HSH Nordbank Die ungeklärten Fälle des Dr. No

Manager der HSH Nordbank wurden geschasst – und setzten sich zur Wehr. Wurden sie Opfer von Intrigen?

Es ist eine abenteuerliche Geschichte, wie der Chef der HSH Nordbank Dirk Jens Nonnenmacher 2009 seinen ungeliebten Vorstandskollegen Frank Roth loswurde. Die Staatsanwälte haben den Fall über neun Monate untersucht. Die Vermerke, in denen die Kieler Ermittler ihre Ergebnisse zusammenfassten, liegen der ZEIT vor. Der jüngste datiert vom 24. Juni 2010.

Aus den Akten ergibt sich folgender Hergang: Im Februar 2009 stellt Nonnenmacher seinen vier Vorstandskollegen eine Art Falle. Er hat den Verdacht, dass einer aus der Runde vertrauliche Unterlagen an die Presse weitergibt. Mit dem Chefjustiziar der Bank Wolfgang Gößmann heckt Nonnenmacher einen Plan aus: Die Vorstände sollen als vertraulich klassifizierte Papiere erhalten, die eine unauffällige individuelle Kennzeichnung tragen. Die Idee: Würde später ein Exemplar außerhalb der Bank aufgefunden, wüsste man, wo das Leck war.

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Das ist in der Wirtschaft kein ungewöhnliches Verfahren, aber auch nicht sehr erfolgversprechend. Gibt ein Manager interne Papiere an die Presse weiter, ist ja nicht damit zu rechnen, dass die Unterlagen später wieder an das Unternehmen zurückgegeben werden – jedenfalls nicht freiwillig. Welcher Journalist, welche Redaktion würde das tun?

Bankchef Nonnenmacher ist ein studierter Mediziner und habilitierter Mathematiker, ein hochintelligenter Mann. Aber er glaubt trotzdem, dass das Detektivspiel zum Erfolg führen kann. Und er behält sogar recht.

Ein Anonymus aus London schickt das Geheimpapier an die Bank zurück

Beim Versand des Papiers mit dem Titel Zusammenfassung Strategische Neuausrichtung legt Nonnenmacher selbst Hand an. Er beschriftet die Umschläge mit den Namen der Adressaten und dem Zusatz »Persönlich/Vertraulich«. Dann reicht ihm Gößmann jeweils ein Exemplar. Nonnenmacher schiebt es in den Umschlag. Dabei achten die Männer darauf, dass jedes Vorstandsmitglied das ihm zugedachte Dokument erhält. Gößmann hat die Papiere zuvor von einem Schriftsachverständigen präparieren lassen.

Die konspirative Versandaktion fand an einem Tag im Februar 2009 gegen 21 Uhr in Nonnenmachers Vorstandsbüro statt. Ihre Folgen beschäftigen die Bank bis heute. Sie könnten im Zusammenspiel mit anderen Faktoren dazu führen, dass Nonnenmacher seinen Posten bei der Bank verliert.

Der Bankchef und der Chefsyndikus gaben später noch ein zweites als vertraulich gekennzeichnetes Dokument in Umlauf, dieses Mal per E-Mail. Ob es präpariert war, ist strittig. Gößmann hat ausgesagt, der Sachverständige habe es ebenfalls in seinem Auftrag markiert. Doch der hat das bei seiner Vernehmung bestritten.

Ende März 2009 wird die Mühe, die sich Nonnenmacher und Gößmann gegeben haben, in einer Weise belohnt, die die Herren eigentlich nicht erwarten konnten. Bei der Bank geht ein anonymes Schreiben aus London ein. Es trägt die Kennzeichnung »confidential« und ist an »Mr Nonnenmacher« gerichtet. In auffällig schlechtem Englisch schreibt ein Anonymus per Hand, er habe das beiliegende Dokument von einer ungenannten Quelle bekommen, mit der Bitte, es zu veröffentlichen. Es sei ihm aber klar geworden, dass es sich um ein vertrauliches Papier handele, das nicht in die Öffentlichkeit gehöre. Daher halte er es für angebracht (»the right thing«), Nonnenmacher von der Sache in Kenntnis zu setzen. Auf das Kuvert hatte der Anonymus als Absender die Anschrift der britischen Zeitung The Guardian geschrieben. Im Umschlag fand Nonnenmacher eine Fotokopie der ersten Seite des Strategiepapiers, das er Wochen zuvor an seine Vorstandskollegen geschickt hatte. Anhand der versteckten Kennzeichnung (der Buchstabe K war zweimal verändert) ließ sich erkennen, dass es sich um das Exemplar handelte, das an Frank Roth, Vorstand für EDV und Personal, gegangen war.

