Um zu sehen, was die neuen Leitlinien der katholischen Kirche gegen sexuellen Missbrauch taugen, wendet man sie am besten auf den heikelsten derartigen Fall an: In die Causa Peter H. aus Essen war einst der spätere Papst Benedikt XVI. persönlich verwickelt. Hätten die überarbeiteten Richtlinien schon am 1. Februar 1980 gegolten, dann hätte sich Joseph Ratzinger in seiner Eigenschaft als Erzbischof von München und Freising der Vertuschung eines Falls von sexuellem Missbrauch schuldig gemacht. In der Verantwortung des späteren Papstes wurde damals der sexuell gewalttätig gewordene Priester Peter H., der zu Therapiezwecken nach München geschickt worden war, wieder als Seelsorger eingesetzt – obwohl ihm der Kontakt mit Kindern eigentlich untersagt worden war. Kurz darauf missbrauchte er erneut einen Jungen.

Für diese Fälle ungenügender Aufsicht über Missbrauchs-Priester schreiben die neuen Richtlinien unter Punkt 45 künftig die persönliche Verantwortung des Bischofs fest: "Es obliegt dem Diözesanbischof, dafür Sorge zu tragen, dass die von ihm verfügten Beschränkungen oder Auflagen eingehalten werden." In der Theorie ist also klar: Ratzinger war verantwortlich, gleich ob er die fatale Versetzung veranlasste oder nur geschehen ließ.

Doch sind die neuen Leitlinien auch in der Praxis die "Verschärfung", als die sie der zuständige junge Bischof Stephan Ackermann preist? Was würde in einem vergleichbaren Fall heute passieren? Als die Causa Peter H. dieses Jahr bekannt wurde, übernahm der seinerzeitige Generalvikar die Schuld für den Fehler bei der Aufsicht über den Mann. Joseph Ratzinger sollte dadurch entlastet werden. Versperrt Punkt 45 der Richtlinien inzwischen diese Ausrede? Oder käme auch ein heutiger Bischof damit durch, seine Verantwortung auf einen nachgeordneten Mitarbeiter abzuwälzen? Die Antwort hängt davon ab, wie die Kirche selbst ihre neuen Richtlinien auslegt. Damit aber offenbart die unscheinbare Ziffer 45 in dem Dokument das Kernproblem der Kirche, Lehren aus dem Missbrauchsskandal der vergangenen Monate zu ziehen: Das neue Regelwerk ist nur so gut, wie die Bereitschaft echt ist, Opferschutz vor Täterschutz zu stellen. Wenn Bischöfe und Klerus nicht entschlossen sind, mit Verdachtsfällen auf Missbrauch künftig anders umzugehen als in der Vergangenheit, dann nützen auch die schönsten Richtlinien nichts.

Exemplarisch zeigt sich das am umstrittensten Punkt der Richtlinien: Soll die Kirche, wenn sich Opfer bei ihr offenbaren, die Täter zwingend bei der Polizei anzeigen? Nicht alle Opfer wollten eine solche Anzeigepflicht, erklärt die Kirche, daher könne auf ausdrücklichen Wunsch des Opfers darauf verzichtet werden. So nachvollziehbar die Regelung klingt, so leicht kann sie auch gegen die Opfer gewendet werden: Im Interesse der Kirche und des eigenen Rufes, so können Kleriker dem Opfer nahe legen, möge es doch auf eine Anzeige lieber verzichten. Ein irreales Szenario? Belgische Zeitungen berichten diese Woche von einem entsprechenden "Überzeugungsversuch" gegenüber einem Opfer, den der frühere Vorsitzende der dortigen Bischofskonferenz, Kardinal Danneels, unternommen haben soll, obwohl der hochrangige Täter, selbst Bischof, den Missbrauch bereits eingestanden hatte.

Für die Kirche mögen die Leitlinien entscheidend sein, für die Opfer ist die Praxis ausschlaggebend. Ein Maßstab für die Ernsthaftigkeit im Sinneswandel der Kirche ist darum die Bereitschaft, Opfern nicht nur mit Worten, sondern auch mit Schmerzensgeld Genugtuung widerfahren zu lassen. Hier hat hinter den Kulissen offenbar ein erstes Nachdenken eingesetzt. Aber von einer großzügigen Entschädigung sind die 27 deutschen Bischöfe noch weit entfernt.