Cocteau in Frankreich Orpheus auf dem Dorf

Eine Zugstunde von Paris entfernt, in Milly-la-Forêt, schuf sich der Künstler Jean Cocteau ein exzentrisches Refugium. Fast 50 Jahre nach seinem Tod wurde daraus nun ein Museum.

Ein zierlicher Mann. Die Augen brennende Knöpfe, darüber der hochlodernde Haarschopf, damals, 1947, war er noch dunkel. Die Nase: schmal. Der Mund: ein kleines Oval. Der Mund ist zu hoch über dem pointierten Kinn angesetzt, wie bei la chère maman, noch immer der elegante Sohn, so tauchte Cocteau auch 1947 in den Straßen von Milly-la-Forêt auf, Jean Cocteau, der Pariser Skandalautor. Der Filmemacher, Schauspieler, der Maler Jean Cocteau, der mit Picasso zusammenarbeitete, mit Erik Satie eine Oper schuf, der Unermüdliche. Geflüchtet aus dem flirrenden Trubel von Paris, 50 Kilometer nach Süden, in das alte Städtchen am Rande des Waldes von Fontainebleau. Neben ihm, muskulös, Jean Marais, sein Geliebter. Marais, der berühmte Schauspieler von Orphée, der die Schülerinnenherzen Frankreichs stolpern ließ, der das Biest war in Die Schöne und das Biest. Die beiden schlugen in Milly wie eine Bombe ein: Ein glamouröses Männer-Paar sucht sich in diesem braven Städtchen ein Zuhause!

Milly-la-Forêt ist ein Städtchen von makelloser Schönheit. Eine Stunde Vorortzug von Paris entfernt. Der Zug startet in den Katakomben unter dem Gare de Lyon, jagt durch die Banlieue, eine Metallschlange, vollgepfropft mit dampfenden Leibern, viel nackte schwarze Haut. Cocteau und Marais ließen sich natürlich kutschieren, bis dahin, wo die Stoppelfelder wie gelbe Teppiche müde über dem Land liegen. Der Bahnhof von Maisse. Tote Hose. Und dann ist man angekommen, unter den Alleen aus Platanen und Linden, die millimetergenau zu blättrigen Mauern geschnitten sind, welche auf den Baumstämmen zu schweben scheinen, eine grüne Festung in der Choreografie der Wehranlagen des 15. Jahrhunderts.

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Anreise

Flug zum Beispiel mit Air France nach Paris Charles de Gaulle. Transfer mit Bussen von Air France (Cars Air France) zur Gare de Lyon (einfache Fahrt 16 Euro). Von dort mit dem Zug nach Maisse. In Maisse per Taxi 6 km nach Milly-la-Forêt

Unterkunft

Einfach: Le Cygne (Place du Marché, Tel. 0033-164988048). Übernachtung ab 44 Euro Hotel und Restaurant Le Colombier (Place du Colombier, Tel. 0033-164988074). Übernachtung ab 35 Euro

Exklusiv: Sechs Kilometer von Milly- la-Forêt: Château de Buno (Le Petit Gironville, Gironville, Tel. 0033-164993525, www.chateaudebuno.fr). Zimmer, Apartements und Suiten pro Nacht zwischen 150 und 300 Euro Private Unterkünfte im Prospekt von Gites de France/Île de France (Essonne-Seine et Marne-Val D’Oise-Yvelines), Tel. 0033-149707575, www.gites-de-france.com

Essen

Le Cygne (guter Mittagstisch), Place du Marché La Menara (marokkanisch), 20, Grande Rue

Auskunft

Office du Tourisme, Tel. 0033-164988317, www.milly-la-foret.fr

Cocteau und Marais wollten ein Haus anschauen, sie standen davor und waren wie vom Blitz getroffen. La Maison du Bailly, das Haus des Landvogts. »Sein Stil, das Portal, die schlichten Türme, der Gestus eines Pfarrhauses, dazu der Garten und der Wald von Fontainebleau nur zwei Schritte entfernt…« stammelte Marais noch in seinen Erinnerungen.