Drei Wochen nach Eingang des Schreibens wird Roth zum Gespräch gebeten. Er trifft auf Nonnenmacher, den Potsdamer Rechtsanwalt Joachim Erbe sowie den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der HSH Nordbank und früheren Hamburger Finanzsenator Wolfgang Peiner. Dieser verkündet dem verdutzten Roth, dass eine weitere Zusammenarbeit mit ihm unzumutbar sei. Am Tag darauf stellt die Bank Strafanzeige gegen Roth wegen des Verdachts des Verrats von Geschäftsgeheimnissen. Zehn Tage später beschließt der Aufsichtsrat die außerordentliche Kündigung. »Nach dem, was der Justiziar Gößmann und der Rechtsanwalt und frühere Oberstaatsanwalt Erbe dem Präsidialausschuss des Aufsichtsrats damals vorgetragen haben, war die Beweislage derartig erdrückend, dass wir keine Alternative sahen, als Herrn Roth zu kündigen«, sagt Peiner dazu jetzt der ZEIT .

Was damals wie eine Schutzmaßnahme gegen einen indiskreten Topmanager aussah, hat sich inzwischen als unüberlegter Schnellschuss erwiesen. Die Staatsanwaltschaft Kiel vernahm Roth und zahlreiche Zeugen und ließ Computerdateien auswerten. Ergebnis: »Gegen den Beschuldigten besteht kein hinreichender Tatverdacht.« Auf das Papier hätten in Roths Büro etliche Personen Zugriff gehabt: Sekretärinnen, Mitarbeiter, Reinigungs- und Wachpersonal. Dafür, dass Roth es an die Presse oder sonst wen weitergegeben habe, gebe es keine Beweise. Im Juni 2010 stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren ein. Roth ist damit strafrechtlich rehabilitiert, wenn auch vermutlich in seinem beruflichen Fortkommen behindert. Zumal sich die Bank bei ihm weder entschuldigen mag noch den vierjährigen Vorstandsvertrag auszahlen will. Roth will nun per Schiedsklage zu seinem Geld kommen. Nonnenmacher verteidigte die Entlassung vergangene Woche als »inhaltlich und formal nicht zu beanstanden«. Die Bank will Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen einlegen.

Das könnte nach hinten losgehen. Denn den Staatsanwälten kam die Sache mit Roth ohnehin spanisch vor. Inzwischen ermitteln sie wegen des Verdachts einer (wissentlich) falschen Verdächtigung. Tatsächlich sind die Umstände der vermeintlichen Überführung Roths allzu merkwürdig. So fanden sich auf dem Strategiepapier fragmentarische handschriftliche Notizen Roths, womöglich von Klebezetteln. Hätte er solche Notizen gemacht, wenn er das Dokument an die Presse geben wollte? Merkwürdig auch: Der Anonymus hatte auf dem Papier seine Quelle mit dem Kürzel R beschrieben und an anderer Stelle sogar »Frank« notiert. Gleich zweimal schreibt er, die Verbreitung der Informationen solle der Schädigung Nonnenmachers dienen. Dabei enthielten die Papiere gar nichts, was dem Bankchef persönlich hätte schaden können.

Die Staatsanwälte fanden auf den Unterlagen eine »auffällige Häufung der belastenden Indiztatsachen«, die sie stutzig machte. Zweifel weckten auch die Umstände der Rücksendung. Der Absender wollte anonym bleiben – warum aber schrieb er die Adresse des Guardian als Absender auf den Umschlag? Und warum schickte der um die HSH Nordbank so Besorgte nur eine Kopie der ersten Seite des Strategiepapiers zurück und nicht das ganze Dokument?

