ZEIT: Wer las Hundts Bücher?

Fasel: Grundsätzlich alle. Die Auflage ging ziemlich hoch. Der Judenspiegel erschien innerhalb von drei Wochen in zwei Auflagen von je 5000 Exemplaren. Das war für die damalige Zeit enorm. Er wurde auch raubgedruckt, in wohl noch deutlich höherer Stückzahl. Eine von Hundts Flugschriften kam gleich in 10000 Exemplaren heraus. Entsprechend breit gestreut war sein Publikum. Bisweilen scheint man seine Bücher in höchsten Kreisen gelesen zu haben. So besaß die Fürstliche Bibliothek zu Donaueschingen ein Exemplar des Judenspiegel.

ZEIT: Einige seiner Schriften werden verboten, weil sie den Religionsfrieden stören. Hundt sieht sich als verfolgten Patrioten und flüchtet in die Schweiz. Inwieweit ist sein Antisemitismus typisch für die frühe deutsche Nationalbewegung?

Fasel: Der frühe Nationalismus ist in vielem besonders autoritär, aggressiv und ausgrenzend. Das »deutsche Wesen« wird durch die Abweisung und Abwertung alles Fremden definiert: »Deutschland, Deutschland über alles!« Selbst als Hundt sich für die Polen engagiert – er hat seinem Namen selbst diesen polnischen Adelszusatz »von Radowsky« gegeben –, ist das nicht Ausdruck des Kosmopolitismus oder eines gemeinsamen Kampfes um Freiheit, wie er 1832 auf dem Hambacher Fest beschworen wird. Am Aufstand der Polen gegen das Zarenreich gefällt ihm allein das ethnische Element, der nationale Kampf bis zur Selbstzerstörung. So etwas wünscht er sich für Deutschland. Einen rebellisch-autoritären Charakter wie ihn zieht vor allem diese aggressiv ethnozentrische Seite der Nationalbewegung an. Hier geht auch sein Judenhass auf.

ZEIT: Es gibt in jener Zeit ähnlich radikale Antisemiten, wie zum Beispiel Jakob Friedrich Fries, Ernst Moritz Arndt oder Heinrich Eugen Marcard – im Gegensatz zum Herumtreiber Hundt allesamt würdige Repräsentanten des protestantisch-deutschen Bürgertums. Wie spezifisch protestantisch ist dieser Antisemitismus?

Fasel: Der Protestantismus ist von Anbeginn an eine politisierte Religion. Auch die Nationalbewegung wird zunächst ganz überwiegend von Lutheranern getragen. Bei ihnen gibt es eine trübe antijüdische Tradition, die auf Luther selbst zurückgeht. Da kommt jetzt, nach 1800, wieder einiges hoch, wird gleichsam reaktiviert. Bezeichnenderweise gibt es in Berlin noch heute eine Kirche, die seit der Nazizeit nach Ernst Moritz Arndt benannt ist. Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass der Faschismus zunächst in einem katholischen Land wie Italien blühte, dass es in Hitlers Österreich während des 19. Jahrhunderts einen brachialen katholischen Antisemitismus gab, man denke an Sebastian Brunner . Der Judenhass ist leider ökumenisch.

ZEIT: Warum bauten die Nazis Hundt keine Denkmäler? Warum haben sie nicht seine Werke neu herausgegeben und seinem Andenken Straßen und Schulen gewidmet, wie sie es mit Arndt getan haben?

Fasel: Die Nazis haben nur wenige Ideologen als geistige Vorläufer akzeptiert. Ein NS-Autor meinte, Hundt habe durch seinen Zynismus der antisemitischen Bewegung mehr geschadet als genutzt. Er war wohl selbst für die Nazis in seinem Hass etwas zu manisch, zu offen auch in seinen Vernichtungsplänen.

ZEIT: Wie haben Sie es eigentlich durchgehalten, jahrelang all dieses unsägliche Zeug von Hundt, Arndt und Co. zu lesen?

Fasel: Man muss sich ablenken können. Patricia Highsmith und Eric Ambler sind ungleich bessere Autoren als Hundt. Außerdem hatte ich für das Buch auch anderes, angenehmeres Material auszuwerten, sodass immer wieder Abwechslung in die Arbeit kam. Die Ergebnisse haben mich für so manche quälende Lektüre entschädigt.

Die Fragen stellte Benedikt Erenz