Roman von Steven Uhly Es ist nicht so, wie du denkstSeite 2/2

Zu seiner Biografie heißt es in dem Buch, Steven Uhly, »geboren 1964, ist deutsch-bengalischer Herkunft, dabei teilverwurzelt in der spanischen Kultur«. Und das soll man, nach alldem, nun glauben? Man merkt, dass man nach der Lektüre dieses Buches biografischen Bezeichnungen wie »teilverwurzelt« zumindest offener gegenübersteht. Die knappen Schilderungen aus dem Westberlin der achtziger Jahre und der Gegenwart und die drei, vier dichten Seiten über München aber zeugen von einer Feinsinnigkeit der Beobachtungsgabe, die tatsächlich nur dem Typus des Teilwurzlers eigen ist, in dem die bengalischen Feuer der Neugierde lodern.

Steven Uhlys Mein Leben in Aspik ist irrwitziger Barock-Poetry-Slam, der den Mut und die Entschlossenheit dokumentiert, mit dem der neue Secession Verlag in diesem Spätsommer die literarische Bühne betritt. Denn das erste Programm der beiden Secession-Verleger Christian Ruzicska, einst Mitgründer des Tropen-Verlages, und Susanne Schenzle, Vertriebsleiterin des Ammann-Verlages, umfasst neben Uhly mit Ausgrabungen und Neuübersetzungen von Hélène Bessette, Magda Szabo und Lewis Ludwig Lewisohn ein Programm von höchstem Anspruch und Internationalität.

Wie subtil auch Uhlys Leben in Aspik gebaut ist, das verrät jene Gefängnisszene, in der der Icherzähler Respekt vor einem Mitgefangenen hat, weil der zwar stark berlinert und Plaschke heißt, aber Habermas kennt. Angesichts seiner eigenen Familie, die die Male der Sünde, der Verirrung eintätowiert zu haben scheint, hält er Plaschke kurzfristig für eine ehrliche Haut. Und dann erlaubt sich der Autor den diebischen Spaß, ohne je davon zu sprechen, jenen Plaschke genau an den Grenzpfosten des »Wovon wir sagen dürfen, es sei wahr oder falsch« entlangrasen zu lassen, die Plaschkes Säulenheiliger Habermas in seiner Konsensustheorie der Wahrheit beschrieben hat.

Aber damit jetzt kein falscher Eindruck aufkommt: Unerhört ist dieses Debüt des 46-jährigen Steven Uhly nicht, weil er Habermas vorkommen lässt, postmoderne Erzählkonstruktionen ins Leere laufen lässt und seine Familiengeschichte auch bewusst als Kommentar versteht zu den gegenwärtigen deutschen psychologischen Aufarbeitungsversuchen der durch den Krieg sprachlos gewordenen Flakhelfergeneration. Unerhört ist dieses Buch, weil Uhly eine so schlichte wie gepfefferte Prosa schreibt und weil er eine solch absurde Inzestgeschichte aus dem dunklen Herzen der Bundesrepublik als Slapstick-Komödie zu erzählen vermag. Er hat große Lust, der nackten Wahrheit immer näherzukommen, indem er Hülle um Hülle abträgt, doch erzählerisch faszinierend und ungeheuer komisch ist dabei, wie er gleichzeitig an einer anderen Stelle wieder an deren Verhüllung arbeitet.

Je mehr man darüber erfährt, dass der Vater, Onkel et cetera des Erzählers in Berlin als Zuhälter arbeitet, umso tiefer verstrickt sich der Held selbst in die Welt der Bordelle, je klarer die Geschichte eines Vorfahren wird, desto unklarer wird die des Erzählers. Mit gewisser Beunruhigung sieht er, dass auch die vierte Generation dieser schrecklich netten Familie wieder miteinander ins Bett zu gehen droht. Und immer wenn er seine Halbschwester Natascha küsst, dann überkommen ihn historische Visionen, in denen er die Highlights der Familiengeschichte inklusive seiner eigenen Ermordung sieht, aber selbst die Visionen sind heute nicht mehr, was sie einmal waren: Auch sie stimmen nur teils, teils.

Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie, liebe Leser, etwas den Überblick über das Geschehen verloren haben. Das will der Autor so. Er will einen mitnehmen auf den Flügeln seiner Geschichte, die einen unterschwellig fragt, ob es Entscheidungsfreiheit gibt und Verantwortung und ob wir wirklich nur die Summe unserer Vorfahren sind, und die einen andererseits so verführt wie schon die Oma den Opa, den Vater, den Sohn. Machen Sie sich also auf etwas gefasst.

 
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