Nahost-Friedensverhandlungen Das abgeschottete Land

Zum ersten Mal seit Jahren verhandeln Israelis und Palästinenser wieder über Frieden. Doch wo hört Israel auf, wo beginnt Palästina? Eine Reise an Mauern, Zäune und Ufer.

Als er die Landkarte Israels ausgebreitet vor sich sieht, wird Meron Benvenisti wütend. Seine Augenbrauen heben sich, er fuchtelt mit den faltigen Händen. Die Stimme dröhnt durch seine Wohnung in Jerusalem. »Was soll das sein? Können Sie mir das erklären?«

Er kennt Karten, er kennt Grenzen in allen ihren Formen, die durchlässigen wie die unüberwindbaren. Er kennt den Verlauf der Pläne für dieses Land, Benvenisti war einmal stellvertretender Bürgermeister Jerusalems gewesen, damals, in der Amtszeit von Teddy Kollek in den siebziger Jahren, den man einen »Brückenbauer« zwischen Juden und Arabern nannte.

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Benvenisti ist inzwischen ein radikaler Kritiker der israelischen Palästina-Politik, der nicht etwa an eine Zweistaatenlösung glaubt, an der 1947 bereits die UN scheiterten. Die Resolution 181 teilte das Land in einen jüdischen und einen arabischen Staat, doch die arabischen Staaten lehnten den Plan ab und erklärten Israel den Krieg. Benvenisti fordert heute einen binationalen Staat für Juden und Araber mit gleichen Rechten. Eine Grenze für alle. Mit solchen Positionen ist man im Israel dieser Tage ziemlich einsam.

Benvenisti weiß, wie man Karten zeichnet, er war selbst Kartograf, er hat sein Israel vermessen und das Westjordanland der Palästinenser, hat Studien geschrieben über das Leben dort drüben, im Westjordanland, um das Israel eine Mauer gezogen hat.

Es ist eine ordentliche, handwerklich einwandfreie Karte, die vor ihm liegt. Sein Finger fährt den grünen Streifen entlang, jene Linie, die Israels Grenzen markieren soll. »Diese Grüne Linie gibt es nicht«, schnaubt er. »Sie ist nur da, um die Europäer zu beruhigen!«

Die Karte mit der Grünen Linie besagt, dass der Staat Israel von der Grenze zu Ägypten im Süden 470 Kilometer bis zur Grenze mit dem Libanon im Norden reicht. Seine breiteste Stelle zwischen Mittelmeer und Jordanien ist kürzer als die Strecke von Hamburg nach Hannover, die schmalste würde gerade für einen kleinen Dauerlauf reichen: elf Kilometer. Dazwischen sind zwei grün umrundete Flecken eingezeichnet: Gaza und das Westjordanland, der künftige Staat der Palästinenser, diese scheinbar ewige Illusion.

Die Karte zeigt Israel in den Grenzen vor dem Sechstagekrieg von 1967. Aber seitdem gab es etliche Kriege mit großen wie kleinen Verschiebungen. Nur eines gab es nicht: fest definierte, von allen Seiten akzeptierte Grenzen.

Weder Israel noch seine Nachbarn Syrien und Libanon haben die Grüne Linie als Grenze anerkannt. Israel nicht, weil es auf viel Land verzichten müsste, Syrien und Libanon nicht, weil sie andernfalls die Existenz des jüdischen Staates akzeptieren müssten.

Diese Woche sollen Palästinenser und Israelis in den USA wieder verhandeln – und letztlich geht es immer um die eine Frage: Wo hört Israel auf, wo fangen Palästina und die Nachbarstaaten an?

Benvenistis Wohnung ist ein guter Ausgangspunkt für eine Reise entlang Israels Rändern. Einmal rundherum gegen den Uhrzeigersinn. Von Gaza Richtung Süden nach Eilat, dann entlang des Westjordanlandes nach Norden, weiter östlich entlang der Golanhöhen zur Grenze zum Libanon, wo dieser Tage das Fällen eines Baumes einen tödlichen Grenzkonflikt provozieren kann. Wie weit kann man tatsächlich mit dem Auto das tun, was mit dem Finger auf der Landkarte so einfach scheint – die Grüne Linie entlangfahren?

Von Benvenistis Utopie der Einstaatenlösung bis nach Gaza dauert es keine zwei Stunden. Gaza – ein schmaler Streifen, so dicht bevölkert wie kein anderer Flecken der Erde. Glaubt man der Grünen Linie, gehört Gaza den Palästinensern, und tatsächlich: Im Sommer 2005 zogen die Israelis aus Gaza ab. Am Grenzübergang Erez, einem gigantischen Checkpoint, bestimmen jedoch immer noch israelische Soldaten, was und wer nach Gaza hineindarf.