»Bemerkenswert« fanden es die Staatsanwälte überdies, dass bei vielen Indiskretionen über eine längere Zeit ausgerechnet jenes eine Papier in die Bank zurückfand, das markiert worden war. Die Strafverfolger hielten es nach alledem für möglich, »dass der Beschuldigte Roth nach der Methode des Spurenlegens Opfer einer Falschbezichtigung geworden ist«.

Fast zwangsläufig geraten nun Nonnenmacher und Gößmann in den Blick, die beiden Bankmanager, die eine gezinkte Unterlage an Roth schickten. Gößmann hat bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt, es sei Roth klar gewesen, dass Nonnenmacher ihn loswerden wollte. Darin könne Roths Motiv liegen, der Bank und Nonnenmacher durch Indiskretionen zu schaden. Die Staatsanwälte hielten es aber nach Zeugenvernehmungen für plausibler, dass Roth, der erst seit Kurzem bei der Bank war und nicht mitverantwortlich für deren hohe Verluste, bei der Neuausrichtung des Instituts tatkräftig mithelfen wollte. Sein Vertrag lief noch vier Jahre.

Auf der anderen Seite hält der damalige Aufsichtsratschef Peiner die Vorstellung für absurd, Nonnenmacher hätte Roth etwas unterschieben wollen, weil er ihn nur so loswerden konnte. »Eine Trennung hätte sich auch geräuschlos regeln lassen«, erläuterte der Ex-Politiker, der auf eine lange Karriere in der Wirtschaft zurückblicken kann, jetzt der ZEIT. Peiner hält es auch für gerechtfertigt, dass die Bankmanager intern nach Lecks suchten. »Die Bank war damals löchrig wie ein Schweizer Käse, das hat ihr geschadet, und es war grundsätzlich richtig, dagegen vorzugehen, allerdings nur auf rechtlich einwandfreie Weise.«

Wurde einem HSH-Banker eine Porno-Falle gestellt?

Auch Peiner ist aufgeschreckt über die jüngste Entwicklung, die der Fall Roth genommen hat. Angeblich hat sich ein Sicherheitsberater, der für die HSH Nordbank gearbeitet hat, vor Zeugen mehrerer Straftaten bezichtigt. Der Mann heißt Arndt Umbach und war früher für die Sicherheitsfirma Prevent tätig, die seit Jahren für die HSH Nordbank arbeitet. Umbach traf sich am 29. Juli 2010 auf Vermittlung eines vor Monaten entlassenen Bank-Sicherheitsmanagers mit dem Betriebsratsvorsitzenden und Aufsichtsratsvizechef Olaf Behm. Mit dabei waren das Aufsichtsratsmitglied Rieka Meetz-Schawaller und zwei Anwälte. Laut einem der ZEIT vorliegenden »Protokoll zum Gesprächsverlauf« sagte Umbach, er habe ein Abhörgerät in Roths Büro installiert und später ausgebaut. Er habe Roths Wohnung durchsucht, deren Schließsystem er durch einen Generalcode habe betätigen können. Und er habe eine Mail, die Roth bei seiner Entlassung auch zur Last gelegt worden sei, verschickt.

Als der Spiegel vorvergangene Woche über das Protokoll berichtete, erklärte Umbach dann aber notariell beglaubigt, dass er derlei weder gesagt noch getan habe. Er sei »entsetzt«, dass man bei dem Treffen von ihm offensichtlich falsche Aussagen erwartet habe.

Alles ein großes Missverständnis? Oder eher ein abrupter Sinneswandel? Der Grund für einen Umschwung könnte darin liegen, dass sich der Sicherheitsberater nach dem Gespräch mit einer Staatsanwältin in Kiel über die Möglichkeit der Strafbefreiung bei Selbstanzeige und Aussagebereitschaft unterhalten haben soll und das Ergebnis nicht nach seinem Geschmack ausfiel. Die Kieler Ermittler wollen das nicht bestätigen. Einstweilen steht Aussage gegen Aussage. Auf Anfragen der ZEIT reagierten weder Behm noch Umbach oder andere Teilnehmer des Gesprächs. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat aber Ermittlungen aufgenommen und bereits erste Zeugen vernommen.

