Sarrazins ThesenWas ist Intelligenz?

Deutschland streitet über "drohende Verdummung" – und damit über Intelligenz. Was weiß die Wissenschaft über unsere geistige Fähigkeit? Zehn Fragen und Antworten von , und

Intelligent IQ Sarrazin Debatte

Wie intelligent sind Menschen? Der IQ ist nur ein Anhaltspunkt  |  © priamos/Photocase

1. Intelligenz, was ist das überhaupt?

Die Welt entsteht im Kopf. Das Gehirn erzeugt aus allen ihm zugänglichen Informationen ein Modell der Realität. Intelligenz ist seine Fähigkeit, die Welt zu strukturieren, ihre Regeln zu erfassen und wechselnde Aufgaben zu bewältigen – so oder so ähnlich lauten viele Definitionen. Bis heute konnte man sich auf keine einigen. "Intelligenz ist, was Intelligenztests testen", schrieb der US-Psychologe Edwin Boring 1923. Das war durchaus ernst gemeint.

Unbestritten zentral sind: abstraktes Denken, neuronale Rechengeschwindigkeit, Gedächtnisleistung, räumliches Vorstellungsvermögen, Entscheidungs- und Handlungskontrolle. Ist eine dieser Funktionen bei einem Menschen stark ausgeprägt, sind es auch die übrigen. Offenbar hängen sie eng zusammen. Forscher sprechen von "general intelligence".

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Sie hat große Bedeutung für den individuellen Lebensweg: Statistisch gesehen, ist Intelligenz die wichtigste Voraussetzung für Erfolg in Schule, Ausbildung und Beruf und für sozialen Aufstieg.

2. Was zeigt der IQ?

Als die französische Regierung die Leistung gleichaltriger Schulkinder objektiv miteinander vergleichen wollte, entwickelte der Franzose Alfred Binet im Jahr 1903 den ersten Intelligenztest: Er entwarf einen Fragebogen, der mit leichten Fragen anfing, immer schwieriger wurde und schließlich weit über das Niveau des jeweiligen Alters hinausging. Beantwortete ein schlauer Achtjähriger mehrere dieser Zusatzfragen, wurde ihm ein "Intelligenzalter" von beispielsweise neun Jahren zugeschrieben.

Mit der Adaption in Amerika (Stanford-Binet-Test) wich das Intelligenzalter einem -quotienten (Intelligenzalter : Lebensalter x 100). Von den sechziger Jahren an wurden Testergebnisse nicht mehr mit dieser starren Formel umgerechnet, sondern ins Verhältnis zum Durchschnitt gesetzt.

So gibt der IQ, wie wir ihn heute kennen, an: Wie gut hat eine Testperson im Vergleich zu anderen gleichaltrigen Personen aus derselben Bevölkerung abgeschnitten? Ein IQ von 100 liegt genau im Mittel aller getesteten Personen. Zwei Drittel der Bevölkerung erzielen IQs zwischen 85 und 115 Punkten, 97 Prozent zwischen 70 und 130 Punkten. Wer unter 70 bleibt, gilt als zurückgeblieben. Wer über 130 erreicht, als hochbegabt. Bei Männern ist die Verteilung generell weiter gespreizt, sehr niedrige und sehr hohe Intelligenz kommen bei ihnen häufiger vor als bei Frauen.

"Der Begriff IQ ist mit dem Mythos verbunden, Intelligenz sei einheitlich feststehend und vorbestimmt", schimpfte der Bildungsforscher Daniel J. Reschly schon 1981. Tatsächlich ist der Quotient als Maß aller geistigen Fähigkeiten umstritten. Multiple Intelligenzen wurden ebenso vorgeschlagen wie der emotionale "EQ" – doch die meisten Forscher reagierten skeptisch auf solche Alternativvorschläge. Denn immerhin belegen viele Studien, wie zentral die general intelligence ist. So analysierte der US-Psychologe John Carroll die Ergebnisse von 400 unterschiedlichen Intelligenzstudien, um eine Hierarchie der Bedeutung geistiger Fähigkeiten zu erstellen. An deren Spitze steht unangefochten die zentrale Fähigkeit, Komplexes zu durchdringen und die gewonnenen Einsichten anzuwenden.

