Sarrazin-DebatteWas heißt hier erblich?

Die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern widerspricht der Verdummungsthese. von Elsbeth Stern

Mit seinem mehrfach wiederholten Satz »Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich« zeigt Thilo Sarrazin, dass er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat. Deshalb muss man auch viele seiner Folgerungen infrage stellen.

Aber zunächst zu den einfachsten Grundlagen: Prozentangaben müssen stets eine Bezugsgröße haben (»Prozent von was?«). Wenn ein Mensch in einem Intelligenztest 100 Punkte erreicht, würde eine Erblichkeit von 50 Prozent dann heißen, dass er die Hälfte dieser Punkte seinen Genen und die andere Hälfte seiner Umwelt zu verdanken hat? Dieses Missverständnis entsteht, wenn Intelligenz fälschlicherweise als eine absolute Größe aufgefasst wird.

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Die absolute Intelligenz eines Menschen lässt sich aber gar nicht messen. Für eine seriöse Erblichkeitsschätzung kann man nur die relativen Unterschiede innerhalb einer Gruppe vergleichen. Der statistische Fachausdruck hierfür ist »Varianz«, und in diese Größe geht – vereinfacht gesprochen – die Abweichung jeder einzelnen Person vom Durchschnittswert ein. Nichts anderes gibt der Intelligenzquotient (IQ) an. Man muss deshalb nicht von der Vererbung von Intelligenz, sondern von der Erblichkeit von Intelligenzunterschieden sprechen.

Elsbeth Stern
Elsbeth Stern

Die Psychologin Elsbeth Stern forscht an der ETH Zürich. Die Professorin ist führend auf den Gebieten Intelligenz und Lernen

Wenn alle Menschen völlig identische Gene hätten, dann könnten diese auch keine Unterschiede in der Intelligenz erklären. Tatsächlich trifft das aber nur für eineiige Zwillinge zu: Unterscheiden sie sich in einem Merkmal, lässt sich das nicht auf ihre Gene zurückführen. So findet man bei gemeinsam aufgewachsenen eineiigen Zwillingen auch eine sehr hohe Übereinstimmung im IQ. Einen Rückschluss auf den Einfluss der Gene lässt das aber noch nicht zu, weil Zwillinge von der Befruchtung bis ins Erwachsenenleben hinein einer Vielzahl von Einflüssen gemeinsam ausgesetzt sind. Elternhaus, Ernährung, Freundeskreis, Kita oder Schule – das alles fassen Forscher als »Umwelt« zusammen.

Dasselbe gilt auch für zweieiige Zwillingspaare, insbesondere für gleichgeschlechtliche. Ihr genetischer Code ist nicht identisch, sondern weist eine mit »normalen« Geschwistern vergleichbare Übereinstimmung auf. Hätten Gene keinerlei Einfluss auf das Zustandekommen von Intelligenzunterschieden, sollten sich zweieiige Zwillingspaare genauso stark ähneln wie eineiige. Das ist aber ganz eindeutig nicht der Fall, wie alle Studien zeigen. Zudem ist die Übereinstimmung im IQ bei zweieiigen Zwillingspaaren kaum höher als bei »normalen« Geschwisterpaaren, obwohl diese aufgrund ihrer Altersdifferenz deutlich unterschiedlicher aufwachsen.

Angesichts dieser Befundlage müssen wir uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, alle Menschen ließen sich zu geistigen Überfliegern und damit gleich machen. Statistische Analysen, in denen – grob gesagt – die Übereinstimmung bei eineiigen Zwillingspaaren mit jener bei zweieiigen in Beziehung gesetzt wird, lassen derzeit den Schluss zu: In entwickelten Ländern mit allgemeiner Schulpflicht sind mindestens 50 Prozent der Intelligenzunterschiede auf Variationen in den Genen zurückzuführen.

Intelligenz
Intelligent IQ Sarrazin Debatte

Was ist Intelligenz? Lesen Sie die zehn wichtigsten Antworten hier  |  © priamos/Photocase

Warum »mindestens«? Und was hat der Schulbesuch mit der Intelligenz zu tun, wenn diese doch in die Gene geschrieben ist? Zunächst zu Letzterem: Bei allem Streit um die genaue Definition von Intelligenz – sie wird als das Potenzial einer Person verstanden, sich die mündliche und schriftliche Sprache sowie den Umgang mit mathematischen und anderen Symbolsystemen der jeweiligen Kultur anzueignen und dies alles für schlussfolgerndes Denken zu nutzen. Die genetischen Voraussetzungen, die alle Menschen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – dafür mitbringen, können sich aber nur bei entsprechender familiärer und schulischer Förderung entfalten. So wie eine Pflanze nur an einem guten Standort und bei ausreichender Bewässerung und Düngung jene Größe erreicht, die ihre Gene vorsehen.

