Man wird einfach erwischt von dieser Szene und ihrer nostalgischen Kraft: der Schweizer Regisseur Daniel Schmid und sein deutscher Kollege Rainer Werner Fassbinder, die im Duett voller Inbrunst Davon geht die Welt nicht unter singen. Zwei Freunde, zwei Weggenossen, zwei Tote, deren Filmwelten nicht unterschiedlicher sein könnten und die doch an einem Strang zogen. Der Dokumentarfilm Le chat qui pense von Pascal Hofman und Benny Jaberg ist ein Porträt des vor vier Jahren verstorbenen Schweizer Regisseurs Daniel Schmid. Und noch viel mehr. Aus Interviews, Drehberichten, Filmausschnitten und privaten Fotos entsteht ein Lebensgefühl, die Vision einer Clique von Filmschaffenden, deren Wege sich in den sechziger Jahren in Berlin und später in München kreuzten. Auf einer Matratze in seinem Berliner WG-Zimmer sinniert Schmid, dandyhaft rauchend, über die Möglichkeit der gesellschaftlichen Einflussnahme des Künstlers. Aber es ist nicht der übliche Politdiskurs jener Jahre, sondern ein gelebter Gegenentwurf. Hier geht es um die schöne Idee, der Wirklichkeit mit Inszenierung und Überhöhung, auch der eigenen Existenz, zu begegnen.

Wenn Schmid und Fassbinder Zarah Leanders Durchhaltelied anstimmen, besingen sie natürlich auch die Welt ihrer Figuren. Fassbinders Liebende, die immer wieder zu Boden gehen und aufstehen. Schmids männliche und weibliche Diven, deren Sehnsuchtsraum stets vom Untergang bedroht ist. So wie in dem Altersheim, das in seinem Dokumentarfilm Der Kuss der Tosca (1984) zum letzten Rückzugsort pensionierter Opernsängerinnen und -sänger wird. An Krücken, aber mit Lippenstift, zelebriert man hier immer noch die Affekte der Verdischen Musikdramen. Ein trostloser Flur wird zur Bühne, wenn Daniel Schmid zwei Greise noch einmal das hochdramatische Duett von Scarpia und Tosca singen lässt. Schon seit seiner frühesten Kindheit hat sich der Schweizer Hotelierssohn seine Bühnen in der Wirklichkeit gesucht. Schmid, geboren 1941, wuchs in dem wunderschönen Belle-Époque-Hotel Schweizerhof in Flims, Graubünden, auf. Dessen elegantes Foyer mit Vorhängen und Samtsesseln wurde sein Theater, hier erlebte er die Auftritte der Gäste: Großbürgerinnen aus ganz Europa, selbst ernannte Diven und jüdische Emigranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sommerfrische nach Graubünden kamen und vom wilden Berlin der zwanziger Jahre erzählten. Mit seinem Film Zwischensaison (1992) schuf Schmid für die untergegangene Welt seiner Kindheit eine wehmütige Hommage.

Auch Ingrid Caven und Werner Schroeter gehörten zu dieser Clique der Pathosfreunde und Gefühlstäter. Schroeter als Weggenosse, mit dem Daniel Schmid seine Liebe zur Oper teilte. Ingrid Caven als Darstellerin seiner Filme, in deren Gesicht und Gesten die schöne Künstlichkeit aufs Natürlichste Gestalt annahm. All dies wird uns in Le chat qui pense vor Augen geführt und noch einmal gefeiert.

Daniel Schmid, so erzählen Werner Schroeter und die französische Schauspielerin Bulle Ogier, sei dennoch immer der Bergjunge geblieben. Aus den Erzählungen, Filmszenen und biografischen Fragmenten entsteht ein schlagendes Bild für die Suche dieses Künstlers nach der Überhöhung: das Bild eines Gipfelstürmers, der auf der letzten Spitze des höchsten Berges am liebsten noch einen Hochsitz für den Sonnenuntergang errichten möchte.