In einem Kibbuz, der im Norden an Gaza angrenzt, steht ein israelischer Soldat mit auf einem Wachturm. Durch sein Fernglas sieht er auf die Mauer um Gaza, die sich 300 Meter vor ihm durch die Landschaft frisst. Dahinter liegen die Häuser der Palästinenser. Im Rücken des Soldaten liegt noch eine Mauer: Auch sie ist aus Zement, etwa gleich hoch, aber bemalt. Gelb, blau, weiß.

Warum haben Sie zwei Mauern hier? Der Soldat überlegt. »Die dort«, sagt er und zeigt in Richtung Gaza, »ist gegen die Terroristen.« Und die andere, die bunte? Er dreht sich um, sein Blick streift die israelischen Kibbuze. »Die ist für die Bewohner.«

Wenn die Israelis von weiter weg auf das Ungetüm aus Zement schauen, dann verschwimmen seine Farben zu einem idyllischen Horizont. Gaza wird unsichtbar. Aber ab und zu fliegt eine Qassam-Rakete herüber, von der Hamas abgefeuert, und schlägt jenseits der Mauer ein. Es war einer der Gründe, die zu dem Krieg zwischen Israel und Hamas führten.

Ganz im Süden berührt Gaza Ägypten. Eine kleine, löchrige Straße führt entlang der Grenze durch die Wüste Negev. Niemand tut sich diese Fahrt freiwillig an außer israelische Siedler, Soldaten und eben wir, die Fotografin Hagit Yaron und die Reporterin. Wer ans Rote Meer will, in die Urlaubsstadt Eilat, der nimmt die Schnellstraße durch das Landesinnere.

Das Licht ist gleißend, links von der Straße tauchen alle ein, zwei Kilometer wie aus dem Nichts Stützpunkte des israelischen Militärs im Sand auf. Rechts von der Straße steht ein Zaun, der Israel von Ägypten trennt. 250 Kilometer lang.

Nato-Draht windet sich durch die Wüste, an seinen messerscharfen Zacken hängen Hosen, T-Shirts und Jacken, Gürtel, Schuhe. Zeugnisse eines Überlebenskampfes, der zunächst nichts mit Juden und Arabern zu tun hat. Flüchtlinge aus Afrika verfangen sich in diesem Zaun, lassen ihre Kleidung zurück, kriechen halb nackt über die Grenze ins Gelobte Land. Nicht alle überleben diesen Weg. Die Ägypter, so erzählen es die Flüchtlinge, schießen nachts auf alles, was sich bewegt. Human Rights Watch listet für das Jahr 2010 bislang zwölf erschossene Afrikaner auf.

Und Israel? Das Land braucht die billige Arbeitskraft der Flüchtlinge, seit deutlich weniger Palästinenser in Israel arbeiten dürfen. Aber der Staat verliert die Kontrolle: Abertausende kommen in ein Land, das nur Juden unter ihnen ein automatisches Anrecht auf die Staatsbürgerschaft garantiert.

Ein Staat für die Überlebenden der Schoah, eine Heimat für das jüdische Volk – das lag der Ausrufung des Staates Israel zugrunde. Über 60 Jahre später stellt Israel dies vor ein immer größeres Dilemma: Israel, das von Migration lebt, muss sich vor Migration schützen, will es seine jüdische Identität erhalten.

Im Januar kündigte Premierminister Benjamin Netanjahu an, die durchlässige Grenze dicht zu machen mit Bewegungsmeldern, Sicherheitszäunen, Mauern für über 200 Millionen Euro. Das, sagte Netanjahu, sei eine strategische Entscheidung, um den jüdischen und demokratischen Charakter des Staates zu bewahren. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Von den neuen Grenzbefestigungen ist nichts zu sehen. Nur der Nato-Draht frisst sich weiterhin durch die Wüste.

Es ist mitten am Tag, als wir in der Hitze die Silhouette eines ägyptischen Grenzers erkennen. Er hält eine Maschinenpistole, geht auf und ab, sieht schließlich uns, wie wir die Kleiderfetzen im Stacheldraht anstarren. Er hebt seine Waffe und feuert in unsere Richtung. »Diese Ägypter sind dumm und gewalttätig«, ruft ein israelischer Soldat, dem wir davon erzählen. Er ist Anfang 20 und an einem der vielen Forts entlang der Grenze stationiert. Wenn er und seine Kameraden nachts Schüsse auf ägyptischer Seite hören, wissen sie, dass wieder Flüchtlinge unterwegs sind.

