Lehrlinge Der Kümmerer
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Betriebe konkurrieren um die Besten

Fred Bendig ist einer von denen, die zu kurz kommen: als Arbeitgeber. Bendig ist seit 25 Jahren Geschäftsführer des Dachdecker- und Klempnerbetriebs Peter Bendig & Söhne, den sein Vater Anfang der siebziger Jahre gründete. Bendig & Söhne ist spezialisiert auf Flachdächer, vor allem auf ihre Sanierung, rund 45 gewerbliche Mitarbeiter sind in Hamburg-Bramfeld beschäftigt, der Betrieb ist in den vergangenen 20 Jahren stetig gewachsen.

Vergangene Woche saß Fred Bendig wieder einmal mit seinen Meistern zusammen, um zu beraten, woher sie neue Mitarbeiter nehmen könnten. Eine Lösung fanden sie nicht. Im zweiten Halbjahr ist die Auftragslage immer wesentlich besser als im ersten; bevor es kälter wird, wollen viele ihre Dächer winterfest machen. »Wir könnten locker zehn Leute mehr beschäftigen«, sagt Bendig, mindestens zwei davon hätten auch Chancen, dauerhaft zu bleiben.

»Ich bin mir sicher, bald werden die Leute in Gold aufgewogen«

Am liebsten wäre ihm ein junger Meister, der noch auf der Baustelle mit anpackt, sie aber auch eigenverantwortlich leiten und Gesellen führen kann, an Baubesprechungen teilnimmt, Aufträge vorbereitet und die Interessen der Firma vertritt. »Das ist zwar sehr vielseitig, aber eben klassisches Handwerk«, sagt Bendig, »das ist jetzt nicht neu erfunden worden.« Trotzdem hat er festgestellt: Solche Führungskräfte sind kaum zu finden . Im vergangenen Jahr wurden auch noch zwei seiner Besten von anderen Betrieben abgeworben, »und das, obwohl wir schon überdurchschnittlich gut bezahlen«. Die Konkurrenz unter den Betrieben, davon ist er überzeugt, wird sich weiter verschärfen: »Ich bin mir sicher, bald werden diese Leute in Gold aufgewogen.«

Seine Meister sagten bei dem Treffen, es sei doch Zeitverschwendung, neue Mitarbeiter einzuweisen, die nicht gut genug seien oder einfach nach ein paar Tagen wegblieben, wie sie es schon einige Male erlebt hätten. Und doch will Bendig es wieder versuchen. »Wir würden uns auch zwei oder drei Jahre Zeit nehmen, um jemanden zum Vorarbeiter aufzubauen«, sagt er. Angesichts des Personalmangels fordert Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des deutschen Handwerks, die Politik und die Betriebe auf, sich mehr um Frauen und ältere Mitarbeiter zu bemühen, auch um das Anwerben von ausländischen Handwerkern (siehe Kasten).

Aber die körperliche Belastung ist für Ältere oft zu hoch, aus dem gleichen Grund scheidet ein Großteil der Ausbildungen im Baugewerbe auch für Frauen aus. Die einzigen Frauen, die man auf einer Fahrt zu den verschiedenen Baustellen mit Dirk Abraham trifft, sind auf Magazinpapier gedruckt und hängen über der Kaffeemaschine.

Dirk Abraham ist schon wieder unterwegs zur nächsten Baustelle, dem Neubau der Schießsportanlage für das Schulungszentrum der Polizei in Alsterdorf. Auf der Fahrt erzählt er, wie er selbst bei Aug. Prien landete: Er wollte Bauingenieur werden, und als er sein Studium aus privaten Gründen aufgeben musste, fing er bei Prien in der Biegerei an, er kannte den Betrieb aus einem Praktikum. Zwei Poliere gingen bald darauf in Altersteilzeit, er stieg auf. Aber so ein Quereinstieg als Ungelernter sei heute gar nicht mehr möglich, sagt er, »und das sage ich meinen Lehrlingen auch immer: Sie müssen die Ausbildung fertig machen.«

In den Containern am Rand der Baustelle im Stadtteil Alsterdorf haben die Poliere von Prien ihr Büro. Dass das Handwerk ein Imageproblem hat, ist auch hier Thema. »Wer will denn heute noch was im Handwerk werden«, fragt der Polier, »und bei Wind und Wetter draußen sein? Früher haben wir auch geschimpft, klar, aber da konnte man immerhin noch richtig Geld verdienen.« Seit dem Einbruch der Bauwirtschaft Anfang der neunziger Jahre und der Osterweiterung könne man vom goldenen Boden des Handwerks nicht mehr sprechen.

Zumindest für den Nachwuchs wird sich das wieder ändern. Für Jugendliche wie Niko, 18, einen von Abrahams Lehrlingen, der sich jetzt beim Polier abmeldet, Feierabend. Er nimmt seinen Helm ab, strubbelt sich durchs blonde Haar. Als er im letzten Hauptschuljahr war, fragte sein Vater bei einer Baustelle um die Ecke, ob Niko nicht sein Schulpraktikum dort machen könne. So kam Niko zu Prien, und als das Schuljahr fast um war, fragte seine Lehrerin, ob Dirk Abraham nicht einen Ausbildungsplatz für ihn hätte. Jetzt gehört er zu dessen Schützlingen.

