Lehrlinge Der Kümmerer
Für die Hamburger Baufirma Aug. Prien sucht und pflegt Dirk Abraham die Lehrlinge
Dirk Abraham ist ein Mann für die Zukunft. Abraham steht auf der Baustelle der U-Bahnlinie 4 am Jungfernstieg in Hamburg, das Hemd so blau wie die Augen, ein Gesicht wie Clint Eastwood, auf dem schlohweißen Haar einen Helm der Baufirma Aug. Prien. Zusammen mit dem Polier und zwei Lehrlingen blickt er hinab in die 20 Meter tiefe Baugrube, in die auf der einen Seite der Tunnel der U-Bahn mündet und auf deren anderen die Haltestelle entstehen soll. Gestern, berichten ihm die Lehrlinge, haben sie im Tunnel Verbindungstaschen zugemörtelt, zuvor dabei geholfen, einem Fluchttunnel die Feuchtigkeit zu entsaugen. Shadiar und Florian heißen die beiden, Dirk Abraham nennt sie »meine Top-Jungs«.
Solche Top-Jungs zu finden , das ist Dirk Abrahams Aufgabe. Bis vor drei Jahren arbeitete er noch als Werkpolier in der Flechterei von Aug. Prien, dann fragte ihn die Geschäftsleitung, ob er sich vorstellen könne, sich um die Auszubildenden der Firma zu kümmern, eine Position, die es vorher nicht gab. Abraham wollte. So wurde aus ihm, heute 58 Jahre alt, seit 1975 »mit Prien verheiratet«, eine Art Zukunftsbeauftragter. Und wer mit ihm einen Nachmittag lang von Baustelle zu Baustelle geht, erfährt viel über die Ursachen und Folgen des Fachkräftemangels .
Am Rand der tiefen Grube am Jungfernstieg erklärt Abraham, warum so eine Position innerhalb des Betriebs nötig geworden war: »Die älteren Poliere verschwanden langsam, es wurde klar: Wir müssen uns selbst um unsere zukünftigen Poliere kümmern.« Ersatz war auf dem Arbeitsmarkt schwer zu finden, und so merkte die Firma früh, was in diesem Sommer zum bundesweiten Thema wurde: Der Mangel an guten, jungen Fachkräften breitet sich aus, je nach Branche und Region unterschiedlich schnell, aber doch merklich.
Allein um die Zahl der Handwerker zu erhalten, braucht man nach Schätzungen des Hamburger Ausbildungszentrums Bau (AZB) 10 Prozent Auszubildende gemessen an der Gesamtzahl der gewerblichen Mitarbeiter. In der Stadt kommt man aber lediglich auf eine Quote von 6,5 Prozent. Aug. Prien ist da mit rund 40 Auszubildenden bereits einer der größten Ausbildungsbetriebe im Baugewerbe. Als Dirk Abraham seine neue Arbeit aufnahm, lag der Altersschnitt der Gesellen noch bei rund 47 Jahren. Mittlerweile ist er auf Anfang 40 gesunken.
Für seinen Job braucht Abraham gute Menschenkenntnis und noch bessere Kontakte. Durch letztere hat er auch Shadiar, 21 und einer der beiden Lehrlinge auf der U4-Baustelle, zu Prien geholt. Vor zwei Jahren war Shadiar arbeitslos, das Arbeitsamt hatte ihn zum AZB geschickt, um dort in einem Praktikum mehr über Bauberufe zu lernen. Dort fiel er dem Meister auf, der rief Dirk Abraham an und sagte: »Schau dir den mal an, der könnte was für euch sein.« Jetzt ist Shadiar im dritten Lehrjahr, er wird seine Lehre im Frühjahr vorzeitig abschließen, in der Berufsschule ist er einer der Besten. Er sagt über Abraham: »So einen Ansprechpartner haben nicht viele Lehrlinge, die ich aus der Berufsschule kenne.« Einen, der immer ein offenes Ohr für ihre Probleme hat, »auch für die privaten«.
An diesem Morgen erst war Abraham in Stade auf einer Baustelle, wo ein künftiger Auszubildender gerade ein Praktikum macht. Ein Polier hatte ihn angerufen, weil er den Eindruck hatte, der Junge sei plötzlich so unmotiviert. »Er war grade mitten im Betongang. ›Lass die Patsche liegen!‹, sagte ich ihm, ›wir müssen mal reden‹«, erzählt Abraham. Dann redeten sie, schnell war klar, dass familiäre Probleme den Jungen ablenkten.
