Vom Städel-Museum fällt der Blick über den Main aufs Frankfurter Stadtzentrum: auf die Zwillingstürme der Deutschen Bank, auf das dreieckige Hochhaus der DekaBank, auf den 260 Meter hohen Wolkenkratzer der Commerzbank. Eine Skyline aus Glas und Beton. Davor, direkt am Flussufer, steht ein Gründerzeitbau aus rötlichem Sandstein. Mit seinen drei Stockwerken wirkt er vor den Banktürmen winzig. Aber auch feiner.

Hier, am Untermainkai 26, arbeitet Christian von Bechtolsheim. Sein Unternehmen Focam verwaltet die Vermögen reicher Familien. Sehr reicher Familien. Erst ab rund 30 Millionen Euro lohnt es sich in der Regel, ein sogenanntes Family Office wie Focam einzuschalten. Es steuert Vermögen, die verstreut sind über mehrere Depots bei verschiedenen Banken und in Unternehmensbeteiligungen, Immobilien, Anleihen oder Zertifikaten stecken.

Kunden trifft Bechtolsheim gern im Holbein’s, dem Restaurant des Städels. Der Kellner begrüßt ihn dort mit Namen und findet auf der eigentlich ausgebuchten Terrasse noch einen freien Tisch. Mit besten Manieren entschuldigt sich Bechtolsheim, dass er bei knapp 30 Grad das Sakko seines hellen Sommeranzugs auszieht. Dazu trägt er eine rote Krawatte auf hellblau kariertem Hemd mit goldenen Manschettenknöpfen. Er fällt aus dem Rahmen zwischen den Bankern, die um ihn herum sitzen, gekleidet in ihren Uniformen aus schwarzem Anzug und weißem Hemd. Um seine Augen liegen Lachfältchen.

Der Vorstandssprecher von Focam mag das Städel. Den Beirat des Family Office hat er kürzlich nach einer Sitzung in das Museum eingeladen – zur Führung mit dem Direktor des Städels und einem ehemaligen Deutschland-Chef des Auktionshauses Sotheby’s. »Ich liebe die Gemälde der Romantik«, sagt Bechtolsheim. »Schon als Jugendlicher habe ich mich für Kunst begeistert – und dafür, Frauen zu beflirten. Am Ernst des Lebens hatte ich damals überhaupt kein Interesse.« Seine Familie lebte in München, doch kurz vor dem Abitur schickten ihn die Eltern nach Hessen – »auf eine Privatschule, wo Sie hingeprügelt werden aufs Abitur, wenn Sie vorher nichts getaugt haben«. Bechtolsheim ist ein guter Erzähler, er hat eine volle Baritonstimme mit bayerischem Einschlag und die leichte Exaltiertheit eines gebürtigen Münchners aus gutem Hause.

Nach dem Abitur wollte Bechtolsheim Kunstgeschichte studieren, gab aber der Bitte seiner Eltern nach: »Bub, lern etwas Gescheites.« Also wurde er Diplom-Kaufmann. Dann kam das Jobangebot eines Vermögensverwalters – und Bechtolsheim kümmerte sich um das Geld anderer Leute. »Ich bin da so reingerutscht«, erinnert er sich. Nach Stationen bei zwei Banken machte sich Bechtolsheim mit Focam selbstständig. Erster Kunde war Andreas Jacobs aus der Bremer Kaffeedynastie. Inzwischen betreut das Family Office mit 14 Mitarbeitern rund 50 Familien und insgesamt rund zwei Milliarden Euro.

In Frankfurt arbeitet Bechtolsheim nur jede zweite Woche. Die restliche Zeit wohnt er auf einem Bauernhof nahe dem Starnberger See, zusammen mit seiner Frau und vier kleinen Kindern. »Spätestens seit ich Vater wurde, bin ich extrem risikoscheu«, sagt Bechtolsheim. Wenn er reitet, dann mit Schutzweste. Beim Skifahren trägt er einen Helm.

In Thüringen gehören Bechtolsheim ein kleines Jagdschloss und 300 Hektar Wald. »Es ist eine Herausforderung, einen Gewinn aus dem Wald zu ziehen und ihn trotzdem nachhaltig zu bewirtschaften. Das ist wie bei der Geldanlage: Wenn Sie zu stark an die Substanz gehen, vernichten Sie sie für lange Zeit.«

Es ist die Frage, die ihn umtreibt: Wie lässt sich ein Vermögen über Generationen erhalten? Vielleicht interessiert ihn dieses Thema so sehr, weil seine eigene Familie einst daran gescheitert ist. Rund 900 Jahre reicht der Stammbaum zurück. Bechtolsheim ist ein Nachfahr der Fugger, die als Augsburger Kaufleute so reich waren, dass sie im 16. Jahrhundert mit beeinflussen konnten, wer Kaiser wird im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Das Vermögen seines Familienzweigs hat am Ende der Großvater heruntergebracht: vor 1918 Kriegsanleihen gekauft, die nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg wertlos wurden; 1923 das Vermögen nicht vor der Hyperinflation geschützt; nach dem Zweiten Weltkrieg Immobilien in der Münchner Innenstadt zu Spottpreisen verkauft, die heute Millionen wert sind. »Da habe ich gesehen, was man alles falsch machen kann«, sagt Bechtolsheim. Ist Substanzerhalt also wichtiger als Rendite? In diese Zwickmühle komme, wer Haus und Boot auf Mallorca aus dem Vermögen unterhalte und nichts arbeite: »Ansonsten hat man einen längerfristigen Horizont und kann eine schlechte Marktentwicklung auch mal aussitzen.«