3. Gibt es ein Intelligenzgen?

Welche genetischen Faktoren bei der Ausprägung der Intelligenz mitwirken, ist noch immer ungeklärt. Als sicher gilt jedoch, dass es kein einzelnes "Intelligenzgen" gibt. Die Unterschiede der generellen Intelligenz werden sicher durch viele Erbanlagen vermittelt. Die Vererbung von Intelligenzveranlagung folgt daher auch nicht den simplen Mendelschen Regeln.

Zwar sind bereits rund 300 Gene entdeckt worden, deren Defekte zu schwerer geistiger Behinderung führen können. Für die Unterschiede im normalen Bereich der kognitiven Leistung stehen belastbare genetische Befunde bislang jedoch aus. Die einzige Ausnahme sind Varianten des COMT-Gens. Die Erbanlage ist für die Bildung eines Enzyms verantwortlich, das den Neurotransmitter Dopamin im präfrontalen Kortex abbaut. Doch auch die bisher gefundenen Varianten des Gens vermögen nur 0,1 Prozent der Intelligenzunterschiede zu erklären.

Leserkommentare
  1. ...das ist unterschiedlich ausgeprägt. Mathematiknoten sind ein guter Indikator für Intelligenz auch wenn das vielen nicht schmeckt:).

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    • johaupt
    • 01. September 2010 14:39 Uhr

    ... sicher. Wissenschaftlich sicher nicht. Bestimmt hattest du immer gute Mathenoten?

    Nur weil jemand ein Mathegenie ist, ist er im landläufigen Sinne nicht intelligent, da gehört wesentlich mehr dazu. Davon abgesehen ist Mathe nur in der Grundschule wirklich logisch und geht dann zunehmend in Richtung Axiome, Definitionen und Lösungsverfahren richtig anzuwenden.

    Im Übrigen kann man auch Logik trainieren und in der Schule hängt zudem extrem viel vom Lehrer ab. Etwa ob man sich traut zu fragen, wie didaktisch der Stoff aufbereitet ist etc. ich hab da einige Extreme in meiner Bildungslaufbahn erlebt und schwankte immer so zwischen Note 1 und 4, je nachdem. Imho Null Aussagefähigkeit. Jemand der permanent schlecht war/ist, dem kann man lediglich extremen Mathefrust sicher diagnostizieren.

    Ob jemand eine Begabung in diese Richtung hat, kann man aber schon bemerken, aber dazu muss man mit dieser Person längere Zeit Aufgaben lösen und Vergleichspersonen haben. Ich habe selbst eine zeitlang als Mathe-Nachhilfelehrer nebenher gearbeitet, da bekommt man ein Gefühl für. Meist sind das Kinder die sich (trotz Schulzwängen) intrinsisch für ein Thema begeistern können. Die wichtigsten Faktoren für Lernerfolg sind daher imho auch:

    1) hohe Motivation (extrinsisch oder auch intrinsisch!)
    2) gute Merkfähigkeit (oft stark abhängig von 1)
    3) Selbstorganisation (Notizen machen etc.)
    4) der Wille eine Sache nicht nur zu können, sondern sie zu verstehen (idR auch von 1 abhängig)

    "Mathematiknoten sind ein guter Indikator für Intelligenz auch wenn das vielen nicht schmeck."

    Intelligenz schützt vor wahnwitzigen Verhaltensweisen nicht. Nicht vergessen, es waren die intelligenten Mathematiker und Physiker in den Banken, die uns die letzte Krise beschert haben. Moral und Ethik sind 20mal wichtiger als Intelligenz. Intelligente Verbrecher sind schwer zu fassen, dumme leichter.

    2...das ist unterschiedlich ausgeprägt. Mathematiknoten sind ein guter Indikator für Intelligenz auch wenn das vielen nicht schmeckt:)."

