Martin Mosebach Nachtigall, Kakadu, TigerkatzeSeite 2/2
Der Erzählvorgang besteht darin, die Karten nach und nach aufzudecken. Vielfältige Schauplätze ergeben sich daraus, ein Landhaus in Österreich, ein heruntergekommenes Hotel in Kairo, eine Pizzabude in Frankfurt, ein Ferienhaus auf Sizilien. Und die Spielkarten fügen sich zu überraschenden Kombinationen. Dass Bernward und Silvi sich finden, gleicht einem Sommernachtstraum. Dass Hans-Jörg und Helga eine geschäftliche Verbindung eingehen, aus der womöglich noch mehr wird, ist das kleine Glück der Pechvögel. Dass Rosemarie sich mit einer gemeinen Intrige aus der sexuellen Hörigkeit im Dienste Salams befreit, ist eine Verzweiflungstat. Und dass der Erzähler, indem er die letzte Karte aufdeckt, seine Geliebte findet, begründet die ganze Geschichte.
Die Geschichte aber handelt von Zufall und Notwendigkeit. Sind wir Herren unseres Schicksals? In der Mitte des Buchs, nach einer bezaubernden nächtlichen Schlittenfahrt, bei der es ihm gelungen ist, Phoebe zu küssen, überkommt den Erzähler das Gefühl, für einen Augenblick von allen Notwendigkeiten befreit gewesen zu sein, und er gewinnt die Einsicht, man müsse in Wahrheit gar nicht so sein, wie man glaube, sein zu müssen. Vielleicht enthalte das Buch des Fatums viele leere Seiten, die wir mit unserer Lebensschrift in Freiheit füllen könnten? Diese Anwehung geht vorüber, und der Erzähler legt wieder seine frivole Patience, die für ihn glücklich aufgeht. Aber (das ist der philosophische Hintergedanke des Romans): Niemand zwingt uns zur Patience.
Nachdem alle Karten aufgedeckt sind, erweist sich Hans-Jörg als die beeindruckendste Figur, und Mosebach schildert sie mit Wärme. Allen erscheint dieser Missgünstling des Schicksals zunächst erbärmlich, und den Tiefpunkt der Erbärmlichkeit erreicht er während einer Geschäftsreise mit Salam nach Kairo, wo er einem Straßenmädchen folgt, und als er merkt, dass er es mit einem Kind zu tun hat, von einem pädophilen Rausch ergriffen wird. Zu seinem Glück endet die Szene abrupt, weil er fast in die Hände von Straßenräubern gefallen wäre. Wie er mit dieser Scham umgeht, eine Art Selbsterkenntnis gewinnt, die ihn sogar den Weggang Silvis akzeptieren lässt, das hat fast etwas wie Größe, und die feine Psychologie, mit der Mosebach das beschreibt, kommt seinem großen Vorbild Heimito von Doderer ziemlich nahe.
Was davor geschah ist der überzeugendste und subtilste Roman, den Mosebach bisher geschrieben hat. Er ist einer unserer besten Schriftsteller, was kein Geheimnis mehr ist, nachdem er 2007 den Büchnerpreis erhalten hat. Seltsam nur, dass er bei nicht wenigen Lesern Allergien hervorruft. Es sind zweifellos ideologische. Die Essays zeigen ihn als einen Kulturkonservativen, der den Verheißungen von Demokratie und Fortschritt entschieden misstraut. Zweitens kommen ästhetische Vorbehalte hinzu. Mosebach steht in der Tradition einer vormodernen Klassizität. Er folgt einem antiromantischen Impuls, wenn man unter »Romantik« das Ungezügelte, das schrankenlos Solipsistische versteht. Sein Ziel ist nicht das Dunkle, sondern das Helle und Heitere. Dieser Patience-Roman erinnert übrigens an einen anderen Meister der Klarheit, an Italo Calvino, dessen Roman Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen (1978) von einer zufälligen Runde Reisender handelt, die zur Stummheit verzaubert sind und sich ihr Leben anhand von Spielkarten erzählen.
Dass Martin Mosebach unübersehbar schön zu schreiben vermag, führt bei jenen, die einer Ästhetik des Ungekämmten den Vorzug geben, zu der Kritik, seine Bücher hätten mit dem Leben nichts zu tun – als ob die Literatur unserem formlosen Leben umso näher käme, je formloser sie selber sei. Nein, so denkt Mosebach nicht. Er ist ein Formkünstler, was zuallererst dieser Roman beweist, den zu lesen ein intellektuelles und sinnliches Vergnügen ist.
- Datum 05.09.2010 - 10:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.09.2010 Nr. 36
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Tut mir Leid, ein "intellektuelles (...) Vergnügen" ist die Lektüre dieser Kritik nicht. Sie wirkt oberflächlich, wenig substanziell, gedankenarm, ja: läppisch, wie von einem Neuling verfasst, was bei ihrem Autor nur verwundern kann.
In keinem Moment ist die Begeisterung für das Werk nachvollziehbar gemacht.
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