Der zurzeit von seiner Arbeit freigestellte Konzernjustiziar Gößmann hat über seinen Anwalt erklären lassen, von Spitzelaktionen nichts zu wissen. Er sei an diesen angeblichen Aktivitäten nicht beteiligt gewesen. Nonnenmacher, dem in dieser Angelegenheit bislang kein direkter Vorwurf gemacht wurde, sagte von sich aus, er habe »niemals derartige Aufträge erteilt«. Die Verdächtigungen seien »erschütternd und schwer erträglich«.

Aufsichtsratschef Hilmar Kopper lässt die Affäre jetzt durch eine Anwaltskanzlei und eine Wirtschaftsprüfungsfirma aufarbeiten. Auch die Finanzaufsicht Bafin hat sich eingeschaltet. Kopper hat bisher stets hinter Nonnenmacher gestanden. Der frühere Deutsche-Bank-Chef hält große Stücke auf den alerten Finanzmanager und traut ihm die Sanierung der durch Milliardenverluste gebeutelten HSH Nordbank zu. Tatsächlich scheint das Institut schneller als erwartet in die Gewinnzone zurückzukehren.

Nonnenmacher ist nun auch in einer zweiten Affäre unter Druck geraten. Laut einem Bericht des Spiegels ermittelt die Staatsanwaltschaft in New York gegen ihn und andere Mitarbeiter. Die Bank, die zu 85 Prozent der Bundesländern Hamburg und Schleswig-Holstein gehört, hat dort ihre US-Niederlassung. Deren Chef Roland K. wurde im September 2009 gefeuert. Sein Büro war von einem aus Deutschland angereisten Team durchsucht worden. In New York mit dabei waren Chefjustiziar Gößmann und ein Manager der Sicherheitsfirma Prevent namens Thorsten Mehles, ein früherer LKA-Mann und BND-Mitarbeiter. Bei der Razzia fand sich ein Zugang zu Kinderpornografie, bestehend aus einer E-Mail und einem Passwort, das in einem Bilderrahmen versteckt war. Die Privatermittler schalteten die Polizei ein.

Deren Untersuchungen ergaben dann aber nicht nur K.s Unschuld, sondern begründeten auch den Verdacht, dass dem US-Banker etwas untergeschoben worden war. Der Mann reichte eine Millionenklage gegen die Bank ein. Inzwischen hat sich das Institut mit ihm verglichen und dabei vermutlich viele Millionen gezahlt. Die Bank verweigert die Auskunft über die Details des Vergleichs mit der Begründung, dass Verschwiegenheit vereinbart worden sei.

Das hochsensible Thema wurde am vergangenen Donnerstag im Aufsichtsrat der Bank erörtert. Der Präsidialausschuss befasste sich mit einem Bericht der Anwaltskanzlei WilmerHale, den der Aufsichtsrat zu dem New Yorker Fall in Auftrag gegeben hatte. Der Spiegel zitierte aus dem geheimen Bericht den Satz der Anwälte: »Dagegen gibt es belastbare Indizien, dass Herrn K. eine Falle gestellt wurde.« Dass die Hinweise auf einen Kinderporno-Konsum »platziert« worden seien.

Chefjurist Gößmann bestreitet, »an einer solchen angeblichen Aktion beteiligt« gewesen zu sein.

Der Aufsichtsrat sprach den Bankchef in dieser Sache schon mal frei. Es sei festgestellt worden, »dass Herr Nonnenmacher sich in diesem Zusammenhang jederzeit pflichtgemäß verhalten hat«.

 
Leser-Kommentare
  1. so schalten und walten kann, fragt man sich natürlich, wozu es Aufsichtsräte gibt.

    Folgerichtig stellte Rechtsanwalt Strate Strafantrag wegen Untreue und Bilanzfälschung.

    http://de.sevenload.com/v...

  2. ... als die Bank die Verluste initiert hat?

    • jugen
    • 04.09.2010 um 11:02 Uhr

    wird langsam Zeit, dass auf den Marktplätzen wieder die guten alten Pranger aufgestellt und Eier und Tomaten verteilt werden.

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