Vermögen Bloß nicht an die Substanz gehenSeite 2/2

Christian von Bechtolsheim, 1960 geboren, wuchs als Teil der Mittelschicht auf. Sein Neffe Andreas von Bechtolsheim gilt als einer der reichsten Deutschen, hat aber sein Vermögen – geschätzte zwei Milliarden Dollar – nicht geerbt, sondern in den USA selbst erarbeitet. Vor knapp 30 Jahren gründete er im Silicon Valley den Computerkonzern Sun, vor rund zehn Jahren war er einer der ersten Investoren bei Google. »Selbstverständlich kenne ich Andreas«, sagt Christian von Bechtolsheim. »Aber leider ist er kein Kunde von mir. Und wenn, dürfte ich es nicht sagen.«

Wenige sind in der ohnehin diskreten Finanzbranche so verschwiegen wie die Mitarbeiter von Family Offices. »Wenn wir jemanden einstellen«, sagt Bechtolsheim, »muss der natürlich etwas im Kopf haben. Aber das Allerwichtigste ist Loyalität und Verschwiegenheit.« Bis zu 20-mal, so Bechtolsheim, treffe er sich mit einem Bewerber, ehe er ihn einstelle. Dass er mit der Presse spricht, ist in seiner Branche eher ungewöhnlich. Mehr Öffentlichkeit soll es aber nicht sein. »Werbung in den Medien zu schalten«, sagt Christian von Bechtolsheim, »wäre bei unserer Klientel absolut kontraproduktiv« – zu marktschreierisch würde das wirken. Damit Focam bekannt wird, muss er sich darauf verlassen, dass seine Kunden gut über seine Arbeit reden, im Rotary-Club oder auf dem Golfplatz. Zudem besucht er Anwaltskanzleien, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, um seine Arbeit vorzustellen – in der Hoffnung, dass Focam weiterempfohlen wird.

Wenn sich eine reiche Familie für die Dienste des Family Office interessiert, lädt Bechtolsheim sie in die neoklassizistische Villa am Frankfurter Mainufer ein. Im Foyer hängen Kupferstiche aus Italien in goldenem Rahmen. Durch das indirekt beleuchtete Treppenhaus mit gusseisernen Geländern führt der Weg in das erste Obergeschoss. In dem Chefbüro ließe sich ein Volleyballfeld unterbringen. Hohe, blaugraue Wände, weißer Stuck, heller Parkettfußboden. Aus dem historischen Rahmen fällt nur der gläserne Schreibtisch, auf dem ein Flachbildschirm steht. Im Konferenzraum liegt auf einem Beistelltisch die Zeitschrift Mone y neben einem Bildband mit Gemälden von Lucas Cranach dem Älteren. Christian von Bechtolsheim ist stolz auf die Details, die man erst auf den zweiten Blick sieht, etwa die Originalbeschläge der Türen aus dem 19. Jahrhundert.

Jahrzehntelang bewohnte die Privatbank Grunelius die Villa – bis sie 1990 von der Deutschen Bank geschluckt wurde und in Vergessenheit geriet. Zehn Jahre später zog Focam ein. Man kann das als Metapher sehen. Noch vor 30 Jahren waren die Privatbanken die erste Adresse für Deutschlands obere Zehntausend. Seitdem haben viele Bankiers ihr Geschäft aufgegeben, zuletzt verlor 2009 Sal. Oppenheim, damals die größte Privatbank Europas mit mehr als 200 Jahren Historie, die Unabhängigkeit. Auch sie musste sich unter das Dach der Deutschen Bank retten. Family Offices gibt es in Deutschland erst seit Kurzem, und ihre Zahl wächst – glaubt man den spärlichen Informationen aus der Branche.

Das Pfund der Family Offices ist ihre Unabhängigkeit. Anders als bei Banken gibt es keine eigenen Anlageprodukte, die sie verkaufen wollen, um an den Gebühren zu verdienen. Stattdessen werden die Family Offices nach Arbeitszeit und Höhe des Vermögens bezahlt. Bevor Bechtolsheim Focam gründete, hatte er selbst für eine große Bank gearbeitet, war Filialleiter geworden – und darüber immer unzufriedener. »Ich musste dafür sorgen, dass meine Mitarbeiter eine gewisse Zahl Lebensversicherungen und Bausparverträge verkauften. So etwas kann doch nicht zielführend sein für die Anleger. Das ging mir contre cœur .« Heute kann er die Angebote von Banken vergleichen – und muss sich nicht mehr um so langweilige Produkte wie Bausparverträge kümmern.