Wir fahren weiter Richtung Süden, vorbei an einem trostlosen, verstaubten Gefängnis, vorbei an einem verschlafenen Kibbuz. Dann geht es plötzlich nicht mehr weiter. Ein halbes Dutzend Soldaten hat sich vor einer Straßensperre aufgebaut. »Fahren Sie durch’s Landesinnere nach Eilat, dann kommen Sie viel schneller an. Hier jedenfalls geht’s nicht weiter.«

Warum nicht? »Keine Ahnung.«

Wir müssen abweichen von der Grünen Linie, fahren hinein in die Wüste, weit ins Landesinnere, durch steinige gelbe und braune Mondlandschaften, die eine unendliche Weite suggerieren.

Als es dunkel wird, flimmern schließlich die Lichter von Eilat am Horizont.

Es sind Feiertage, die Hotels sind ausgebucht, auf der Promenade leuchtet der Spielbudenzauber, Verkäufer bieten Spielzeug und Süßes. Viele Russen kommen her, viele Franzosen, sie sitzen in den Lobbys des Hilton Hotel, im Maritim oder Le Meridien, 950 Schekel für ein einfaches Zimmer. Die Frauen stöckeln auf glänzendem Parkettboden, leise Klaviermusik läuft, man schaut beim Drink auf das Rote Meer. Unten in der Küche spülen Afrikaner das Geschirr und schrubben die Böden. Sieben Prozent der Einwohner von Eilat stammen aus Afrika. Wer von ihnen keinen Job im Hotel hat, wartet an Straßenkreuzungen darauf, dass ein Autofahrer anhält und sagt: Drei Stunden Arbeit, schweres Schleppen, 150 Schekel, los, steig ein.

Israelis, Palästinenser und der Kampf um Heimat

Eilat liegt gute dreihundert Kilometer zurück, als die Probleme anfangen. Wo soll es weitergehen, auf dem Weg vom Süden in den Norden? Dort, wo die palästinensischen Gebiete enden, fängt Israel nicht an. Es hat sich längst tief ins Westjordanland hineingegraben, mit Siedlungen und mehr als 600 Kontrollpunkten des israelischen Militärs. Und mit der hohen grauen Mauer, von der die meisten Israelis sagen, sie sei ein Schutz gegen den Terror.

Die Grüne Linie bedeutet hier nichts, nur manchmal, wenn ein Gericht entscheidet und die Mauer verschiebt. Also los, durch die Westbank.

Trockener Wind weht, Mohammed Ethman steht auf einem Hügel seiner Heimat, eine Schneise aus Erde zieht sich durch das Gras. Hier im Dorf Jayyus stand einmal die Mauer, nun ist sie weg. Die Bauern des Dorfes haben dagegen geklagt, die Mauer trennte sie von ihren Feldern, mit denen sie ihre Familien ernähren. Am Ende entschied das Oberste Gericht in Jerusalem, die Mauer musste weg, die meisten der Bauern bekamen ihr Land zurück, das sie für ihre Familien bestellten. Jetzt steht sie wenige hundert Meter weiter weg von Mohammeds Dorf. Immerhin.

Mohammed ist 29 Jahre alt, klein, sein Körper ist ans Rennen und Klettern gewöhnt. Durch seine Locken zieht sich das erste Grau, sein Gesicht ist das eines Mannes Ende dreißig. Vielleicht war es die Sonne, vielleicht das Leben. In einer palästinensischen NGO kämpft er seit über zehn Jahren gegen die Mauer. Auf Facebook verkündet er alle Demonstrationen, die Woche für Woche in palästinensischen Dörfern entlang der Mauer stattfinden. Wenn Mohammed über Palästina und Israel spricht, tut er es im Duktus eines Aktivisten, der gut geschult wurde.

Es war im September vergangenen Jahres, als Mohammed an einem Checkpoint von israelischen Soldaten herangewinkt wurde. Er fuhr mit Freunden in einem kleinen Wagen, sie wurden durchsucht, die Freunde durften weiterfahren, nur er blieb zurück. Sie verhafteten ihn.

Ohne Grund? »Ohne Grund.«

Sie hielten ihn in Haft, sagt Mohammed, ohne Anklage, in Isolation. Morgens holten sie ihn raus und verhörten ihn stundenlang. Sie schauten den Anhänger um seinen Hals an, ein schmaler Verlobungsring seiner Mutter. Mohammed stockte das Blut, als sie sagten: Hübscher Ring, den deine Mutter dir da geschenkt hat.

