Roman von Steven Uhly Es ist nicht so, wie du denkst

Ein fulminantes Debüt: Steven Uhlys gepfefferte Barockliteratur aus der deutschen Gegenwart.

Der 46-jährige Steven Uhly

Der 46-jährige Steven Uhly

»Meine Oma«, so heißt der erste Satz des Debütromans von Steven Uhly, »hat nie ein Hehl aus ihren Gefühlen gemacht.« Doch dann, 260 unglaubliche und irrwitzige Seiten später, kurz bevor sich der Vorhang senkt, schreibt der Icherzähler Steven Uhly in seine schwarze Kladde die ersten beiden Sätze seiner Lebensbeichte und hebt an: »Meine Oma hat stets ein Hehl aus ihren Gefühlen gemacht. Zumindest vor mir.« Und in diesem Moment verliert der Leser, der gerade einige Stunden lang durch ein waghalsiges Spiel aus Wahrheiten und Täuschungen balanciert war, dann vollends den Boden unter den Füßen. Selten in den letzten Jahren machte es in der deutschen Gegenwartsliteratur einen solchen Heidenspaß, auf einen Autor hereinzufallen.

Das liegt vor allem daran, mit welcher Zurückhaltung der Autor das ganze Buch über seine literarischen Waffen vorzeigt: Steven Uhly hat es nicht nötig, sich mit den postmodernen Erzähltheorien aufzuhalten, er lässt den Überbau sehr lässig nur an zwei, drei Stellen am Schluss aufblitzen, die einen dann aber in einem Höllentempo auf Metaebenen hochjagen, dass einem schwindlig wird, um einen dann ein paar Sekunden später wieder auf dem Boden, dem Rummelplatz des Lebens, auszuspucken. Und die Familiengeschichte rund um besagte Oma, die Steven Uhly ausbreitet, hat in der Tat die Grellheit und Drastik einer Jahrmarktattraktion. Wer je wissen wollte, was die Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt, vorher gemacht hat, der könnte hier ein paar Hinweise bekommen.

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Am Anfang von Steven Uhlys Mein Leben in Aspik erzählt sie ihrem Enkel ein paar seltsame Gutenachtgeschichten. Am Ende bekommt sie ein Kind von ihm. Was aber insofern nichts Besonderes ist, als sie zuvor schon von dem Vater des Enkels eine Tochter bekommen hat. Welche wiederum etwa zur Mitte des Buches ein Kind von dem Halbbruder bekommt. Dessen Vater dann aber am Ende wohl doch eher diesmal der Vater ist. Was aber den Enkel letztlich nicht zu sehr erschüttert, da die indische Ehefrau seines Vaters gerade ein Kind von ihm bekommt. Was der chronisch gerontophile Vater wiederum zum Anlass nimmt, mit der Mutter seiner Ehefrau durchzubrennen. Ich hoffe, Sie konnten so weit folgen.

Uhly erzählt dies alles mit einer solchen Freude am Aberwitz, mit einem solchen Sinn für Dramaturgie, zerwühlte Betten und schnelle Dialoge, dass man als Leser mitgerissen wird und man sich in diesem Erzählstrudel schon bald an keinerlei Baumstämmen der Moral oder Logik mehr festhalten mag und verwirrt und begeistert durch die Fluten von Sodom und Gomorrha treibt. Denn wenn es so ist – so die indirekte Botschaft –, dass Familiengeschichten in Wahrheit nicht nur immer ganz anders sind, als man denkt, sondern auch viel schlimmer, dann kann man sich irgendwann doch dem Wesentlichen zuwenden. Doch ob das Wesentliche nun wirklich die große Liebe ist oder vielleicht doch der leichte Sex und die schnelle Zeugung, selbst da schwanken die Sympathien des Erzählers zwischen Romantik und Haptik hin und her.

Selbst noch im grandiosen Showdown des Buches, nachdem bekannt geworden ist, dass die halbe Familie bei Pornofilmproduktionen in den sechziger Jahren gezeugt worden ist, als die Oma mal wieder auf der Suche nach einer cleveren Geschäftsidee war, ist diese tiefere historische Wahrheitsschicht nicht mehr weiter relevant. Denn ganz am Schluss, als der Erzähler von seiner heiligen Oma Selbdritt (also Stiefmutter, Oma, Mutter seines Sohnes) erfährt, dass sein Großvater unter seiner jüdischen Identität die Mörderbiografie eines KZ-Aufsehers verbirgt, geht es nicht mehr um den Fluch, der auf der Familie liegt, nicht um die Gräuel im Zweiten Weltkrieg, nicht um die erschwindelte jüdische Existenz, nicht um die Pornos und nicht um die Lügen, sondern nur um eine einzige Frage: »Hast Du meine Oma geliebt?«

»Natürlich habe ich sie geliebt«, spricht da der greise alte Mann. Und da sieht der Erzähler, dass natürlich auch dies wieder gelogen war. Und er am Ende wieder am Anfang steht. Das ist der Moment, in dem er beschließt, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, und mit der Oma und ihren Gefühlen beginnt. Doch dann hadert er. Weil er nicht weiß, ob man die Wahrheit wirklich aufschreiben kann. Und: ob er sie kennt. Und wenn er sie kennen würde, ob das irgendjemandem helfen würde. Und dann endet dieses außerordentliche Buch. Man blättert noch einmal an den Anfang und liest, dankbar, die Gattungsbezeichnung: »Roman«. Und man weiß, dass dies die Gattungsbezeichnung ist, die der Autor für die Familientradition grundsätzlich für angemessen hält.