La Maison du Bailly liegt am Ende einer Sackgasse. Die Fassade aus hellem Stein, zwei Torbögen, darüber die Türme. An der Rückseite ein formaler Garten, der an einen Wassergraben stößt, über den ein Brücklein in einen Obstgarten führt, dahinter – Wildnis. Sie kauften sofort. Am 11. Oktober 1963 wird Cocteau in diesem Haus sterben. Knapp vierzig Jahre nach seinem Tod, in diesem Sommer von 2010, wird man es als Museum eröffnen, La Maison Jean Cocteau. Der Mäzen Pierre Bergé, ein Foto zeigt ihn in Shorts neben dem alternden Cocteau, Bergé, der später Gefährte von Yves Saint-Laurent wird und dem Frankreich das Gold auf der Pyramide der Place de la Concorde verdankt, er hat 3,5 Millionen Euro gestiftet und der Kulturwelt ein herrliches Sommer-Ereignis beschert.

Ein elegantes, ja mondän gestyltes Haus. Galerie mit den Werken des Künstlers, den Skizzen, den Selbstporträts, den vielen Werken über den Künstler. Cocteau, von Man Ray wie ein Vogel im Flug fotografiert. Der schmale Kopf, gemalt von Modigliani, der Kopf, von Andy Warhol in Scharlachrot und Bleu koloriert u.s.w. Kostproben seiner Filme. Das letzte Interview läuft in einer Endlosschleife. Natürlich die Wohnräume des Künstlers.

Man schaut heute von der Straße durch eine Glastür in den Hof, wo zwei Sphinxe mit ihren Brüstchen den Garteneingang flankieren. Cocteau ließ sie im Frühjahr 1947 aus Paris heranschaffen, wie die vom Großvater geerbten Masken, Büsten, kistenweise Bücher, Zeichnungen, evakuiert aus Paris, durch das er jahrzehntelang mäandert war, von Wohnung zu Hotel (wo Coco Chanel ihn mal aushielt) ins Palais Royal (wo Colette ihm nachbarschaftlich zuwinkte), nur raus aus diesem Hexenkessel, irgendwo zu Hause sein. Am Wochenende!

Ausschlafen. Im weißen Bademantel schon mal die ersten Gedanken festhalten. Oder wird das ein Bild? »Für mich ist Schreiben wie Malen, Linien werden zur Schrift gebündelt oder entwirrt, damit aus Schrift eine Zeichnung wird«, hatte Cocteau 1930 in Opium formuliert, dem Zeugnis seiner Sucht. Von seinem Dachatelier aus sieht er den Kirchturm. Zeit für den Garten? Die Iris bewundern, »überhaupt diese außerordentliche Unordnung in der Ordnung, die Massen an Grün, dieser Dschungel, der unnachahmliche Duft der Rosen…« Ein Spaziergang in die Stadt?

Im Pfefferminzladen holen Cocteau und sein Freund sich ihr Kilo Bonbons ab

Man stelle sich vor, wie Cocteau und Marais aus der Rue du Lau kommen, an deren Ende ihr Haus steht, im Schlepptau Moulouk, den spitznasigen Hund. Die drei überqueren das Pflaster aus cremefarbenen Steinen, die von den Jahrhunderten poliert wurden, sie schlendern durch die Straße, die heute Rue Jean Cocteau heißt, vorbei an den Bürgerhäusern mit ihren Fassaden aus grauem Stein, vor denen in der Gartensaison 2010 ein Modebewusster langstielige Gaura lindheimeri in Kübeln platziert hat, wie pinkige Mücken segeln die Blüten durch die Lüfte. Place du Marché, wo seit 500 Jahren und bis heute die Nougatverkäufer und Käsehändler, die Fische neben den Würsten unter dem wuchtigen Dach zu finden sind. Im Pfefferminzladen Millymenthe holen sich die beiden ihr Kilo Bonbons ab, in der Maison de la Presse eine Paris Match , natürlich das neuste Mickey Mouse- Heft für Marais. Zurück und vorbei am Rathaus von 1895, das heute in einen mutigen Dahlienmix aus Schwarzrot und Orange gebettet ist. L’Église Notre Dame, in strenger Gotik. Das Schloss, ein Schattenspiel im grün veralgten See. Das Schloss verzweigt sich mit Nebengebäuden an der Kirche vorbei bis in die Rue du Lau, wo Juliette, die runde Frau des Gärtners, mit dem Essen zu warten pflegte, was es gab? – »Juliette, entscheiden Sie!«, pflegte Cocteau in seiner vollendeten Liebenswürdigkeit zu sagen.

