AntisemitismusHass Hass Hass

Hartwig von Hundt-Radowsky war 1819 der erste Deutsche, der die Vernichtung der Juden forderte. Sein Leben und Werk hat jetzt der Historiker Peter Fasel erforscht. von 

Juden Holocaust Denkmal

Ein Mann steht vor einem Denkmal und liest die Namen der Deportierten  |  © Fred Dufour/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Die Juden, so schreibt Hartwig von Hundt-Radowsky 1819, bekommen zu viele Kinder, sind arbeitsscheu und lassen sich nicht in die christlich-deutsche Gesellschaft integrieren. Erinnert Sie das nicht an die Thesen eines bekannten Bundesbankers über die muslimischen Einwanderer heute?

Peter Fasel: Flüchtig betrachtet vielleicht. Aber Sarrazin will ja, so nehme ich doch sehr an, die muslimischen Deutschen in der Gesellschaft integriert sehen. Die Antisemiten damals hingegen waren strikt gegen jede Integration. Den integrierten Juden hielten sie sogar für den allergefährlichsten. Sie sprachen den Juden jede Möglichkeit ab, Bürger eines nichtjüdischen Staates zu sein. Selbst wenn ein Jude konvertierte, selbst wenn er sich in seinen Sitten und Gebräuchen anpasste, blieb er für sie »der Jude«, und das hieß für sie: dem christlich-deutschen Volk fremd und feind.

Anzeige

ZEIT: Woher kommt Hundts Hass?

Fasel: Zunächst aus einem antijüdisch eingestellten Elternhaus. Seine Eltern, von bürgerlichem Stand, hatten sich in Mecklenburg ein Rittergut gekauft. Dort wird er 1780 auch geboren. Im Laufe der napoleonischen Kriegswirren kann die Familie den Besitz nicht mehr halten. Zeitlebens kämpft Hundt, der sich selbst nobilitiert hat, als freier Schriftsteller gegen den sozialen Abstieg. Sein Leben ist auch eine Verlierergeschichte, bis zuletzt, bis zu seinem Tod 1835 im Schweizer Exil. Zur Erklärung seines Fanatismus allein reicht das allerdings kaum. Im Übrigen ist es keine zufällige, individuelle Marotte. Hundt steht ja mit seinem Hass nicht allein.

ZEIT: Judenhass hat es in allen christlichen Gesellschaften, in allen Teilen Europas gegeben. Was ist das Neue an diesem Antisemitismus des deutschen Biedermeier?

Fasel: Dieser moderne Antisemitismus beginnt schon etwas früher, paradoxerweise als Unterströmung innerhalb der Aufklärung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts radikalisiert er sich. Es ist die Zeit der bürgerlichen Revolution und der beginnenden Industrialisierung. An die Spannungen und Ängste jener Jahre knüpft Hundt an. Sein Hass speist sich zwar zum großen Teil noch aus dem alten christlichen Antijudaismus, trägt aber deutlich rassistische, fast schon biologistische Züge, und das lange vor allen modernen Rassenlehren. Anders als die Kirchen in alter Zeit will er die Juden eben nicht zur Konversion bringen, zur Konversion zwingen, sondern er will sie vertreiben, vernichten.

ZEIT: Wie nah kommt er den Vorstellungen der Nazis?

Fasel: 1819, im Judenspiegel, entwirft Hundt schon den ganzen Ablauf des Holocaust: Stigmatisierung und Ghettoisierung, Ausraubung und Versklavung, Deportation, am Ende Vernichtung. Und zwar, wie die Nazis es dann tatsächlich gemacht haben, möglichst außerhalb der deutschen Grenzen und unter Beteiligung anderer Nationen. Hundt stellt diese ganzen Ungeheuerlichkeiten allerdings nicht bürokratisch nüchtern vor, sondern unterbreitet sie seinen Lesern in einem zynisch-polemischen Ton. Aber es ist schon alles formuliert.