Abraham ist ein echter Kümmerer. Er gibt seinen Schützlingen Ratschläge für die richtige Altersvorsorge, fragt nach den beruflichen und privaten Zielen. Und versucht herauszufinden, wer geeignet wäre, nach der Gesellenprüfung weiterzulernen, um Vorarbeiter oder Polier zu werden. »Vielleicht«, sagt er, »ist das in der Vergangenheit vernachlässigt worden.«
Von Stade aus fuhr er zur Hochschule 21 in Buxtehude, um die dortige Koordinatorin für Praktika kennenzulernen: »Aus so einem Kontakt könnte sich ja die Chance ergeben, einen zukünftigen Bauleiter oder Kalkulator durch ein Praktikum für die Firma zu interessieren.« Auch das gehört zu Abrahams unablässiger Suche: Verbindungen knüpfen und pflegen. Und so geht es am frühen Nachmittag weiter, vom Jungfernstieg ins überbetriebliche Ausbildungszentrum AZB, wo in den kommenden Tagen die Gesellenprüfung für sechs Prien-Lehrlinge ansteht. In der großen Werkhalle riecht es nach Holz, ein paar Dutzend Lehrlinge biegen gerade lange Armierungseisen zurecht, die später Stahlbetonteile verstärken können.
Bauphysik und Energieeffizienz: Die Ausbildung ist anspruchsvoller geworden
Dirk Abraham begrüßt seine Lehrlinge, die meisten duzt er, er mag den kumpelhaften Ton auf der Baustelle. Dann trifft er sich mit Arne Rathje, der, wenn man so will, einer seiner Zuträger ist. Ungefähr zu der Zeit, als Abraham seine neue Stelle antrat, wurde auch im AZB beschlossen, den Übergang zwischen Schule und Ausbildung besser zu koordinieren. Seitdem gibt es den Posten des Ausbildungsentwicklers: Arne Rathje berät Betriebe in ihrer Ausbildungstätigkeit und versucht, junge Menschen für die Berufe am Bau zu interessieren.
Nicht viele Schulabgänger wollen körperlich schwer arbeiten, dazu noch das frühe Aufstehen. Arne Rathje, 29, geht selbst in die Schulen. »Dann versuche ich zu vermitteln, dass wir ein stolzes Handwerk sind und wie sehr wir uns mit unserer Arbeit identifizieren.« Das, sagt er, klappe als Köder schon ganz gut.
Aber Arne Rathje erzählt auch, um wie viel anspruchsvoller die Ausbildungen im Baugewerbe geworden sind, »zum Beispiel im Bereich energieeffizientes Bauen, da müssen die Jungs heute schon mehr bauphysikalische Zusammenhänge draufhaben«. Viele, vor allem kleinere Unternehmen haben sich auf Sanierung spezialisiert, »und wenn so eine Sanierung an tragende Bauteile geht oder man einen Altbau energetisch auf Vordermann bringen muss, ist das schon recht kompliziert«, sagt Rathje. Zu kompliziert für viele, die früher wenigstens als Hilfsarbeiter auf dem Bau unterkamen . Doch diese Jobs gibt es kaum noch, sie wurden durch Maschinen ersetzt.
Auch das erklärt den Lehrlingsmangel. Momentan suchen 1199 Hamburger unter 25 einen Ausbildungsplatz, dem stehen 1441 Lehrstellen gegenüber, die noch offen sind.
Fred Bendig ist einer von denen, die zu kurz kommen: als Arbeitgeber. Bendig ist seit 25 Jahren Geschäftsführer des Dachdecker- und Klempnerbetriebs Peter Bendig & Söhne, den sein Vater Anfang der siebziger Jahre gründete. Bendig & Söhne ist spezialisiert auf Flachdächer, vor allem auf ihre Sanierung, rund 45 gewerbliche Mitarbeiter sind in Hamburg-Bramfeld beschäftigt, der Betrieb ist in den vergangenen 20 Jahren stetig gewachsen.
Vergangene Woche saß Fred Bendig wieder einmal mit seinen Meistern zusammen, um zu beraten, woher sie neue Mitarbeiter nehmen könnten. Eine Lösung fanden sie nicht. Im zweiten Halbjahr ist die Auftragslage immer wesentlich besser als im ersten; bevor es kälter wird, wollen viele ihre Dächer winterfest machen. »Wir könnten locker zehn Leute mehr beschäftigen«, sagt Bendig, mindestens zwei davon hätten auch Chancen, dauerhaft zu bleiben.
