David Cameron ist gerade zum vierten Mal Vater geworden. Zu dem Neulingsbonus, den seine erst hundert Tage alte Koalitionsregierung noch genießt, kommt nun viel öffentliche Sympathie für den Familienmann Cameron, der erst mal in die Elternzeit geht. Doch so viel Wonne wird ihm nicht lange beschieden sein. Die Ziele, die sich der Premierminister und sein Kabinett aus Konservativen und Liberaldemokraten seit dem Wahlsieg im Mai gesteckt haben, sind radikal. So radikal, dass den Briten eine Zeit des sozialen Unfriedens bevorsteht wie zuletzt vor dreißig Jahren.

Der neue Regierungschef ist von einem Tatendrang erfüllt, der den Aufgaben, die vor ihm liegen, angemessen ist. Die Labourregierung hat ihm ein Haushaltsdefizit von 163 Milliarden Pfund (191 Milliarden Euro) hinterlassen. Das entspricht 11,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, mehr als in jedem anderen G-20-Land.

Im Kampf gegen dieses enorme Minus hat die Regierung inzwischen einen gemeinsamen Feind ausgemacht: den öffentlichen Dienst als eine der größten und teuersten Hinterlassenschaften von Tony Blair und Gordon Brown . In ihrer dreizehnjährigen Regierungszeit hatte Labour das Land kontinuierlich in Lohn und Brot gehalten. Jahrelang blickten auch die Kontinentaleuropäer neidisch zum britischen Arbeitsmarkt hinüber, auf dem nahezu Vollbeschäftigung herrschte. Das lag freilich nicht nur am Boom des Finanzzentrums City of London. Vor allem hat Labour den Staat aufgebläht und binnen weniger Jahre mehr als eine Million neue Stellen im öffentlichen Dienst geschaffen. Es sind nun sechs Millionen.

Genau dort will Cameron mit dem Sparen beginnen. Nur eine Ausnahme lässt er zu: beim staatlichen Gesundheitssystem. Labour hatte Milliarden in den National Health Service (NHS) investiert, Krankenhäuser gebaut, mehr Ärzte und Schwestern angestellt, und viele Briten schätzen die Verbesserungen. So ist es politisch opportun, wenn Cameron den NHS zunächst nicht anrührt.

Dagegen sollen allein in Schottlands Behörden und Verwaltungen in kürzester Zeit zehn Prozent aller Stellen gestrichen werden. Das wären 60.000 Jobs. Schon reden die Gewerkschaften von einer "Kriegserklärung" und haben ihre "Bereitschaft zum Kampf" signalisiert.

Solche Sprache ist nicht nur politisches Kalkül. Cameron muss sie ernst nehmen, denn 57 Prozent aller Angestellten im öffentlichen Dienst sind gewerkschaftlich organisiert. In der Privatwirtschaft sind es dagegen nur 15 Prozent. Das letzte Mal, dass sich eine Regierung gegen eine solche Gewerkschaftsmacht stellte, war in den achtziger Jahren, als Margaret Thatchers Industriepolitik die Arbeiter in der Kohle- und Stahlindustrie über fast zehn Jahre hinweg zu heftigen Arbeitskämpfen anstachelte. Achtzig Prozent der Montanarbeiter waren Gewerkschaftsmitglieder, und sie fanden damals schnell die Unterstützung in der Bevölkerung, die um die Existenzgrundlage ihrer Region fürchtete. Soziale Unruhen breiteten sich aus.