ZEIT: In Ihrem Buch schreiben Sie auch ausführlich über seinen Hass auf die sogenannten weißen Juden. Ist das eine Erfindung von ihm?

Fasel: Ja. Die weißen Juden erfindet Hundt 1822 in seiner zweiten großen antisemitischen Schrift, der Judenschule. Weiße Juden sind Nichtjuden, die sich vermeintlich wie Juden verhalten. Sie erklärt Hundt nicht etwa nur zu »Gesinnungsjuden«, er definiert sie tatsächlich als »Rassejuden«. Mit der Idee von den weißen Juden, die buchstäblich überall lauern, hat Hundt sein Wahnsystem vollendet. Jeder, der den Nationalrevolutionären negativ auffällt, zum Beispiel als Kosmopolit, kann so ganz einfach als Jude entlarvt und liquidiert werden.

ZEIT: Wie geht Hundt mit den jüdischen Wurzeln des Christentums um?

Fasel: An sich ist er glühender Lutheraner. Er propagiert dann immer stärker ein ausgedünntes, »häretisches« Christentum. Das wahre Christentum könne erst dann erblühen, wenn die Gläubigen sich von »dem faulichten Urstamm«, den jüdischen Wurzeln ihrer Religion gelöst hätten. Auch diese Idee Hundts ist, denken wir an die protestantischen Deutschen Christen im Nazireich, durchaus avantgardistisch.

ZEIT: Wer las Hundts Bücher?

Fasel: Grundsätzlich alle. Die Auflage ging ziemlich hoch. Der Judenspiegel erschien innerhalb von drei Wochen in zwei Auflagen von je 5000 Exemplaren. Das war für die damalige Zeit enorm. Er wurde auch raubgedruckt, in wohl noch deutlich höherer Stückzahl. Eine von Hundts Flugschriften kam gleich in 10000 Exemplaren heraus. Entsprechend breit gestreut war sein Publikum. Bisweilen scheint man seine Bücher in höchsten Kreisen gelesen zu haben. So besaß die Fürstliche Bibliothek zu Donaueschingen ein Exemplar des Judenspiegel.

ZEIT: Einige seiner Schriften werden verboten, weil sie den Religionsfrieden stören. Hundt sieht sich als verfolgten Patrioten und flüchtet in die Schweiz. Inwieweit ist sein Antisemitismus typisch für die frühe deutsche Nationalbewegung?

Fasel: Der frühe Nationalismus ist in vielem besonders autoritär, aggressiv und ausgrenzend. Das »deutsche Wesen« wird durch die Abweisung und Abwertung alles Fremden definiert: »Deutschland, Deutschland über alles!« Selbst als Hundt sich für die Polen engagiert – er hat seinem Namen selbst diesen polnischen Adelszusatz »von Radowsky« gegeben –, ist das nicht Ausdruck des Kosmopolitismus oder eines gemeinsamen Kampfes um Freiheit, wie er 1832 auf dem Hambacher Fest beschworen wird. Am Aufstand der Polen gegen das Zarenreich gefällt ihm allein das ethnische Element, der nationale Kampf bis zur Selbstzerstörung. So etwas wünscht er sich für Deutschland. Einen rebellisch-autoritären Charakter wie ihn zieht vor allem diese aggressiv ethnozentrische Seite der Nationalbewegung an. Hier geht auch sein Judenhass auf.

ZEIT: Es gibt in jener Zeit ähnlich radikale Antisemiten, wie zum Beispiel Jakob Friedrich Fries, Ernst Moritz Arndt oder Heinrich Eugen Marcard – im Gegensatz zum Herumtreiber Hundt allesamt würdige Repräsentanten des protestantisch-deutschen Bürgertums. Wie spezifisch protestantisch ist dieser Antisemitismus?