Woher nur wussten die das?

Dann fragten sie: Welche deiner Schwestern sollen wir zuerst vergewaltigen? Die jüngste oder die älteste? So erzählt es Mohammed, man muss ihm nicht glauben. Israel ist in den Dörfern entlang der Mauer so zweifellos der Feind, dass selbst Kinder solche Geschichten erzählen können. Aber als Mohammed in Haft saß, haben internationale Organisationen Druck ausgeübt, es gab Proteste, Petitionen, und als das Oberste Gericht in Jerusalem die Haft für rechtswidrig erklärte, ließ der israelische Staat Mohammed aus Jayyus schließlich gehen, nach 105 Tagen ohne Anklage.

Mohammed kennt jede Stelle, jede Veränderung der Mauer, die er bekämpft. Palästina sei seine Heimat, und dafür müsse er kämpfen, deshalb hat nicht viel anderes Platz in seinem Leben. Einmal, als Mohammed wieder zu Besuch bei den Eltern war, fragte ihn sein Vater: Für das Dorf, für alle setzt du dich ein. Aber sag mir, mein Sohn, was hast du in all den Jahren für deinen alten Vater getan?

In der Nähe der Stadt Nazlat Issa spielen acht palästinensische Kinder an der Mauer, die hier acht Meter hoch ist. Sie kreischen fröhlich, es ist selten, dass Besucher hierherkommen. Die Mauer bildet die Außenwand einiger Häuser, andere wurden abgerissen. Palästinensische Familien haben Blumenbeete angelegt, leuchtende Kapuzinerkresse verdeckt ein Stück des Zements. Ein Mädchen mit zwei gezwirbelten Zöpfen zeigt auf ein Stück Holzlatte, das zwischen zwei gewaltigen Mauerplatten feststeckt. Sie kämpft mit dem Bedürfnis, das Stück Holz zu entfernen. Dort gehört es nicht hin.

Warum ziehst du es nicht heraus? Sie blickt mich und die palästinensische Übersetzerin mit großen Augen an. Sie senkt den Kopf.

»Ich trau mich nicht.« Warum nicht?

»Weil die israelischen Soldaten es da reingesteckt haben.« Na und? »Dann darf man das nicht.«

Sie schaut zu, wie wir das Stück Holz herausziehen. Als nichts passiert, blickt sie ungläubig.

Die Golanhöhen oder vom Leben ohne Verrat

Auf dem Weg aus dem Westjordanland in den Norden ist der Tod ein Begleiter. Gräber und Erinnerungstafeln säumen die Strecke: 53.Brigade, in Erinnerung an die gefallenen Soldaten, 80 Namen für 80 Tote. Verrostete Panzergerippe, Stacheldraht, Minenwarnschilder. Im Ausland hergestellte Landkarten zeigen eine grüne gestrichelte Linie um die Golanhöhen. Israel hat sie seit fast 30 Jahren annektiert, ihr Status ist bis heute nicht geklärt. Auf israelischen Landkarten fehlt diese Linie. Sie weisen den Landstrich als israelisches Territorium aus.

Das Dorf Majdal Shams liegt 1300 Meter über dem Meeresspiegel. Niemand, der am Herzen leide, könne hier leben, sagen die Drusen, die hier wohnen. Es schmerze zu sehr.

Kriege zwischen Israel und Syrien haben das Dorf geteilt. Heute befindet sich ein Teil auf der israelischen Seite, der andere auf der syrischen. Die Drusen pflegen eine sehr eigene Interpretation des Koran und glauben fest an die Reinkarnation. Für eine Religionsgemeinschaft, die mitten im Nahostkonflikt gelandet ist, mag das etwas Tröstliches haben.

Die Drusen fühlen sich eher der Erde unter ihren Füßen als dem gerade zuständigen Staat verbunden. Als die muslimischen Araber nach dem Krieg von 1967 flohen, blieben sie. Nur die Hälfte der Bewohner im Dorf spricht Hebräisch, keiner hier besitzt einen israelischen Pass.

Würden sie zu israelischen Staatsbürgern und ginge ihr Land dann zurück an Syrien, wären sie als Verräter gebrandmarkt.

Also warten die Drusen auf der israelischen Seite von Majdal Shams seit über vierzig Jahren, dass auch ihre Dorfhälfte wieder syrisch wird. Bloß läuft ihnen nun die Zeit davon. Denn die Zahl der Bewohner von Majdal Shams wächst und wächst, inzwischen sind es drei Mal so viele wie vor 30 Jahren. Aber das Dorf hat keinen Platz für all die Menschen. Mitten hindurch verläuft die Grenze, und der Rest ist von Minenfeldern umzingelt.