Leserkommentare
    • Chali
    • 02. September 2010 13:19 Uhr

    Sie haben meinen Tag gerettet. (Obwohl: Auf viel Zuspruch dürfen Sie hier nicht hoffen.)

    Zu den Prozenten noch:
    Neulich hat irgendwer die Temperatur-Steigerung um 1° gekontert mit der Bemerkung, das wären bei 20° ja nur 5%.
    Ich habe empfohlen, dann gleich in Kelvin zu rechnen, da wären es denn noch ganz viel weniger Prozent ...

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    ...jetzt die nächste Zeit jeden Tag eine der Thesen des Herrn S. widerlegen würde, dann wäre die Zeit für die nächsten zwei Wochen mit Artikeln gut versorgt...

    • hths
    • 02. September 2010 14:56 Uhr

    Da Grad Kelvin nur eine 1,8fache Erweiterung der Celsiusskala ist, wird sich bei einer Erhöhung um 1,8 Grad ebenfalls 5% als Ergebnis zeigen

    • hths
    • 02. September 2010 15:15 Uhr

    Natürlich hat Sarrazin mit seiner absolut unnötigen "Gen-Betrachtung" sich selbst geschadet. Streichen Sie einfach all diese Passagen, ob ein Wahrheitsgehalt da ist oder nicht, und sie haben den Rest, der auch aussagefähig ist.

    Natürlich sind ungebildete, nicht ausgebildete türkische Gastarbeiter nach der BRD gekommen.
    Was die Meisten nicht wissen oder vergessen haben, diese Leute kamen auf Drängen ihres Heimatlandes Türkei, nie auf Druck der BRD.
    Die Türkei wollte sich Ihrer Außenwirtschaftlichen finanziellen und bevölkerungspolitischen Probleme entledigen.
    Der Vertrag mit der Türkei kam am 31.10.1961 zudem nur mit massiver Intervention der USA bei der deutschen Regierung zu stande. Letztendlich besiegelt durch die Konfrontation am 13.8.1961 zwischen UdssR und den USA.

    Nicht bestreiten, es gehört zur Historie und wurde allerdings von Multi-Kulti stets unterschlagen.

    Der Vertrag sah keine Zuwanderung vor, auch war ein Familiennachzug ausgeschlossen. Die Türkei dachte u.a. daran, dass sie nach ein paar Jahren ihre Arbeiter als angelernte Industriearbeiter zurück erhält und diese dabei behilflich sind den Aufbau der Türkei voranzutreiben.

    Wenn Sie schon mit Grad Kelvin argumentieren:

    http://de.wikipedia.org/w...ät

    Dieses Konzept sollte sogar der Frau Stern ein Begriff sein!

  1. ...jetzt die nächste Zeit jeden Tag eine der Thesen des Herrn S. widerlegen würde, dann wäre die Zeit für die nächsten zwei Wochen mit Artikeln gut versorgt...

    Antwort auf "Danke, Frau Stern."
  2. Was geschiehthier eigentlich?
    Kann man sich nur noch über absurde Interpretationseskapaden von Sarrazin absetzen, wenn man eigentlich dann doch wieder das selbe sagt.

    Hat Frau Stern nicht heute in der FAZ folgendes gesagt?
    "Das Ungleichgewicht in der Fortpflanzung müsste noch über viele Generationen gehen, bevor der IQ merklich absinkt. Die größte Gefahr für eine gesellschaftliche Verdummung besteht darin, dass soziale Herkunft für Schul- und Berufserfolg wichtiger ist als Intelligenz und Begabung."

    Zu ihrer tollen Behauptung, dass der genetische Code von zweieiigen Zwillingen nicht identisch sei ("Ihr genetischer Code ist nicht identisch"), ist natürlich dümmerlichster Unsinn. Wären Sie jetzt Sarrazin und hätten so etwas gesagt, hätten sich alle Hetzer wie die Geier darauf gestürzt. In ihrem Fall seh ich da mal drüber hinweg, da mir klar ist, was Sie sagen wollen. Psychologen haben halt doch keine Ahnung von Biologie...