Fasel: Der Protestantismus ist von Anbeginn an eine politisierte Religion. Auch die Nationalbewegung wird zunächst ganz überwiegend von Lutheranern getragen. Bei ihnen gibt es eine trübe antijüdische Tradition, die auf Luther selbst zurückgeht. Da kommt jetzt, nach 1800, wieder einiges hoch, wird gleichsam reaktiviert. Bezeichnenderweise gibt es in Berlin noch heute eine Kirche, die seit der Nazizeit nach Ernst Moritz Arndt benannt ist. Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass der Faschismus zunächst in einem katholischen Land wie Italien blühte, dass es in Hitlers Österreich während des 19. Jahrhunderts einen brachialen katholischen Antisemitismus gab, man denke an Sebastian Brunner . Der Judenhass ist leider ökumenisch.

ZEIT: Warum bauten die Nazis Hundt keine Denkmäler? Warum haben sie nicht seine Werke neu herausgegeben und seinem Andenken Straßen und Schulen gewidmet, wie sie es mit Arndt getan haben?

Fasel: Die Nazis haben nur wenige Ideologen als geistige Vorläufer akzeptiert. Ein NS-Autor meinte, Hundt habe durch seinen Zynismus der antisemitischen Bewegung mehr geschadet als genutzt. Er war wohl selbst für die Nazis in seinem Hass etwas zu manisch, zu offen auch in seinen Vernichtungsplänen.

ZEIT: Wie haben Sie es eigentlich durchgehalten, jahrelang all dieses unsägliche Zeug von Hundt, Arndt und Co. zu lesen?

Fasel: Man muss sich ablenken können. Patricia Highsmith und Eric Ambler sind ungleich bessere Autoren als Hundt. Außerdem hatte ich für das Buch auch anderes, angenehmeres Material auszuwerten, sodass immer wieder Abwechslung in die Arbeit kam. Die Ergebnisse haben mich für so manche quälende Lektüre entschädigt.

Die Fragen stellte Benedikt Erenz

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ... die sich nicht schämt, den Namen Ernst Moritz Arndt zu tragen. Aber vielleicht ist das auch ganz passend in einer Region, die zu den Hochburgen der NPD in Deutschland gehört.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Uni hat zu Ihrer Information demokratisch entschieden, zudem ist es wirklich töricht Greifswald als NPD Hochburg zu sehen. Wer die Uni und Stadt kennt, der weiß das dies nicht zutrifft, im Gegensatz, und das meinten Sie sicher, zu den Kreisen NVP und OVP...

    Die Debatte, von der ZEIT lange begleitet und in Greifswald auch von den Initiatoren meiner Ansicht nach viel zu einseitig geführt (von den selbstgefälligen Akteuren selbst mag man gar nicht reden...), ist vorbei, schämen müssen wir uns nicht, denn der Bogen Judenvernichtung zur Uni Greifswald ist so nicht statthaft..

    Werter Herr Erenz,

    war dieser Beitrag unabhängig von der Sarrazin-Debatte geplant?

    Ja!
    Dann finde ich es für einen Journalisten der ZEIT nicht angemessen, die Sarrazin-Debatte in das Licht der Fragen von Antisemitismus zu stellen. Ihr Eingangssatz ist völlig deplatziert. Hier geht es um ernste Fragen zum Völkermord und nicht um eine Debatte der Integration von Einwanderern der Gegenwart. Eine Verknüpfung ist, leider so zu benennen, "billig" und führt zu keinem Diskurs.
    Auch die Tatsache, dass sie, anscheinend gewitzt, den Namen Sarrazin nicht nennen, lässt auf Ihre Haltung schließen und vielleicht auf einen Mangel an Objektivität?

    Nein!
    Dann wäre dies ein weiterer Tiefpunkt der ZEIT-Online...

  2. Das fällt mir auch häufig bei solchen Formulierungen wie der des Herrn Fasel (Was hat sich denn der Weltgeist dabei gedacht?) "trübe ... Tradition" auf. Was soll denn das sein? Reine Gutmenschen-Poetik, wenn Sie mich fragen. Kommt auch immer wieder in der Phrase "dumpfe ... Gesinnung" einher und ist genauso sinnvol wie etwa "klingende Farbe" oder "wohlschmeckende Dunkelheit".