»Wir hatten Glück, dass im Winter endlich ein jüdischer Junge auf eine Mine getreten ist«, sagt Salman Fakhir Been, der selbst Druse ist. Als er in unsere entsetzten Gesichter blickt, fügt er hinzu: »Dann erst kamen die Medien und berichteten in den Nachrichten davon.« Über die anderen hundert Opfer hätte niemand ein Wort verloren, sagt Salman. Jetzt wisse man in Israel wenigstens, dass Majdal Shams ein Minenproblem habe.

Salman ist Mitte 50, kräftig gebaut, was seine laute Stimme unterstreicht. An seinem Revers steckt ein Button, der Solidarität mit Palästina bekundet. Er arbeitet für eine arabische Organisation, die sich für die Wiedergabe der Golanhöhen an Syrien einsetzt. Salman liebt Schlafen (»zehn Stunden mindestens«), Lesen (mehrere Bücher auf einmal), Trinken (an diesem Tag Wodka). Seinen Hedonismus behindert allein die Politik. »Immer sagen die Israelis: Es geht um Sicherheit, es ist ihre heilige Kuh. Nun, ich glaube, dass es um Menschenleben geht.«

Wir fahren mit ihm zu den Eukalyptusbäumen und Obstplantagen. An den Bäumen sieht man, ob sie Drusen oder Israelis gehören: Die Bäume der Araber sind kümmerlicher. Niedrige Mauern ziehen vorbei, gebaut aus den Resten syrischer Dörfer, die es bis vor 40 Jahren hier einmal gab. Dann hält Salman und zeigt auf die verlassenen militärischen Stellungen.

Israel bereitet etwas vor, sagt er.

Was?

»Ich weiß es nicht. Etwas ist in der Luft.« Er zeigt auf die Erde an den Panzerstellungen. Sie ist frisch aufgeschüttet, der Stacheldraht ist erneuert. »Da ist etwas in der Luft. Ein kleiner Krieg«, behauptet Salman. Schon länger. In Israel fürchte man, dass die jüngere Generation in Europa antiisraelisch werde. Also müsse Israel Fakten schaffen, bis die westliche Solidarität endgültig abebbe. »Die Israelis fühlen sich bedroht, sie haben Angst um ihre Existenz. Wo könnten sie auch hingehen? Alles, was sie können, ist Krieg«, sagt Salman.

Aber können seine Nachbarn anderes?

Der Libanon und nachbarschaftlicher Terror

Eine Fahrstunde von Majdal Shams und den konspirativen Zukunftsdeutungen von Salman Fakhir Been entfernt, lebt Ora Armoni. Morgens, bevor die Sonne zu brennen beginnt, geht sie aus ihrem Haus und spaziert langsam den Grenzzaun entlang, der ihren Kibbuz Malkyia umgibt. Sie liebt die Gegend mit ihren Obstplantagen, den Hügeln und den Vögeln. Sie hasst den Zaun, der zum festen Bestandteil ihres Lebens geworden ist und sie vom Libanon trennt. Ihr Kibbuz ist vollständig eingegrenzt, und wohin ihr Blick wandert: Überall sind Zäune.

Ora Armoni ist Schriftstellerin. Ihre Gedichte handeln von Grenzen und Zäunen, von Hunden, die sich darum nicht scheren und an jeder Absperrung ihr Bein heben, von Menschen, die sich eingrenzen lassen müssen. In einem Gedicht zählt sie all die Variationen auf, die sich im Hebräischen für »Grenze« finden: So wie Beduinen unzählige Bezeichnungen für Sand haben, die Inuits einen Namen für jede Art von Schnee, hat Oras Sprache über ein Dutzend Worte für Grenzen und Zäune.

Es war ein eisiger Winter, als sie, Tochter einer Lettin, mit anderen Holocaust-Überlebenden vor 53 Jahren kam und sich direkt an der Grenze zum Libanon niederließ. Nichts gab es damals hier, wo heute 400 Menschen leben, 130 davon Mitglieder des Kibbuz. »Keine Bäume, keine Vögel. Hören Sie jetzt ihr Gezwitscher? So viele Vögel, es ist ein Wunder.«

Die Grenze war damals ruhig. Bis 1980 glaubte Ora Armoni, sich an der ersten friedlichen Grenze Israels niedergelassen zu haben. Sie irrte. Heute beobachten israelische Soldaten von Stützpunkten nahe Malkyia die Bauern auf der anderen Seite, von denen es heißt, sie könnten Hisbollah-Kämpfer sein, und die weißen UN-Fahrzeuge, die wiederum die Bauern beobachten. Ora quält es, dass sie hier um den Preis der Leben anderer lebt. »Unserer Soldaten, unserer Söhne!«, sagt sie, die drei Kinder großgezogen hat, entsetzt.