    Naja.

    Bin selbst im logischen, analytischen und abstrakten Bereich sehr gut (d.h. weit überdurchschnittlich). Meine Lehrer haben mich immer für sehr begabt befunden - meine Noten waren in der Schule nur leicht überdurchschnittlich. Kacke in Gedächtnis- und Konzentrationstests voll ab. Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. Und sämtliche Stärken sind halt eine Form von hoher Intelligenz - ob es nun der gekonnte Umgang mit Integralen oder Kindern ist. Umgang mit Menschen lässt sich aber nicht messen.

    Schmeckt gar nicht:Musiknoten sind anders zwar,basieren aber ebenso auf Mathematik:Wie das einer kann und nimmt.Intelligenz bezieht sich auf das,was eingesehen wird:Mathe oder Musik zum Beispiel.Oder auf die Intelligenz,den Mitmenschen als Lebendigen sich zu erhalten.Soziale Intelligenz.Oder das Schweigen der Intelligenz:Weisheit im Innehalten in der Einfalt.Etc.

    Im Artikel selbst wird die Bedeutung des Wortschatzes betont, der offenbar entscheidend für den späteren Erfolg ist. Demnach dürfte die Deutschnote ein noch wichtigerer Indikator für Intelligenz sein. Auch die Mathematik beruht auf Definitionen (ergo: Sprache!) und kann insofern als abgeleitete verbale Intelligenz verstanden werden.

  2. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs

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    • johaupt
    • 01. September 2010 14:23 Uhr

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde inzwischen moderiert. Die Redaktion/cs

    das mit der Meinungsfreiheit - alles Theorie ...

    • johaupt
    • 01. September 2010 14:16 Uhr

    ... auch wenn ich finde, dass man einem Polemiker wie S ein bisschen zuviel Aufmerksamkeit schenkt. Sein Buch wird sich vermutlich auch so wie heiße Semmeln verkaufen. Na ja, so sind die Medien halt (leider).

    "An deren Spitze steht unangefochten die zentrale Fähigkeit, Komplexes zu durchdringen und die gewonnenen Einsichten anzuwenden."

    Na das ist ja mal eine Fähigkeit die definitv erlernbar ist. Eine Kombination aus Hartnäckigkeit, Frustrationstoleranz, guter Selbstorganisation und strategischem Vorgehen. Schade dass man sowas in der Schule allenfalls nebenbei mitbekommt, dort war das nie ein zentrales Thema :-)

  3. Damals kämpften die Astronomen mit den Dogmatikern der katholischen Kirche über die Ergebnisse der Wissenschaft. Jetzt kämpfen die Dogmatiker eines politischen Weltbildes über die Ergebnisse der Wissenschaft. Zumindest, wie ein Politiker freimütig äußerte, sollten die wissenschaftlichen Ergebnisse der Öffentlichkeit nicht bekannt werden, aufdass man nicht öffentlich darüber diskutiere.

    • johaupt
    • 01. September 2010 14:23 Uhr

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde inzwischen moderiert. Die Redaktion/cs

    Antwort auf "Intelligent ist, ..."
  4. "Offene Gesellschaften verändern sich eben viel schneller als jeder Genpool."

    Richtig.
    Unbestreitbar gelten die Zuchtregeln für alle Lebewesen und die Ergebnisse finden in den Genen ihren Niederschlag. Auch der Mensch ist hiervon nicht ausgenommmen. Ohne die Anwendung dieser Regeln hätten wir heute nicht unsere Nutzpflanzen und Nutztiere. Der Mensch hat sich so die Welt gezielt nutzbar gemacht. Soll und muss man aber alles nutzbar machen? Die Nutzbarmachung ist glücklicherweise nicht das eigentliche Ziel. Nur noch Züchtungen in dieser Welt zuzulassen würde zu einer erbärmlichen, eindimensionalen Welt führen und würde die Frage unbeantwortet lassen Züchtung wofür und mit welchem Ziel? Die Versuchung Züchtungen auch am Menschen vorzunehmen bleibt dennoch immens groß. Im Zusammenhang mit dem Menschsein in Gesellschaftsverbänden, sollte die Nutzbarmachung in den Hintergrund treten, der Mensch braucht nicht effizienter zu werden, ja dieses würde sogar die gesamte Schöpfung gefährden, sondern Moral und Ethik stehen im Vordergrund und definieren Gesellschaften, ja das Verhalten des einzelnen Menschen zu 95%. Ethik und Moral bilden den Zusammenhalt und das Ziel einer Gesellschaft.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels. Die Redaktion/cs