Juliettes Mann, der kleine Louis, servierte. Louis war im Garten entlastet worden, das kam so: Als sie das Haus kauften, im Februar 1947, war die Liaison zwischen Cocteau und Marais schon auf hoher See. Im Frühjahr hatte Cocteau einen jungen Slawen kennengelernt, Edouard Dermit, gerade mal zwanzig, einen Minenarbeiter von wilder Schönheit, ein flächiges Gesicht, darin der breite, weiche Mund. Dermit wird Hilfsgärtner in Milly. Dermit steigt zum Chauffeur auf, ist bald »Doudou«, der Favorit des Meisters, von dem der Biograf Frederick Brown schreibt, er habe junge Männer wie ein Rattenfänger angezogen. Doudou blüht auf, er wird, wie Marais, ein Star in den Filmen von Cocteau, war im Übrigen inmitten des Cocteau-Kreises »kein Intellektueller!«, wie die Nachbarin, eine elegante Dame, beim Plausch vor der Tür, noch heute nicht ohne Erleichterung anmerkt. Doudou wird das Haus erben. Zwei Jahre nach Cocteaus Tod heiratet er, wohnt hier mit Frau und zwei Söhnen, aber bewahrt, bis zu seinem Tod, Cocteaus private Räume so, wie wir sie sehen.

Der Salon, der sich im Parterre über die Breite des Hauses hinzieht, ist mit einer Tapete aus fast schwarzem Maron ausgekleidet, über die golden gefiederte Blätter segeln. Zwei Palmen wachsen mit goldbelegten Wedeln bis zur Decke, zwei Rehe aus Bronze flankieren den Kamin, am Fenster reckt ein Flamingo den Hals in Richtung Wassergraben. Auf der Fensterbank picken Vöglein, auf dem Schreibtisch klotzt ein schwerer Elefantenfuß, in der Ecke wartet ein bunt bemaltes Karussellpferd. Wo die wilden Tiere wohnen, da wollte auch Cocteau, das ewige Kind, zu Hause sein. Sein Arbeitskabinett ist mit Leopardentapete ausgekleidet, sie zieht sich über die Decke, Leopardenmuster auf dem Sesselchen, Leopardenlampenschirm, Leopardensofa! Ein Tischlein, ein Sesselchen, ein Schränklein.

»Ich wurde am 5. Juli 1889 an der Place Sully geboren«, schreibt Cocteau in Die Schwierigkeit zu sein, er schildert goldene Tage bei den Großeltern in der Maison-Laffitte in Seine-et-Oise. Wo sich die Villenbewohner zum Tennis gegenseitig aufwarten und er mit Opa ganze Opern rauf und runter trällert. Alles ist so schön – bis der Vater sich umbringt. Da ist Jean zehn. Er beginnt zu schreiben. Mit 17 wird er nach Marseille durchbrennen, ein sagenumwobenes halbes Jahr dort leben, angeblich im Bordell. Dann ist er zurück und taucht ein in die aufgeheizte Atmosphäre der Pariser Boheme. Er schminkt sich so, dass man ihn für die Pawlowa hält. Er schauspielert, dichtet, malt, er gilt als eins der größten Talente seiner Zeit, die nicht arm ist an Talenten, mit vielen ist er befreundet, mit Marcel Proust und Charlie Chaplin, mit Colette, Edith Piaf. Er ist einer der bestgehassten Intellektuellen, der Dichter Apollinaire nannte ihn ein intrigantes Chamäleon, »Cocteau ist scheiße!«, schrie ein Dada-Poet, und die Elite des Montparnasse, Sartre und seine Entourage, übersahen ihn sowieso. Mehr Form als Tiefe, oder? »Meine Einsamkeit ist monströs«, wird er notieren.

Ein Zyklop hält sich im Wald versteckt, furchtsam richtet er sein Auge auf Touristen

In Milly ist Frieden. Schon dieses Haus, »cette maison que j’adore et qui m’aime«! In Milly zeigt ihm die Tochter der Köchin ihr Baby, er schickt der Kleinen nebenan Bücher mit Widmungen. Sonntagmorgens reicht er im Hochamt das Brot, nachmittags kickt er auf dem Fußballplatz. Man ist stolz auf ihn, der Mitglied der Académie française sein wird. Man bittet ihn, der Stadt die Ehre zu erweisen, die alte Kapelle an der Ausfallstraße nach Corbeille auszumalen.