Unweit von Malkyia hat vor vier Jahren der Krieg gegen den Libanon begonnen. Er nahm seinen Anfang, weil die Grenzen durchdrungen wurden: Israel war in den Libanon einmarschiert, nachdem zwei seiner Soldaten von der Hisbollah entführt worden waren und diese täglich Raketen auf israelisches Territorium abfeuerte. Damals verließen die Frauen und Kinder Malkiya. Ora Armoni blieb.

Sie hat schon vorher Krieg hier erlebt, aber mit einem Erlebnis wurde Ora schlagartig klar, wie verletzlich ihr Kibbuz ist. Sie zeigt mit der Hand auf einen hohen grünen Berg hinter der libanesischen Grenze, viel höher als der Hügel, auf dem Malkyia liegt. Anfang der neunziger Jahre, als Israel den Süden Libanons noch besetzt hielt, nahmen die Soldaten die Bewohner von Malkyia mit auf diesen Berg. Ora war erschüttert. »Sie können von dort drüben aus alles sehen, was hier passiert«, sagt Ora. »Jeden Menschen, jede Ameise können sie sehen!« Nie wieder sei sie ähnlich von dem Gefühl überwältigt gewesen, wie verwundbar Israel sei. Als der Krieg vorbei war, kamen die Frauen mit ihren Kindern nach Malkiya zurück. Aber seitdem schrumpft der Kibbuz; zwei von Armonis Kindern leben im Ausland.

Sie ist jetzt 71 Jahre alt. »Wir müssen hier leben«, sagt sie.

Warum?

»Wer, wenn nicht wir? Wir sind die Grenze, deshalb stehen die Kibbuze hier.

Wenn wir nicht hier wären, wäre jemand anders hier. Es ist unsere Aufgabe.«

Sie opfern sich?

»Nein, ich gebe mein Leben nicht auf«, sagt sie. »Ich lebe mein Leben.«

Die Küste oder: Wann ist Heimat?

Endlich am Meer. Das Wasser, die Wellen, Haifa, Tel Aviv. Das Meer ist die einzige Grenze Israels, die unverrückbar ist. Sein Anblick müsste einen leicht werden lassen, endlich keine Mauern mehr, kein Stacheldraht, keine Straßensperren. Aber dann kommt einem der Beginn der Reise wieder in Erinnerung, Jerusalem, ein Treffen mit dem Schriftsteller David Grossman in einem Restaurant nahe der Altstadt. Vor vier Jahren starb Grossmans jüngster Sohn Uri in den letzten Stunden des Libanonkrieges. Sein Panzer wurde von einer libanesischen Panzerabwehrrakete getroffen. Für ihn hatte Grossman einen Roman geschrieben, für den er nun den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten wird. Darin flieht eine Mutter, die ihren Sohn gerade erst zur Sammelstelle des Militärs gefahren hat, vor einer möglichen Nachricht seines Todes.

Als er 13 war, erzählt Grossman an diesem Abend in Jerusalem, hörte er im arabischen Propagandasender zum ersten Mal diesen Satz: »Wir werden euch alle ins Meer werfen.« Ein arabischer Regierungschef hatte ihn gegenüber dem jüdischen Volk ausgesprochen. Nie habe er diese Worte wieder vergessen können, sagt Grossman.

Nichts von dieser Drohung scheint nachzuklingen an den Stränden von Tel Aviv, man riecht das Salz in der Luft, hört Musik aus den Bars. Im feinen Sand tummeln sich Liebende, Betrunkene und Suchende, den Blick immer weit hinaus auf das Wasser gerichtet, den Rücken Jerusalem zugedreht, den Palästinensern, den Siedlern, den Flüchtlingen, aus welchem Land auch immer.

»Es ist eine Tragödie«, hatte Grossmann in Jerusalem gesagt. Man habe eine Heimat und Schutz schaffen wollen, und keines von beidem sei gelungen. »Israel ist das auf ewig gelobte Land. Nichts hat sich erfüllt«, sagte Grossman. »Du kommst nie dort an.«

 
Leser-Kommentare
  1. in der Regierungserklärung der Hamas, die dort für ein judenfreies Palästina eintritt.