Immer wieder trifft Bechtolsheim seine Kunden auch im privaten Rahmen. Mit vielen Mandanten ist Bechtolsheim per Du, er bespricht mit ihnen nicht nur die Aktienquote im Depot, sondern auch Privates, etwa die Schulprobleme ihrer Kinder. Selbst Opernkarten für Bayreuth hat er schon aufgetrieben für einen Kunden – über einen Bekannten im Förderverein der Festspiele. Bechtolsheims Kunden haben seine Handynummer. »Wer will, kann mich auch am Sonntag anrufen. Das sollte nicht zu häufig passieren, aber das kann durchaus vorkommen.«

Die Reichen, das spürt Bechtolsheim in seinen Gesprächen, sind wegen der Finanz- und Schuldenkrise so unsicher wie nie. »Ein Zusammenbruch des Euro-Raums ist nur eine Eventualität, aber eine Eventualität, für die man gerüstet sein muss.« Focam habe für einige seiner Kunden Gold gekauft – die letzte Zuflucht nervöser Anleger. »Damit sind wir jetzt sattest im Gewinn.« Von komplizierten Anlagen wie Hedgefonds und Derivaten hält Bechtolsheim wenig. Zu unverständlich seien diese Produkte, zu hoch ihre Kosten. »Ich bin immer mehr auf den Trichter gekommen, dass die ganz einfachen Dinge häufig die richtigen sind: eine Anleihe, eine Aktie, eine Immobilie, ein Stück Gold.« Und ein Gemälde? »Nein, Kunst sollte man nicht als Geldanlage sammeln. Dafür ist sie eine zu sinnliche Sache.«

 
Leser-Kommentare
    • gauss
    • 05.09.2010 um 15:28 Uhr

    "Vor knapp 20 Jahren gründete er im Silicon Valley den Computerkonzern Sun, vor rund zehn Jahren war er einer der ersten Investoren bei Google."
    Diese Passage ist leider falsch. Die Firma SUN Microsystems Inc., die vor kurzer Zeit von Oracle gekauft wurde und als Name mittlerweile nicht mehr besteht, wurde 1982 gegründet. Dies sind dann eher knapp dreißig Jahre.

  1. Redaktion

    Der Fehler wurde korrigiert,

    herzliche Grüße vom Sonntagsdienst.

  2. Warren Buffet nötigt seine Regierung das Steuersystem zu ändern
    und die Reichen höher zu besteuern.
    Das sollten sich die Jungs von der FDP mal durchlesen, es handelt
    sich hier um einen der reichsten Männer der Welt.
    Der hat gar nicht die Absicht auszuflaggen, nur weil er mehr Steuern
    zahlen muß und unsere Reichen würden das auch nicht.

    http://www.timesonline.co...

    • Nikocc
    • 05.09.2010 um 16:32 Uhr

    Falls jemand aus diesen Kreisen sich als Förderer eines gemeinnützigen, internationalen Projektes aus München (sowie Turin) betätigen möchte, sind die Damen und Herren hochwillkommen http://www.memoro.org/de-de/

    Manchmal ist geben seeliger als nehmen, horten und vermehren, wie es momentan die Initiative von Bill Gates und Warren Buffet the givingpledge.org vormacht. Etwas der Gemeinschaft/Gesellschaft wiederzugeben, aus der der Gewinn gezogen wurde.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die Verteilung der Spenden machen sie in eigener Regie.
    Die kennen ihre Pappenheimer.

    http://www.faz.net/s/RubE...

    die Verteilung der Spenden machen sie in eigener Regie.
    Die kennen ihre Pappenheimer.

    http://www.faz.net/s/RubE...

  3. "Ein Besuch bei Focam, einem Family Office."

  4. Genau sowas über den Herrn von Bechtolsheim (verwandt mit den Guttenbergs und auf die Familie der Fugger zurückgehend), seinen Beratungsservice und seine Kunden wurde doch bereits vor längerer Zeit veröffentlicht?

    Ich weiß nur nicht mehr, ob das hier oder anderswo publiziert wurde. Solche Themen werden ja gerne als Füller wieder aufgewärmt.

    Ha - hier bei der Süddeutschen am 15. Mail 2009. Liest sich allerdings ein klein bißchen weniger glorreich als bei DIE ZEIT:

    Reden wir über Geld: Bechtolsheim

  5. die Verteilung der Spenden machen sie in eigener Regie.
    Die kennen ihre Pappenheimer.

    http://www.faz.net/s/RubE...

  6. die möglicherweise auch noch große Teile des im Irak verschwundenen Saatgutes beinhaltet für die neuesten Kreationen von Monsanto & Co., die über USAID und CGIAR in die Entwicklungsländer gestreut werden, dem später spermizid wirkende Anteile zugefügt werden könnten ...

    Der "Tresor des jüngsten Gerichts" in der Arktis
    Gates, Rockefeller und die GMO-Giganten wissen mehr als wir.

    Aber vielleicht wissen diese Herrschaften wirklich mehr, als der Rest der Welt und Warren Buffet muß seine Optionen vielleicht gar nicht mehr einlösen - oder er weiß, das die Aktien irgendwann massiv in den Keller fallen (müssen).

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