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    • Chali
    • 02. September 2010 13:43 Uhr

    ... dass Sie an Herrn Schnuffi geraten sind, gell Frau Dr.

    "In ihrem Fall seh ich da mal drüber hinweg, da mir klar ist, was Sie sagen wollen." Grosszügig, nicht?

    muss ich Hernn S. recht geben: Ein großer Teil des Volkes verdummt...

    • Jenss
    • 02. September 2010 13:58 Uhr

    Der genetische Code von zweieiigen Kindern ist nicht identisch, wieso ist das dümmlich?

    Zu dem Zitat in der FAZ. Was Frau Stern dort sagt ist korrekt. Es gibt eine gewisse Korrelation mit der Vererbung aber eben nur sehr schwach, deshalb dauert es auch mehrere Generationen. Das ist aber nicht rassistisch sondern bezieht sich auf den Teil der Bevölkerung der unterdurchschnittlich intelligent ist, da sind Menschen aller Abstammung mit gemeint, Deutsche, Türken etc.

    Außerdem will sie zum Ausdruck bringen, dass die suboptimale Förderung von eigentlich intelligenten Kindern in der Schule, die in Ihrem Elternhaus nicht entsprechend gefördert werden, deutlich schneller zu einer allgemeinen Absenkung des messbaren IQs führt als durch Vererbung.

    Seit Jahren wird Deutschland in internationalen Studien bescheinigt, dass die Bildung seiner Kinder extrem stark mit der Bildung der Eltern korreliert. Zumindest wenn man den erreichten Schulabschluss als Maßstab nimmt.

    Dies bedeutet im Umkehrschluss, seit Jahren vergeudet Deutschland seine wichtigste Ressource, die Bildung seiner Bürger. Letztlich basiert darauf unsere Exportstärke und unsere hohen Löhne. Den wenn man teurer ist als Andere muss man es intelligenter anstellen.

    • nouraa
    • 02. September 2010 13:39 Uhr

    "Zu ihrer tollen Behauptung, dass der genetische Code von zweieiigen Zwillingen nicht identisch sei ("Ihr genetischer Code ist nicht identisch"), ist natürlich dümmerlichster Unsinn. "

    Bevor man das biologische Wissen angreift, sollte man selbst einmal nachschlagen...
    Der genetische Code von zweieiigen Zwillingen ist NICHT identisch. Denn wie der Name sagt, handelt es sich dabei und zwei VERSCHIEDENE befruchtete Eier. Eineiige Zwillinge teilen sich den selben genetischen Code, da sie NACH der befruchtung EINES Eies durch einen "Unfall" bei der Zellteilung zu zwei Menschen heranwachsen.
    Ich habe mich mit dem Thema schon eingehend befasst - ich bin eineiiger Zwilling!

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    • aehrenr
    • 02. September 2010 14:58 Uhr

    Der genetische Code ist (mit unbedeutenden Ausnahmen) allen Lebewesen gemeinsam. Gemeint ist, welches Nuktleotid Triplett in welche Aminosäure übersetzt wird. Ein ATG bedeutet bei Ihnen, ihren Geschwistern, ihrem Hund und den Bakterien immer die Aminosäure Methionin. Man sagt auch, "der genetische Code ist universell".

    Was in dieser Diskussion gemeint ist, ist dass die genetische Information bei eineiigen Zwillingen fast identisch ist. dh. sie besitzen die gleichen Varianten ihrer Gene. (der Bergriff Code ist hier der Fehler) dagegen besitzen zweieiige Zwillinge und Geschwister (der gleichen Eltern) nur etwas weniger als 50% identische Varianten ihrer Gene

    ist universell! Der genetische Code bezieht sich auf die Triplets, eine Abfolge von 3 Nukleotide, die eine Aminosäure codieren. Nur ganz wenige Lebewesen sind bekannt, die kleine Abweichungen haben.

    Zweieiige Zwillinge sind genetisch nicht identisch, sie haben aber natürlich den gleichen genetischen Code.

    • Jenss
    • 02. September 2010 13:39 Uhr

    Das war ein sehr erhellender Artikel. Ich befürchte leider, dass er keinen großen Einfluss auf die Debatte nehmen wird. Dies liegt daran, dass es einfach einen zu gro0ßen Anteil in der Bevölkerung gibt, die schon mit dem Dreisatz Probleme haben, bei der Menge an Statistik in Ihrem Artikel...