    Ebenso in der Forderung, das Westjordanland sei judenfrei zu übergeben. Und das obwohl bis auf den Zeitraum 1948 - 1967 im WJL seit 3000 Jahren Juden leben.

    Im multikulturellen Israel hingegen leben jede Menge Nichtjuden arabischer Abstammung mit Bürgerrechten, von denen sie in den entsprechenden arabischen Ländern oft nur träumen können.

  2. Etwa 20 % der Bürger des Staates Israel sind Araber. Diese haben alle Rechte in Israel und leben dort sehr gut. Demgegenüber haben die arabischen Staaten ihre jeweiligen jüdischen Gemeinden fast vollständig vertrieben. Weitere Details hier:
    http://www.zeit.de/politi...
    ("Anmerkung 1 bis 4").
    Vor diesem Hintergrund gehen Ihre Ausführungen zu Israel an der Sache vorbei.

  3. Ach, lieber Friedensfreund. Repetitio mater est studiorum. Und da Sie ja leider nicht einsehen können, wie seltsam das Argument mit der angeblichen Diskriminierung ist, müssen wir es wohl noch einmal wiederholen :-))

    Also:
    1. Gibt es Diskriminierungen in Israel? Ja - die gibt es wohl schon, wobei man sicher über Ausmaß und Rahmen streiten wird können.
    2. Ich aber antwortete auf ein Posting in dem es heisst: "ist es Rassissmus, wenn eine volksgruppe fremde ethnien um jeden preis von seinem gebiet fernhalten will? israel sollte sich endlich vom zionismus verabschieden, der nur eine rigide form des ueberkommenen nationalismus ist, und ein zusammenleben mit anderen voelkern wagen. die israelis wuerden dabei sicherlich vieles teilen muessen und auf die meisten ihrer wirtschaftlichen privilegien verzichten muessten. aber ein multikulturelles israel haette ein unglaubliches potenzial. "
    Und, sehen Sie, das ist nun einfach echter Unsinn:
    in Israel leben, wie Sie gut wissen, viele Ethnien zusammen und im Großen und Ganzen geht das sehr gut. Vor Allem aber geht es unnennbar besser als in den arabischen Staaten, die es für richtig befunden haben, sich ihrer jüdischen Gemeinden zu entledigen. Arabische Israelis haben alle Chancen in der israelischen Gesellschaft. Wie viele arabische Israelis würden wohl morgen in einen palästinensischen Staat umziehen wollen?
    3. Nun ist mir natürlich klar, dass es für Leute wie Sie ein bisschen peinlich ist, wie die Menschenrechtssituation in den (...)

    Antwort auf "Das "reale Israel""
  4. ... arabischen Staaten (oder sonst islamisch geprägten) ist, insbesondere, was das Leben von Minderheiten angeht. Deshalb versuchen Sie ja auch, die Frage der Diskriminierungen in de n arabischen Staaten als "ohne Relevanz" darzustellen. Aber, sehen Sie, es ist eben doch relevant:
    - Es geht um die Frage, welche der beiden Seiten mit dem Gedanken umgehen kann, mit der jeweils anderen sich den NO zu teilen. Was meinen Sie: sind es a) die Israelis, die jeden Tag mit arabischen Bürgern ihres eigenen Landes zusammen leben, die Schulbank drücken, wo es arabische Richter, Beamte, Offiziere, Botschafter, Unternehmer gibt oder b) die Araber, die - bis auf ganz wenige Ausnahmen - alle Juden aus ihren Ländern vertrieben haben, die Synagogen zerstört haben? Sagen Sie mal, würde mich wirklich interessieren...
    - Zudem: wenn es ok ist, dass es arabische Bürger Israels gibt, warum ist es nicht ok, wenn es jüdische Bürger in einem palästinensischen Staat gibt? Ich wiederhole meine Frage an Sie: glauben Sie, dass in einem zukünftigen palästinensischen Staat Juden werden leben können? (Ich glaube Ihnen gerne, dass Sie sich das wünschen; aber was wird Ihrer Meinung nach wirklich geschehen?
    Sehen Sie: was Sie hier schreiben ist völlig einseitig. Sie weisen mit einem anklagenden Finger auf die Israelis, die angeblich ganz schlimm diskriminieren und sind einfach blind für die traurige Tatsache, dass die arabischen Staaten hier einen völlig abwegigen Record haben...
    Ach ja, wundert mich das???