    Im Übrigen fand ich die Eingangsfrage der ZEIT sehr grenzwertig. Eine solche Bedeutung, wie sie die Frage unterstellt, hat das Buch des Herrn Sarrazin nicht und will es auch nicht haben.

    • DerOley
    • 06. September 2010 12:43 Uhr

    Bis heute können die Christen Christus nicht verzeihen, dass er Jude war. Und in erster Linie der Messias der Juden, für die Juden.

    [...]
    Bitte bemühen Sie sich um sachliche und konstruktive Kommentare. Danke. Die Redaktion/km

    • mcfly71
    • 06. September 2010 13:10 Uhr

    Nun offensichtlich haben die Juden Christus nicht als ihren Messias akzeptiert, insgleichen ihre Schriftgelehrten der Hauptgrund waren, dass Christus den Häschern überantwortet wurde. Das hat aber durchaus seine Gründe, denn einen so "schwachen" Messias hatten die Juden nicht erwartet, zudem einer, der von Feindesliebe sprach und ständig daran ermahnte, dass das Reich Gottes nicht von dieser Welt sei.
    Tatsächlich sind hier Unterschiede festzustellen, die sich bis heute kategorisch vom jüdischen Glauben scheiden. Christus unter der Rubrik des Sohn Gottes geführt ist dem Juden eine Blasphemie. Deshalb ist Christus zurecht der Gründer einer neuen Religion, die sich gewiss aus dem Judentum speiste, aber dann einen ganz anderen Weg einnahm.

    Im übrigen ist es immer amüsant zu verfolgen, wie die vielen Protestantenkinder gleich rote Flecken im Gesicht bekommen, wenn es um die Verstrickung von Antisemitismus und Protestantismus geht. Vielleicht wäre hier Thomas Manns Dr. Faustus sehr hilfreich. Denn dass Luther ständig mit dem Teufel zu schaffen hatte, könnte vielleicht daran liegen, dass er nicht zu einem geringen Teil mit ihm im Bunde war.

  3. "Erinnert Sie das nicht an die Thesen eines bekannten Bundesbankers über die muslimischen Einwanderer heute?"

  4. Die Uni hat zu Ihrer Information demokratisch entschieden, zudem ist es wirklich töricht Greifswald als NPD Hochburg zu sehen. Wer die Uni und Stadt kennt, der weiß das dies nicht zutrifft, im Gegensatz, und das meinten Sie sicher, zu den Kreisen NVP und OVP...

    Die Debatte, von der ZEIT lange begleitet und in Greifswald auch von den Initiatoren meiner Ansicht nach viel zu einseitig geführt (von den selbstgefälligen Akteuren selbst mag man gar nicht reden...), ist vorbei, schämen müssen wir uns nicht, denn der Bogen Judenvernichtung zur Uni Greifswald ist so nicht statthaft..

  5. Werter Herr Erenz,

    war dieser Beitrag unabhängig von der Sarrazin-Debatte geplant?

    Ja!
    Dann finde ich es für einen Journalisten der ZEIT nicht angemessen, die Sarrazin-Debatte in das Licht der Fragen von Antisemitismus zu stellen. Ihr Eingangssatz ist völlig deplatziert. Hier geht es um ernste Fragen zum Völkermord und nicht um eine Debatte der Integration von Einwanderern der Gegenwart. Eine Verknüpfung ist, leider so zu benennen, "billig" und führt zu keinem Diskurs.
    Auch die Tatsache, dass sie, anscheinend gewitzt, den Namen Sarrazin nicht nennen, lässt auf Ihre Haltung schließen und vielleicht auf einen Mangel an Objektivität?

    Nein!
    Dann wäre dies ein weiterer Tiefpunkt der ZEIT-Online...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... stehen wie man will, aber wie hier auf Zeit online versucht wird dem Mann jedes Wort im Mund umzudrehen und ihn nach rechts (dr)außen zu drängen finde ich ziemlich erschreckend und polemisch. Das hätte ich - in umgekehrter Richtung - höchstens der Bild zugetraut.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service