesarten des Korans und türkischstämmige Frauen in Deutschland. Eben erschien bei Dumont ihr Roman Mihriban pfeift auf Gott . Hilal Sezgin ist Mitglied des Liberal-Islamischen Bundes

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Leserkommentare
  1. ... dass man jedem Kommentar sofort anmerkt, ob jemand einen Artikel vollständig gelesen hat, und ob sich dieser jemand evtl. auch die Mühe gemacht hat, diesen auch zu verstehen.

  2. Ramadan....... [...] Wir leben in einem christlichen Land und so soll es auch bleiben. Ich habe mich schon mit Moslems unterhalten über diese Zeit. Er verstand unsere "Fastenzeit nicht". Aber egal. Es ist unser Land nicht das derer.

    Bitte verzichten Sie auf beleidigende Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

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    • lonetal
    • 05. September 2010 12:51 Uhr

    Sie schreiben: "was geht uns dieser geistige Müll an. "

    ... das war mein erste Gedanke zu Ihrem Beitrag, den Sie hier abgesondert haben. Wen interessiert denn um alles in der Welt der geistige Mülle, den Sie so mit sich schleppen?

    Sie schreiben: "Wir leben in einem christlichen Land "

    Irrtum. Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat auf der Grundlage des Gundgeseetzes, nicht der Bibel.

    Geistiger Müll scheint das Denken ziemlich zu erschweren.

    • lonetal
    • 05. September 2010 12:55 Uhr

    Sehr geehrte Frau Sezgin,

    weil es solche Geschichten zu wenige gibt, ist es so schwer zu vermitteln, dass der Islam keineswegs nur der Glaube mordlustiger bombenwerfender Terroristen ist bzw. das die mit dem Islam so wenig zu tun haben, wie christliche mordlustige Fundamentalisten mit dem Christentum, die Ärzte umbringen, weil sie eine Abtreibung durchgeführt haben.

    Auch wenn ich selbst nicht religiös bin und von Religionen wenig halte - bitte mehr davon.

    • lonetal
    • 05. September 2010 12:51 Uhr

    Sie schreiben: "was geht uns dieser geistige Müll an. "

    ... das war mein erste Gedanke zu Ihrem Beitrag, den Sie hier abgesondert haben. Wen interessiert denn um alles in der Welt der geistige Mülle, den Sie so mit sich schleppen?

    Sie schreiben: "Wir leben in einem christlichen Land "

    Irrtum. Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat auf der Grundlage des Gundgeseetzes, nicht der Bibel.

    Geistiger Müll scheint das Denken ziemlich zu erschweren.

    Antwort auf "Unsinn Ramadan!"
    • lonetal
    • 05. September 2010 12:55 Uhr

    Sehr geehrte Frau Sezgin,

    weil es solche Geschichten zu wenige gibt, ist es so schwer zu vermitteln, dass der Islam keineswegs nur der Glaube mordlustiger bombenwerfender Terroristen ist bzw. das die mit dem Islam so wenig zu tun haben, wie christliche mordlustige Fundamentalisten mit dem Christentum, die Ärzte umbringen, weil sie eine Abtreibung durchgeführt haben.

    Auch wenn ich selbst nicht religiös bin und von Religionen wenig halte - bitte mehr davon.

    Antwort auf "Unsinn Ramadan!"
  3. ...M. heute in 2010 hätte seinen Ahängern wohl auch (und zu recht) das schreiben und empfangen von emails tagsüber verboten - Handy sowieso - und dafür wenigstens das Trinken von Wasser erlaubt. Es wird Zeit mit dem Fortschritt wie ich finde - auch mit dem im K.

    • ruphus
    • 05. September 2010 14:23 Uhr
    7. Danke

    Sehr geehrte Frau Sezgin,

    danke für diesen kurzen Einblick in die Sichtweise einer Muslimin in Bezug auf den Ramadan. Sehr interessant.

    @lonetal: Solchen Personen, wie Ihrem Vorredner, bitte nicht antworten. Ein einfacher Klick auf "Kommentar als bedenklich melden" sollte reichen.

    Mit freundlichem Gruß

    ruphus

  4. Da hat doch ein Iman festgestellt, dass das mit dem Fasten von Sonnenauf- bis Untergang in Nordeuropa Probleme bereitet.
    Insbesondere im Sommer .
    Hat in Abänderung des vollendeten Wortes die Zeiten einfach festgesetzt (war ein Realist, obwohl die Sommerzeit zu integrieren war nicht einfach )
    Ob Fussballer nun fasten müssen oder nicht wird unterschiedlich interpretiert und wir hoffen , dass deshalb kein Religionsstreit ausbricht.

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    • abbbes
    • 05. September 2010 17:09 Uhr

    was für Fussballer gilt, gilt im selben Masse für alle anderen Sportler und Bevölkerungsgruppen bzw Individuen welche sich während des Fastenmonats schwerer körperlicher Anstrengungen unterziehen müssen. Auch der Islam lässt jedem die Freiheit seine Religion so rigoros auszuüben wie er/sie es für richtig erachtet. Im Umkehrschluss bedeutet dies allerdings auch dass - in diesem Fall - Verinsvorsitzende oder - im weitesten Sinne - Arbeitgeber ihren Angestellten das Recht einräumen sollten ihre Religion so zu praktizieren wie sie es für richtig empfinden. Zumindest so lange wie es andere nicht in ihrer eigenen Freiheit beeinträchtigt. Womit wir bei einem ganz anderen, und vielleicht doch sehr naheliegenden, Thema wären, nämlich der grundsätzlichen Freiheit eines jeden, so wie es in den Menschenrechts-Charta definiert ist.

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  • Serie Das ist mir heilig
  • Schlagworte Frühstück | Gespräch | Herz | Koran | Körper | Ramadan
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