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    • lonetal
    • 01. September 2010 15:09 Uhr

    Sie schreiben: "Unbestreitbar gelten die Zuchtregeln für alle Lebewesen und die Ergebnisse finden in den Genen ihren Niederschlag. Auch der Mensch ist hiervon nicht ausgenommmen."

    Eben doch. Es gibt da einen kleinen Unterschied: Der Mensch ist in weiten Teilen ein selbst lernendes, sich selbst programiierendes Lebewesen. Er kann als Tuareg geboren werden, aber als Inuit aufwachsen. Dennoch bleibt er immer Mensch.

    Eine Kuh wird als Kuh geboren und kann nicht als Eisbär aufwachsen.

  5. "Gerade für Migrantenkinder lautet die gute Botschaft: Schule – auch Kita und Förderangebote – kann sehr wohl ein genetisch definiertes Schicksal korrigieren."

    Die Autoren scheinen mit Sarrazin grundsätzlich einer Meinung zu sein, nur ziehen sie andere Schlussfolgerungen. Der Tenor lautet "Wir werden euch helfen, trotz der schlechten genetischen Disposition eurer Väter und Mütter." Das liegt von Staatseugenik nicht weit weg.

    Dumm nur, dass niemand durchschaut, dass es in dieser Diskussion unterschwellig um Besitzverhältnisse und Verteilungskämpfe handelt. Ich bin zwar kein Linker, aber in so manch einem Punkt haben die Leute durch aus recht.

    Schöne Grüße

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    • johaupt
    • 01. September 2010 14:51 Uhr

    "Die Autoren scheinen mit Sarrazin grundsätzlich einer Meinung zu sein, nur ziehen sie andere Schlussfolgerungen. Der Tenor lautet "Wir werden euch helfen, trotz der schlechten genetischen Disposition eurer Väter und Mütter."

    @Redaktion
    Ja, der zitierte Satz ist mir auch aufgefallen. Entweder wir haben ihn falsch verstanden oder er war ein Ausrutscher. Immerhin wird weiter oben ja gerade behauptet, diese genetische Abhängigkeit (zumindest für Migranten) gäbe es gar nicht. Der Satz ist also wenigstens unglücklich und missverständlich.

    "Dumm nur, dass niemand durchschaut, dass es in dieser Diskussion unterschwellig um Besitzverhältnisse und Verteilungskämpfe handelt."

    Das auch, aber imho nicht nur. Wenn ich meine eigenen Emotionen analysiere, dann habe ich keine Angst vor Migranten, aber durchaus Angst vor dem Islam. Das Christentum war schon schlimm genug, jetzt mit fanatischen Anhängern dieser noch viel unlogischeren und menschenverachtenderen Religion erneut um staatliche Neutralität und persönliche Freiheit ringen zu müssen, macht mir Sorge. Die Selbstbeschneidung der Medien bei den Mohammed-Karrikaturen spricht eine deutliche Sprache. Dabei ist uns noch nichtmal staatliche Neutralität bei den großen chr. Kirchen geglückt. Imho gibt sogar den Gotteslästerungsparagraphen noch. Und die Bildung ist in D auch eher in der Defensive, keine beruhigenden Aussichten.

    "Ich bin zwar kein Linker..."

    Das wird schon noch ;-)

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  • Schlagworte Thilo Sarrazin | David Owen | IQ-Test | Afghanistan | Iran | Norwegen
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