    Antwort auf "Das "reale Israel""
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    erinnert sehr stark an genau die wechselseitigen beschuldigungen, die einen friedenschluss seit jahrzehnten verhindern. der generellen frage, ob eine ethnische ausgrenzung rassismus ist, mit altbekannter leier zu entgegnen, dass es die araber ja noch viel schlimmer handhaben, ist nicht wirklich eine loesungsorientierte antwort. eine ethnische ungleichbehandlung ist wohl UEBERALL rassismus. in arabien, frankreich, suedafrika und eben auch in israel. dass die araber in israel paradiesisch oder gleichberechtigt leben, glaubt wirklich nur, wer seine reiseerfahrungen aus jules verne buechern hat.

    Wie viele arabische Israelis würden wohl morgen in einen palästinensischen Staat umziehen wollen?

    Dies ist die entscheidende Frage, die sich unsere Friedensfreunde stellen sollten. Niemand muß in Israel leben, jeder kann gehen, aber niemand tut es.

    Und daß unsere Friedensfreunde die Hamas-Charta noch die im WJL geltende Scharia kennen, sagt einiges über deren Quellenauswahl aus.

    Die Umsetzung der Scharia in den Palästinensergebieten, die hier wie im 3.Reich Menschen 2.Klasse definiert, führte dazu, daß diese Gebiete seit 2008 unter den Top 50 des Weltverfolgungsindex von Open Doors zu finden sind.

    Womit auch klar ist, wo im Nahen Osten Diskriminierung stattfindet.

    erinnert sehr stark an genau die wechselseitigen beschuldigungen, die einen friedenschluss seit jahrzehnten verhindern. der generellen frage, ob eine ethnische ausgrenzung rassismus ist, mit altbekannter leier zu entgegnen, dass es die araber ja noch viel schlimmer handhaben, ist nicht wirklich eine loesungsorientierte antwort. eine ethnische ungleichbehandlung ist wohl UEBERALL rassismus. in arabien, frankreich, suedafrika und eben auch in israel. dass die araber in israel paradiesisch oder gleichberechtigt leben, glaubt wirklich nur, wer seine reiseerfahrungen aus jules verne buechern hat.

    Wie viele arabische Israelis würden wohl morgen in einen palästinensischen Staat umziehen wollen?

    Dies ist die entscheidende Frage, die sich unsere Friedensfreunde stellen sollten. Niemand muß in Israel leben, jeder kann gehen, aber niemand tut es.

    Und daß unsere Friedensfreunde die Hamas-Charta noch die im WJL geltende Scharia kennen, sagt einiges über deren Quellenauswahl aus.

    Die Umsetzung der Scharia in den Palästinensergebieten, die hier wie im 3.Reich Menschen 2.Klasse definiert, führte dazu, daß diese Gebiete seit 2008 unter den Top 50 des Weltverfolgungsindex von Open Doors zu finden sind.

    Womit auch klar ist, wo im Nahen Osten Diskriminierung stattfindet.

  5. Die Versuchung ist dermaßen verlockend,
    ihn eigennützlich gewähren zu lassen,
    sich in fremden Häusern auszutoben, zu hocken.

    Dieser implantierte Frankenstein,
    wird er auf seine Schöpfer zurückfallen?
    Und sie lassen ihn dann abrupt fallen,
    wie eine heiße Kartoffel?

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    Ich finde Ihr Posting ziemlich unmöglich:
    1. Zunächst einmal ist "Frankenstein" nicht das Monster, sondern der Arzt, der das Monster zusammenbastelt.
    2. Zudem finde ich die hier offen vorgetragenen Phantasien über den Untergang des Staates Israel etwas unappetitlich. Und - nein, ich habe Ihr Posting nicht ganz falsch verstanden.

    Ich finde Ihr Posting ziemlich unmöglich:
    1. Zunächst einmal ist "Frankenstein" nicht das Monster, sondern der Arzt, der das Monster zusammenbastelt.
    2. Zudem finde ich die hier offen vorgetragenen Phantasien über den Untergang des Staates Israel etwas unappetitlich. Und - nein, ich habe Ihr Posting nicht ganz falsch verstanden.

  6. erinnert sehr stark an genau die wechselseitigen beschuldigungen, die einen friedenschluss seit jahrzehnten verhindern. der generellen frage, ob eine ethnische ausgrenzung rassismus ist, mit altbekannter leier zu entgegnen, dass es die araber ja noch viel schlimmer handhaben, ist nicht wirklich eine loesungsorientierte antwort. eine ethnische ungleichbehandlung ist wohl UEBERALL rassismus. in arabien, frankreich, suedafrika und eben auch in israel. dass die araber in israel paradiesisch oder gleichberechtigt leben, glaubt wirklich nur, wer seine reiseerfahrungen aus jules verne buechern hat.

    Antwort auf "Anmerkung 2"

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