»Ich bin mir sicher, bald werden die Leute in Gold aufgewogen«
Am liebsten wäre ihm ein junger Meister, der noch auf der Baustelle mit anpackt, sie aber auch eigenverantwortlich leiten und Gesellen führen kann, an Baubesprechungen teilnimmt, Aufträge vorbereitet und die Interessen der Firma vertritt. »Das ist zwar sehr vielseitig, aber eben klassisches Handwerk«, sagt Bendig, »das ist jetzt nicht neu erfunden worden.« Trotzdem hat er festgestellt: Solche Führungskräfte sind kaum zu finden . Im vergangenen Jahr wurden auch noch zwei seiner Besten von anderen Betrieben abgeworben, »und das, obwohl wir schon überdurchschnittlich gut bezahlen«. Die Konkurrenz unter den Betrieben, davon ist er überzeugt, wird sich weiter verschärfen: »Ich bin mir sicher, bald werden diese Leute in Gold aufgewogen.«
Seine Meister sagten bei dem Treffen, es sei doch Zeitverschwendung, neue Mitarbeiter einzuweisen, die nicht gut genug seien oder einfach nach ein paar Tagen wegblieben, wie sie es schon einige Male erlebt hätten. Und doch will Bendig es wieder versuchen. »Wir würden uns auch zwei oder drei Jahre Zeit nehmen, um jemanden zum Vorarbeiter aufzubauen«, sagt er. Angesichts des Personalmangels fordert Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des deutschen Handwerks, die Politik und die Betriebe auf, sich mehr um Frauen und ältere Mitarbeiter zu bemühen, auch um das Anwerben von ausländischen Handwerkern (siehe Kasten).
Aber die körperliche Belastung ist für Ältere oft zu hoch, aus dem gleichen Grund scheidet ein Großteil der Ausbildungen im Baugewerbe auch für Frauen aus. Die einzigen Frauen, die man auf einer Fahrt zu den verschiedenen Baustellen mit Dirk Abraham trifft, sind auf Magazinpapier gedruckt und hängen über der Kaffeemaschine.
Dirk Abraham ist schon wieder unterwegs zur nächsten Baustelle, dem Neubau der Schießsportanlage für das Schulungszentrum der Polizei in Alsterdorf. Auf der Fahrt erzählt er, wie er selbst bei Aug. Prien landete: Er wollte Bauingenieur werden, und als er sein Studium aus privaten Gründen aufgeben musste, fing er bei Prien in der Biegerei an, er kannte den Betrieb aus einem Praktikum. Zwei Poliere gingen bald darauf in Altersteilzeit, er stieg auf. Aber so ein Quereinstieg als Ungelernter sei heute gar nicht mehr möglich, sagt er, »und das sage ich meinen Lehrlingen auch immer: Sie müssen die Ausbildung fertig machen.«
In den Containern am Rand der Baustelle im Stadtteil Alsterdorf haben die Poliere von Prien ihr Büro. Dass das Handwerk ein Imageproblem hat, ist auch hier Thema. »Wer will denn heute noch was im Handwerk werden«, fragt der Polier, »und bei Wind und Wetter draußen sein? Früher haben wir auch geschimpft, klar, aber da konnte man immerhin noch richtig Geld verdienen.« Seit dem Einbruch der Bauwirtschaft Anfang der neunziger Jahre und der Osterweiterung könne man vom goldenen Boden des Handwerks nicht mehr sprechen.
Zumindest für den Nachwuchs wird sich das wieder ändern. Für Jugendliche wie Niko, 18, einen von Abrahams Lehrlingen, der sich jetzt beim Polier abmeldet, Feierabend. Er nimmt seinen Helm ab, strubbelt sich durchs blonde Haar. Als er im letzten Hauptschuljahr war, fragte sein Vater bei einer Baustelle um die Ecke, ob Niko nicht sein Schulpraktikum dort machen könne. So kam Niko zu Prien, und als das Schuljahr fast um war, fragte seine Lehrerin, ob Dirk Abraham nicht einen Ausbildungsplatz für ihn hätte. Jetzt gehört er zu dessen Schützlingen.
Eine engagierte Lehrerin, ein Vater, der sich kümmert: Liefe es häufiger so glatt wie bei Niko, würde Abraham noch immer seinen alten Job als Polier der Eisenflechter haben.
Auch Abraham verabschiedet sich, in der Firma gibt es noch Papierkram zu erledigen. Zwei Tage später wird er wieder im AZB sein, bei der Gesellenprüfung und danach bei der Abschlussfeier, der Freisprechung. Einer der Prüflinge würde gern weiterlernen, da das seine finanzielle Situation aber nicht zulässt, hat Abraham ihn für ein Stipendium der Benthack-Stiftung empfohlen, zusammen mit zwei jungen Gesellen. Alle drei werden es bekommen. Und Dirk Abraham drei gute Arbeitskräfte mehr.