La Chapelle Saint-Blaise ist ein Gebäude aus grauem Stein, eher hoch als breit, gegen den Wind gelehnt, irgendwie ähnelt sie Cocteau. Die Kapelle stammt aus dem Jahr 1136, und nun steht Cocteau hier und malt. Arnika. Belladonna. Minze. Die einfachen Kräuter, für deren Kultivierung Milly so berühmt ist, ein Garten beherbergt die nationale Sammlung der Heilkräuter Frankreichs. An der Stirnwand die überlebensgroßen Silhouetten zweier Gesichter, die einander zugewandt sind. Die Züge erinnern an Marais. Oder Doudou? An den Dichter Radiguet, den Cocteau als junger Mann liebte? Vielleicht an Dargelos, den ahnungslosen Mitschüler, von dem der kleine Jeanträumte?

Milly-la-Forêt ist nicht arm an Attraktionen, aber diese Kapelle rührt ans Herz. Milly hat so viele Denkmäler, dass sich ein historischer Rundgang lohnt, die tausend Jahre alten Torbögen, die Waschanlagen des Mittelalters, den Wald von Fontainebleau, wo die Könige Frankreichs auf die Pirsch gingen. Dort hält sich ein Zyklop versteckt, der sein Auge furchtsam auf die Touristen richtet, die regelmäßig über seine zwanzig Meter hohe Gestalt herfallen, ein Werk von Jean Tinguely. Nur eine Spritztour von hier findet sich der wagemutigste Barockgarten Frankreichs, Vaux-le-Vicomte, dessen Bauherr im Gefängnis starb, weil der Sonnenkönig Ludwig XIV. seinen Glanz durch dieses Juwel verschattet fand. Es gibt hier viele Geschichten, und die von La Chapelle Saint-Blaise ist nicht die geringste, schon weil sie Cocteaus letzte Ruhestätte wurde.

Cocteau starb einen Tag nach seiner Freundin Edith Piaf, der er noch einen Nachruf schrieb, er starb in dem Zimmer neben dem Arbeitskabinett.

Eine vergoldete Hand als Türklopfer. Er lag in dem schmalen, mit puderfarbenem Rips dekorierten Himmelbett. Seine Augen waren wohl auf das Fresko gerichtet, das Jean Marais ihm gemalt hatte, an der Wand gegenüber, eine Burg über einem lieblichen Tal.

Der Tod war das Thema seines Lebens. »Alles, was man im Leben tut, vielleicht sogar die Liebe, geschieht in diesem Schnellzug, der dem Tod entgegenrast«, heißt es in Opium, in der bitteren Erkenntnis, dass der Tod schon immer da ist: »Er ist unsere Jugend. Er ist in unserer Reife. Er ist in unsrer Liebe. Je weniger Zeit mir noch verbleibt, desto mehr reckt er sich auf… Sein großer Tag aber ist, wenn man Schluss macht. Dann tritt er aus uns heraus und schließt hinter sich ab.«

Obsèques de Monsieur Jean Cocteau. Am 16. Oktober 1963, um 10.30 Uhr, versammelten sich die Menschen in der Kirche von Milly-la-Forêt, es waren 1200 Menschen gekommen, weniger Prominenz als Bürger von Milly, auch wenn Gilbert Bécaud für ihn sang. Die Geschäfte waren geschlossen, ihre Inhaber trugen eine Lyra aus roten Rosen.

Karte Milly-la-Forêt Paris

Etwas hatte sich vollendet. Jean Cocteau, von dem der Kunstkritiker Dominique Païni schrieb, er sei ein vielleicht zu viel Geliebter gewesen, ein zu Unrecht gehasster, ein in seiner Kompliziertheit verkannter einfacher Mensch – eine Hommage anlässlich der großen Cocteau-Ausstellung im Centre Pompidou von 2003, die auch Wiedergutmachung war und nach der Païni auch die Maison Cocteau mitgestaltete – Cocteau ruht nun in der Kapelle, die nach den Blumen, die er malte, La Chapelle Saint-Blaise des Simples heißt. Und um die Kapelle herum, in der übrigens auch Doudou bei ihm ruht, wuchern die einfachen Kräuter, die Millys Wahrzeichen sind, und flüstern, sauber beschriftet, dem Connaisseur so vieler exquisiter Süchte ihre Botschaften zu. Menthe poivrée, »stimulierend«. Menthe douce, »entspannend«, Menthe pulegium »für Apéritifs und Confiserie«, Menthe à feuilles longues, usw., so viele Versprechen…

 
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