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    Wer an Sarrazin glaubt (ich verwende dieses Wort mit voller Absicht), wird sich von allen Tatsachen nicht abschrecken lassen, das beweisen all die Jünger seit Tagen. Wenn selbst die Quellen von Sarrazin sagen, dass er das "Wasser", welches er aus ihnen schöpfte, "verschmutzt" hat, sind daran eben die Quellen schuld, niemals er.

    Dass es einige gibt, die Sarrazin zustimmen, weil diesen Rassenhass gelegen kommt, war zu erwarten. Dass es so viele sind, ist erschreckend. Und dabei sind es ja nicht einmal nur seine Meinungen gegen Ausländer, sondern auch gegen viele Deutsche, so gut wie jeden, der nicht seiner Meinung ist und nicht (siehe die Beleidigung Friedmans - auch wenn ich ihn selbst nicht sonderlich mag, aber der Mann ist mit Sicherheit weit intelligenter als Sarrazin) seiner Kaste angehört.

    Eugenik verwirft doch gerade all die realen Fehlentscheidungen und setzt an ihre Stelle biologische Vorhersehung. Einfach kann man es sich persönlich nicht machen, Herr Sarrazin, denn damit begründet man dann auch gleichzeitig jede Unmenschlichkeit, zu der Sie ja schon in ihrer Zeit als Finanzsenator neigten. Haushalt sanieren - indem man die Armen und - wie sie jetzt zugaben - ihrere Meinung nach Dummen noch mehr belastet.

    Ein alter Mann, der im Geiste sogar (im negativen Sinn) noch älter ist.

    • Chali
    • 02. September 2010 13:43 Uhr

    ... dass Sie an Herrn Schnuffi geraten sind, gell Frau Dr.

    "In ihrem Fall seh ich da mal drüber hinweg, da mir klar ist, was Sie sagen wollen." Grosszügig, nicht?

    Antwort auf "Oh mein gott!"
  3. für den Artikel! Allerdings fürchte ich, dass ihn die Sarazinbefürworter gar nicht zur Kenntnis nehmen wollen, da die Meinung der Meisten zu diesem Thema ohnehin schon fest steht. Abseits des Ganzen Gen-Unsinns handelt es sich bei der Integrationsfrage vornehmlich um ein soziokulturelles Problem, was zwar auch gewisse (immer - von mehreren Seiten aus - konstruierte) nationale und ethnische Bezugsrahmen mit einschließt, aber eben bei weitem nicht nur. Nicht zuletzt hat die BRD eine Verantwortung gegenüber den ehemaligen Gastarbeiter-Familien, die in den 60ern und 70ern dringend benötigt wurden, genauso wie gegenüber anderen sozial Exkludierten.

    • Crest
    • 02. September 2010 13:51 Uhr

    dass sie die Bedeutung der oft in den Raum gestellten numerischen Werte "zu x% genetisch bedingt" präzisiert.

    Das geschieht nicht zum erstenmal. Schon 1975 in 3-471-66579-X wird dieses Problem adressiert und darauf hingewiesen, dass die Varianz des IQ im damaligen Umfeld zu 80% auf genetischen und zu 20% auf "Umwelt"einflüssen beruht. Ohne etwas an den Genen zu ändern hieße das aber auch: bei identischen "Umwelt"-einflüssen wären 100% der Varianz auf Gene und 0% auf die Umwelt zurückzuführen. (Über die "Größe" der Varianz ist damit nebenbei gesagt, noch nichts festgestellt.)

    Die Zahl "80% genetisch" bedingt ist ziemlich unreflektiert in der damaligen Diskussion benutzt werden.

    Das geschieht auch heute. (Und es wird weiter geschehen, da man es auch damals nicht richtig verstanden hat.)

    Nun wurde aber in o.g. Referenz das Faktum einer erblichen Komponente nicht in Abrede gestellt. Das von Sarrazin adressierte Risiko bestünde demnach in der Tat - zumindest theoretisch.

    Die Frage die man eigentlich stellen müsste, lautete: Ist das Risiko numerisch so hoch, wie Sarrazin es ansetzt? (Oder entspräche es mehr einem Restrisiko etwa wie bei der Endlagerung ;-))

    Herzlichst Crest

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