Eine engagierte Lehrerin, ein Vater, der sich kümmert: Liefe es häufiger so glatt wie bei Niko, würde Abraham noch immer seinen alten Job als Polier der Eisenflechter haben.

Auch Abraham verabschiedet sich, in der Firma gibt es noch Papierkram zu erledigen. Zwei Tage später wird er wieder im AZB sein, bei der Gesellenprüfung und danach bei der Abschlussfeier, der Freisprechung. Einer der Prüflinge würde gern weiterlernen, da das seine finanzielle Situation aber nicht zulässt, hat Abraham ihn für ein Stipendium der Benthack-Stiftung empfohlen, zusammen mit zwei jungen Gesellen. Alle drei werden es bekommen. Und Dirk Abraham drei gute Arbeitskräfte mehr.

 
Leser-Kommentare
  1. ...die da gerade von der Industrie abgezogen wird und zu deren Bestandteil wohl auch dieser Artikel gerechnet werden darf. Jede Woche neue Horrormeldungen über den Fachkräftemangel. Ich erinnere mich noch an eine Zeit vor zwei bis drei Jahren, als im TV die Reportagen über frustrierte und auswanderungswillige Handwerker hoch und runterdudelten.

    Aber ich kann das Kalkül der Industrie durchaus nachvollziehen. Fachkräfte kosten bei normaler, das heißt ausgewogenen Marktlage Geld. Wenn jedoch ein Überangebot an Fachkräften zur Verfügung steht, dann kann man erstens den Rahm abschöpfen und zweitens die Preise drücken.

    Das ist der wahre Grund dafür, warum die Industrie seit Wochen immer wieder Alarm schlägt und nach mehr Fachkräften schreit.
    Sollte das vermeidliche Problem nämlich ein echtes sein, so müßten die Herren Bosse die Schuld ja zunächst bei sich selbst suchen. Schließlich gibt es in Deutschland das duale Ausbildungssystem und die Industrie ist für die Förderung ihres Nachwuchses maßgeblich selbst verantwortlich.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    denn die Firmen haben immer noch Zugriff auf einen riesen Pool an Arbeitslosen, denen man nur einen Arbeitsvertrag geben und ggf. deren Kenntnisse aufpolieren müsste.

    Auch finde ich diese reine Fixierung nur auf Auszubildende irgendwie komisch. Als ob man nur einen selbst ausgebildeten Arbeitnehmer aufbauen können.

    Sollten die Firmen jemals *wirkliche* Probleme bekommen würden sie wie schon einemal anfangen die Schüler von der Schulbank (dieses Mal hoffentlich mit Abschluss) abzuwerben, ausgewanderte oder im Ausland arbeitende Deutsche zurückzuwerben, und versuchen Studenten gleich an der Uni an sich zu binden.

    Ich sehe da bisher noch keinen Kniefall der Firmen.

    denn die Firmen haben immer noch Zugriff auf einen riesen Pool an Arbeitslosen, denen man nur einen Arbeitsvertrag geben und ggf. deren Kenntnisse aufpolieren müsste.

    Auch finde ich diese reine Fixierung nur auf Auszubildende irgendwie komisch. Als ob man nur einen selbst ausgebildeten Arbeitnehmer aufbauen können.

    Sollten die Firmen jemals *wirkliche* Probleme bekommen würden sie wie schon einemal anfangen die Schüler von der Schulbank (dieses Mal hoffentlich mit Abschluss) abzuwerben, ausgewanderte oder im Ausland arbeitende Deutsche zurückzuwerben, und versuchen Studenten gleich an der Uni an sich zu binden.

    Ich sehe da bisher noch keinen Kniefall der Firmen.

  2. denn die Firmen haben immer noch Zugriff auf einen riesen Pool an Arbeitslosen, denen man nur einen Arbeitsvertrag geben und ggf. deren Kenntnisse aufpolieren müsste.

    Auch finde ich diese reine Fixierung nur auf Auszubildende irgendwie komisch. Als ob man nur einen selbst ausgebildeten Arbeitnehmer aufbauen können.

    Sollten die Firmen jemals *wirkliche* Probleme bekommen würden sie wie schon einemal anfangen die Schüler von der Schulbank (dieses Mal hoffentlich mit Abschluss) abzuwerben, ausgewanderte oder im Ausland arbeitende Deutsche zurückzuwerben, und versuchen Studenten gleich an der Uni an sich zu binden.

    Ich sehe da bisher noch keinen Kniefall der Firmen.

    Antwort auf "Tolle Show..."
    • illyst
    • 05.09.2010 um 21:47 Uhr

    Ich würde einfach mal behaupten der Fachkräftemangel ist nur eine Kollision zwischen den Erwartungen des Arbeitgebers und dem Angebot der Arbeitnehmer.
    Möglichst viel Leistung für einen Hungerlohn.

    Aber das ist nur die Meinung eines Auswanderers.
    Das es noch niemanden da oben zu denken brachte wenn die Landsleute abhauen.

  3. Nach meinen Erfahrungen haben Firmen in der Tat Probleme mit der Suche nach Mitarbeitern. Und die Bewerberqualität, gerade bei jungen Menschen, geht massiv zurück.

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