Zu seiner Biografie heißt es in dem Buch, Steven Uhly, »geboren 1964, ist deutsch-bengalischer Herkunft, dabei teilverwurzelt in der spanischen Kultur«. Und das soll man, nach alldem, nun glauben? Man merkt, dass man nach der Lektüre dieses Buches biografischen Bezeichnungen wie »teilverwurzelt« zumindest offener gegenübersteht. Die knappen Schilderungen aus dem Westberlin der achtziger Jahre und der Gegenwart und die drei, vier dichten Seiten über München aber zeugen von einer Feinsinnigkeit der Beobachtungsgabe, die tatsächlich nur dem Typus des Teilwurzlers eigen ist, in dem die bengalischen Feuer der Neugierde lodern.

Steven Uhlys Mein Leben in Aspik ist irrwitziger Barock-Poetry-Slam, der den Mut und die Entschlossenheit dokumentiert, mit dem der neue Secession Verlag in diesem Spätsommer die literarische Bühne betritt. Denn das erste Programm der beiden Secession-Verleger Christian Ruzicska, einst Mitgründer des Tropen-Verlages, und Susanne Schenzle, Vertriebsleiterin des Ammann-Verlages, umfasst neben Uhly mit Ausgrabungen und Neuübersetzungen von Hélène Bessette, Magda Szabo und Lewis Ludwig Lewisohn ein Programm von höchstem Anspruch und Internationalität.

Wie subtil auch Uhlys Leben in Aspik gebaut ist, das verrät jene Gefängnisszene, in der der Icherzähler Respekt vor einem Mitgefangenen hat, weil der zwar stark berlinert und Plaschke heißt, aber Habermas kennt. Angesichts seiner eigenen Familie, die die Male der Sünde, der Verirrung eintätowiert zu haben scheint, hält er Plaschke kurzfristig für eine ehrliche Haut. Und dann erlaubt sich der Autor den diebischen Spaß, ohne je davon zu sprechen, jenen Plaschke genau an den Grenzpfosten des »Wovon wir sagen dürfen, es sei wahr oder falsch« entlangrasen zu lassen, die Plaschkes Säulenheiliger Habermas in seiner Konsensustheorie der Wahrheit beschrieben hat.

Aber damit jetzt kein falscher Eindruck aufkommt: Unerhört ist dieses Debüt des 46-jährigen Steven Uhly nicht, weil er Habermas vorkommen lässt, postmoderne Erzählkonstruktionen ins Leere laufen lässt und seine Familiengeschichte auch bewusst als Kommentar versteht zu den gegenwärtigen deutschen psychologischen Aufarbeitungsversuchen der durch den Krieg sprachlos gewordenen Flakhelfergeneration. Unerhört ist dieses Buch, weil Uhly eine so schlichte wie gepfefferte Prosa schreibt und weil er eine solch absurde Inzestgeschichte aus dem dunklen Herzen der Bundesrepublik als Slapstick-Komödie zu erzählen vermag. Er hat große Lust, der nackten Wahrheit immer näherzukommen, indem er Hülle um Hülle abträgt, doch erzählerisch faszinierend und ungeheuer komisch ist dabei, wie er gleichzeitig an einer anderen Stelle wieder an deren Verhüllung arbeitet.

Je mehr man darüber erfährt, dass der Vater, Onkel et cetera des Erzählers in Berlin als Zuhälter arbeitet, umso tiefer verstrickt sich der Held selbst in die Welt der Bordelle, je klarer die Geschichte eines Vorfahren wird, desto unklarer wird die des Erzählers. Mit gewisser Beunruhigung sieht er, dass auch die vierte Generation dieser schrecklich netten Familie wieder miteinander ins Bett zu gehen droht. Und immer wenn er seine Halbschwester Natascha küsst, dann überkommen ihn historische Visionen, in denen er die Highlights der Familiengeschichte inklusive seiner eigenen Ermordung sieht, aber selbst die Visionen sind heute nicht mehr, was sie einmal waren: Auch sie stimmen nur teils, teils.

Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie, liebe Leser, etwas den Überblick über das Geschehen verloren haben. Das will der Autor so. Er will einen mitnehmen auf den Flügeln seiner Geschichte, die einen unterschwellig fragt, ob es Entscheidungsfreiheit gibt und Verantwortung und ob wir wirklich nur die Summe unserer Vorfahren sind, und die einen andererseits so verführt wie schon die Oma den Opa, den Vater, den Sohn. Machen Sie sich also auf etwas gefasst.

 
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