- Datum 02.09.2010 - 15:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.09.2010 Nr. 36
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...die da gerade von der Industrie abgezogen wird und zu deren Bestandteil wohl auch dieser Artikel gerechnet werden darf. Jede Woche neue Horrormeldungen über den Fachkräftemangel. Ich erinnere mich noch an eine Zeit vor zwei bis drei Jahren, als im TV die Reportagen über frustrierte und auswanderungswillige Handwerker hoch und runterdudelten.
Aber ich kann das Kalkül der Industrie durchaus nachvollziehen. Fachkräfte kosten bei normaler, das heißt ausgewogenen Marktlage Geld. Wenn jedoch ein Überangebot an Fachkräften zur Verfügung steht, dann kann man erstens den Rahm abschöpfen und zweitens die Preise drücken.
Das ist der wahre Grund dafür, warum die Industrie seit Wochen immer wieder Alarm schlägt und nach mehr Fachkräften schreit.
Sollte das vermeidliche Problem nämlich ein echtes sein, so müßten die Herren Bosse die Schuld ja zunächst bei sich selbst suchen. Schließlich gibt es in Deutschland das duale Ausbildungssystem und die Industrie ist für die Förderung ihres Nachwuchses maßgeblich selbst verantwortlich.
denn die Firmen haben immer noch Zugriff auf einen riesen Pool an Arbeitslosen, denen man nur einen Arbeitsvertrag geben und ggf. deren Kenntnisse aufpolieren müsste.
Auch finde ich diese reine Fixierung nur auf Auszubildende irgendwie komisch. Als ob man nur einen selbst ausgebildeten Arbeitnehmer aufbauen können.
Sollten die Firmen jemals *wirkliche* Probleme bekommen würden sie wie schon einemal anfangen die Schüler von der Schulbank (dieses Mal hoffentlich mit Abschluss) abzuwerben, ausgewanderte oder im Ausland arbeitende Deutsche zurückzuwerben, und versuchen Studenten gleich an der Uni an sich zu binden.
Ich sehe da bisher noch keinen Kniefall der Firmen.
denn die Firmen haben immer noch Zugriff auf einen riesen Pool an Arbeitslosen, denen man nur einen Arbeitsvertrag geben und ggf. deren Kenntnisse aufpolieren müsste.
Auch finde ich diese reine Fixierung nur auf Auszubildende irgendwie komisch. Als ob man nur einen selbst ausgebildeten Arbeitnehmer aufbauen können.
Sollten die Firmen jemals *wirkliche* Probleme bekommen würden sie wie schon einemal anfangen die Schüler von der Schulbank (dieses Mal hoffentlich mit Abschluss) abzuwerben, ausgewanderte oder im Ausland arbeitende Deutsche zurückzuwerben, und versuchen Studenten gleich an der Uni an sich zu binden.
Ich sehe da bisher noch keinen Kniefall der Firmen.
denn die Firmen haben immer noch Zugriff auf einen riesen Pool an Arbeitslosen, denen man nur einen Arbeitsvertrag geben und ggf. deren Kenntnisse aufpolieren müsste.
Auch finde ich diese reine Fixierung nur auf Auszubildende irgendwie komisch. Als ob man nur einen selbst ausgebildeten Arbeitnehmer aufbauen können.
Sollten die Firmen jemals *wirkliche* Probleme bekommen würden sie wie schon einemal anfangen die Schüler von der Schulbank (dieses Mal hoffentlich mit Abschluss) abzuwerben, ausgewanderte oder im Ausland arbeitende Deutsche zurückzuwerben, und versuchen Studenten gleich an der Uni an sich zu binden.
Ich sehe da bisher noch keinen Kniefall der Firmen.
Ich würde einfach mal behaupten der Fachkräftemangel ist nur eine Kollision zwischen den Erwartungen des Arbeitgebers und dem Angebot der Arbeitnehmer.
Möglichst viel Leistung für einen Hungerlohn.
Aber das ist nur die Meinung eines Auswanderers.
Das es noch niemanden da oben zu denken brachte wenn die Landsleute abhauen.
Nach meinen Erfahrungen haben Firmen in der Tat Probleme mit der Suche nach Mitarbeitern. Und die Bewerberqualität, gerade bei jungen Menschen, geht massiv zurück.
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